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Nachgefragt bei Yvonne Gutsche

Nachgefragt
Yvonne Gutsche

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Pfer­de­trai­ne­rin Yvonne Gutsche genoss eine Top-Ausbildung im Western­rei­ten, kann aber auch ande­ren Reit­sti­len etwas abge­win­nen. Auf ihrer Ranch in Bad Wimp­fen arbei­tet sie reit­wei­se­über­grei­fend mit ihren Pfer­den. Eines ihrer Spezi­al­ge­biete ist Gelassenheits-Training, mit dem sie Pferd und Reitern zu mehr Sicher­heit verhilft. Wie weit das Vertrauen zwischen beiden gehen kann, zeigt sie in ihren Stunt­shows.

Frau Gutsche, im Reit­sport kommt es nicht selten zu Unfäl­len. Warum ist Reiten so gefähr­lich – weil Pferde von Natur aus schreck­haft sind oder weil Menschen sie nicht rich­tig behan­deln?

Beides. Pferde sind von Natur aus Flucht­tiere. Schreck­haf­tig­keit und plötz­li­ches Losstür­men sind grund­sätz­lich ange­bo­rene und natür­li­che Verhal­tens­wei­sen. So haben Pferde sich über Millio­nen von Jahren vor Raub­tie­ren in Sicher­heit gebracht und über­lebt. Heute gibt es zwar keine Säbel­zahn­ti­ger mehr in unse­ren Wäldern, aber die Reak­tion der Pferde auf poten­zi­elle Gefahr ist geblie­ben. Bei einem Pferd ist dieses „Urver­hal­ten“ stär­ker, beim ande­ren schwä­cher ausge­prägt.

Auf der ande­ren Seite haben wir den Reiter. Viele neigen dazu, ihr Pferd aus gruse­li­gen Situa­tio­nen lieber sofort raus­zu­neh­men oder vor vermeint­li­chen Schreck­ge­spens­tern zu schüt­zen, statt poten­zi­ell gefähr­li­che Situa­tio­nen gezielt zu trai­nie­ren. Das Augen­merk wird heute oft nicht mehr so sehr auf eine solide Grund­aus­bil­dung gelegt, sondern lieber auf das Trai­nie­ren von Dres­sur­lek­tio­nen beispiels­weise. Die sitzen dann viel­leicht perfekt, aber wehe ein Zuschauer spannt am Turnier­vier­eck seinen Regen­schirm auf. Bei Dres­sur­prü­fun­gen wird man heut­zu­tage ja bereits als Zuschauer böse ange­schaut, wenn man sich nur mal räus­pert oder in der Hand­ta­sche nach einem Taschen­tuch kramt.

Das war früher anders wie beispiels­weise bei einem meiner großen Vorbil­der, dem frühe­ren Poli­zei­rei­ter Klaus Balken­hol, der wohl­be­merkt auch bei den Olym­pi­schen Spie­len in der Dres­sur gewann. Eine gute Basis war für ihn das A und O. An erster Stelle stand für ihn die Losge­las­sen­heit von Kopf und Körper, weil nur dann Pferde ihr ganzes Leis­tungs­po­zen­tial entfal­ten können. Da müssen wir wieder hin!

Kann jedes Pferd so trai­niert werden, dass es zum „siche­ren Pferd“ wird?

Den Flucht­in­stinkt eines Pfer­des kann man nicht komplett wegtrai­nie­ren, aber man kann ihn kalku­lier­ba­rer machen und auch die Stress­to­le­ranz­grenze des Pferds nach oben verschie­ben, was die Pferde wiederum gelas­se­ner macht. Das geht selbst­ver­ständ­lich bei jedem Pferd nur im Rahmen seiner Möglich­kei­ten. Aus einem Hasen­herz kann man kein Löwen­herz machen – im über­tra­ge­nen Sinne. Ich trai­niere jedes Pferd indi­vi­du­ell und gezielt nach seinen Stär­ken und Schwä­chen, da die Tiere ganz unter­schied­lich auf Schreck­ge­spens­ter reagie­ren.

Ich habe dafür ein spezi­el­les Konzept entwi­ckelt. Es heißt „Sicher Reiten mit Yvonne Gutsche“ und es beinhal­tet Gelas­sen­heits­übun­gen, mit denen ich poten­zi­ell gefähr­li­che Situa­tio­nen expli­zit trai­niere, schließt aber auch eine gute Grund­er­zie­hung am Boden und im Sattel mit ein. Denn wenn ein Pferd schon nicht in einer völlig reiz­ar­men Umge­bung an der Hand oder beim Reiten ruhig stehen bleibt und auf die Hilfen des Menschen fein reagiert, warum sollte es dies dann in einer gefähr­li­chen Situa­tion tun? Ein ande­rer wich­ti­ger Aspekt: Eine gute Grund­er­zie­hung verbes­sert ganz neben­bei auch die Bezie­hung zwischen Pferd und Mensch. Beide finden mehr Vertrauen zuein­an­der und meis­tern selbst gefähr­li­che Situa­tio­nen besser.

Was raten Sie Reitern nach einem Sturz: Gleich wieder aufsit­zen, wie häufig zu hören ist?

Das kommt auf den Sturz an. Ange­nom­men das Pferd war schlicht­weg einen Moment unauf­merk­sam, hat sich erschreckt und nur einen Satz zur Seite gemacht, würde ich sagen, dass der Reiter danach sofort wieder aufstei­gen kann. Das bekommt er beim nächs­ten Mal höchst­wahr­schein­lich selbst gere­gelt, weil es nur verse­hent­lich und die Verket­tung unglück­li­cher Umstände war.

Ist das Pferd rich­tig durch­ge­gan­gen, hat sich der Reiter verletzt oder hat er Angst und fühlt sich der Situa­tion nicht mehr gewach­sen, würde ich den Reiter vorerst nicht mehr aufstei­gen lassen. Es ist abso­lu­ter Quatsch zu denken, dass man nach einem Sturz unbe­dingt wieder aufstei­gen muss, sonst hat man verlo­ren. Das Pferd spürt genau, wie wir uns fühlen und reagiert darauf. Lieber sucht man sich in solch einem Fall bei einem profes­sio­nel­len Trai­ner Hilfe. Das ist für Pferd und Reiter der beste Weg.

Bei Ihren Vorfüh­run­gen zeigen Sie eindrucks­voll, zu welchen Leis­tun­gen ein perfekt einge­spiel­tes Team aus Pferd und Reiter in der Lage ist. Gibt es auch Übun­gen oder Aufga­ben, die Sie sich und Ihren Pfer­den nicht zumu­ten würden?

Ja, aus dem Heli­ko­pter sprin­gen (lacht). Scherz beiseite: Das ist von Pferd zu Pferd unter­schied­lich. Ich gehe mit meinen Pfer­den nur so weit, wie ich genau weiß, dass ich unser gegen­sei­ti­ges Vertrauen nicht aufs Spiel setze. Meine Pferde wissen ganz genau, dass ich sie niemals in eine Situa­tion brin­gen würde, der sie nicht gewach­sen sind, oder in der sie sich über­for­dert fühlen. Alles, was darüber hinaus geht, scha­det der Part­ner­schaft zwischen Pferd und Mensch. Und die ist mir heilig! Auf der ande­ren Seite wach­sen die Pferde auch in ihre Aufga­ben hinein. Mein Stunt­pferd Bailey ist auch nicht vom ersten Tag an mit mir auf einen fahren­den Anhän­ger galop­piert. Heute ist das Rein­ga­lop­pie­ren für Bailey die Zehn-Finger-Übung. Wer weiß, ob wir in ein paar Jahren nicht doch den Sprung aus dem Heli­ko­pter wagen?!


Steck­brief

  • gebo­ren 1981 in Heil­bronn
  • Pfer­de­trai­ne­rin und Stunt-Reiterin
  • Inha­be­rin der Double Divide Ranch in Bad Wimp­fen, Baden-Württemberg
  • Exper­tin für Fach­zeit­schrif­ten wie CAVALLO,
    Horse­man und Reit­kul­tur
  • Autorin von „Gelassenheits-Training: Pferde-Typen rich­tig trai­nie­ren“ (2016) und „Probleme mit dem Pferd – gemein­sam lösen: Der Praxis-Guide“ (2018)
  • Film­pro­jekt „Die Drei“ (2018/2019)
  • hilft Pfer­den mit trau­ma­ti­schen Erleb­nis­sen
  • bietet Ausbil­dung / Beritt für Pferde, sowie Reit­un­ter­richt und Kurse
  • erhielt den PM-Award 2017 der Deut­schen Reiter­li­chen Verei­ni­gung in der Kate­go­rie „Retter in der Not“
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