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Roboter als Inklusionshilfe

Roboter als Inklusionshilfe
„Ein sehr sicherer Arbeitsplatz“

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Inkludieren statt Ratio­nal­isieren: Das bun­desweit erste Pilot­pro­jekt bei ein­er süd­deutschen Dien­stleis­tungs­fir­ma mit Men­sch-Robot­er-Arbeit­splätzen für Men­schen mit Behin­derun­gen lässt viele Betrof­fene hof­fen: Die mod­erne Tech­nik macht men­schliche Arbeit keineswegs obsolet.

„Schorsch“ gehört hier zum Team. In der geräu­mi­gen Pro­duk­tion­shalle an der Siemensstraße im Gewer­bege­bi­et von Sach­sen­heim bei Stuttgart genießt er unter den Mitar­beit­ern hohes Anse­hen. Sie bilden die Arbeits­man­nschaft bei der Ini­tia­tive zur Schaf­fung von Arbeit­splätzen für Kör­per­be­hin­derte – kurz ISAK, einem gemein­nützi­gen Unternehmen mit sozial­diakonis­ch­er Fir­me­naus­rich­tung. Eine weit­ere Abkürzung, näm­lich „APAS assis­tant“, ste­ht für den automa­tis­chen Pro­duk­tion­sas­sis­ten­ten und damit „Schorsch“: Ein fünf Zent­ner schw­er­er, mehrere zehn­tausend Euro teur­er und ganz beson­der­er Robot­erkol­lege bei ISAK. „Mit diesem ver­meintlich niedlichen Namen kon­nte bei den Mitar­beit­ern eine Ver­trauens­ba­sis zur Mas­chine aufge­baut wer­den“, erin­nert Betrieb­sleit­er Andreas Paul Müller an die Ein­führung des deutsch­landweit ersten Sys­tems eines Men­sch-Robotik-Arbeit­splatzes für Bürg­er mit Hand­i­cap vor dreiein­halb Jahren.

Helfer statt Konkurrent

„Wer auf die Nachricht des Chefs, dass ab Mon­tag mit einem Robot­er zusam­mengear­beit­et wer­den muss, mit ambiva­len­ten Gefühlen reagiert, gehört wohl zur Mehrheit der deutschen Beschäftigten“, ist sich auch David Kre­mer vom Fraun­hofer-Insti­tut für Arbeitswirtschaft und Organ­i­sa­tion Stuttgart sich­er, Koor­di­na­tor der Forschungsini­tia­tive mit dem Namen „Aquias“. Dabei wer­den, zusam­men mit der Robert Bosch GmbH und ISAK, weg­weisende Schritte bei der Dig­i­tal­isierung der Inklu­sion gegan­gen. „Aquias“ bedeutet „Arbeit­squal­ität durch indi­vidu­ell angepasste Arbeit­steilung zwis­chen Ser­vicer­o­bot­ern und schw­er- sowie nicht­be­hin­derten Produktionsmitarbeitern“.

Während die mitunter „Blechkam­er­aden“ geschimpfte Rech­n­ertech­nik oft für Neg­a­tives wie Ratio­nal­isierung und Job-Abbau ste­ht, sieht Diplompsy­chologe Kre­mer ihre Zukun­ft zwis­chen den Werk­bänken vielmehr rosig: „Solche Tätigkeit­en wer­den eine hohe Arbeit­squal­ität aufweisen, dazu gehört die Über­nahme kör­per­lich und geistig belas­ten­der Auf­gaben durch den Robot­er.“ Was für den gesun­den Arbeit­nehmer gel­ten soll, dürfte sich erst recht bei den Beschäftigten mit Ein­schränkun­gen bemerk­bar machen. Andreas Paul Müller, ein langjähriger Maschi­nen­bauer mit inter­na­tionalen Erfahrun­gen, weist darauf hin: „Zu Beginn unseres KI-Vorhabens haben erst mal alle staunend vor Schorsch ges­tanden und ich hat­te mit dem The­ma ehrlich gesagt noch nichts am Hut.“ Heute ist aber klar, dass der Robot­er viele der kör­per­lichen wie geisti­gen Ein­schränkun­gen der ISAK-Beschäftigten egal­isieren könne.

Beschäftigte mit Handicap können wieder arbeiten

Nur eines der zahlre­ichen Beispiele, dass Kol­lege Com­put­er die indi­vidu­ellen Auf­gaben nicht weg­n­immt, son­dern eher ermöglicht. Bei Mon­tagear­beit­en für den San­itär­bere­ich, etwa während des Zusam­menset­zens von Düsenkom­po­nen­ten für Duschköpfe im Badez­im­mer, übern­immt der schlaue Ser­vicer­o­bot­er keineswegs das Kom­man­do, son­dern lediglich die Rolle des Assistenten.

„Dabei erhöht er nicht die Schlagzahl oder ver­schärft das Arbeit­stem­po, son­dern unter­stützt“, beruhigt Müller, der auch über umfassende Ken­nt­nisse in der Son­der­päd­a­gogik ver­fügt. Wur­den früher die in einen Plas­tikzylin­der einzule­gen­den Siebe mit ein­er Hand­he­bel­presse befes­tigt, was einen Mitar­beit­er ohne motorische Ein­schränkun­gen von Armen und Hän­den voraus­set­zte, so kann dies dank dem elek­tro­n­is­chen Helfer auch von beein­trächtigten Angestell­ten geleis­tet wer­den. Beschäftigte mit nur einem Arm kön­nen die Düsen­mon­tage bew­erk­stel­li­gen. Zudem ent­fällt die dauer­hafte ergonomis­che Belas­tung durch das an Arbeit­sta­gen bis zu 8000-malige Drück­en der Pressenmechanik.

Der Mensch hat das Sagen

Zusät­zlich kommt den Mitar­bei­t­en­den der höch­st­be­wegliche Robot­er sog­ar noch ent­ge­gen: „Ver­tikal wie hor­i­zon­tal“, schwärmt der Fraun­hofer-Forsch­er David Kre­mer. Der Mitar­beit­er kann die Höhe des Arbeit­stis­ches jed­erzeit – auch mit­ten im Betrieb – nach seinen Bedürfnis­sen verän­dern, zumal ein laser­basiertes Mess-Sys­tem den Grei­farm an die aktuelle Tis­chhöhe anpassen lässt. Während der Men­sch in dieser mod­er­nen und in die Zukun­ft weisenden Arbeit­sko­op­er­a­tion an der Arbeits­fläche sitzt oder ste­ht und einen länglichen Werk­stück­träger mit den bei­den Kun­st­stoffteilen bestückt, holt „Schorsch“ diesen beina­he geräusch­los ab und fügt die Kom­po­nen­ten mit seinem Met­all­s­tift an der Spitze maschinell zusammen.

Dass bei den ISAK-Stellen der Men­sch das Sagen hat, wird am weit­eren Ablauf nur allzu deut­lich: Nach dem erledigten Ver­pressen stellt der Robot­er die Ware wieder an der ein­pro­gram­mierten Über­gabepo­si­tion am Tis­chrand ab. Der Vorteil laut Kre­mer: „Dadurch kön­nen behin­derungs­be­d­ingte Ein­schränkun­gen der manuellen Reich­weite, wie sie bei den Schwer­be­hin­derten oft auftreten, teil­weise aus­geglichen wer­den.“ Schließlich gelan­gen die Teile von den Frauen und Män­nern des Betriebs zu ein­er Qual­ität­skon­trolle mit­tels Prüfvor­rich­tung. „Let­zteres kön­nen wir ein­fach bess­er“, meint Müller. Er ist von den zahlre­ichen Qual­itäten seines Leicht­bau-Mitar­beit­ers überzeugt.

Rücksichtsvoller Roboter

Das liegt auch an weit­eren beson­deren Charak­ter­is­tiken des bewährten Inklu­sions­di­eners. Bei dem fein gestyl­ten, unauf­dringlich wirk­enden Robot­er kom­men gle­ich mehrere Fak­toren zusam­men, die eine sichere Inter­ak­tion zwis­chen Men­sch und Mas­chine gewährleis­ten. Er greift und platziert Objek­te dank inte­gri­ert­er Kam­era mit hoher Präzi­sion. Laut David Kre­mer ist der sen­si­tive Greifer mit einem Klemm­schutz aus­ges­tat­tet: „Bei ein­er Kol­li­sion fed­ern die Greiferfin­ger ein und schützen den Men­schen vor möglichen Ver­let­zun­gen.“ Schließlich sei der Robot­er­ausleger von ein­er hochsen­si­blen Sen­sorhaut umschlossen, durch die der Robot­er seine men­schlichen Kol­le­gen automa­tisch erkenne, sobald sie ihm zu nahe kom­men. Kre­mer: „Noch bevor es zu einem Zusam­men­stoß kommt, stoppt der Grei­farm des Robot­ers – und zwar völ­lig berührungslos.“

Hin­ter der auf­fäl­lig dun­klen Man­schette um den oberen Bere­ich des Sys­tems steckt ein inte­gri­ertes Netz aus kapaz­i­tiv­en Sen­soren, das bei Annäherun­gen Alarm schlägt. Wie zum Beweis set­zt Betrieb­sleit­er Müller absichtlich einen Werk­stück­träger schief in die dafür vorge­fer­tigten Auf­nahmeschienen an der Tis­ch­plat­te ein – „Schorsch“ macht nicht mehr mit. Eine Tasche in den Arbeits­bere­ich gehal­ten – „Mr. Robot“ steigt aus. „Und wenn alles wieder im grü­nen Bere­ich ste­ht, macht er erfreulicher­weise dort weit­er, wo er gestoppt hat­te“, lobt der 58-jährige den mod­er­nen Betrieb­sange­höri­gen: „Ein sehr, sehr sicher­er Arbeitsplatz.“

Leicht verständliche Arbeitsschutzinfos

Die Ver­mei­dung von Arbeit­sun­fällen bei der Arbeit mit Schorsch stellt auch eines der The­men dar, die über ein im Sicht­feld des Nutzers aufgestelltes „Mediapad“-Display abgerufen und abge­hört wer­den kön­nen. Am Dis­play wer­den nicht nur die ver­schiede­nen Arbeitss­chritte am Arbeit­splatz erk­lärt (z. B. Düsen­mon­tage), son­dern der Nutzer auch für all­ge­meine Gefahren am Arbeit­splatz (z. B. poten­zielle Stolper­fall­en usw.) sen­si­bil­isiert. Zudem zeigt er in ein­er ein­fachen und ver­ständlichen Sprache für den Not­fall Fluchtwege im Betrieb auf (Karten, die heute als Flucht- und Ret­tungspläne an den Wän­den aushän­gen). Men­schen mit Sehstörun­gen kön­nen auf eine deut­lichere Darstel­lung am Bild­schirm zurück­greifen. Kein Wun­der, dass solche Eigen­schaften auch bei Behör­den und Insti­tu­tio­nen Ver­trauen schaf­fen. „Der automa­tis­che Pro­duk­tion­sas­sis­tent wurde speziell für die direk­te Kol­lab­o­ra­tion mit Men­schen entwick­elt und als erstes Robot­er­sys­tem von der DGUV für die Zusam­me­nar­beit mit Men­schen ohne zusät­zliche Schutzvor­rich­tun­gen zer­ti­fiziert“, stellt Wis­senschaftler David Kre­mer heraus.

Bei dem erfol­gre­ichen Pilot­pro­jekt, dessen­twe­gen immer wieder Besucherdel­e­ga­tio­nen etwa mit Arbeitsmedi­zin­ern anklopfen, wurde von Anfang an Wert darauf gelegt, dass hin­sichtlich der Men­sch-Robotik-Arbeit­splätze (MRK) nur die ergonomisch belas­ten­den Auf­gaben vom Men­schen zum Robot­er wan­derten. Logis­tik, Bestück­ung und Kon­trolle verblieben voll­ständig bei den Mitar­beit­ern. Sie hat­ten sich einst mit ihren Erfahrun­gen und Wün­schen im Rah­men von Work­shops ein­brin­gen kön­nen. Von den geschaf­fe­nen MRK-Jobs ver­spricht sich Fraun­hofer-Experte Kre­mer „eine verbesserte Inte­gra­tion von leis­tungs­ge­wan­del­ten und schwer­be­hin­derten Mitar­beit­ern“, die vor dem Hin­ter­grund des demografis­chen Wan­dels lohnenswert sei. Diese Teil­habe am Arbeit­sleben wird von den Pro­jek­t­beteiligten groß geschrieben. Betrieb­sleit­er Andreas Paul Müller freut sich zudem auf die mit „Schorsch“ ver­bun­dene Reise in die Dig­i­tal­isierung und Rich­tung Indus­trie 4.0.


Foto: Stauch

Autor: Gün­ter Stauch
freier Journalist


Die ISAK (Initiative zur Schaffung von Arbeitsplätzen für Körperbehinderte)

  • Unternehmen­sart: Gemein­nützige Inklusionsfirma
  • Grün­dung: 1991
  • Mut­terge­sellschaft: Sozial­diakonis­che Stiftung Karl­shöhe Ludwigsburg
  • Stan­dort: Sach­sen­heim bei Stuttgart
  • Beschäftigte: 60
  • Branche: Pro­duk­tion und Mon­tage für Zuliefer­fir­men etwa im Auto­mo­bil­bere­ich; Qual­ität­sprü­fung; Gastronomie
  • www.isakggmbh.de
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