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Lärm und Gehör

Lärm und Gehör Teil 2
Ich höre nicht, was Du schon siehst

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In Teil 1 des Beitrags wur­den ver­schiedene Grund­la­gen dargestellt. Wie funk­tion­iert unser Gehör, Hin­weise zur Gefährdungs­beurteilung, Gefahren die das Gehör aus­ge­set­zt ist und weit­eres. Und wie sehen Lösun­gen aus, um das Gehör zu schützen?

Es gibt die Möglichkeit der Sub­sti­tu­tion, tech­nis­che und organ­isatorische Lösun­gen, aber diese Möglichkeit kann sehr eingeschränkt sein. Muss aber als Erstes geprüft wer­den! Ich möchte mich an dieser Stelle auf die let­zte Möglichkeit des STOP-Prinzips, der PSA konzen­tri­eren. Dazu gibt es Gehörschutz, der nahezu über alle Fre­quen­zen eine gle­ich­mäßige Dämp­fung bietet (s. Abbil­dung 1: Dämp­fung über alle Fre­quen­zen). Hier gibt es eine große Palette von ein­fachen Gehörschutz-Stöpseln1, über Gehörschutz-Kapseln, bis hin zu Oto­plas­tiken2. Für Arbeit­en, beziehungsweise eine Umge­bung, in der keine Kom­mu­nika­tion notwendig ist, sind diese eine gute Lösung. Kommt aber das The­ma Kom­mu­nika­tion oder Wahrnehmung ins Spiel, so sind diese Art von Gehörschützern nicht oder nur bed­ingt geeignet.

Hier kom­men Sys­teme zum Tra­gen, die sicheren Schutz der Ohren vor Lärm auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Wahrnehmung der Umge­bungs­geräusche und der Sprache von den Kol­le­gen und Kol­legin­nen bieten. Diese Lösung kann durch entsprechende Fil­ter in den Schutzsys­te­men erre­icht wer­den. Diese Fil­ter dämpfen den Lärm bes­timmter Fre­quen­zen sehr stark ab, je nach dem kön­nen das 30 dB (A) und mehr sein. Aber Unter­hal­tun­gen im Fre­quenzbere­ich von 2 kHz bis 4 kHz wer­den wesentlich schwäch­er gedämpft. Damit ist das Gehör geschützt, aber ein sicheres, wahrnehmung­sori­en­tiertes Arbeit­en ist weit­er­hin möglich. Diese Fil­ter gibt es für ver­schiedene Fre­quen­zen des Umge­bungslärms, und sie müssen genau auf den Anwen­dungszweck abges­timmt sein (Abb. 2). Hier ist die Gefährdungs­beurteilung ein extrem wichtiges Hil­f­s­mit­tel, die vor den Arbeit­en durchzuführen ist, um geeignete Sys­teme und Fil­ter anzuschaffen.

Weit­er­hin gibt es elek­tro­n­is­che und mech­a­nis­che Lösun­gen, die die Lärmweit­er­leitung an unser empfind­lich­es Gehör unter­brechen. Diese Unter­brechung erfol­gt nur im Augen­blich des Auftretens von Lärm. Vorher und nach­her ist eine nahezu unverän­derte (stereo­typ­is­che) Wahrnehmung und Kom­mu­nika­tion möglich. Elek­tro­n­is­che Sys­teme arbeit­en mit ein­er Span­nungsquelle (Batterie/Akku). Wird von den Sys­te­men Lärm über ein in den Gehörschutz ver­bautes Mikro­fon wahrgenom­men, dann schot­ten Schutzsys­teme die Weit­er­leitung des Lärms an das Gehör in Mil­lisekun­den ab.

Bat­terie­un­ab­hängige Sys­teme arbeit­en auf mech­a­nis­chem Weg. Diese Sys­teme haben nach mein­er Erfahrung wesentliche Vorteile. Sie arbeit­en auch ein­wand­frei, wenn keine Bat­ter­ies­pan­nung anliegt oder es einen Aus­fall der Elek­tron­ik geben sollte. Gle­ichzeit­ig kön­nen diese Sys­teme sehr klein sein. Ver­schiedene Kol­le­gen und ich tra­gen am Schlüs­sel­bund einen kleinen Zylin­der, in dem dieser Gehörschutz hygien­isch gelagert und stets griff­bere­it ist. Mit diesem Sys­tem von Phonak haben wir immer den Gehörschutz für den Anwen­dungs­fall dabei (Abb. 3).

Kommunikation notwendig

Sollte in einem Bere­ich, mit Dauer- oder tem­porär auftre­tenden Impul­slärm, das Tra­gen von Gehörschutz notwendig sein, so kön­nen Sys­teme, die eine Schnittstelle zu einem Sprech­funkgerät oder Handy haben, eine sehr gute Lösung darstellen. Diese Sys­teme sind in der Regel mit Mikro­fo­nen aus­ges­tat­tet, die dank ein­er geziel­ten Richtcharak­ter­is­tik des Mikro­fons fast nur das gesproch­ene Wort, aber nicht den Umge­bungslärm weit­er­leit­en. Es gibt sie mit Sprech­tas­ten oder ein­er automa­tis­chen Spracherken­nung. Bei let­zter­er Ver­sion hat die tra­gende Per­son bei­de Hände zum Arbeit­en frei. Hier spielt eine, der Nutzung angemesse­nen Ver­wen­dungszeit oder die Möglichkeit ein­er schnellen Ladung der Sys­teme eine wichtige Rolle, damit es zu keinem Ver­sagen kommt.

Musik bei der Arbeit?

Mit dieser Frage wage ich mich auf sehr dünnes Eis. Hier schei­den sich die Geis­ter3! Dür­fen Mitar­bei­t­ende bei der Arbeit über­haupt gegebe­nen­falls ablenk­ende Musik hören? Ich sage ganz klar: „Jein“. Auch hier ist das Zauber­wort: „Gefährdungs­beurteilung“.

Ich möchte vorne anfan­gen. Fast alle Jugendlichen und auch ältere Per­so­n­en hören gerne Musik, auch bei der Arbeit. Wenn jemand ein­fache Ohrhör­er trägt, die nicht den Lärm abschir­men, dann muss er die Musik noch lauter machen, um in deren Genuss zu kom­men. Hier­bei addieren sich Umge­bungslärm und Musik. Damit wird eine wesentlich stärkere Schädi­gung des Ohres provoziert. Diese Prak­tik ist unbe­d­ingt von den ver­ant­wortlichen Per­so­n­en zu unterbinden!

Ich nutze die Sys­teme von Iso­tunes, die eine Dämp­fung von rund 30 dB(A) gegenüber dem Umge­bungslärm ermöglichen und gle­ichzeit­ig einem mod­er­at­en Musik­genuss von max­i­mal 79 dB(A) ermöglichen. Um gehört zu wer­den, muss die Musik rund 10 dB(A) höher liegen als die Umge­bungs­geräusche. Diese Lösung kann, ger­ade bei jun­gen Men­schen, dazu führen, dass sie ihren Gehörschutz gerne tragen.

Hier zwei ein­fache Rechnung:

  • Umge­bung 92 dB(A)
  • Dämp­fung 30 dB(A)
  • Musik 10 dB(A) höher als Umgebung

92 dB(A) – 30 dB(A) + 10 dB(A) = 72 dB(A)

Hier wer­den die zuläs­si­gen Werte einge­hal­ten, also ist die Ver­wen­dung tech­nisch zulässig.

  • Umge­bung 102 dB(A)
  • Dämp­fung 30 dB(A)
  • Musik 10 dB(A) höher als Umgebung

102 dB(A) – 30 dB(A) + 10 dB(A) = 82 dB(A)

Der Wert liegt 2 dB(A) über dem unteren Aus­lösew­ert (Abbil­dung 1), somit ist die Ver­wen­dung nicht zu empfehlen.

Jet­zt geht es darum, die Gefährdungs­beurteilung weit­erzu­denken. Wenn die Wahrnehmung von Aussen­reizen notwendig ist, dann kann es zu ein­er unzuläs­si­gen Ablenkung durch Musik oder Sprache kom­men. Soll­ten Arbeit­en von Per­so­n­en aus­ge­führt wer­den, bei denen wed­er Wahrnehmung notwendig ist, noch ander­weit­ig erhöhte Aufmerk­samkeit, würde ich die Ver­wen­dung dieser Sys­teme für OK befinden.

Generell ist eine individuelle/persönliche Beurteilung notwendig. Ich kann die Vertre­tun­gen bei­der Lager „ist OK“ und „geht gar nicht“ nach erfol­gter Beurteilung der Gesamt­si­t­u­a­tion ver­ste­hen. Ich würde der „Hörkul­tur“ der Jugendlichen gerne ent­ge­genkom­men, wenn keine sicher­heit­srel­e­van­ten Bedenken beste­hen, ins­beson­dere bei monot­o­nen Tätigkeiten.

Schulung

Selb­stver­ständlich sind die Beschäftigten vor Arbeit­sauf­nahme und in geeigneten Abstän­den bezüglich der kor­rek­ten Ver­wen­dung von PSA zu schulen4. Das bet­rifft die Arbeit­en, bei denen a) ein Tra­gen notwendig ist, b) die Bere­iche, in denen PSA getra­gen wer­den muss aber auch c) wie die Sys­teme ord­nungs­gemäß ver­wen­det wer­den. Sin­nvoll sind hier ein­fache Gebrauch­san­weisun­gen mit wenig Text und geeigneten Pik­togram­men. Für die Schu­lun­gen sind die vorge­set­zten Per­so­n­en ver­ant­wortlich, nicht die Sicher­heits­beauf­tragten. Diese haben auch sich­er zu stellen, dass die Sys­tem, wo notwendig, richtig ver­wen­det werden.

Reparatur des Gehörs?

Ganz ein­fach — die gibt es nicht! Stark geschädigte oder zer­störte Haarsin­neszellen wach­sen nicht nach. Hörg­eräte sind, zumin­d­est bis jet­zt, nur eine Hil­fe. Das Hören mit ihnen muss „gel­ernt“ wer­den und entspricht nicht dem Hören des gesun­den Ohres. Zum Ler­nen gehören Rich­tung­shören, Mod­u­la­tion der Sprache, aber auch die Erken­nung von Worten.

Ein gutes Hil­f­s­mit­tel kön­nen Sys­teme sein, die ein Hören in belebter­er Umge­bung erle­ichtern. Beispiel­sweise die Fir­ma Phonak bietet eine Hil­fe an, die für Tra­gende von Hörg­eräten eine Ent­las­tung über das Sysstem „Roger“ darstellt. Hier kann mit einem zusät­zlichen Mikro­fon die Kom­mu­nika­tion erle­ichter wer­den5. Sys­teme von Cochlea kön­nen auch Per­so­n­en mit stark geschädigten Haarsin­neszellen wieder das Hören ermöglichen. Aber auch hier ist ein Hören-ler­nen notwendig, um diese Sys­teme voll zu nutzen. Ich habe auf Sem­i­naren, auch auf solchen, die ich bei Cochlea gegeben habe, Per­so­n­en ken­nen gel­ernt, die diese Implan­tate tra­gen. Alle berichteten mir von einem Prozess, der zum Teil über Jahre geht, um wieder an einem Aus­tausch mit anderen Per­so­n­en teilzuhaben. 

Und, um einem Irrglauben auszuräu­men: Hörg­eräteträger kön­nen nicht durch das Able­gen des Hörg­erätes ihr Gehör schützen! Das Gegen­teil ist der Fall, der Lärm schädigt unge­hin­dert die noch intak­ten Organe, Haarsin­neszellen, des Ohres. Die Schw­er­hörigkeit wird verschlimmert.

Fazit

Gehör kann nicht oder nur sehr begren­zt repari­ert wer­den. Daher ist das Gehör in sein­er natür­lichen Funk­tion, entsprechend der Gefährdungs­beurteilung, zu schützen. PSA kann dazu eine gute Hil­fe darstellen. Diese PSA ist, unter Nach­haltigkeit-Gesicht­spunk­ten, auszuwählen. Eine Schu­lung vor der Erstver­wen­dung und Refresh­er in geeigneten Abstän­den sind durchzuführen. Schu­lun­gen zum The­ma Gehör und PSA liegen in der Ver­ant­wor­tung des Arbeit­geben­den. Per­so­n­en sind zum Tra­gen der PSA von den vorge­set­zten Per­so­n­en anzuhal­ten und gegebe­nen­falls zu kon­trol­lieren. Gehörschutz soll der Umge­bung angepasst sein, und bei der Auswahl ist es notwendig, die betrof­fe­nen Per­so­n­en in den Prozess mit einzu­binden. Welch­es Sys­tem und, ob Musik hören bei der Arbeit in Ord­nung ist, muss im Einzelfall gek­lärt werden.

Fußnoten

1 Hier sind sin­nvoller Weise die Aspek­te der Nach­haltigkeit zu überprüfen.

2 Oto­plas­tiken wer­den für die nutzen­den Per­so­n­en indi­vidu­ell ange­fer­tigt. Dazu ist die Abfor­mung des Ohres die Grund­lage zur Her­stel­lung der Otoplastik.

3 Sibe, Sifa, Si-Ings., aber auch Führungsper­so­n­en und Kol­le­gen und Kolleginnen

4 § 12 Arbeitss­chutzge­setz: „Der Arbeit­ge­ber hat die Beschäftigten über Sicher­heit und Gesund­heitss­chutz bei der Arbeit während ihrer Arbeit­szeit aus­re­ichend und angemessen zu unterweisen“

5 https://www.phonak.com/ch/de/hoergeraete/zubehoer/roger.html


Foto: Dr. Sarah Träut­lein, sarah träut­lein design

Autor: Dipl.-Ing. FH M. Eng. Ste­fan Hugo

Sicher­heitsin­ge­nieur der BKW Gruppe

Unab­hängiger Berater für Omokeya.de

Brand­schutzin­ge­nieur

Medi­a­tor

Man­ag­er für betriebliche Gesundheit

E‑Mail: stefanhugo@yahoo.de

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