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Selbstwert und Arbeit

Selbstwert und Arbeit
Illegitime Aufgaben – was hat das mit Arbeitsschutz zu tun?

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Aufgaben, die von Mitarbeitern als unzumutbar erlebt werden, haben vielfältige negative Auswirkungen. Foto: © luismolinero – stock.adobe.com
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Als ille­git­ime Auf­gaben wer­den solche Auf­gaben beze­ich­net, die man von einem Beschäftigten eigentlich nicht erwarten kann. Dies kann daran liegen, dass sie als ver­mei­d­bar – und somit unnötig – ange­se­hen wer­den, oder dass sie als unzu­mut­bar emp­fun­den wer­den, da sie der eige­nen beru­flichen Rolle nicht entsprechen. Der Artikel stellt das Konzept dar und beschreibt, inwiefern es für Sifas wichtig sein kann.

In der psy­chol­o­gis­chen Forschung gibt es das soge­nan­nte „Stress-as-Offense-to-Self-Konzept“, das an der Uni­ver­sität Bern entwick­elt wurde (Sem­mer et al., 2013). Über­set­zt heißt es „Stress durch einen Angriff auf das Selb­st“. Was besagt nun dieses Konzept? Zunächst sollen hier­für einige Begriffe gek­lärt werden.

Selbst, Selbstkonzept und Selbstwert

Das Selb­st umfasst selb­st­be­zo­gene Wis­sens- und Gedächt­nis­repäsen­ta­tio­nen (Selb­stkonzept) sowie deren Bew­er­tun­gen durch die Per­son (Selb­st­wert) (Mößle & Loepthien, 2020).

Etwas ein­fach­er aus­ge­drückt geht es beim Selb­stkonzept um das Bild von sich selb­st und zum Beispiel um fol­gende Fragen:

  • Welche Merk­male machen mich aus?
  • Welche Ver­hal­tensweisen sind typ­isch für mich?
  • Was mache ich gern und was nicht?
  • Was gefällt mir und was nicht?

Der Selb­st­wert ist die Bew­er­tung dieses Bildes von sich selb­st. Man spricht auch von Selb­st­wert­ge­fühl (Schütz & Röh­n­er. 2020). Es geht hier­bei also um die Ein­stel­lung gegenüber sich selb­st. Grund­sät­zlich haben Men­schen ein Bedürf­nis nach möglichst pos­i­tiv­er Selb­st­be­w­er­tung und möcht­en ihr Selb­st­wert­ge­fühl schützen und erhöhen. Alle Infor­ma­tio­nen, die das Selb­stkonzept eines Men­schen bee­in­flussen, kön­nen das Selb­st­wert­ge­fühl erhöhen oder ver­ringern. Per­so­n­en suchen nach pos­i­tiv­en (selb­st­wert­di­en­lichen) Infor­ma­tio­nen über sich und ver­suchen, neg­a­tive (selb­st­wertbedrohliche) Aus­sagen über sich selb­st zu ver­mei­den (Lexikon der Psy­cholo­gie, 2020). Anerken­nung durch andere Per­so­n­en – und eine damit ver­bun­dene Selb­st­wert­er­höhung – befriedigt ein grundle­gen­des men­schlich­es Bedürf­nis. Der Schweiz­er Psy­chologe Nor­bert Sem­mer hat nun das Gegen­teil hier­von, das heißt die „Selb­st­wertbedro­hung“ zu einem The­ma in der arbeit­spsy­chol­o­gis­chen Stress­forschung gemacht.

SOS-Konzept

Das Stress-as-Offense-to-Self-Konzept (SOS) geht zunächst davon aus, dass Stress entste­ht, wenn die Erre­ichung wichtiger Ziele bedro­ht ist, und dass der Erhalt eines pos­i­tiv­en Selb­st­werts ein wichtiges Ziel ist (Sem­mer et al., 2007). Der Selb­st­wert ein­er Per­son wird zum einen bedro­ht, wenn sie Mis­ser­folge erlebt, deren Ursache sie in ihrem eige­nen Ver­hal­ten sieht, zum Beispiel auf­grund man­gel­nder Fähigkeit­en oder zu geringer Anstrengung.

Der Selb­st­wert eines Men­schen wird aber nicht nur durch die eige­nen Erfolge oder Mis­ser­folge bes­timmt, son­dern auch durch das Ver­hal­ten ander­er Men­schen uns gegenüber. Sie kön­nen uns respek­tvoll und wertschätzend behan­deln oder uns ger­ingschätzen beziehungsweise missachten.

Mis­sach­tung beziehungsweise man­gel­nde Wertschätzung kann zum einen sehr direkt aus­ge­drückt wer­den, zum Beispiel indem man ange­grif­f­en oder lächer­lich gemacht wird. Man­gel­nde Wertschätzung kann aber auch indi­rekt aus­gerückt wer­den, zum Beispiel durch soge­nan­nte „ille­git­ime Auf­gaben“. Hier­bei han­delt es sich um Auf­gaben, die als unnötig oder unzu­mut­bar emp­fun­den wer­den. Ihr Zusam­men­hang zur man­gel­nden Wertschätzung wird im Fol­gen­den dargestellt.

Zumutbar versus unzumutbar

Der Ursprung des Konzepts der „ille­git­i­men Auf­gaben“ liegt in der Beobach­tung, dass Men­schen bes­timmte Auf­gaben als typ­isch für ihre Arbeit sehen bzw. ihrer Arbeit zuge­hörig und dass diese Auf­gaben wenig belas­tend oder sog­ar motivierend erlebt wer­den, auch wenn sie zum Beispiel zeitaufwendig und anstren­gend sind.

Andere Auf­gaben hinge­gen wer­den als unzu­mut­bar erlebt und sie führen zu erhöhtem Stresser­leben, auch wenn sie sich schnell erledi­gen lassen und ein­fach durch­führbar sind.

Welche Tätigkeit­en bzw. Auf­gaben als zur Rolle gehörend und welche als über­flüs­sig bzw. unzu­mut­bar erlebt wer­den, hängt jew­eils von der beru­flichen Iden­tität ab. So kann beispiel­sweise eine Pflegekraft aufwendi­ge Doku­men­ta­tion­sauf­gaben als unzu­mut­bar anse­hen, da sie – gemäß ihrer beru­flichen Rolle – lieber Patien­ten pfle­gen möchte. Eine Qual­itäts­man­age­ment-Beauf­tragte hinge­gen sieht Doku­men­ta­tion­sauf­gaben als zu ihren Auf­gaben gehörig an und sie erlebt diese als befriedi­gend und motivierend. Oder eine Fachkraft für Arbeitssicher­heit sieht die Beschäf­ti­gung mit tech­nis­chen Män­geln als eine wichtige Auf­gabe an, die Beschäf­ti­gung mit psy­chis­chen Belas­tun­gen jedoch nicht, da sie doch ein Tech­niker bzw. Inge­nieur und kein Psy­chologe ist.

Was wir also als zu unser­er beru­flichen Rolle zuge­hörig sehen, ist von Pro­fes­sion zu Pro­fes­sion unter­schiedlich, jedoch scheint es Übere­in­stim­mungen inner­halb eines Berufes zu geben.

Illegitime Aufgaben

Ille­git­ime Auf­gaben sind nicht ille­gal oder unmoralisch. Ille­git­ime Auf­gaben sind solche, die in einem bes­timmten Kon­text als unnötig oder als unzu­mut­bar emp­fun­den wer­den, in einem anderen Kon­text möglicher­weise aber dur­chaus als notwendig und zumut­bar bzw. sog­ar sin­nvoll emp­fun­den werden.

Unnötige Auf­gaben sind diejeni­gen, die als sinn­los emp­fun­den wer­den oder die nicht gemacht wer­den müssten, wenn an anderen Stellen bess­er gear­beit­et wor­den wäre. Unzu­mut­bare Auf­gaben sind diejeni­gen, die nicht zur eige­nen beru­flichen Rolle gehören und somit von jemand anderem aus­ge­führt wer­den soll­ten (bei dem sie zur beru­flichen Rolle gehören). Die Gren­zen zwis­chen „unnötig“ und „unzu­mut­bar“ sind nicht immer ein­deutig (Sem­mer et al., 2013). Ille­git­ime Auf­gaben kön­nen von Beschäftigten als man­gel­nde Wertschätzung erlebt wer­den, da das Gefühl entste­hen kann, etwas Sinnlos­es tun zu müssen oder z.B. mit unnöti­gen Auf­gaben „bestraft“ zu werden.

Zurück zum Stress: Ille­git­ime Auf­gaben ver­let­zen unsere beru­fliche Iden­tität und bedro­hen unseren Selb­st­wert, was wiederum zu Stress führen kann. Unter­suchun­gen zeigen, dass ille­git­ime Auf­gaben einhergehen

  • mit einem gerin­geren Selbstwert,
  • ein­er Ver­schlechterung des Befindens,
  • stärk­eren Ressen­ti­ments gegenüber der eige­nen Organisation,
  • ver­mehrtem kon­trapro­duk­tiv­en Ver­hal­ten (z.B. Pausen überziehen, Arbeit­szeit für pri­vate Zwecke nutzen),
  • mehr Schlaf­prob­le­men,
  • höherem Stressempfind­en
  • und mehr Burnout (Sem­mer et al., 2013).

Ille­git­ime Auf­gaben kön­nen somit zu neg­a­tiv­en gesund­heitlichen Effek­ten für die Beschäftigten aber auch zu ungün­sti­gen Fol­gen für die gesamte Organ­i­sa­tion führen. Aus diesem Grund kann es sin­nvoll sein, sie inner­halb des The­menge­bi­ets der psy­chis­chen Belas­tun­gen zu betrachten.

Zur Erfas­sung des Aus­maßes ille­git­imer Auf­gaben gibt es einen Frage­bo­gen – die Bern Ille­git­i­mate Tasks Scale“ (BITS, Sem­mer et al., 2006). Der Frage­bo­gen enthält zum Beispiel fol­gende Fragen:

Gibt es Arbeit­sauf­gaben in Ihrem Arbeit­sall­t­ag, bei denen Sie sich fra­gen, ob…

  • … diese über­haupt gemacht wer­den müssen?
  • … diese nicht gemacht wer­den müssten (oder mit einem gerin­geren Aufwand erledigt wer­den kön­nten), wenn es anders organ­isiert wäre?
  • … diese nur existieren, weil andere es ein­fach so wollen?

Gibt es Arbeit­sauf­gaben in Ihrem Arbeit­sall­t­ag, bei denen Sie der Mei­n­ung sind, dass…

  • … diese jemand anders machen sollte?
  • … es unfair ist, dass Sie diese machen müssen?

Bedeutung des SOS-Modells für Fachkräfte für Arbeitssicherheit?

Noch ein­mal kurz zusam­menge­fasst: Das Stress-as-Offense-to-Self-Konzept (SOS) geht davon aus, dass Stress entste­ht, wenn der Selb­st­wert bedro­ht wird – und das ist bei den soge­nan­nten ille­git­i­men Auf­gaben der Fall. Ille­git­ime Auf­gaben sind solche, die als unnötig emp­fun­den wer­den oder als unzu­mut­bar, weil sie der beru­flichen Rolle nicht entsprechen. Let­z­tendlich kön­nen ille­git­ime Auf­gaben vor allem dadurch Stress aus­lösen, dass sie Aus­druck man­gel­nder Wertschätzung sind.

Für Sifas kann dieses Wis­sen wertvolles „Hin­ter­grund-Wis­sen“ darstellen. „Zu wenig Per­son­al“ und „hoher Zeit­druck“ oder auch „geringe Wertschätzung“ sind Fehlbe­las­tun­gen, die sich in vie­len Gefährdungs­beurteilun­gen psy­chis­ch­er Belas­tun­gen zeigen. Bei den Maß­nah­men stellt man dann fest, dass die Beschäftigten Teile ihrer Arbeit aber gar nicht abgeben wollen, obwohl sie eigentlich zu viel Arbeit haben. Dies kann daran liegen, dass diejeni­gen Auf­gaben, die dann andere übernehmen sollen, ger­ade die sind, die zur beru­flichen Kern­rolle gehören. Es kann hil­fre­ich sein, dass sich Beschäftigte und Führungskräfte mit ihren jew­eili­gen Rollen bzw. ihrer Sicht darauf auseinan­der­set­zen – was gehört für mich als Beschäftigter zu meinen Auf­gaben und was gehört aus Sicht mein­er Führungskraft oder auch ander­er Per­so­n­en dazu (und was vielle­icht nicht)? Stellt man bei einem solchen Ver­gle­ich fest, dass es deut­liche Abwe­ichun­gen gibt, sollte man daran arbeit­en, wie sich die jew­eili­gen Vorstel­lun­gen aneinan­der angle­ichen lassen.

Mit diesem SOS-Konzept lässt sich auch leichter nachvol­lziehen, warum Men­schen sich manch­mal mit Verän­derun­gen schw­er tun: Sie sehen verän­derte oder neue Auf­gaben nicht als zu ihrer beru­flichen Rolle gehörend an. Neue oder verän­derte Aufgaben(bereiche) kön­nen let­z­tendlich zu ein­er Selb­st­wertbedro­hung und dem Gefühl man­gel­nder Wertschätzung führen. Unser Selb­st­wert wird bedro­ht, da wir möglicher­weise Auf­gaben übernehmen sollen, für die wir nicht hin­re­ichend qual­i­fiziert sind oder die wir als irrel­e­vant betra­cht­en und somit unsere Zeit mit „unwichti­gen Din­gen ver­plem­pern“. Das Gefühl man­gel­nder Wertschätzung kann entste­hen, wenn wir z.B. denken „War denn früher alles schlecht, was ich gemacht habe? Ist das jet­zt gar nichts mehr wert?“ oder auch weil wir Auf­gaben „übergestülpt“ bekom­men, die wir als „Stra­far­beit“ empfinden.

Diese Prozesse und Gedanken haben einige Sifas möglicher­weise „am eige­nen Leib“ miter­lebt: Als 2013 mit der Änderung des Arbeitss­chutzge­set­zes die psy­chis­chen Belas­tun­gen in den Fokus rück­ten, passte dieser Auf­gaben­bere­ich nicht für alle zur Kern­rolle ein­er Fachkraft für Arbeitssicher­heit. Inzwis­chen hat sich in diesem Bere­ich viel geän­dert und das The­ma hat bere­its in der Aus­bil­dung zur Fachkraft für Arbeitssicher­heit einen höheren Stel­len­wert bekommen.

Fazit

Die gedankliche Auseinan­der­set­zung mit der eige­nen Rolle und den dazuge­höri­gen Auf­gaben sowie der Aus­tausch mit Kol­legin­nen und Kol­le­gen und Führungskräften kön­nen helfen, Quellen psy­chis­ch­er Fehlbe­las­tun­gen zu iden­ti­fizieren und zu reduzieren. Umgekehrt impliziert das SOS-Konzept auch, dass die Förderung des Selb­st­werts eine große Ressource für die Beschäftigten darstellt, die zu psy­chis­ch­er Gesund­heit beitra­gen kann.

Lit­er­atur

  • Lexikon der Psy­cholo­gie (2020). Selb­st­wert­ge­fühl, zulet­zt abgerufen am 29.1.20 unter https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/selbstwertgefuehl/14003
  • Mößle, R. & Loepthien, T. (2020). Selb­st. In M. A. Wirtz (Hrsg.), Dorsch – Lexikon der Psy­cholo­gie. Zulet­zt abgerufen am 29.01.20 unter von https://portal.hogrefe.com/dorsch/selbst/
  • Schütz, A. & Röh­n­er, J. (2020). Selb­st­wert. In M. A. Wirtz (Hrsg.), Dorsch – Lexikon der Psy­cholo­gie. Zulet­zt abgerufen am 29.01.20 unter https://portal.hogrefe.com/dorsch/selbstwert/
  • Sem­mer, N., Jacob­sha­gen, N., Meier, L. (2006). Arbeit und (man­gel­nde) Wertschätzung. Wirtschaft­spsy­cholo­gie, 2, 87–95.
  • Sem­mer N., Jacob­sha­gen N., Meier L., Elfer­ing A., Kälin W., Tschan F. (2013). Psy­chis­che Beanspruchung durch ille­git­ime Auf­gaben. In: B. Jung­hanns & G. Morschhäuser M. (eds), Immer schneller, immer mehr. Springer VS, Wies­baden, 97 – 112.

Foto: © SRH

Autorin: Prof. Dr. Hiltraut Paridon 
Pro­fes­sorin für Medizinpädagogik

SRH Hochschule für Gesund­heit, Gera

E‑Mail: hiltraut.paridon@srh.de

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