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Weiden sollst Du meiden, Buchen sollst du …?

Weiden sollst Du meiden, Buchen sollst du …?
Schutzmaßnamen bei Gewitter

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Die Gewit­ter­sai­son ste­ht vor der Tür. Was für den einen ein beein­druck­endes Him­melsspek­takel darstellt, empfind­en andere als lebens­bedrohliche Sit­u­a­tion – ins­beson­dere jene, die sich nicht in einem sicheren Unter­schlupf befind­en. Grund genug also, die wichtig­sten Schutz­maß­nah­men und Ver­hal­tensregeln darzustellen und ein paar alte Bauern­regeln bei­seite zu schieben.

Die jahrhun­derte­lange Beobach­tung des Blitzgeschehens und dessen Auswirkun­gen führten zu diversen, alt­bekan­nten Bauern­regeln. Es ist aber nicht so, dass bes­timmte Bau­marten tat­säch­lich mehr Schutz bieten als andere. Ein­er­seits ragen alle Bäume in den Him­mel und sind ander­er­seits tief im Erdre­ich ver­wurzelt. In Verbindung mit einem nor­malen Wasser­haushalt sind somit alle Voraus­set­zun­gen für einen guten Blitz­ableit­er gegeben.

Baumreime wenig hilfreich

Die Gründe, warum einige Bäume als gefährlich und andere als schützend betra­chtet wer­den, sind vielschichtig: Bei manchen Bau­marten ver­läuft ein Blitzstrom eher über die gut durch­feuchtete Rinde und hin­ter­lässt deshalb kaum sicht­bare Schä­den. Bei anderen Bau­marten ist eher das Innere feucht. Der Tem­per­at­u­ranstieg bei der Durch­strö­mung führt dann dort zum Druck­anstieg durch verkochen­des Wass­er, sodass der Baum auseinan­derge­sprengt wer­den kann – eine Gefahr für in der Nähe befind­liche Men­schen. Eine weit­ere Rolle für die Gefährdung eines schutz­suchen­den Men­schen spielt, ob der Baum flach oder tief wurzelt, nasse oder trock­ene Böden benötigt oder ob Äste und Zweige tief her­ab­hän­gen – zu viele Unwäg­barkeit­en also, um daraus eine sichere Schutz­funk­tion ableit­en zu können.

„Der Strom ist faul“

Ein etwas besser­er Ansatz ist deshalb die Beach­tung des Spruch­es „Der Strom ist faul: Er geht immer den Weg des ger­ing­sten Wider­standes“. Dies meint, dass Blitze meist in die höch­sten Gebäude oder Pflanzen ein­schla­gen, weil diese immer noch einen besseren elek­trischen Leit­er abgeben als die Luft. Aber auch dieser Spruch trifft nicht immer zu. Es ver­hält sich vielmehr so, dass in der Nähe eines hohen Gebäudes die Wahrschein­lichkeit abn­immt, selb­st von einem Blitz getrof­fen zu wer­den, da dieser eher in das Gebäude ein­schla­gen wird.

Das Blitzkugelmodell

Erfas­sung geschützter und ungeschützter Bere­iche nach dem Blitzkugelmodell

In der Blitzschutznor­mung wurde das Blitzkugelmod­ell einge­führt, welch­es die „Tre­f­fer­wahrschein­lichkeit“ ver­an­schaulicht. Bei diesem Mod­ell wird der durch einen direk­ten Blitzein­schlag gefährdete Bere­ich als Kugel definiert. Durch das Abrollen dieser Kugel über ein Mod­ell der gegebe­nen Gelän­de­v­er­hält­nisse (Bäume, Gebäude, Mulden etc.) lassen sich die gefährde­ten Bere­iche bes­tim­men. Jene Bere­iche, die von der Ober­fläche der Blitzkugel nicht erre­icht wer­den, kön­nen als vor direk­tem Blitzschlag geschützte Bere­iche ange­se­hen wer­den (siehe Mod­ell links).

Keine hundertprozentige Sicherheit

Das Blitzkugelmod­ell ver­spricht zwar keine hun­dert­prozentige Sicher­heit vor Blitzschlag, jedoch nimmt die Wahrschein­lichkeit, vom Blitz getrof­fen zu wer­den, mit der Verkleinerung des Blitzkugel­ra­dius ab. In Abhängigkeit von dem jew­eili­gen Radius der gedacht­en Blitzkugel wer­den vier Blitzschutzk­lassen unter­schieden (siehe Tabelle unten).

Abhängig vom jew­eili­gen Radius der gedacht­en Blitzkugel wer­den diese vier Blitzschutzk­lassen unter­schieden (Tabelle: Rottmann).

Auch wenn durch dieses Mod­ell der Schutzraum gegen einen direk­ten Blitzein­schlag bere­its recht genau bes­timmt wer­den kann, ist es jedoch ins­beson­dere für Laien nur bed­ingt anwend­bar, um selb­st Schutzräume abschätzen zu kön­nen. Zudem muss auch noch die Sekundär­wirkung infolge der Aus­bre­itung des Blitzstroms über das Erdre­ich berück­sichtigt werden.

Auswirkungen eines Blitzschlages

Bei einem Blitzein­schlag wird die enorm hohe Span­nung des Blitzes in das Erdre­ich abgeleit­et. Sie ist an der Ein­schlag­stelle am höch­sten und wird mit zunehmen­dem Abstand expo­nen­tiell klein­er. In drei­di­men­sion­aler Ansicht entste­ht so prak­tisch ein Span­nungstrichter um die Ein­schlag­stelle des Blitzes. Über­brückt nun eine Per­son – wie in der Grafik rechts verdeut­licht – Bere­iche unter­schiedlichen Poten­tials, kann dies zu ein­er gefährlichen Kör­per­durch­strö­mung führen.

Selb­st wenn sich Per­so­n­en in der Nähe eines Gebäudes aufhal­ten und somit nach dem Blitzkugelmod­ell vor direk­tem Blitzein­schlag rel­a­tiv sich­er wären, kön­nen sie den­noch durch den Span­nungstrichter oder durch Teile, die sich infolge des Blitzein­schlags vom Gebäude abgelöst haben, gefährdet werden.

Sichere Aufenthaltsorte

Wie soll man sich am besten ver­hal­ten? Den besten Schutz bieten Gebäude, die über ein eigenes Blitzschutzsys­tem ver­fü­gen (erkennbar an den Fangstan­gen auf dem Dach) sowie Fahrzeuge, da deren met­allis­che Karosse­rien einen fara­dayschen Käfig bilden, der den Innen­raum gut schützt. Ist man sich nicht sich­er, ob das Gebäude über ein Blitzschutzsys­tem ver­fügt, soll­ten – ins­beson­dere bei älteren Gebäu­den – während des Gewit­ters keine Met­all­teile berührt wer­den und auch keine leitungs­ge­bun­de­nen Geräte benutzt wer­den. Fen­ster und Türen sind in jedem Fall geschlossen zu halten.

Schutzposition im Freien

Hält man sich im Freien auf, sollte keines­falls Schutz unter Bäu­men gesucht wer­den. Met­al­lkon­struk­tio­nen mit ein­er Höhe von möglichst über drei Metern, wie Mas­ten, Git­ter­wände, Über­dachun­gen mit Met­al­lkon­struk­tion etc., bieten Schutz, sofern man diese nicht berührt, einen Abstand von min­destens einem Meter ein­hält und die Füße eng aneinan­der­stellt, um Schrittspan­nun­gen zu ver­mei­den. Bei gerin­geren Höhen sollte eine hock­ende Posi­tion mit eng beieinan­der­ste­hen­den Füßen ein­genom­men werden.

Span­nungstrichter um die Ein­schlag­stelle eines Blitzes

Per­so­n­en, die in exponiert­er Lage, wie zum Beispiel auf freiem Feld, von einem aufziehen­den Gewit­ter über­rascht wer­den, soll­ten nach Möglichkeit natür­liche Senken nutzen und dort eben­falls die zuvor beschriebene hock­ende Posi­tion einnehmen.

Am effektivsten: Voraussicht

Der wirk­sam­ste Schutz beste­ht allerd­ings darin, etwas Voraus­sicht wal­ten zu lassen, damit es gar nicht erst zu ein­er gefährlichen Sit­u­a­tion kommt. Die mod­erne Tech­nik bietet vielfältige Infor­ma­tions- und Warn­möglichkeit­en bezüglich des Wet­tergeschehens. Zudem kündi­gen sich Gewit­ter in der Regel mit untrüglichen Anze­ichen wie etwa Haufen­wolken, Schwüle, aufk­om­mender Wind, Wet­ter­leucht­en, Gewit­ter­grollen etc. rechtzeit­ig an. Der vielz­i­tierte Schwim­mer, der plöt­zlich von einem her­aufziehen­den Gewit­ter über­rascht wurde, hätte es also nicht erst soweit kom­men lassen müssen…

Entfernung des Gewitters berechnen

Doch warum ger­at­en Men­schen immer wieder in solche Sit­u­a­tio­nen? Neben Leichtsinn, Unwis­senheit und Unsicher­heit spie­len natür­lich auch der Abstand sowie die Geschwindigkeit, mit der ein Gewit­ter her­anzieht, eine Rolle. Der Abstand lässt sich über­schlagsmäßig berech­nen, indem die Zeit, die zwis­chen dem Sehen des Blitzes und dem Hören des Don­ners ver­stre­icht, durch drei geteilt wird. Verge­hen beispiel­sweise zwis­chen Blitz und Don­ner 15 Sekun­den, ergibt sich ein Abstand von 5 Kilo­me­tern, welch­er im All­ge­meinen die Gren­ze des Gefahren­bere­ichs darstellt. Für alle kürz­eren Abstände zwis­chen Blitz und Don­ner muss deshalb angenom­men wer­den, dass sich das Gewit­ter bere­its gefahrbrin­gend angenähert hat! Angesichts der bere­its geschilderten Unwäg­barkeit­en bietet jedoch auch diese Faust­formel keine voll­ständi­ge Garantie auf Sicherheit.

Zunahme von Unwettern

Es ist damit zu rech­nen, dass Gewit­ter und andere Unwet­ter­la­gen in Zeit­en des Kli­mawan­dels immer häu­figer und heftiger auftreten wer­den. Von daher soll abschließend die ein­dringliche War­nung gegeben wer­den, die mit Gewit­tern ein­herge­hen­den Gefahren nicht zu unter­schätzen und sich stattdessen gut auf entsprechende Wet­ter­la­gen vorzubereiten.


Foto: privat

Autor:

Dipl.-Ing. Rain­er Rottmann


2018_gab_es_rund_446.000_Blitzeinschläge_in_Deutschland_–_3.000_mehr_als_2017.
Blitzverteilung Deutsch­land 2018
Info­grafik: BLIDS / Siemens

Genaue Informationen über Gewitterblitze

Die Fir­ma Siemens betreibt den Blitz Infor­ma­tions­di­enst BLIDS, der Gewit­terblitze in Deutsch­land, der Schweiz, Großbri­tan­nien, Polen, Benelux, Tschechien, Slowakei und Ungarn mit ein­er Genauigkeit von bis zu 200 Metern ortet. Dazu nutzt das Sys­tem mehr als 155 ver­bun­dene Messsta­tio­nen in Europa. 2018 verze­ich­nete das Sys­tem rund 446.000 Blitzein­schläge in Deutsch­land – 3.000 mehr als 2017. Blitz-Haupt­stadt Deutsch­lands 2018 war die unter­fränkische Stadt Schwe­in­furt, gefol­gt vom Rheinisch-Ber­gis­chen Kreis in Nor­drhein-West­falen und dem ober­bay­erischen Land­kreis Weil­heim-Schon­gau. Die ger­ing­ste Blitzdichte verze­ich­neten die Städte Kiel, Pots­dam, Schw­erin und der Land­kreis Lüchow-Dan­nen­berg. Das Saar­land war 2018 das Bun­des­land mit den meis­ten gemesse­nen Erd­blitzen pro Quadratk­ilo­me­ter, am wenig­sten blitzte es in Meck­len­burg-Vor­pom­mern. Der blitzre­ich­ste Tag im Jahr 2018 war der erste Juni. Siemens stellt via „BLIDS Spi­on“ alle 15 Minuten eine Karte mit den Blitzein­schlä­gen der let­zten zwei Stun­den zur Verfügung.

www.blids.de

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