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Lernen mit Holo­Lens und Aha-Effekt

Mixed Reality Training bei der BASF
Lernen mit Holo­Lens und Aha-Effekt

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Mit einem „Mixed Reality Trai­ning“ ist die Care Chemi­cal Academy des Chemie­kon­zerns BASF in neue digi­tale Dimen­sio­nen vorge­sto­ßen. Einge­setzt wird die inno­va­tive Simu­la­ti­ons­tech­no­lo­gie bei Pflicht­übun­gen zum Wasser­haus­halts­ge­setz. Die Schu­lun­gen in der Produk­tion wurden auf diese Weise nicht nur verein­facht, sondern auch quali­ta­tiv verbes­sert.

Petra Jauch

Wir sind 2017 auf die Idee gekom­men, neue Tech­no­lo­gien im Lern­um­feld für die Ziel­gruppe Produk­tion zu nutzen“, blickt Renate Esswein, Leite­rin der Care Chemi­cals Academy, auf den Start­punkt des Projek­tes zurück. „Unter den Akade­mien der BASF waren wir damit die ersten“, fügt sie hinzu. Mit der Einfüh­rung virtu­el­ler Lern­sze­na­rien waren zwei Ziele verbun­den: „Wir woll­ten die Mitar­bei­ter für die neue Tech­no­lo­gie begeis­tern und sicher­heits­re­le­vante Aspekte auf inno­va­tive Art vermit­teln.“ Dabei beruft sich Esswein auch auf Erkennt­nisse aus der Didak­tik: „Wann lernen Menschen am besten? Wenn es ihnen Spaß macht.“

Idea­les Anwen­dungs­feld gefun­den

Bei der Frage, welches Anwen­dungs­feld für den Einsatz der inno­va­ti­ven Trai­nings­me­thode geeig­net wäre, stieß man zusam­men mit den Sicher­heits­meis­tern der Betriebe auf die Pflicht­schu­lun­gen zum Wasser­haus­halts­ge­setz. „Zum Schutz der Umwelt darf kein Produkt austre­ten und das Grund­was­ser verschmut­zen“, erklärt Esswein. Jeder Mitar­bei­ter in der Produk­tion muss laut Gesetz jähr­lich dazu geschult werden. Für diese Anwen­dung gab es also einen hinrei­chend großen Bedarf. Hinzu kommt, dass die konven­tio­nel­len Schu­lun­gen am 360 Kilo schwe­ren Übungs­mo­dell aufwen­dig zu orga­ni­sie­ren waren und nur wenige der 30 bis 40 Teil­neh­mer Gele­gen­heit hatten, den Dich­tungs­wech­sel am Flansch selbst durch­zu­füh­ren. „In den realen Übun­gen kamen meist der jüngste oder der erfah­renste Teil­neh­mer zum Zug. Die rest­li­chen Teil­neh­mer hatten oftmals nicht die Chance, selbst am Modell zu üben.“

Halb real, halb virtu­ell

Im neuen virtu­el­len Lern­sze­na­rio ließen sich Trai­nings­in­halte und Lern­freude nun spie­le­risch mitein­an­der verbin­den. Gänz­lich in der simu­lier­ten Welt bewe­gen sich die Teil­neh­mer dabei nicht: „Mit der Holo­Lens sieht man noch seine Umge­bung“, erklärt Esswein. „Die Wahr­neh­mung wird aber durch virtu­elle Elemente erwei­tert.“ Die prak­ti­schen Übun­gen werden an einem realen Teil­mo­dell durch­ge­führt, das durch die Brille zum komplet­ten Rohr­lei­tungs­sys­tem wird. Neben dem „AirTap“ dienen drei einfa­che Sprach­be­fehle zur Steue­rung des Programms: „Start“, „Yes“ und „Next“. Die Brille führt mit 3D Anima­tio­nen und Spre­cher­audio durch das Trai­ning, sodass jeder Teil­neh­mer die Schu­lung in seinem eige­nem Lern­tempo durch­füh­ren kann.

Fehlern wird vorge­beugt

Wer etwas gesagt oder gezeigt bekommt, glaubt oft, dass er es schon selbst beherrscht. In der Praxis gestal­tet sich der Vorgang aber meist kompli­zier­ter“, gibt Esswein zu beden­ken. Beim Selbst­durch­füh­ren sei der Lern­trans­fer viel größer und das Gelernte präge sich besser ein, denn beim tatsäch­li­chen Einsatz im Betrieb muss jeder Hand­griff sitzen. Dies ist auch ein entschei­den­der Plus­punkt des neuen Lern­for­mats: Am virtu­el­len Rohr­lei­tungs­mo­dell, das beim Aufset­zen der Mixed Reality Brille sicht­bar wird, muss sich jeder selbst versu­chen und prak­tisch Hand anle­gen. Unauf­merk­sam­keit ist ausge­schlos­sen, denn anders als bei der konven­tio­nel­len Vari­ante, muss das neue Trai­ning von jedem Teil­neh­mer Schritt für Schritt absol­viert werden. „Das Programm lässt keine Fehler zu“, erläu­tert Esswein. „Sonst geht es nicht weiter, bezie­hungs­weise springt zurück.“ Denn auch die Konse­quen­zen nicht korrek­ten Handelns werden sicht­bar: Zum Beispiel, was passiert, wenn trotz obli­ga­to­ri­scher Prüfung noch ein Rest­pro­dukt im Leitungs­sys­tem vorhan­den ist und nicht zunächst die Schraube an der körper­ab­ge­wand­ten Seite geöff­net wird. Oder das Auslau­fen des Produkts, wenn die Auffang­wanne nicht rich­tig posi­tio­niert wird. „Diese Dinge sind virtu­ell darstell­bar, ohne die Teil­neh­mer in tatsäch­li­che Gefahr zu brin­gen“ betont Esswein den Vorteil. Im virtu­el­len Szena­rio versucht es der Teil­neh­mer einfach noch­mal, bis der Vorgang sitzt.

Kein Prüfungs­cha­rak­ter

Zum Leis­tungs­test wird die Schu­lung dabei nicht – im Gegen­teil. „Wir betrach­ten das Trai­ning nicht als Prüfungs­si­tua­tion, sondern legen Wert auf eine posi­tive Lern­at­mo­sphäre“, erklärt Mai Linh Ong, Specia­list Care Chemi­cals Academy, die das „Story­board“ für die Schu­lung entwi­ckelt hat. Zusam­men mit den Fach­kol­le­gen vom Service Center Entstö­rung und vielen Rück­spra­chen und Test­läu­fen mit Anwen­dern wurde Schritt für Schritt fest­ge­legt, was der Nutzer mittels Brille zu sehen und über die darin inte­grier­ten Laut­spre­cher zu hören bekommt. Dabei kam es immer wieder zu Ergän­zun­gen oder Präzi­sie­run­gen. „Das ist ein sich wieder­ho­len­der, itera­ti­ver Prozess, um das Trai­ning agil weiter­zu­ent­wi­ckeln“, unter­streicht Ong.

Die fach­li­chen Inhalte, der didak­ti­sche Aufbau und das Design des Trai­nings stam­men von uns, die tech­ni­sche Umset­zung bezie­hen wir von extern“, erklärt Ong. Zur Didak­tik zählen auch Fein­hei­ten in der Inter­ak­tion, wie die Nutzung von „Gamification“-Elementen, die es erlau­ben, die Trai­nings­in­halte spie­le­risch zu vermit­teln. Die Schu­lung sei zwar nicht mit einem Spiel zu verwech­seln, mache aber auch Spaß, meint Ong. Viel Wert wurde auch auf eine passende Anspra­che gelegt. „Ein wich­ti­ger Punkt“, betont Ong. Nach eini­gen Test­durch­läu­fen habe man sich für eine weib­li­che Compu­ter­stimme entschie­den, die sach­lich und neutral klinge und somit nicht von den Inhal­ten ablenke. „Das ist wie bei den Navis: Die Mehr­heit bevor­zugt Frau­en­stim­men“, erklärt Esswein. „Für E‑Learning-Programme haben wir das auch schon getes­tet und dort kommen eben­falls vorwie­gend Frau­en­stim­men zum Einsatz.“

Trai­ning ohne Ablen­kun­gen

Mit Bedacht ausge­wählt wurde auch die Lern­um­ge­bung: Die Übung am virtu­el­len Modell wird in Klein­grup­pen von maxi­mal sechs Leuten durch­ge­führt – nicht im jewei­li­gen Betrieb, sondern in spezi­ell dafür einge­rich­te­ten Schu­lungs­räu­men. „In diesem siche­ren Umfeld können die Teil­neh­mer in Ruhe trai­nie­ren“, erklärt Esswein. Die neue Tech­nik ist natür­lich gewöh­nungs­be­dürf­tig, der Umgang mit der Holo­Lens und den dazu­ge­hö­ri­gen Steue­rungs­be­feh­len – beispiels­weise dem „Air Tap“, einer Hand­be­we­gung zur Anwahl des virtu­el­len Menü­punkts – der Mehr­heit völlig unver­traut. „Manche befürch­ten, die Brille nicht rich­tig bedie­nen zu können“, weiß Ong von Vorbe­hal­ten. Doch dank der klei­nen Grup­pen und mit vertrau­ten Kolle­gen an der Seite werden Unsi­cher­hei­ten schnell über­wun­den. Zudem können die Aktio­nen der Trai­nie­ren­den von den ande­ren Teil­neh­mern per Live Stream mitver­folgt werden, so dass nach­voll­zieh­bar wird, was sie in der virtu­el­len Welt erwar­tet.

Posi­ti­ves Feed­back der Mitar­bei­ter

Und wie kommt das inno­va­tive Format nun bei seiner Ziel­gruppe, den Mitar­bei­tern aus der Produk­tion, an? „Manche finden es gleich super, andere müssen zunächst Ängste über­win­den“, erzählt Renate Esswein. Das sei keine Frage des Alters, sondern hänge von der indi­vi­du­el­len Einstel­lung der Teil­neh­mer zur Tech­nik ab. Dem einen gelinge die Steue­rung auf Anhieb, ein ande­rer benö­tige dazu etwas Zeit. Der erste Durch­lauf werde folg­lich in zehn bis maxi­mal zwan­zig Minu­ten absol­viert. Nach einer kurzen Einge­wöh­nungs­phase kämen aber alle gut mit dem System zurecht. Das Fazit ist entspre­chend posi­tiv: „Das neue Trai­ning kommt sehr gut an“, sagt Renate Esswein. Viele seien erstaunt, wie ausge­reift die Tech­nik bereits sei. Und selbst erfah­rene Mitar­bei­ter erle­ben oftmals einen Aha-Effekt nach dem Motto: „Hey, das habe ich ja noch gar nicht gewusst!“.

Weitere Übun­gen aufge­nom­men

Da nicht alle Betriebe Dich­tungs­wech­sel prak­ti­zie­ren, sondern andere Übun­gen zum Wasser­haus­halts­ge­setz durch­füh­ren, wurde das Mixed Reality Programm um weitere Themen ergänzt: So gibt es inzwi­schen auch Trai­nings­mo­dule zum siche­ren Öffnen und Schlie­ßen eines Sieb­korb­fil­ters, dem Ein- und Ausbau von Steck­schei­ben, sowie zum Ein- und Ausbau von Rohr­lei­tungs­pass­stü­cken.

Auch in Asien denk­bar

Die verschie­de­nen Schu­lun­gen zum Wasser­haus­halts­ge­setz im neuen Format mit der Holo­Lens sind in der BASF jetzt offi­zi­ell als neuer Trai­nings­stan­dard aner­kannt. Was als Pilot im Unter­neh­mens­be­reich Care Chemi­cals gestar­tet wurde, wird derzeit am gesam­ten Stand­ort Ludwigs­ha­fen ausge­rollt. Aber auch eine Auswei­tung auf Stand­orte im Ausland ist denk­bar. Vor allem in Asien bestehe ein enor­mer Bedarf an Schu­lun­gen zu Arbei­ten an Rohr­lei­tun­gen wie dem Dich­tungs­wech­sel. „Auf diese Weise können wir die Schu­lungs­qua­li­tät sichern und welt­weite Stan­dards einfüh­ren,“, erklärt Mai Linh Ong.

Esswein und Ong gehen davon aus, dass Mixed Reality Szena­rien in Zukunft eine immer größere Rolle im Unter­neh­mens­um­feld spie­len werden. Dafür spricht auch die konti­nu­ier­li­che Weiter­ent­wick­lung der Tech­nik. „Micro­soft bringt Mitte dieses Jahres eine neue Holo­Lens auf den Markt. Die Brille wird leich­ter sein und ein größe­res Sicht­feld haben. Zudem wird sie einen leis­tungs­stär­ke­ren Prozes­sor und bessere Senso­ren bieten, mit denen der Raum präzi­ser gescannt werden kann“, meint Ong. Um sich nicht auf einen Anbie­ter einzu­schrän­ken, habe man auch andere Herstel­ler und deren Produkte im Blick. In jedem Fall sei mit einer Weiter­ent­wick­lung in Sachen Benut­zer­freund­lich­keit zu rech­nen.

Kein Ersatz für mensch­li­che Kompe­ten­zen

Es war ein großer Vorteil, früh die neue Tech­no­lo­gie zu testen. Das gibt uns die Zeit, uns ohne Druck mit den neuen Möglich­kei­ten ausein­an­der­zu­set­zen“, sagt Ong. „Wir woll­ten das gerne selbst in die Hand nehmen, testen und weiter­ent­wi­ckeln.“ Jeder solle einen Bene­fit davon haben, betont Ong. Die inno­va­tive Tech­nik könne sicher­lich in vielen Berei­chen gewinn­brin­gend einge­setzt werden, sei aber derzeit nicht als Hilfs­mit­tel bei der eigent­li­chen Arbeit gedacht. „Prin­zi­pi­ell wäre das eine perfekte Hand­lungs­an­lei­tung für die Mitar­bei­ter“, meint Ong. Die Anwen­dun­gen soll­ten aber kein Know-how erset­zen, sondern dazu dienen, Kompe­ten­zen bei den Beschäf­tig­ten aufzu­bauen. Der Grund dafür ist ebenso einfach wie über­zeu­gend: „Tech­nik kann auch mal ausfal­len – und was dann?“

Quelle: B ASF
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