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Infektionen in der Schwangerschaft

Mutterschutz am Arbeitsplatz
Infektionen in der Schwangerschaft

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Impfungen sind ein adäquates Mittel zur Vorbeugung vieler Infektionen während der Schwangerschaft. Foto: © miss_mafalda – stock.adobe.com
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Während der Schwanger­schaft kön­nen Infek­tio­nen zu schw­er­wiegen­den Fol­gen führen. Dieser Beitrag nimmt eine Risikoein­schätzung für einige Erreger vor und beschreibt, was Fachkräfte für Arbeitssicher­heit dazu wis­sen soll­ten.

Nach dem Mut­ter­schutzge­setz (MuSchG) muss der Arbeit­ge­ber jeden konkreten Arbeit­splatz über­prüfen, ob eine „unver­ant­wort­bare Gefährdung“ für die wer­dende Mut­ter vor­liegt. Er muss also abschätzen, an welchen Arbeit­splätzen Risiken vor­liegen, die über das nor­male Risiko hin­aus­ge­hen. Auf der Grund­lage epi­demi­ol­o­gis­ch­er Dat­en und vorhan­de­nen Gefährdungspoten­zials soll­ten Betriebe ide­al­er­weise „Risikosteck­briefe“ vorhal­ten, die von Fach­leuten erstellt und ständig aktu­al­isiert wer­den (siehe Kas­ten oben auf der fol­gen­den Seite). Zum jet­zi­gen Zeit­punkt liegen diese Risikosteck­briefe jedoch noch nicht vor, so dass Arbeit­ge­ber nicht auf aktuelle Infor­ma­tio­nen zurück­greifen kön­nen.

Der Beitrag ver­sucht, diese Lücke zu füllen, indem er eine Risikoein­schätzung für bes­timmte Erreger vorn­immt (siehe Tabelle 1). Mit Röteln und Zytome­galie wer­den zwei Virus­in­fek­tio­nen aus­führlich­er behan­delt: Röteln, da sie im MuSchG namentlich erwäh­nt wer­den, Zytome­galie, weil die Infek­tion mit dem CMV-Virus die häu­fig­ste während der Schwanger­schaft über­tra­gene Infek­tion in Indus­trielän­dern darstellt.

Röteln

Röteln sind eine rel­a­tiv harm­lose, oft symp­tomarm ver­laufende Virus­in­fek­tion; möglich sind Hau­tauss­chlag und zum Teil auch Gelenkentzün­dun­gen. Die Infek­tion erfol­gt über Tröpfchen aus dem Rachen­raum erkrank­ter Per­so­n­en. Röteln haben eine rel­a­tiv geringe Infek­tiosität. Die Tat­sache, dass sie im MuSchG namentlich erwäh­nt wer­den, ist ver­mut­lich darauf zurück­zuführen, dass Röteln das höch­ste bekan­nte Risiko für eine Fruchtschädi­gung mit sich brin­gen. Bei ein­er Infek­tion in den ersten
18 Schwanger­schaftswochen sind erkrank­te Kinder schw­er­st­geschädigt und häu­fig nicht lebens­fähig (Röteln-Embry­opathiesyn­drom).

Wie in den meis­ten anderen (außer-)europäischen Indus­trielän­dern, kom­men Röteln auch in Deutsch­land prak­tisch nicht mehr vor. Hierzu­lande wer­den zwar noch wenige Fälle pro Jahr an das Robert-Koch-Insti­tut über­mit­telt, dabei han­delt es sich aber ver­mut­lich um Lab­o­rarte­fak­te. Es gibt daher aktuell keine definierten Arbeit­splätze mit erhöhtem Expo­si­tion­srisiko für Röteln in Deutsch­land. Soll­ten Fälle importiert wer­den, ist auf­grund der hohen Durchimp­fungsrate und der niedri­gen Infek­tiosität des Rötel­nvirus nicht mit einem epi­demis­chen Aus­bruch zu rech­nen. Diese Sit­u­a­tion würde sich nur ändern, wenn die Rate der Imp­fun­gen im Kinde­salter mas­siv abn­immt.

Die beste Präven­tion­s­möglichkeit gegen Röteln liegt also in der Imp­fung vor der Schwanger­schaft (MMR-Impf­stoff): Infek­tio­nen kom­men selb­st nach nur ein­ma­liger Imp­fung sehr sel­ten vor, die emp­foh­lene zweifache Imp­fung hat eine Schutzrate von nahezu 100 Prozent. Liegt keine Impf­doku­men­ta­tion vor, kann ein Röteln-IgG-Test (IgG: Immun­glo­bin, Röteln-Antikör­p­er) durchge­führt wer­den. Fällt der Test pos­i­tiv aus, darf ein Immun­schutz angenom­men wer­den. Ist das IgG neg­a­tiv, liegt häu­fig den­noch ein Schutz vor. Es ist daher nicht empfehlenswert, bei vorhan­den­er Impf­doku­men­ta­tion eine Tes­tung durchzuführen.

Zytomegalie

Eine Infek­tion mit dem Zytome­galie-Virus (CMV) verur­sacht bei gesun­den Men­schen für gewöhn­lich keine oder nur sehr geringe Symp­tome wie einen grip­palen Infekt, Lym­ph­knoten­schwellun­gen oder Leber­entzün­dun­gen. Die Infek­tion erfol­gt durch Kon­takt mit Spe­ichel, Urin oder Blut von Per­so­n­en, die das Virus auss­chei­den (zum Beispiel Säuglinge, Kleinkinder). Unge­fähr die Hälfte der Erwach­se­nen in Deutsch­land ist noch empfänglich für eine Erstin­fek­tion mit CMV, im Rah­men der­er in etwa 40 Prozent eine Über­tra­gung auf das Kind erfol­gt. Rund zehn Prozent der infizierten Kinder kom­men mit Krankheitssymp­tomen auf die Welt, schlimm­sten­falls mit schw­eren Gehirn­schädi­gun­gen. Etwa acht bis
15 Prozent der bei der Geburt symp­tom­losen Kinder lei­den später unter gesund­heitlichen Fol­gen, ins­beson­dere Innenohrschw­er­hörigkeit.

Ein erhöht­es Infek­tion­srisiko beste­ht an allen Arbeit­splätzen, an denen ein enger Kon­takt mit
Kindern unter drei Jahren vorkommt. Auf­grund der Art der Über­tra­gung (siehe Kas­ten unten) liegt hier­bei ein beson­ders hohes Infek­tion­srisiko vor, wenn

  • mehrere Kleinkinder miteinan­der betreut wer­den ,
  • ein enger Kon­takt der Kinder untere­inan­der beste­ht und
  • die Betreu­ungsper­so­n­en engen Kon­takt mit den Kindern haben.

Gesichert ist dieses erhöhte Risiko für Beschäftigte in Kitas, Kindergärten und für Tages­müt­ter. Bis­lang kon­nte nicht bewiesen wer­den, dass im Kranken­haus ein erhöht­es Risiko für eine CMV-Infek­tion beste­ht. Kranken­haus­per­son­al ist zum Teil sog­ar sel­tener als der Durch­schnitt mit CMV infiziert. Dies gilt auch für Lehrerin­nen und Kinderkrankenpflegeschü­lerin­nen. Hygien­e­maß­nah­men senken die Infek­tion­s­ge­fahr mit dem CMV-Virus drastisch. Dazu gehören ins­beson­dere die Ver­mei­dung von Spe­ichelkon­tak­ten und das Hän­de­waschen nach dem Windel­wech­seln.

Was Sifas tun können

Schwan­gere müssen vor Infek­tion­s­ge­fahren am Arbeit­splatz und in ihrer unmit­tel­baren Umge­bung geschützt wer­den. Die Risiko­analyse für einen Arbeit­splatz muss an die jew­eilige epi­demi­ol­o­gis­che Sit­u­a­tion angepasst wer­den. Aus betrieb­särztlich­er Sicht kön­nen Fachkräfte für Arbeitssicher­heit dabei unter­stützend tätig wer­den, indem sie

  • die Gefährdungs­beurteilung gemein­sam mit dem Betrieb­sarzt ini­ti­ieren,
  • rechtzeit­ig auf notwendi­ge Imp­fun­gen hin­weisen (möglichst vor ein­er Schwanger­schaft, ide­al­er­weise bei der Ein­stel­lung),
  • auch Beschäftigte in der Umge­bung der Schwan­geren auf die Bedeu­tung von Immun­schutz gegen die rel­e­van­ten Infek­tio­nen hin­weisen,
  • den Betrieb­sarzt dabei unter­stützen, eine enge Koop­er­a­tion mit dem örtlichen Gesund­heit­samt aufzubauen, um die epi­demi­ol­o­gis­che Sit­u­a­tion im Umfeld des Arbeit­ge­bers in Erfahrung zu brin­gen (zum Beispiel Vorkom­men von Röte­lan­fällen),
  • die Schwan­gere darauf hin­weisen, dass Infek­tio­nen sowohl betriebliche als auch pri­vate Ursache haben kön­nen sowie
  • eigene Gren­zen klar erken­nen und eine enge Koop­er­a­tion mit dem Betrieb­sarzt suchen.

    Diese Fragen sollte ein Risikosteckbrief beantworten

    • Stellt der Erreger eine poten­zielle Gefahr für die Schwan­gere oder das Unge­borene dar?
    • Ist an dem jew­eili­gen Arbeit­splatz ein erhöht­es Risiko für die Infek­tion mit dem jew­eili­gen Erreger anzunehmen?
    • Gibt es Präven­tion­s­möglichkeit­en, die das Risiko reduzieren und auf ein nicht über das nor­male Risiko hin­aus­ge­hen­des Maß herun­ter­set­zen?

So überträgt sich das CMV-Virus

Frauen, die schon länger mit CMV (Zytome­galie) infiziert sind, schei­den das Virus nach der Geburt mit der Mut­ter­milch aus. Die Kinder infizieren sich beim Stillen, zeigen in der Regel aber keine Krankheitssymp­tome. Sie schei­den das Virus mehrere Monate über ihren Spe­ichel und Urin aus und infizieren empfängliche Kleinkinder und Erwach­sene. Die Über­tra­gung erfol­gt oft durch man­gel­nde Hand­hy­giene beim Windel­wech­seln sowie beim gemein­samen Essen (Kekse, Brot, Obst) oder durch das in den Mund nehmen von Schnullern, die Kinder vorher im Mund hat­ten.


Autorin: Dr. med. Daniela Huz­ly
Geschäfts­führende Oberärztin Diag­nos­tik, Uni­ver­sität­sklinikum Freiburg
daniela.huzly@uniklinik-freiburg.de

Foto: Jür­gen Bran­del
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