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Voll aufs Ohr

Fehler beim Lärmschutz
Voll aufs Ohr

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Lärm bei der Arbeit stört nicht nur die Konzen­tra­tion und die Kom­mu­nika­tion zwis­chen den Kol­le­gen, son­dern ist häu­fig auch Ursache von Stress und Krankheit­en. So ist Lärm­schw­er­hörigkeit eine der häu­fig­sten Beruf­skrankheit­en. Trotz guter Vorsätze wer­den beim Lärm­schutz im Unternehmen aber oft Fehler gemacht. Unser Autor zeigt sieben der häu­fig­sten Fehler auf und erk­lärt, wie man sie ver­mei­det.

Dr. Joerg Hen­siek

Wie bei allen Arbeitss­chutz­maß­nah­men bildet die Gefährdungs­beurteilung auch beim Lärm­schutz die Grund­lage, um mögliche Gefährdun­gen und Risiken für die Beschäftigten zu ermit­teln, sie zu bew­erten und anschließend entsprechende Schutz­maß­nah­men zu pla­nen. Zunächst müssen im Rah­men der Gefährdungs­beurteilung der soge­nan­nte Tages-Lärm­ex­po­si­tion­spegel und der Spitzen­schall­druck­pegel an allen Arbeit­splätzen im Unternehmen ermit­telt wer­den. Eine Gefährdung für das Gehör liegt bei einem Tages-Lärm­ex­po­si­tion­spegel von 80 dB(A) vor. Dabei wird die gemit­telte Lärm­be­las­tung ein­er Acht-Stun­den-Schicht zugrun­degelegt. Oft wer­den Mes­sun­gen jedoch unge­nau durchge­führt, sodass Mess­fehler entste­hen und die Lärm­be­las­tung fol­glich unter­schätzt wird. Umgekehrt kommt es aber auch häu­fig vor, dass die Mes­sun­gen zwar genau sind, die darauf auf­bauen­den Schutz­maß­nah­men aber den­noch nicht die gewün­schte Wirkung zeigen. Häu­figer Grund dafür: Die Schutz­maß­nah­men waren im Zusam­men­hang mit der Gefährdung vor Ort nicht die richti­gen oder aber sie wur­den falsch beziehungsweise fehler­haft umge­set­zt.

Schließlich wer­den in vie­len Fällen sin­nvolle präven­tive Schutz­maß­nah­men erst gar nicht ergrif­f­en. Im Fol­gen­den lesen Sie mehr über sieben der häu­fig­sten Fehler bei der Lär­mmes­sung und beim Lärm­schutz und wie sie ver­mieden wer­den kön­nen.

Fehler 1: Messgeräte nicht (richtig) kalibriert

Um sicherzuge­hen, dass Schallpegelmess­geräte zuver­läs­sig arbeit­en, müssen sie vor Beginn jed­er Mes­sung mit einem Schal­l­ka­li­bra­tor kalib­ri­ert wer­den. Wer­den sie es nicht, kön­nen unter Umstän­den vol­lkom­men falsche Mess­werte ermit­telt wer­den. Dort, wo noch per Hand kalib­ri­ert wird und nicht der Com­put­er die Arbeit übern­immt, kön­nen Fehler beson­ders schnell ein­treten. Das richtige Kalib­ri­eren mit Handgeräten geht in fol­gen­den Schrit­ten, wobei es zwis­chen einzel­nen Geräten beziehungsweise Marken feine Unter­schiede gibt:

  • Schallpegelmess­er in die Hand nehmen, ein­schal­ten, Wind­schirm ent­fer­nen und das Mikro­fon somit frei­le­gen.
  • Mikro­fon des Schallpegelmessers an den Kali­bra­tor anschließen.
  • Lär­mmess­gerät ein­schal­ten, dann erscheint ein grünes Licht.
  • Mess­gerät zeigt in der Regel einen Pegel-Wert von 94 dB an. Zeigt das Gerät nicht genau 94 dB an, wird der fol­gende Kalib­rierung­sprozess den Pegel anpassen.
  • Auf die „Kalibrieren”-Taste des Schallpegelmessers drück­en. Der Bild­schirm wird blau.
  • Vom Schal­l­ka­li­bra­tor geht ein Geräusch mit gle­ich­bleiben­der Laut­stärke an das Mikro­fon, das die Soft­ware im Gerät erken­nt. Die Kalib­rierung kann begin­nen.
  • Wenn die Kalib­rierung abgeschlossen ist, zeigt das Dis­play: „um 93.7 dB kalib­ri­ert” an
  • Auf „OK“ drück­en. Den Schal­l­ka­li­bra­tor ent­fer­nen und auss­chal­ten. Mes­sung mit dem Schallpegelmess­er starten.

Fehler 2: Messungen nur mit Lärm-App durchgeführt

Die Mes­sung der Lärm­be­las­tung sollte man einem Fach­mann mit entsprechen­den Instru­menten über­lassen. Keines­falls aber sollte man die Mes­sung allein mit ein­er der mit­tler­weile zahlre­ichen „Lärm-Apps“ auf dem Smart­phone durch­führen. Der Grund hier­für ist ein­fach: Handys fil­tern bes­timmte Fre­quen­zen im Geräuschspek­trum, damit vor allem Sprache gut ver­standen wird und Umge­bungs­geräusche weitest­ge­hend ver­schwinden. Allerd­ings haben die Apps zumin­d­est einen guten Aspekt für die Gesund­heit­spräven­tion: Sie kön­nen vor allem junge Men­schen für die Prob­lematik „Gefährdung durch Lärm“ sen­si­bil­isieren. Es wäre daher schon ein pos­i­tiv­er Schritt, wenn sie einige Nutzer dazu anre­gen, sich jeden Tag bewusst Ruhep­hasen abseits vom Betrieb­slärm zu gön­nen oder aber einen Vorge­set­zten auf beden­kliche Lärm­be­las­tung am Arbeit­splatz aufmerk­sam zu machen.

Fehler 3: Arbeitsmittel nicht gesundheitsorientiert ausgewählt

Soll eine neue Mas­chine angeschafft wer­den, über­lassen die Beschäftigten und oft auch der Betrieb­srat die Auswahl nicht sel­ten allein dem Arbeit­ge­ber. Dabei wäre es sehr sin­nvoll, ihn bei der Auswahl der richti­gen Mas­chine auch auf Gesund­heit­saspek­te wie die Lärm­be­las­tung aufmerk­sam zu machen. Der Betrieb­srat sollte in Zusam­me­nar­beit mit der Fachkraft für Arbeitssicher­heit und anderen Arbeitss­chutzver­ant­wortlichen ermit­teln, ob die geplante Investi­tion in Bezug auf den Arbeits- und Gesund­heitss­chutz dem „Stand der Tech­nik“ entspricht oder ob es ver­gle­ich­bare Maschi­nen auf dem Markt gibt, die gerin­gere Lärme­mis­sion­swerte aufweisen. Beste­ht der Arbeit­ge­ber den­noch auf dem Kauf ein­er Mas­chine mit höher­er Lärm­be­las­tung, sollte er überzeugt wer­den, lär­m­min­dernde tech­nis­che Lösun­gen vorzuse­hen: zum Beispiel durch eine zusät­zliche Ein­hausung, eine Däm­mung der Hydraulikein­heit­en oder die Anbringung von Schal­lab­sorbern über der Mas­chine.

Fehler 4: Nicht optimaler Gehörschutz ausgesucht

Zum per­sön­lichen Schutz vor Lärm gehört ins­beson­dere das Tra­gen von Gehörschutz wie Kapsel­ge­hörschutz oder Ohrstöpseln. Doch oft wer­den für eine bes­timmte Lärm­be­las­tung am Arbeit­splatz falsche oder unzure­ichende Gehörschutzmit­tel gewählt. Das passiert sog­ar dann, wenn man sich vorher gut informiert hat. Ein Grund dafür: Die vom Her­steller angegebene Dämmwirkung bei Lärm bezieht sich auf Mes­sun­gen unter opti­malen Laborbe­din­gun­gen, die aber am Arbeit­splatz so in der Regel nicht gegeben sind. Um den für den entsprechen­den Arbeit­splatz zugeschnit­te­nen Gehörschutz zu wählen, sollte man auf den Rat von Experten hören. Diesen find­et man unter anderem beim tech­nis­chen Großhan­del, aus dessen umfassen­dem Sor­ti­ment man die passende Lösung aus­suchen kann. Eine andere Möglichkeit bietet die Soft­ware „Gehörschützer-Auswahl­pro­gramm“ vom Insti­tut für Arbeitss­chutz (IFA) der Deutschen Geset­zlichen Unfal­lver­sicherung (DGUV). Die Soft­ware berück­sichtigt die Anforderun­gen der Lärm- und Vibra­tions-Arbeitss­chutzverord­nung und bietet in der aktu­al­isierten Ver­sion erweit­erte Möglichkeit­en zur ziel­ge­naueren Auswahl des Gehörschutzes mit­tels unteren Aus­lösew­erts und max­i­mal zuläs­siger Expo­si­tion­swerte. Die Ergeb­nisse lassen sich nach Gehörschutzart, Beze­ich­nung oder Her­steller sortieren (mehr Infor­ma­tio­nen unter www.dguv.de/ifa/fachinfos/laerm/
gehoerschuetzer/index.jsp).

Fehler 5: Gehörschutz falsch angewandt

Aber mit der richti­gen Auswahl des Gehörschutzes ist es allein nicht getan. Der opti­male Gehörschutz muss auch richtig getra­gen wer­den. Oft ist das aber nicht der Fall. Ein typ­is­ch­er Fehler ist es beispiel­sweise, Ohrstöpsel nicht tief genug ins Ohr zu steck­en. Oder aber der Hörschutz kann vom Anwen­der auf­grund ander­er Fak­toren nicht opti­mal getra­gen wer­den. So zum Beispiel, wenn der Bügel eines Kapsel­ge­hörschutzes nicht richtig anliegt, weil das Kopfhaar zu dick ist oder sper­rige Ohrringe „im Weg“ sind. Was ist also zu tun? Auf Dauer verbessert nur regelmäßiges Üben die Schutzwirkung. Daher soll­ten bei Anschaf­fung eines neuen Gehörschutzes unbe­d­ingt Unter­weisun­gen stat­tfind­en, bei denen die späteren Anwen­der einge­hend testen kön­nen, wie der Gehörschutz indi­vidu­ell opti­mal zu tra­gen ist.

Fehler 6: Mitarbeiter nicht genügend sensibilisiert

Die Sen­si­bil­isierung der Beschäftigten für das The­ma Gehörschutz ist ein­er der wichtig­sten Fak­toren bei der Umset­zung eines effek­tiv­en Lärm­schutzes im Unternehmen. Fol­gende Maß­nah­men kön­nen dazu beitra­gen:

  • Bei Erre­ichen der oberen Aus­lösew­erte im Betrieb ist eine medi­zinis­che Vor­sorge­un­ter­suchung verpflich­t­end. Der Arbeit­ge­ber sollte seinen Mitar­beit­ern aber bere­its bei Erre­ichen der unteren Aus­lösew­erte eine Vor­sorge­un­ter­suchung anbi­eten und über deren Sinn aufk­lären.
  • Die Beschäftigten soll­ten regelmäßig unter­wiesen wer­den. Das gilt ins­beson­dere bei der Ein­führung von neuem Gehörschutz, dessen effek­tive Anwen­dung eingeübt wer­den muss.
  • Den Beschäftigten soll­ten an zen­tralen Stellen Betrieb­san­weisun­gen für den sicheren Ein­satz des Gehörschutzes mit Angaben zu den beste­hen­den Gefahren zur Ver­fü­gung ste­hen. Ins­beson­dere mit Rück­sicht auf jün­gere Mitar­beit­er soll­ten schriftliche Betrieb­san­weisun­gen an „Schwarzen Bret­tern“ sukzes­sive durch dig­i­tale Infor­ma­tion­ster­mi­nals erset­zt wer­den.

Fehler 7: Keine lärmdämpfenden Materialien verwendet

Wenn ein Betrieb­s­ge­bäude neu gebaut und ein­gerichtet wird, sollte der Arbeit­ge­ber gezielt auf lär­mdämpfende Mate­ri­alien set­zen. Das wird aber von Unternehmen oft nicht bedacht. Ins­beson­dere aber für Großraum- und Mehrper­so­n­en­büros gibt es bere­its viele Möglichkeit­en der Schal­lab­sorp­tion. Für die Absorp­tion tiefer Fre­quen­zen sind beson­ders poröse Mate­ri­alien wie Glas­wolle oder Schaum­stoff für den Bau von Deck­en, Böden und Wän­den zu empfehlen. Für hohe Fre­quen­zen eignen sich ins­beson­dere Ein­rich­tungs­ge­gen­stände aus dün­nen Min­er­al­fasern, hochflorige Tep­pich­bö­den oder schwere Vorhänge.

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