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Lärm und Gehör: Ich höre nicht, was du schon siehst

Arten des Lärms, kulturelle Besonderheiten
Lärm und Gehör — Ich höre nicht, was du schon siehst

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Zum Gehör sind ganze Bib­lio­theken geschrieben wor­den. Ich möchte auf die Auswirkung, auf unter­schiedliche, aber auch auf beruf­süber­greifende Arten des Lärms und kul­turelle Beson­der­heit­en die sich durch Lärm ergeben, einge­hen. Manche dieser Beson­der­heit­en sind expliz­it von den Betrof­fe­nen gewollt! Weit­er­hin möchte ich diverse Lösun­gen, deren Gren­zen und Chan­cen beleuchten.

Glück­licher­weise hat sich in den let­zten Jahrzehn­ten in Bezug auf Gehör, Gehörschutz und das Bewusst­sein im Arbeits­bere­ich viel geän­dert. Ich kann mich dran erin­nern, dass mir mit 15 Jahren eine Hilti oder ein Trennschleifer in die Hand gedrückt wurde, und wenn ich eine Schutzbrille bekom­men habe, war ich schon ganz weit vorne. Einen Gehörschutz gab es in der Werk­statt; aber der stammte noch aus der Kaiserzeit, war vol­lkom­men ver­dreckt und in kein­er Weise für seinen Zweck, dem Schutz des Gehörs, nutzbar.

Lärm in der Freizeit

Ich bin viel mit den öffentlichen Verkehrsmit­teln unter­wegs und wenn ich die Leute auf dem Bahn­hof, in der Bahn oder in den Bussen beobachte, dann sehe und höre ich, dass rund die Hälfte der Men­schen einen Kopfhör­er oder ihre Ear­Phones auf oder in den Ohren haben.

Musik oder Hör­büch­er hören ist ein guter Zeitvertreib, eine angenehme Begleit­er­schei­n­ung im All­t­ag. Das wer­den die wenig­sten in Frage stellen. Auch kön­nen bes­timmte Entwick­lun­gen, die mit Lärm zu tun haben, nicht umgekehrt wer­den — aber es gibt Möglichkeit­en, die neg­a­tiv­en Auswirkun­gen zu reduzieren. Die WHO1 warnt, dass rund „1,1 Mil­liar­den junge Men­schen, zwis­chen 12 und 35 Jahren, […] auf­grund von Lärm in Freizeit­ein­rich­tun­gen einem Hörver­lus­trisiko aus­ge­set­zt sind oder aus­ge­set­zt wer­den.“2

Wie funktioniert unser Gehör?

Hier ist Grund­wis­sen abso­lut notwendig, um Gefahren und Möglichkeit­en der Präven­tion zu ver­ste­hen und, um die betrof­fe­nen Beschäftigten und auch Führungskräfte zu informieren, zu beraten.

Schall gelangt ans Ohr, wird über die Ohrmuschel in den äußeren Gehör­gang geleit­et und trifft auf das Trom­melfell. Im Innenohr leit­et das Trom­melfell (wirk­lich ähn­lich ein­er Trom­mel) den Schall über die drei kle­in­sten Knochen, Ham­mer, Amboss und Steig­bügel, unseres Kör­pers, über das ovale Fen­ster weit­er in das Innenohr. Im Innenohr, das die Form ein­er Sch­necke hat, wird eine Flüs­sigkeit zum Schwin­gen gebracht, die wiederum die feinen Haarsin­neszellen, die Zilien, in Bewe­gung bringt. Diese Haarsin­neszellen leit­en über den Gehörn­erv die Sig­nale, nun elek­trisch kodiert, an das Gehirn (S. Abb. 1)

Eine Unter­brechung, gle­ich an welch­er Stelle, behin­dert den Prozess oder macht das Hören gar unmöglich.

Zilien stelle ich mir wie See­gras vor, welch­es im Wass­er hin und her schwingt. Wenn es einen Sturm gibt, in Form von länger anhal­tenden laut­en Geräuschen oder sehr lautem Impul­slärm, bedeutet das für unsere Zilien, dass mit Gewalt geschüt­telt wer­den, sie zu Boden gedrückt wer­den oder abbrechen können.

Das Gehör kann sich regener­ieren, wenn aus­re­ichend lange Pausen ein­gelegt wer­den, in denen es keinen oder nur mod­er­at­en Geräuschen aus­ge­set­zt ist. Sind die Zilien nach­haltig geschädigt oder zer­stört, so kön­nen diese nicht mehr repari­ert wer­den! Für den Arbeit­sall­t­ag sollen bes­timmte, durch den Geset­zge­ber, definierte Lärmw­erte nicht über­schrit­ten wer­den. Diese sind mit dem Expo­si­tion­slev­el (Lex, 8h und Lex, 40h) gekennze­ich­net. Das bedeutet, sie gel­ten für den 8 Stun­den Arbeit­stag oder die 40 Stun­den Arbeitswoche.

Tab. 1: Zuläs­sige Gren­zw­erte nach DGUV Infor­ma­tion 209–002, Feb­ru­ar 2017

Gefährdungsbeurteilung

In der Gefährdungs­beurteilung3 ist durch den Arbeit­geben­den auf die Tätigkeit bezo­gen zu beurteilen, ob diese Gren­zw­erte einge­hal­ten wer­den. Wenn die Werte über­schrit­ten wer­den, so ist das STOP-Prinzip4 anzuwen­den. Hier ist es wichtig, die Beschäftigten mit einzu­binden, um das Tra­gen des Gehörschutzes zu begün­sti­gen. Die Erfahrung zeigt, dass Beteiligte dazu eher bere­it sind, als wenn ein­fach etwas von der Führungsper­son vorgegeben wird. Ins­beson­dere Gehörschutz ist nicht unbe­d­ingt der „Liebling“ von Beschäftigten.

  • Sub­sti­tu­ieren, das kann durch verän­derte Ver­fahren in der Pro­duk­tion geschehen, wie Kleben anstatt Nieten oder durch angepasste Maschi­nen, Elek­tro­mo­toren statt Verbrenner,
  • Tech­nis­che Maß­nah­men, die berühmten lärm­re­duzieren­den Säge­blät­ter oder durch Schalldämpfer auf Waf­fen, die die Laut­stärke am Entste­hung­sort reduzieren,
  • Organ­isatorisch, durch Aufteilung von Arbeits­bere­ichen, Bank- und Maschi­nen­raum in der Tis­chlerei, oder durch Rota­tion der Beschäftigten an laut­en Maschi­nen, kön­nen lär­minten­sive Zeit­en begren­zt werden,
  • Per­sön­lich, erst wenn alle Möglichkeit­en aus­geschöpft sind, dann ist die PSA das let­zte oder ein ergänzen­des Mit­tel, um die Gesund­heit des Gehörs zu erhalten.

Nicht immer sind die Übergänge des STOP-Prinzips ganz Trennscharf zu definieren. Teil­weise gibt es fließende Übergänge.

Gefahren, denen unser Gehör ausgesetzt ist im Arbeits(alltag)

Dauer­lärm

Das kann sein, dass Fahrzeugführende in ein­er laut­en Mas­chine den ganzen Tag gle­ich­bleiben­dem aber doch rel­a­tiv hohen Werten aus­ge­set­zt sein kön­nen, ins­beson­dere bei alten Fahrzeu­gen. Ich denke jed­er würde sich wun­dern, wie hoch die Werte in gewöhn­lichen Bahn­abteilen5 sind. In ein­er Schlosserei hinge­gen ist allen klar, dass die Werte in der Regel gle­ich­bleibend hoch sind, oft gepaart mit Spitzenwerten.

Impul­slärm

Impul­slärm, zu Beispiel beim Schießen (gröss­er 150 dB (A)), kann durch das Bear­beit­en von Met­all­teilen mit Häm­mern, durch das Arbeit­en mit Maschi­nen oder auf Baustellen durch Bohrhäm­mer gehörge­fährliche Spitzen­werte erre­ichen. Eine rel­e­vante Rolle spie­len hier­bei Trennschleifer, bei denen oft Lärmw­erte gröss­er 100 dB (A) (nur das Maschi­nengeräusch ohne Bear­beitungslärm!) oder auch Press­lufthäm­mer und Nietwerkzeuge haben. Impul­slärm kann aber auch in Fahrrad­w­erk­stät­ten durch das Platzen eines Reifens auftreten. Ger­ade dieses Geräusch kann so immens laut sein, das Betrof­fene, und das kön­nen alle Per­so­n­en in der Werk­statt sein, nach­haltig unter einem Knall­trau­ma lei­den. Das kann Langzeit­fol­gen, gegebe­nen­falls mit Tin­ni­tus6, Hörsturz7 und anderen, Begleit­er­schei­n­un­gen nach sich ziehen.

Impuls- und Dauerlärm

Ganz ver­trackt wird es, wenn eine Kom­bi­na­tion der bei­den Lär­marten zusam­menkommt. Dann sind gegebe­nen­falls auch Kom­bi­na­tio­nen von Gehörschutz­maß­nah­men notwendig.

Lärm mit dem Erkennen von Signalen gekoppelt

In einem laut­en Bere­ich, in dem Sig­nale oder Fahrzeuge akustisch wahrgenom­men wer­den müssen, sind spezielle Anforderun­gen an den Lärm­schutz zu stellen oder zusät­zliche Mass­nah­men zu ergreifen, um die Beschäftigten zu schützen. Wenn eine Ver­ringerung des Lärms gar nicht oder nur bed­ingt möglich ist, so kön­nen optis­che Warn­sys­teme sin­nvoll sein oder es wer­den sprachüber­tra­gende Gehörschutzsys­teme ver­wen­det. Beispiele für diese Bere­iche kön­nen Arbeit­en im Straßen- oder Schienen­bere­ich oder Arbeit­en in denen Per­so­n­en zusam­me­nar­beit­en und sich ver­ständi­gen müssen sein. Generell soll der Gehörschutz entsprechend des Anwen­dungs­falls dimen­sion­iert wer­den, das bedeutet eine aus­re­ichende Schutz­fuk­tion ist notwendig aber er sollte auch nicht überdi­men­sion­iert wer­den. Damit so viel wie möglich von wichti­gen Aus­sen­geräuschen, z. B. Warnsignale, gehört wer­den kann.

Ungewöhnliche Bereiche

Nicht nur in Handw­erk­lich-Indus­triellen Bere­ichen gibt es schädi­gen­den Lärm. Auch in Bere­ichen, in denen erst ein­mal nicht damit zu rech­nen ist, kann es sehr/unzulässig laut wer­den. Hier ist nicht das Einzel­büro gemeint, aber bei zwei Per­so­n­en im sel­ben Raum, von denen eine Per­son gerne Radio hört, kann eine Schädi­gung der anderen Per­son vor­pro­gram­miert sein. Vielle­icht nicht durch die Laut­stärke aber gegebe­nen­falls durch die Ablenkung, die die Konzen­tra­tion auf die Arbeit sehr anstren­gend oder unmöglich machen kann. Großraum­büros, Neudeutsch auch pro­saisch als Land­schafts­büros beze­ich­net, sind oft durch einen hohen Lärm­pegel gekennze­ich­net. Dieser kann in Call-Cen­tern bis zum kom­plet­ten (Lärm) Chaos ausat­men. Dass auch Fach­per­son­al im Kinder­garten hohen Laut­stärken, sowohl Dauer- als auch Impul­slärm, aus­ge­set­zt sein kann, wird jede Per­son bestäti­gen die dort schon gear­beit­et, aus­ge­holfen oder sich länger aufge­hal­ten hat. Eben­so kön­nen Schulen, im Klassen­raum aber auch im Speise- oder Pausen­bere­ich, unan­genehm laut sein. Wichtig ist, dass es dabei nicht so ist, dass die einzel­nen Kinder/Jugendliche sehr laut sind oder sein müssen, son­dern hier ist es die Summe der Men­schen. Das resul­tiert daraus, dass sich Lärmw­erte log­a­rith­misch addieren.

Ein Beispiel:

  • eine Mas­chine = 85 dB (A),
  • zwei Maschi­nen = 88 dB (A)

3 dB entsprechen ein­er Ver­dop­pelung der Lautstärke!

Auswirkungen von Lärm

Physisch

Was bewirkt Lärm bei uns? Sich­er, der Ver­lust des Gehörs kann eine physis­che Folge sein. „Seis drum“, sagt der eine oder die andere: „Dann bekomme ich nicht mehr alles Über­flüs­sige mit.“ Aber so ein­fach ist das nicht. Kör­per­liche Fol­gen kön­nen Tin­ni­tus8, Schmerzen, Gle­ichgewichtsstörun­gen und anderes sein.

Wenn zudem eine „Schw­er­hörigkeit über län­gere Zeit [beste­ht], wer­den die für diese Fre­quen­zen und Laut­stärken zuständi­gen Ner­ven­zellen der Hör­bahn und Hör­rinde im Gehirn nicht mehr durch Impulse gereizt und gefordert. Ner­ven­zellen, die weniger oder gar nicht mehr gebraucht wer­den, schal­ten zunehmend ihre Verbindun­gen zu benach­barten Zellen ab […]. Beste­ht dieser Zus­tand über eine län­gere Zeit, so ist der Ver­lust nahezu irre­versibel, der Betrof­fene hat fak­tisch vergessen, wie eigentlich gehört wer­den muss.“9

Psy­chisch

Zu den physis­chen Auswirkun­gen kön­nen Psy­chis­che hinzukom­men. Aus­gren­zung in Form von Iso­la­tion auf Ver­anstal­tun­gen und Tre­f­fen sind nicht ungewöhn­lich. Ich habe erlebt, dass sich gesel­lige Per­so­n­en immer weit­er zurück­ge­zo­gen haben, weil sie gemieden wur­den. Die Gespräche mit solchen Per­so­n­en waren sehr ein­seit­ig, sie haben erzählt; aber da sie nicht, oder nur rudi­men­tär ver­standen haben, was das Gegenüber sagte, sind sie darauf nicht einge­gan­gen. Das bedeutet eine Teil­habe an der Gesellschaft ist eingeschränkt, weil die Kom­mu­nika­tion mit „Schw­er­höri­gen“ als anstren­gend emp­fun­den wer­den kann.

Arbeitgebende

Natür­lich hat dies auch Auswirkun­gen auf die Arbeit­geben­den. Nicht nur, dass qual­i­fizierte Per­so­n­en eventuell nicht mehr geeignet sind bes­timmte Arbeit­en auszuführen, weil sie Warnsignale nicht mehr hören oder eine kon­struk­tive Kom­mu­nika­tion mit den anderen Beschäftigten nicht mehr möglich ist. Auch der Aus­fall von Per­so­n­en, weil sie psy­chisch angeschla­gen sind, hat Auswirkun­gen auf die Ressourcen der Arbeitgebenden.

Im zweit­en Teil des Beitrags geht es vor allem um die ver­schiede­nen Lösun­gen für den Lärm- und Gehörschutz.


Fußnoten:

1 World Health Orga­ni­za­tion WHO

2 https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/deafness-and-hearing-loss

3 Arbeitss­chutzge­setz vom 7. August 1996 (BGBl. I S. 1246), das zulet­zt durch Artikel 293 der Verord­nung vom 19. Juni 2020 (BGBl. I S. 1328) geän­dert wor­den ist

4 STOP-Prinzip = Sub­sti­tu­tion (Ersatz, Auswech­slung), Tech­nis­che Maß­nah­men, Organ­isatorische Maß­nah­men und Per­so­n­en- und ver­hal­tens­be­zo­gene Sicherheitsmaßnahmen

5 Meine Mes­sun­gen liegen teil­weise über 88 dB (A) Dauerlärm

6 Ein Ton, oft ein Pfeifen oder Klin­geln, wird ohne eine reale Schal­lquelle von der betrof­fe­nen Per­son wahrgenom­men. Dieses Geräusch ist für andere Per­so­n­en nicht zu hören.

7 Ein Hörsturz (Ohrin­farkt), sollte sehr schnell, inner­halb von 24 Stun­den nach Auftreten, medi­zinisch behan­delt wer­den, um ein­er langfristi­gen Schädi­gung des Gehörs vorzubeu­gen. Ein plöt­zlich­er Hörver­lust ist ein Symp­tom für einen Hörsturz

8 Tini­tus (Lateinisch tin­niere = klin­geln), gle­ich­mäs­siges oder tem­poräres Klingeln/Geräusche im Ohr sein. Das Geräusch kann gle­ich­mäs­sig stark bleiben aber auch zunehmen. HNO-Ärtze im Netz. https://www.hno-aerzte-im-netz.de/krankheiten/tinnitus/was-ist-ein-tinnitus.html

9 HNO-Ärtze im Netz. https://www.hno-aerzte-im-netz.de/unsere-sinne/hoeren.html


Foto: Dr. Sarah Träut­lein, sarah träut­lein design

Autor: Dipl.-Ing. FH M. Eng. Ste­fan Hugo, Sicher­heitsin­ge­nieur der BKW Gruppe, Unab­hängiger Berater für Omokeya.de, Brand­schutzin­ge­nieur, Medi­a­tor, Man­ag­er für betriebliche Gesundheit

E‑Mail: stefanhugo@yahoo.de

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