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Ganz­heit­li­che Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung 4.0

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Menschen­ge­rechte Gestal­tung von Arbeits­pro­zes­sen Vieles in der Arbeits­welt wird zuneh­mend digi­ta­ler. Die einzige Konstante ist und bleibt: der Mensch, physisch wie psychisch. Doch wie können Arbeits­pro­zesse und das digi­tale Umfeld so gestal­tet werden, dass Menschen dabei gesund blei­ben? Wie kann und sollte eine Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung zukünf­tig ausse­hen?

Durch die digi­tale Trans­for­ma­tion und den Einzug cyber‐physischer Systeme (CPS) in die Betriebe werden sich nicht nur die Arbeit und die Rolle des Menschen in der Arbeit grund­le­gend verän­dern, sondern mit ihnen auch die Aufga­ben im Bereich Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit. Neben Chan­cen für eine Entlas­tung des Menschen von körper­lich anstren­gen­den Arbei­ten oder Lernen in Echt­zeit entste­hen in diesem Prozess auch verän­derte und teil­weise neue Belas­tun­gen und Gefähr­dun­gen. Die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung ist ein gutes Instru­ment, um diese Belas­tun­gen und Gefähr­dun­gen in 4.0-Prozessen zu iden­ti­fi­zie­ren, zu erfas­sen, entspre­chende Maßnah­men fest­zu­le­gen, umzu­set­zen sowie deren Wirk­sam­keit zu über­prü­fen. Auch das Ziel der menschen­ge­rech­ten Gestal­tung von Arbeits­pro­zes­sen in cyber‐physischen Syste­men kann durch eine voraus­schau­ende Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung erreicht werden.

Auf der ande­ren Seite entste­hen durch cyber‐physische Systeme und die Soft­ware 4.0 neue Möglich­kei­ten der digi­ta­len Durch­füh­rung einer Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung. Durch die Einbe­zie­hung digi­ta­ler Tech­ni­ken wie Virtual Reality und Simu­la­ti­ons­tech­nik in den Prozess der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung lassen sich komple­xere Situa­tio­nen voraus­schau­end abbil­den, einschät­zen und in Maßnah­men über­füh­ren. Dane­ben sind auch die cyber‐physischen Systeme selbst in der Lage, in Echt­zeit Infor­ma­tio­nen über Gefähr­dun­gen zu liefern und entspre­chende Maßnah­men einzu­lei­ten.

Durch die digi­tale Trans­for­ma­tion ändern sich also sowohl die Inhalte als auch die Form der klas­si­schen Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung. Beide Aspekte sollen im Folgen­den disku­tiert werden. Die folgen­den Ausfüh­run­gen basie­ren auf den Ausar­bei­tun­gen des Verbund­pro­jek­tes „Präven­tion 4.0“, das vom Bundes­mi­nis­te­rium für Bildung und Forschung (BMBF) – PTKA Projekt­trä­ger Karls­ruhe, Karls­ru­her Insti­tut für Tech­no­lo­gie – geför­dert wird (www.praevention40.de).

Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung von 4.0-Prozessen

Bei der Beur­tei­lung von 4.0-Prozessen, bei denen die Soft­ware direkt oder indi­rekt Elemente der Arbeits­tä­tig­keit steu­ert oder beein­flusst, kommt der voraus­schau­en­den Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung eine zuneh­mende Bedeu­tung zu. Soft­ware 4.0 gesteu­erte Prozesse sind noch sehr viel aufwen­di­ger im laufen­den Arbeits­pro­zess zu korri­gie­ren als bisher. Die Auswir­kun­gen der 4.0-Prozesse auf die Sicher­heit und Gesund­heit der Beschäf­tig­ten sind also nicht erst wie bisher im Planungs­pro­zess (Arbeits­vor­be­rei­tung) einzu­schät­zen, sondern bereits bei der Anschaf­fung der Soft­ware 4.0, bezie­hungs­weise im Planungs­heft der zu program­mie­ren­den Soft­ware zu inte­grie­ren. Nur dann können die großen Poten­ziale der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung für einen fehler‐, unfall‐ und störungs­ar­men, siche­ren und gesund­heits­ge­rech­ten Arbeits­pro­zess sowie für Arbeits­fä­hig­keit und Produk­ti­vi­tät genutzt werden.

Zudem können nach­träg­li­che Ände­run­gen sehr aufwän­dig und kost­spie­lig werden. Durch die neue Quali­tät der Vernet­zung digi­ta­ler Prozesse in Echt­zeit und die Einbin­dung der Menschen (und ihrer Arbeits­plätze) in cyber‐physische Systeme sind die einzel­nen Arbeits­plätze nicht mehr ausschließ­lich als abge­grenzte Berei­che zu betrach­ten. Die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung sollte daher den gesam­ten Arbeits‐ und Wert­schöp­fungs­pro­zess in den Blick nehmen, aus dem sich Auswir­kun­gen auf die betref­fende Arbeits­si­tua­tion erge­ben. Dabei sollte sie die Einwir­kun­gen vernetz­ter Abläufe auf die einzel­nen Arbeits­plätze betei­li­gungs­ori­en­tiert erfas­sen.

Neue Gefähr­dun­gen und Belas­tun­gen durch 4.0-Prozesse, die mit einer Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung erfasst werden, sind unter ande­rem:

  • Belas­tun­gen durch Assis­tenz­sys­teme, zum Beispiel Funk­ti­ons­män­gel, Fehl­hal­tung, Gebrauchs­taug­lich­keit von Soft­ware und Hard­ware, fehlende Ergo­no­mie
  • Funk­ti­ons­stö­run­gen von Arbeits­mit­teln durch Versa­gen von cyber‐physischen Syste­men, zum Beispiel Programm­feh­ler durch Strom­aus­fall, Fremd­zu­griff
  • Arbeitsverdichtung/Zeitdruck, zum Beispiel durch senso­ri­sche Echt­zeit­er­fas­sung kleins­ter Arbeits­voll­züge und nicht menschen­ge­rechte Schluss­fol­ge­run­gen für den Arbeits­ein­satz durch die Soft­ware 4.0
  • Stän­dige Prozess­kon­trolle und das Gefühl der stän­di­gen Über­wa­chung, zum Beispiel durch das Tracking bei mobi­ler und statio­nä­rer Arbeit und durch digi­ta­li­sierte Prozess­steue­rung
  • Unge­wiss­heit, welche persön­li­chen Daten erfasst werden, wo diese liegen und was mit ihnen geschieht
  • Unsi­cher­heit, weil die Beschäf­tig­ten nicht wissen, nach welchen Krite­rien die Soft­ware 4.0 lernt und mit welchen Reak­tio­nen der Soft­ware sie rech­nen müssen
  • Kontroll­ver­lust über die Arbeits­pro­zesse durch fehlende Inter­ven­ti­ons­mög­lich­kei­ten in soft­ware­ge­steu­er­ten Prozes­sen oder durch unklare Über­ga­be­ver­fah­ren zwischen Soft­ware und Mensch
  • Körper­li­che Belas­tung durch Bewe­gungs­man­gel, zum Beispiel durch Wegfall von Lauf­we­gen, Rück­bil­dung von Muskeln durch Assis­tenz­sys­teme
  • Mecha­ni­sche Gefähr­dun­gen durch frei beweg­li­che Robo­ter (Mensch‐Roboter‐Kollaboration)

Für die psychi­sche Belas­tung in der Arbeits­welt 4.0 ist keine eigen­stän­dige Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung erfor­der­lich; diese soll­ten in die bestehende inte­griert werden.1 Welche Aspekte durch 4.0-Prozesse inner­halb der bekann­ten „klas­si­schen“ Fakto­ren für psychi­sche Belas­tun­gen2 berück­sich­tigt werden soll­ten, zeigt eine Tabelle, die Sie per Down­load erhal­ten können (siehe Kasten).

Die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung hat auch das durch die 4.0-Prozesse zuneh­mende Zusam­men­wach­sen von Safety und Secu­rity im Blick zu behal­ten. Diese Verbin­dung ist wesent­lich, weil:

  • die Daten­si­cher­heit sowohl den störungs­freien und siche­ren Ablauf tech­ni­scher und orga­ni­sa­to­ri­scher 4.0 Prozesse betrifft (zum Beispiel durch Hacker­an­griffe können neue Gefähr­dun­gen für die mit den vernetz­ten Arbeits­mit­teln umge­hen­den Beschäf­tig­ten entste­hen wie mani­pu­lierte Robo­ter, gehackte Fahrerassistenz‐/Bremssysteme, Strom­aus­fall)
  • der perso­nen­be­zo­gene Daten­schutz wesent­lich für eine gesund­heits­ge­rechte Arbeits­ge­stal­tung ist (zum Beispiel Vermei­dung von Verun­si­che­rung der Beschäf­tig­ten, da sie wissen, welche Daten wie von ihnen erfasst werden, wo sie liegen, was mit ihnen geschieht und wie sie geschützt werden).

Wie die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung bei den durch die Arbeit 4.0 zuneh­men­den Anzahl von Frei­be­ruf­lern und Solo‐Selbständigen sowie Perso­nen in ande­ren alter­na­ti­ven Beschäf­ti­gungs­for­men aussieht, ist momen­tan unge­klärt. Das Arbeits­schutz­ge­setz gilt ausschließ­lich für Beschäf­tigte von Arbeit­ge­bern und nicht für die neuen Beschäf­ti­gungs­for­men. Zu empfeh­len ist, dass der Arbeit­ge­ber bei der Beauf­tra­gung von Frei­be­ruf­lern und Solo‐Selbständigen sowie von Perso­nen in ande­ren alter­na­ti­ven Beschäf­ti­gungs­for­men bei einer Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung hilft. Dies dient dem eige­nen Inter­esse, um Störun­gen im Arbeits­ab­lauf zu vermei­den und um die Leis­tungs­be­reit­schaft sowie Produk­ti­vi­tät der Betrof­fe­nen zu erhö­hen.

Möglich­kei­ten für die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung

Cyber‐physische Systeme stel­len die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung nicht nur vor neue Heraus­for­de­run­gen, sondern können gleich­zei­tig auch dazu beitra­gen, Gefähr­dun­gen zu bewäl­ti­gen, da in 4.0-Prozessen in Echt­zeit von allen Arbeits­mit­teln, Arbeits­stof­fen und Perso­nen Daten zur Verfü­gung stehen. Beispiels­weise sind folgende neue Poten­ziale nutz­bar:

  • Früh­zei­tig und in Echt­zeit können der sicher­heits­tech­ni­sche Zustand von Arbeits­mit­teln erfasst und präven­tiv Schutz­maß­nah­men einge­lei­tet werden.
  • Es kann erkannt werden, ob nicht geeig­nete und nicht geprüfte Arbeits­mit­tel verwen­det werden.
  • Es kann in Echt­zeit über­prüft werden, ob die Maßnah­men in der Mensch‐Software‐ bezie­hungs­weise Mensch‐Maschine‐Schnittstelle einge­hal­ten werden.
  • Es kann in Echt­zeit fest­ge­stellt werden, welche Gefahr­stoffe wie verwen­det und verar­bei­tet werden und welche Expo­si­tio­nen entste­hen.
  • Psychi­sche Belas­tun­gen von Beschäf­tig­ten können in Echt­zeit erfasst und entspre­chende Schutz­maß­nah­men einge­lei­tet werden (Daten­schutz und Betriebs­ver­ein­ba­rung zum Umgang mit den Daten voraus­ge­setzt).
  • Über Senso­ren kann fest­ge­stellt werden, ob die fest­ge­legte Persön­li­che Schutz­aus­rüs­tung (PSA) verwen­det wird und es kann verhin­dert werden, dass Perso­nen ohne erfor­der­li­che PSA Arbei­ten durch­füh­ren (zum Beispiel durch Sper­rung des Zugangs).
  • Über Perso­nen­er­ken­nung kann verhin­dert werden, dass unbe­fugte Perso­nen gefähr­li­che Arbeits­plätze betre­ten.
  • Erfah­rung der Beschäf­tig­ten aus dem Arbeits­pro­zess über Gefähr­dun­gen und Belas­tun­gen können in Echt­zeit einge­bun­den werden.
  • Mithilfe von Simu­la­ti­ons­tech­ni­ken, zum Beispiel virtu­el­ler Reali­tät (VR), können Arbeits­plätze und vernetzte Arbeits­ab­läufe in cyber‐physischen Syste­men darge­stellt, aus allen Perspek­ti­ven beob­ach­tet und direkt von den Beschäf­tig­ten erprobt werden. Dabei lassen sich auch virtu­elle und objek­tive Reali­tät vermi­schen.
  • Beschäf­tigte können personen‐ und bedarfs­ge­recht in Echt­zeit unter­wie­sen werden – zum Beispiel durch Check­lis­ten, virtu­elle Werk­stät­ten und Doku­men­ta­ti­ons­hil­fen.
  • Die Ergeb­nisse der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung können in digi­tale Betriebs­an­wei­sun­gen einflie­ßen und in Echt­zeit auf den Smart Devices der Beschäf­tig­ten, wie Smart Watch, Tablet oder Daten­brille, am betref­fen­den Arbeits­platz einge­blen­det werden.

Diese hier darge­stell­ten Beispiele sind nur ein klei­ner Ausschnitt der Möglich­kei­ten, die der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung durch cyber‐physischer Systeme zur Verfü­gung stehen. Eine smarte Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung, die diese Möglich­kei­ten nutzt, kann ein zentra­ler Baustein einer siche­ren und fehler­freien sowie einer gesund­heits­ge­rech­ten und produk­ti­ven Gestal­tung der 4.0-Prozesse sein. Damit diese Poten­ziale für die 4.0-Prozesse genutzt werden – das sei noch einmal betont, – ist es aller­dings notwen­dig, dass alle Betei­lig­ten dafür sorgen, dass die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung Bestand­teil der Soft­ware 4.0 wird. Das wird nur der Fall sein, wenn Führungs­kräfte, Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit und Betriebs­ärzte sowie Betriebs‐ und Perso­nal­räte bei der Beschaf­fung der Soft­ware 4.0 bezie­hungs­weise bei der Program­mie­rung dafür sorgen.

Welche Maßnah­men sind zu empfeh­len und einzu­lei­ten?

Bei der Einfüh­rung von 4.0-Prozessen und der Nutzung von Soft­ware 4.0 ist immer eine Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung durch­zu­füh­ren. Die Durch­füh­rung muss sich an den Erfor­der­nis­sen und Möglich­kei­ten des Betriebs ausrich­ten, ein allge­mein­gül­ti­ges Verfah­ren exis­tiert nicht.
Es gibt jedoch eine Reihe von Leit­li­nien3 und Muster­vor­la­gen von Unfall­ver­si­che­rungs­trä­gern, staat­li­chen Stel­len oder ande­ren Anbie­tern4. Für die Gefähr­dun­gen und Belas­tun­gen von 4.0-Prozessen gibt es noch wenige Hilfen zur Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung, wir schla­gen deswe­gen das bewährte Vorge­hen vor (siehe Tabelle 1).

Die Ergeb­nisse der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung lassen sich in die digi­ta­len Assis­tenz­sys­teme der 4.0-Prozesse einspei­sen, die von den Beschäf­tig­ten mobil genutzt werden oder fest an den Arbeits­plät­zen instal­liert sind. Auf diesen Endge­rä­ten können Infor­ma­tio­nen zu Gefähr­dun­gen der aktu­ell anste­hen­den Arbeits­auf­gabe, zur Betriebs­mit­tel­si­cher­heit und zu even­tu­ell notwen­dig werden­den Maßnah­men als Push‐Mitteilung einge­blen­det oder bei Bedarf abge­ru­fen werden. Bei der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung sollte über­legt werden, wie diese Möglich­kei­ten mit berück­sich­tigt und genutzt werden können. Auch diese Anfor­de­rung ist bei der Beschaf­fung bezie­hungs­weise Program­mie­rung der 4.0-Software mit zu berück­sich­ti­gen.

Bei der Analyse von Gefähr­dun­gen und Belas­tun­gen durch 4.0-Prozesse zeigt sich, dass allge­meine Schutz­maß­nah­men bei fast allen Arbeits­be­rei­chen und Tätig­kei­ten immer wieder auftau­chen. Diese von uns in Exper­ten­ge­sprä­chen ermit­tel­ten Fakto­ren lassen sich als Grund­ori­en­tie­rung darstel­len (diese finden Sie online, siehe Kasten Down­load). Sie sollen helfen, wesent­li­che Schutz­maß­nah­men bei der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung von 4.0-Prozessen zu berück­sich­ti­gen, ohne dass sie den jeweils konkre­ten Einzel­fall abde­cken können.

Möglich­kei­ten cyber‐physischer Systeme nutzen

Damit die Möglich­kei­ten cyber‐physischer Systeme für die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung genutzt werden können, ist bei der Beschaf­fung von smar­ten Dingen (wie Arbeits­mit­teln, -stof­fen, Gegen­stän­den der Arbeits­um­ge­bung, Assis­tenz­sys­te­men, Persön­li­che Schutz­aus­rüs­tun­gen) darauf zu achten, dass die Senso­ren dieser Dinge auch dieje­ni­gen Daten erfas­sen, die für die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung notwen­dig sind. Senso­ren können zwar auch im Nach­hin­ein instal­liert werden, dies ist aber immer mit einem höhe­ren Aufwand verbun­den und führt in der Regel zu Kompa­ti­bi­li­täts­pro­ble­men.

Eine wert­volle Unter­stüt­zung für die voraus­schau­ende Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung bieten digi­tale Simu­la­ti­ons­tech­ni­ken wie die virtu­elle Reali­tät (VR), die vor allem im Schritt 2 der Gefähr­dungs­er­mitt­lung einge­setzt werden können. Durch Simu­la­tion von Arbeits­si­tua­tio­nen können vor dem konkre­ten betrieb­li­chen Einsatz Lösun­gen und Maßnah­men entwi­ckelt und entspre­chende umsetz­bare Hand­lungs­emp­feh­lun­gen gene­riert werden. Reali­täts­nahe Lösun­gen für die Gestal­tung von Produk­ti­ons­pro­zes­sen und Schutz­kon­zep­ten erlau­ben auch die Über­prü­fung der Mensch‐System‐Interaktion, der mensch­li­chen Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung im Arbeits­sys­tem und die reali­täts­nahe Unter­su­chung von Unfall­ur­sa­chen.

Damit die großen Poten­ziale, die die cyber‐physischen Systeme der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung bieten, vom Betrieb genutzt werden können, müssen alle betei­lig­ten Akteure in der Phase der Planung und Beschaf­fung bezie­hungs­weise Program­mie­rung der Soft­ware 4.0 aktiv werden. Ansons­ten droht – was Arbeits­schüt­zer schon immer wieder in der „alten Arbeits­welt“ erfah­ren konn­ten – dass die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung erst dann ein Thema wird, wenn die Prozesse bereits laufen. Dann wird versucht zu korri­gie­ren und „das Schlimmste zu verhin­dern“. Viel besser ist es, die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung an der Stelle zum Thema zu machen, an der die Prozesse noch präven­tiv gestal­tet werden können: bevor die Soft­ware ange­schafft bezie­hungs­weise program­miert wird. Daran soll­ten alle Akteure ein hohes Inter­esse haben:

  • Die Führungs­kräfte, weil sie dann voraus­schau­end die Risi­ken analy­sie­ren können und erken­nen, wie sie Fehler, Störun­gen, Unfälle und Belas­tun­gen bei den 4.0-Prozessen vermei­den und diese Prozesse moti­vie­rend, gesund­heits­ge­recht und produk­tiv gestal­ten können.
  • Die Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit und die Betriebs­ärzte, damit sie ihre Kompe­ten­zen und ihre Themen dort einbrin­gen können, wo sie die größte Wirkung erzie­len können.
  • Die Beschäf­tig­ten bezie­hungs­weise die Betriebs‐ und Perso­nal­räte, weil sie nur so die Möglich­keit haben, ihre Vorstel­lun­gen einer menschen­ge­rech­ten Arbeits­ge­stal­tung wirkungs­voll in die Prozesse einzu­brin­gen.

Die ganz­heit­li­che Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung 4.0 ist für alle diese Inten­tio­nen ein sehr nütz­li­ches Hilfs­mit­tel.

Lite­ra­tur

BAuA: https://www.baua.de/DE/Themen/Arbeitsgestaltung-im-Betrieb/Gefaehrdungsbeurteilung/_functions/BereichsPublikationssuche_Formular.html ?nn=8703478

BAuA: www.gefaehrdungsbeurteilung.de

DGUV Virtu­elle Reali­tät: www.dguv.de/ifa/fachinfos/virtuelle-realitaet/index.jsp

GDA (2015). Leit­li­nie Bera­tung und Über­wa­chung bei psychi­scher Belas­tung am Arbeits­platz. www.gda-portal.de/de/pdf/Leitlinie-Psych-Belastung.pdf?__blob= publicationFile&v=10

GDA‐Arbeitsprogramms Psyche (2016). Empfeh­lun­gen zur Umset­zung der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung psychi­scher Belas­tung, Hand­lungs­hilfe www.gda-portal.de/de/pdf/Psyche-Umsetzung-GfB.pdf?__blob= publicationFile&v=6.

GDA (2017). Leit­li­nie Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung und Doku­men­ta­tion. www.gda-portal.de/de/pdf/Leitlinie-Gefaehrdungsbeurtei lung.pdf?__blob=publicationFile&v=14.

GDA‐ORGAcheck: www.gda-orgacheck.de/daten/gda/index.htm

Leist­ner, W. (Hrsg.). (2010). Ratge­ber zur Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung: Hand­buch für Arbeits­schutz­fach­leute. BAuA

1 mehr Infor­ma­tio­nen dazu: GDA‐Arbeitsprogramm Psyche 2016

2 siehe zum Beispiel GDA 2017

3 zum Beispiel GDA 2017, 2016, 2015

4 Die Muster‐Gefährdungsbeurteilungen der Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger und der staat­li­chen Einrich­tun­gen sind zusam­men­ge­fasst zu finden auf: www.gefaehrdungsbeurteilung.de – einer Platt­form der Bundes­an­stalt für Arbeits­schutz und Arbeits­me­di­zin.


Oleg Cerna­vin

Geschäfts­füh­rer der BC GmbH Forschung, Wies­ba­den
Foto: © privat


Katrin Zitt­lau

Leite­rin VDSI‐Fachbereich Demo­gra­fie und Beschäf­ti­gungs­fä­hig­keit, Wissen­schaft­li­che Mitar­bei­te­rin im VDSI‐Projektteam Präven­tion 4.0

Foto: © privat

Kers­tin Guhle­mann
Wissen­schaft­li­che Mitar­bei­te­rin im Forschungs­be­reich 4 der Sozi­al­for­schungs­stelle

Dort­mund


Welche Chan­cen und Gefah­ren gibt es?

Aus der Sicht einer präven­ti­ven Arbeits­ge­stal­tung der 4.0-Prozesse erge­ben sich im Rahmen der digi­ta­len Trans­for­ma­tion viele Fragen, die aktu­ell noch nicht abschlie­ßend beant­wor­tet werden können. Chan­cen und Gefah­ren (insbe­son­dere bei voraus­schau­en­der Perspek­tive) liegen oft nah beiein­an­der und lassen sich heute schon anti­zi­pie­ren. Eine tabel­la­ri­sche Über­sicht hierzu finden Sie unter: http://hier.pro/xniE6


Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung von 4.0-Prozessen

Bei der Analyse von Gefähr­dun­gen und Belas­tun­gen durch 4.0-Prozesse zeigt sich, dass allge­meine Schutz­maß­nah­men bei fast allen Arbeits­be­rei­chen und Tätig­kei­ten immer wieder auftau­chen. Diese von den Autoren in Exper­ten­ge­sprä­chen ermit­tel­ten Fakto­ren wurden als Grund­ori­en­tie­rung in über­sicht­li­cher Darstel­lung zusam­men­ge­fasst. Sie sollen helfen, wesent­li­che Schutz­maß­nah­men bei der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung von 4.0-Prozessen zu berück­sich­ti­gen, ohne dass sie den jeweils konkre­ten Einzel­fall abde­cken können. Die Darstel­lung können Sie nach Regis­trie­rung unter http://hier.pro/xniE6 herun­ter­la­den.


Glos­sar

Cyber‐physische Systeme (CPS) verbin­den und steu­ern Arbeits­mit­tel, Prozesse und Menschen in Echt­zeit (zum Beispiel über Sensoren/Aktoren, Verwal­tungs­scha­len mit Soft­ware 4.0).

4.0-Prozesse sind alle Prozesse, in denen cyber‐physische Systeme (CPS) betei­ligt sind.

Soft­ware 4.0 ist die Soft­ware, die cyber‐physische Systeme (CPS) steu­ert (zum Beispiel Algo­rith­men, seman­ti­sche Tech­no­lo­gien, künst­li­che Intel­li­genz). Soft­ware 4.0 ist auto­nom und selbst­ler­nend.

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