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Prüfung elektrischer Anlagen und Betriebsmittel-Organisation

Überarbeitete DGUV Information 203–071 „Prüfung elektrischer Anlagen und Betriebsmittel-Organisation durch den Unternehmer“
Harmonisches Trio

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Durch ihre Überarbeitung gesellt sich die DGUV Information 203–071 nun harmonisch zu den Informationen 203–070 und 203–072. Foto: © scharfsinn86 – stock.adobe.com
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Das The­ma „Prü­fung elek­trisch­er Anla­gen und Betrieb­smit­tel“ ist wegen sein­er Kom­plex­ität ein echter Dauer­bren­ner. Deshalb erar­beit­ete das DGUV-Sachge­bi­et „Elek­trotech­nik und Fein­mechanik“ bere­its im Jahre 2010 die DGUV-Infor­ma­tion 203–071 „Wiederkehrende Prü­fun­gen ortsverän­der­lich­er elek­trisch­er Arbeitsmit­tel – Organ­i­sa­tion durch den Unternehmer“. Inzwis­chen wurde diese Schrift durch zwei weit­ere DGUV-Infor­ma­tio­nen ergänzt, welche sich an die mit der Durch­führung der Prü­fun­gen beauf­tra­gen Per­so­n­en wen­den. Wie allerd­ings der bish­erige Titel der ersten Schrift bere­its ver­ri­et, wur­den in dieser nur die ortsverän­der­lichen Betrieb­smit­tel ange­sprochen, die elek­trischen Anla­gen und orts­festen Betrieb­smit­tel jedoch nicht. Diese und weit­ere inhaltliche Mis­sklänge macht­en eine grundle­gende Über­ar­beitung der Schrift im Inter­esse eines har­monis­chen Zusam­men­spiels aller drei Schriften erforderlich.

Die bish­erige DGUV Infor­ma­tion 203–071 war zunächst noch als Einzelschrift konzip­iert. Deshalb enthielt sie auch sehr viele Infor­ma­tio­nen, welche im Prinzip nur für die Prüfer rel­e­vant waren, zum Beispiel bezüglich der Durch­führung der Prü­fun­gen und der Auswahl der Prüfver­fahren. Da es jedoch nicht der Regelfall ist, dass ein Unternehmer beziehungsweise eine Führungskraft auch gle­ichzeit­ig Elek­tro­fachkraft ist, passten ein­er­seits die fach­prak­tis­chen Inhalte nicht zu der eigentlich in dieser Schrift ange­sproch­enen Ziel­gruppe, und ander­er­seits kon­nten für die Organ­i­sa­tion der Prü­fun­gen rel­e­vante Inhalte auf­grund des angestrebten Umfangs nicht mehr abge­bildet werden.

So lange die DGUV Infor­ma­tion 203–071 noch eine Einzelschrift war, fie­len diese Unstim­migkeit­en nicht allzu sehr auf. Mit dem Erscheinen der DGUV-Infor­ma­tio­nen 203–070 „Wiederkehrende Prü­fun­gen ortsverän­der­lich­er elek­trisch­er Arbeitsmit­tel – Fach­wis­sen für Prüf­per­so­n­en“ sowie 203–072 „Wiederkehrende Prü­fun­gen elek­trisch­er Anla­gen und orts­fester Betrieb­smit­tel – Fach­wis­sen für Prüf­per­so­n­en“ trat­en die Unstim­migkeit­en jedoch deut­lich­er her­vor, ins­beson­dere, weil auf die wesentlichen Unter­schiede zwis­chen der Prü­fung elek­trisch­er Anla­gen sowie der Prü­fung elek­trisch­er Betrieb­smit­tel bish­er gar nicht einge­gan­gen wurde. Es war also drin­gend an der Zeit, die DGUV-Infor­ma­tion 203–071 inhaltlich zu entrüm­peln und sich auf das eigentliche Anliegen zu konzen­tri­eren: Dem Unternehmer eine Hand­lung­shil­fe zur Organ­i­sa­tion der elek­trotech­nis­chen Prü­fun­gen an die Hand zu geben.

What’s new?

Nach wie vor begin­nt die Schrift zunächst mit dem Anwen­dungs­bere­ich und den Begriffs­bes­tim­mungen. Let­ztere wur­den aktu­al­isiert und um die für den Bere­ich der Anla­gen­prü­fung notwendi­gen Begriffe erweitert.

Eben­so aktu­al­isiert und erweit­ert wur­den auch die Vor­gaben zur Prü­fung, die sich in einen rechtlichen sowie einen all­ge­meinen Teil gliedern. Die Über­ar­beitung der rechtlichen Vor­gaben war unter anderem auf­grund der zwis­chen­zeitlich erfol­gten Nov­el­lierung der Betrieb­ssicher­heitsverord­nung notwendig. Neben den grundle­gend im Rah­men der Prü­fun­gen zu beach­t­en­den Arbeitss­chutzvorschriften (Arb­SchG, Betr­SichV, Arb­StättV sowie die DGUV-Vorschriften 1 und 3 beziehungsweise 4) wird nun auch auf gegebe­nen­falls bei der Anla­gen­prü­fung zusät­zlich zu beach­t­ende Rechts­ge­bi­ete ver­wiesen, wie zum Beispiel das Bau­recht der Län­der mit zum Teil existieren­den Prüfverord­nun­gen für Son­der­baut­en oder die Ver­trags­be­din­gun­gen der Sachver­sicherungsträger (siehe Kas­ten). Diese Erweiterung führte dann auch zur Umbe­nen­nung dieses Kapi­tels von „Geset­zliche Vor­gaben“ in den all­ge­meineren Begriff „Rechtliche Vorgaben“.

Das Kapi­tel „All­ge­meine Vor­gaben“ stellt in viel größerem Umfang als bish­er einen Weg­weis­er für die durch den Unternehmer zu leis­ten­den organ­isatorischen Vorbe­din­gun­gen dar, was auch durch ein über­ar­beit­etes Organ­i­gramm anschaulich verdeut­licht wird.

Während in Kapi­tel 4 bish­er die Anforderun­gen an das Prüf­per­son­al beschrieben wur­den, ist das Kapi­tel in der neuen Aus­gabe nun der Gefährdungs­beurteilung für die Prüftätigkeit gewid­met – ein The­ma, welch­es trotz sein­er Wichtigkeit in der Vorgängerver­sion eigentlich gar nicht berück­sichtigt wurde. Die Darstel­lung und Erläuterung typ­is­ch­er Gefährdun­gen im Prüfgeschäft wird um die im Anhang F enthal­te­nen detail­liert­eren Hin­weise für eine Gefährdungs­beurteilung abgerundet.

Vorbereitung der Prüfung

Das neu einge­fügte Kapi­tel 5 „Vor­bere­itung der Prü­fung“ verdeut­licht im beson­deren Maße die zen­trale Ver­ant­wor­tung des Unternehmers. Diese begin­nt mit der Auswahl geeigneter Prüfer sowie der Zurver­fü­gung­stel­lung notwendi­ger Infor­ma­tio­nen. Beson­deres Augen­merk wurde auf die Darstel­lung der zur Durch­führung von Prü­fun­gen notwendi­gen Qual­i­fika­tion gelegt, denn ein­er­seits ist nicht jede Elek­tro­fachkraft auch zwangsläu­fig dazu befähigt elek­trotech­nis­che Prü­fun­gen durch­führen zu kön­nen und ander­er­seits sind neben elek­trotech­nis­chen Prü­fun­gen auch andere Prü­fun­gen durchzuführen, für die eben auch andere Befähi­gun­gen notwendig sind (siehe Anhang C und Kasten).

Der Darstel­lung der fach­lichen Qual­i­fika­tion wird auch deshalb ein beson­der­er Stel­len­wert eingeräumt, weil verdeut­licht wer­den sollte, dass Elek­tro­fachkräfte für fest­gelegte Tätigkeit­en und elek­trotech­nisch unter­wiesene Per­so­n­en in der Regel nicht über eine aus­re­ichende fach­liche Qual­i­fika­tion ver­fü­gen, um die Prü­fun­gen in eigen­er Ver­ant­wor­tung durch­führen zu kön­nen. Dieser Hin­weis wurde auf­grund sein­er beson­deren Wichtigkeit in einem beson­ders auf­fäl­lig gekennze­ich­neten Hin­weiskas­ten gesetzt.

Eine weit­ere wichtige durch den Unternehmer zu leis­tende Auf­gabe beste­ht darin, für den Erhalt der Fachkunde der Prüf­per­so­n­en Sorge zu tra­gen. Kapi­tel 5.2 wid­met sich der Darstel­lung, durch welche Maß­nah­men dieses Ziel erre­icht wer­den kann.

Die Durch­führung von Prü­fun­gen ist häu­fig mit ein­er Störung des Betrieb­sablaufs ver­bun­den. Kon­flik­te mit Beschäftigten und Vorge­set­zten sind deshalb prak­tisch vor­pro­gram­miert, wenn vorher keine Abstim­mung mit den Beteiligten erfol­gt ist. Weil Prüf­per­so­n­en aber in den meis­ten Fällen nun ein­mal in der Betrieb­shier­ar­chie nicht den Stel­len­wert ein­nehmen, der nötig wäre, um diese Abstim­mungen mit Vorge­set­zten eigen­ständig durch­führen zu kön­nen, obliegt dem Unternehmer eine weit­ere wichtige Auf­gabe: die des Weg­bere­it­ers für den möglichst rei­bungslosen Prüfablauf.

Das Kapi­tel 5 wird abgeschlossen mit dem Abschnitt „Notwendi­ge Ausstat­tun­gen“, wobei aber im Wesentlichen auf die in den bei­den Prax­ishil­fen für Prüf­per­so­n­en enthal­te­nen aus­führlichen Darstel­lun­gen ver­wiesen wird.

In Ver­gle­ich zur bish­eri­gen Ver­sion wer­den im Kapi­tel „Durch­führung der Prü­fung“ (alt: Kapi­tel 5; neu: Kapi­tel 6) die Prü­fun­gen nicht mehr im Einzel­nen detail­liert beschrieben – denn dies erfol­gt nun in den bei­den Prax­ishil­fen für Prüf­per­so­n­en –, son­dern nur der für den Unternehmer notwendi­ge Überblick über Prü­farten und Prü­fum­fänge gegeben, um Aufwand und Ablauf der Prü­fun­gen in etwa ein­schätzen zu können.

Prüffristen

Nach wie vor wird die weitver­bre­it­ete Ansicht vertreten, dass die Fes­tle­gung der Prüf­fris­ten durch die Prüfer zu erfol­gen hat. Dies ist jedoch falsch, da eine Prüf­per­son in der Regel nur den Zus­tand der geprüften Anla­gen und Betrieb­smit­tel bew­erten kann. Diese Per­so­n­en ver­fü­gen häu­fig nicht über Infor­ma­tio­nen bezüglich der Betriebs‑, Nutzungs- und Umge­bungs­be­din­gun­gen, unter denen die geprüften Anla­gen und Betrieb­smit­tel ver­wen­det wer­den. Die Fes­tle­gung der Prüf­fris­ten obliegt dem­nach sowohl nach Betr­SichV als auch DGUV Vorschrift 3 beziehungsweise 4 dem Unternehmer. Prüf­per­so­n­en kön­nen lediglich Empfehlun­gen für geeignet erscheinende Prüf­fris­ten aussprechen, denen sich der Unternehmer anschließen kann oder nicht.

Fol­gerichtig enthält die DGUV Infor­ma­tion 203–071 nun wichtige Hin­weise für den Unternehmer, damit dieser die Prüf­fris­ten ord­nungs­gemäß fes­tle­gen kann. Hier­bei ist u.a. auch die Fehlerquote rel­e­vant. Ihr ist ein eigen­er Abschnitt gewid­met, der den bei­den am weitesten ver­bre­it­eten Fehlern ent­ge­gen­wirken soll:

  • Häu­fig wer­den bere­its im Rah­men der Sicht­prü­fung aus­sortierte Betrieb­smit­tel in der Fehlerquote nicht berück­sichtigt, was zu ein­er deut­lichen Ver­fälschung des Gesamt­bildes führt.
  • Der zweite Fehler beste­ht darin, dass die Fehlerquote auf das gesamte Unternehmen und nicht auf ver­gle­ich­bare Betrieb­s­bere­iche angewen­det wird. Da die Fehlerquote in Ver­wal­tun­gen üblicher­weise deut­lich niedriger ist als auf Baustellen oder in Werk­stät­ten, würde sich hier­durch eben­falls eine deut­liche Verz­er­rung des tat­säch­lichen Gesamt­bildes ergeben.

Kapi­tel 8 informiert den Unternehmer sowohl über die Notwendigkeit als auch die Möglichkeit­en der Doku­men­ta­tion und Kennze­ich­nung und geht auf die hier­bei jew­eils zu beach­t­en­den Unter­schiede zwis­chen Anla­gen und Betrieb­smit­teln ein. Das let­zte Kapi­tel (Kapi­tel 9 „Auswer­tung“) verdeut­licht, dass die Auswer­tung der Prüfer­geb­nisse zu den Organ­i­sa­tion­spflicht­en des Unternehmers gehört und gegebe­nen­falls zu den fol­gen­den Maß­nah­men führen kann:

  • Anpas­sung der Prüffristen
  • Anpas­sun­gen an den Stand der Technik
  • notwendi­ge Reparaturen
  • Ersatzbeschaf­fung
  • Beschaf­fung höher­w­er­tiger oder geeigneter Betriebsmittel
  • Anpas­sung der elek­trischen Anlage
  • Anpas­sung von Räumen

Anhänge

In der Vorgängerver­sion enthiel­ten auch die Anhänge noch einige für den Unternehmer eher weniger inter­es­sante Inhalte, wie zum Beispiel eine Check­liste für die Sichtkon­trolle oder eine Über­sicht über Prü­fum­fänge und messtech­nis­che Grenzwerte.

Die neuen Anhänge gliedern sich wie folgt:

  • Anhang A: Prü­fung vor der ersten Inbetriebnahme
  • Anhang B: Geset­ze, Vorschriften,
    Regeln, Infor­ma­tio­nen, Normen
  • Anhang C: Beispiele für weit­erge­hende Prüfungen
  • Anhang D: Hin­weise zur Auftragsvergabe
  • Anhang E: Zur Prü­fung befähigte
    Person
  • Anhang F: Hin­weise für eine Gefährdungsbeurteilung

Obwohl die vor­liegende Schrift sich eigentlich nur auf wiederkehrende Prü­fun­gen bezieht, wer­den in Anhang A den­noch Hin­weise zur Prü­fung vor der ersten Inbe­trieb­nahme gegeben. Dies erschien notwendig, um ein­er­seits ver­mit­teln zu kön­nen, dass elek­trische Betrieb­smit­tel vor ihrer ersten Ver­wen­dung nicht grund­sät­zlich ein­er voll­ständig durchge­führten elek­trotech­nis­chen Über­prü­fung unter­zo­gen wer­den müssen. Ander­er­seits sollte verdeut­licht wer­den, dass schon im Rah­men der Erst­prü­fung Maß­nah­men getrof­fen wer­den kön­nen, die sich später auf die Organ­i­sa­tion der Fol­geprü­fun­gen hil­fre­ich auswirken kön­nen (zum Beispiel Inven­tarisierung der zu prüfend­en Objek­te, Fes­tle­gung von Prüf­fris­ten, Doku­men­ta­tion von Messwerten).

Zusammenfassung

Mit der Über­ar­beitung der DGUV Infor­ma­tion 203–071 wur­den ein­er­seits unnötige Alt­las­ten entsorgt und dafür ander­er­seits neue rel­e­vante Inhalte einge­fügt, so dass ins­ge­samt ein stim­miger Leit­faden für die Organ­i­sa­tion der Prü­fun­gen ent­standen ist. Dabei wurde großer Wert auf die Über­sichtlichkeit und Ver­ständlichkeit gelegt. Es ist also gelun­gen, einen har­monis­chen Gle­ichk­lang zwis­chen den drei Schriften herzustellen.


Foto: privat

Autor:

Dipl.-Ing. Rain­er Rottmann

 

 

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