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Nudging

Sanftes Anstupsen
Nudging

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Das Prin­zip des Nudging, auf Deutsch „Anstup­sen“, wird bereits in eini­gen Berei­chen, etwa im Verkehr, einge­setzt. Aber worum geht es dabei eigent­lich? Und verspricht es auch im Arbeits­schutz Erfolg? Auskunft geben Dr. Just Mields und Isabell Schnei­der. Beide sind Arbeits­psy­cho­lo­gen bei der Berufs­ge­nos­sen­schaft Ener­gie Textil Elek­tro Medi­en­er­zeug­nisse (BG ETEM).

Das Inter­view führte Verena Manek

Die meis­ten Menschen haben wohl noch nie den Begriff Nudging gehört. Könn­ten Sie kurz erklä­ren, was er bedeu­tet?

Isabell Schnei­der : Nuding bezeich­net eine Methode, die aus der Verhal­tens­öko­no­mie stammt. Sie wurde von dem Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ter Richard Thaler und dem Rechts­wis­sen­schaft­ler Cass Sunstein in die Welt gebracht. Die Wissen­schaft­ler erkann­ten, dass sich mensch­li­ches Verhal­ten nicht immer mit ratio­na­lem Entschei­den begrün­den lässt. Wir Menschen folgen selten ausge­klü­gel­ten Kosten-Nutzen-Rechnungen oder ratio­na­len Über­le­gun­gen. Viel­mehr lassen wir uns häufig durch Reize aus der Umwelt spon­tan zu einem bestimm­ten Verhal­ten hinrei­ßen. Dabei folgen wir stim­mungs­ab­hän­gig bestimm­ten „Daumen­re­geln“. Die Kennt­nis der Daumen­re­geln oder unbe­wuss­ten Entschei­dungs­prin­zi­pien lässt sich so nutzen, dass Sicher­heit und Gesund­heit profi­tie­ren. Mithilfe der Nudging-Methode kann eine Umwelt gestal­tet werden, in der Perso­nen zu gesund­heits­ori­en­tier­tem und siche­rem Verhal­ten ange­stupst werden.

Das klingt noch etwas abstrakt. Gibt es Beispiele für den Einsatz von Nudging, etwa im Gesund­heits­sek­tor oder Verkehr, und wie sind die Erfah­run­gen damit?

Isabell Schnei­der: Ein Beispiel aus dem Verkehr, das wir sicher­lich alle kennen, ist die digi­tale Anzeige der Geschwin­dig­keit, bei der ein lächeln­der Smiley ange­zeigt wird, wenn wir das Tempo­li­mit einhal­ten. Hier wirken die Prin­zi­pien Rück­mel­dung und Spaß. Einer­seits bekom­men wir direk­tes Feed­back zu unse­rer Geschwin­dig­keit, ande­rer­seits wird es auto­ma­tisch zu unse­rem Ziel, uns durch die Redu­zie­rung der Geschwin­dig­keit dem Smiley spie­le­risch anzu­nä­hern und mit einem Lächeln belohnt zu werden.

Das Prin­zip der Bequem­lich­keit kann dabei helfen, gesun­des Essver­hal­ten wahr­schein­li­cher zu machen. Man kann es den Beschäf­tig­ten erleich­tern, die gesunde Speise zu wählen, indem der Weg durch das Kanti­nen­an­ge­bot nicht direkt zur Curry­wurst, sondern zunächst zur Salat­bar führt. Der eine oder andere schafft es dann leich­ter seinen inne­ren Schwei­ne­hund zu besie­gen.

Kriti­ker könn­ten sagen, dass es sich um Mani­pu­la­tion handelt. Was würden Sie entgeg­nen?

Isabell Schnei­der: Ich würde fragen, was den Kriti­kern lieber ist: aufgrund von unbe­wuss­ten Daumen­re­geln unge­sunde und unsi­chere Entschei­dun­gen zu tref­fen oder von außen die Möglich­keit aufge­zeigt zu bekom­men, sich auch anders entschei­den zu können. Wich­tig beim Thema Nudging ist, dass den Menschen immer die Wahl bleibt, sich für oder gegen das Verhal­ten entschei­den zu können, welches vom Nudging „ange­sto­ßen“ wird. Wahl­frei­heit und Trans­pa­renz sind da die entschei­den­den Stich­worte.

Was spricht dafür, Nudging auch im Arbeits­schutz anzu­wen­den?

Dr. Just Mields: Im Arbeits­schutz sehen wir uns mit der Heraus­for­de­rung konfron­tiert, dass gesetz­li­che Rege­lun­gen und Vorschrif­ten nicht ausrei­chen, um verhal­tens­be­dingte Unfälle zu verhin­dern. Verbote und Bestra­fun­gen wirken nicht so wie beab­sich­tigt. Hinter­grund ist der, dass Menschen am Ende doch Rege­lun­gen und Vorschrif­ten so ausle­gen, dass sie situa­ti­ons­ge­mäß ihren unbe­wuss­ten Entschei­dungs­prin­zi­pien folgen.

Mithilfe von Nudging können Maßnah­men entwi­ckelt werden, die bei der Umset­zung von Rege­lun­gen und Vorschrif­ten helfen, ohne mit Verbo­ten und Sank­tio­nen zu drohen. Selbst­ver­ständ­lich werden Nudges in Ergän­zung zu bestehen­den Sicher­heits­an­wei­sun­gen und Maßnah­men des Arbeits­schut­zes einge­setzt.

Gibt es bereits konkrete Vorha­ben?

Isabell Schnei­der: Aktu­ell arbei­ten wir an einem Konzept für soge­nannte Krea­tiv­work­shops. Beschäf­tigte aus einem Tätig­keits­be­reich über­le­gen sich gemein­sam mit Führungs­kräf­ten und Sicher­heits­fach­kräf­ten Nudges, die hilf­reich sind, um gesun­des und siche­res Verhal­ten zu erleich­tern. Wir werden den Betrie­ben ein Konzept zur Verfü­gung stel­len, das ein syste­ma­ti­sches Vorge­hen unter­stützt: Analyse, Krea­ti­vi­tät, Umset­zung und Wirk­sam­keits­prü­fung.

Wie schät­zen Sie den Erfolg ein?

Dr. Just Mields: Nudging ist, wenn es gut geplant und durch­ge­führt wird, wirk­sam. Natür­lich müssen sich die betei­lig­ten Perso­nen zunächst mit dem neuen Vorge­hen vertraut machen und Erfah­run­gen sammeln. Und dann darf Nudging niemals als Ersatz für das klas­si­sche Vorge­hen im Arbeits­schutz miss­braucht werden. Das alte TOP-Prinzip gilt weiter­hin – erst tech­ni­sche, dann orga­ni­sa­to­ri­sche und dann erst perso­nen­be­zo­gene Maßnah­men. Nudging kommt zuletzt, wenn alle ande­ren Möglich­kei­ten ausge­schöpft worden sind. Der Erfolg von Nudging steht und fällt damit, dass die Prin­zi­pen Parti­zi­pa­tion und Trans­pa­renz immer beach­tet werden. Nudging sollte zusam­men mit den Betrof­fe­nen entwi­ckelt werden. Unter diesen Voraus­set­zun­gen ist Nudging ein Ange­bot, das hilft, siche­res und gesun­des Verhal­ten selbst­ver­ständ­lich werden zu lassen.

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