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Sicherheit und Gesundheit weiterentwickeln

Interview mit Prof. Dr. Arno Weber
Sicherheit und Gesundheit weiterentwickeln

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Prof. Dr. Arno Weber, Vorstandsvorsitzender des VDSI Foto: HFU
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Der Ver­band für Sicher­heit, Gesund­heit und Umweltschutz bei der Arbeit (VDSI) hat einen neuen Vor­standsvor­sitzen­den, Arno Weber. Der Pro­fes­sor für Arbeits- und Gesund­heitss­chutz an der Hochschule Furt­wan­gen spricht im Inter­view über seine Ziele, seine beru­fliche Lauf­bahn und die wichtig­sten Her­aus­forderun­gen für den betrieblichen Arbeits- und Gesund­heitss­chutz.

 

Herr Pro­fes­sor Dr. Weber, wie sieht Ihr Pro­fil aus und wie kön­nen Sie es nutzen?

Ich bin ursprünglich von der Chemie über das The­ma Gefahrstoffe und Labor­sicher­heit zum Arbeitss­chutz gekom­men. Insofern habe ich einen stark tech­nisch-natur­wis­senschaftlichen Back­ground, was für sicher­heit­stech­nis­che Beurteilung wichtig und notwendig ist. Über die Dozen­ten­tätigkeit, ins­beson­dere bei der Sifa-Aus­bil­dung und die beglei­t­end dazu stattge­fun­de­nen Qual­i­fizierun­gen, kon­nte ich zusät­zlich einiges an Rüstzeug für die method­is­chen Vorge­hensweisen bei der Umset­zung von Maß­nah­men mit­nehmen. Die sicher­heit­stech­nis­che Betreu­ung ver­schieden­er ret­tungs­di­en­stlich­er Ein­rich­tun­gen, ein­schließlich eige­nen aktiv­en Engage­ments als Ret­tung­shelfer, hat es mir erle­ichtert, die Zusam­me­nar­beit mit Arbeitsmedi­zin­ern und Betrieb­särzten zu verbessern. Diese Zusam­me­nar­beit betra­chte ich als sehr frucht­bar und die Inter­essen des Arbeitss­chutzes stärk­end. Ver­tieft wurde diese Inter­diszi­pli­nar­ität ins­beson­dere beim Nord­bay­erischen Forum, ein­er gemein­samen Ver­anstal­tung zwis­chen Fachkräften für Arbeitssicher­heit und Betrieb­särzten in Erlan­gen, bei der ich seit 18 Jahren die tech­nis­che Hälfte der wis­senschaftlichen Leitung über­nom­men habe. Inter­diszi­pli­nar­ität geht aber nicht nur in Rich­tung der Medi­zin. Durch eine Ref­er­enten-Kol­le­gin bei der Beruf­sgenossen­schaft Holz und Met­all, die ich nach wie vor sehr schätze, bin ich an PASiG, den Fachver­band Psy­cholo­gie für Arbeitssicher­heit und Gesund­heit e.V. gestoßen, bei dem ich mit­tler­weile auch Mit­glied gewor­den bin. Fra­gen der Arbeits- und Organ­i­sa­tion­spsy­cholo­gie halte ich für immer wichtiger und der Aus­tausch mit den Experten für diese Fra­gen gewinnbrin­gend. Nach meinem Studi­um und der daran anschließen­den sicher­heit­stech­nis­chen Qual­i­fizierung – das war bei mir noch der ganz alte ABC-Kurs – war ich dann haupt­beru­flich knapp zwanzig Jahre selb­ständig als freiberu­fliche Fachkraft für Arbeitssicher­heit unter­wegs.

Und welche Art von Betrieben haben Sie bish­er betreut?

Die Betreu­ungss­chw­er­punk­te lagen in Ein­rich­tun­gen des Gesund­heitswe­sens, kom­mu­nalen Ein­rich­tun­gen, Ver­wal­tungs­be­trieben und, wen wun­derts, Chemie-Unternehmen. Neben­beru­flich bin ich immer noch in zwei Fir­men als Fachkraft für Arbeitssicher­heit bestellt, mein jet­ziger Schw­er­punkt ist aber die Aus­bil­dung von Sicher­heitsin­ge­nieuren im Stu­di­en­gang Secu­ri­ty & Safe­ty Engi­neer­ing an der Hochschule Furt­wan­gen. Durch die Tätigkeit als Fachkraft für Arbeitssicher­heit kann ich, glaube ich, viele der Prob­leme und Her­aus­forderun­gen der meis­ten Mit­glieder des VDSI ver­ste­hen. So lan­den immer wieder Fra­gen der Betreu­ung, des Standesrechts, der Bestellfähigkeit, der Aus­bil­dungsträger, der rechtlichen Stel­lung, etc. bei mir auf dem Schreibtisch. Es freut mich dann immer, wenn ich in dem einen oder anderen Fall helfen kon­nte und kann.

Fach­lich­es ist sehr wichtig, aber auch Gremien­ar­beit ist für Sie wichtig?

Auf jeden Fall! In der Gremien­ar­beit habe ich schon länger Erfahrung. So habe ich zehn Jahre in den Pro­jek­t­grup­pen zur Weit­er­en­twick­lung der sicher­heit­stech­nis­chen Qual­i­fizierung, der Sifa-Aus­bil­dung, mit­gewirkt. Fern­er bin ich unter anderem im DGUV-Fach­bere­ich Rohstoffe und chemis­che Indus­trie, als Sachver­ständi­ger im Sachge­bi­et Lab­o­ra­to­rien, und seit kurzem als stel­lvertre­tendes Mit­glied im Auss­chuss für Betrieb­ssicher­heit tätig. Und als Hochschul­dozent ver­suche ich derzeit, zusam­men mit mein­er Kol­le­gin Prof. Dr. Anke Kahl aus Wup­per­tal, den Aus­tausch zwis­chen den ver­schiede­nen Stu­di­engän­gen mit Arbeitss­chutz-Schw­er­punk­ten zu verbessern und zu struk­turi­eren.

Welche Pri­or­itäten haben Sie für Ihre Zeit an der Spitze des VDSI?

In der näch­sten Zeit ste­ht vor allem die Begleitung der Weit­er­en­twick­lung der DGUV Vorschrift 2 und, falls sich hier tat­säch­lich Diskus­sio­nen ergeben soll­ten, das The­ma Arbeitssicher­heits­ge­setz (ASiG) an. Let­zteres ist noch etwas unklar: Wir wis­sen, dass seit­ens einiger Bun­deslän­der Bestre­bun­gen vorhan­den sind, am ASiG zu drehen. Wir wis­sen nicht, ob das tat­säch­lich gemacht wird. Für den Fall, dass das in der näch­sten Zeit hochkocht, ist es unser Bestreben, Ver­schlechterun­gen und Aufwe­ichun­gen zu ver­hin­dern. Das wäre wed­er in unserem noch im Inter­esse aller anderen Arbeitss­chutz-Insti­tu­tio­nen. Ander­seits, wenn man an die Dereg­ulierungs­de­bat­ten Anfang der 2000er Jahre zurück­denkt – die Bay­erische Hen­zler Dereg­ulierungs-Kom­mis­sion hat­te damals die weit­ge­hende Abschaf­fung der Betrieb­särzte und Fachkräfte für Arbeitssicher­heit gefordert – und sich noch vorstellt, dass in Zeit­en heutiger Fake-News schlechte Stim­mungen noch sehr viel schneller erzeugt wer­den kön­nen, muss man sehr hell­hörig sein und auf­passen, in welche Rich­tung der Zug fährt. Bess­er wer­den statt schlechter muss die Devise laut­en.

Wo sehen Sie pos­i­tive Entwick­lun­gen?

Ich halte es auch für wichtig, gute Weit­er­en­twick­lun­gen voranzutreiben, so zum Beispiel die Kam­pagne „kom­m­mit­men­sch“. Die Verbesserung der Unternehmen­skul­tur im Sinne ein­er Präven­tion­skul­tur hat das größte Poten­zial, berufs­be­d­ingte Unfall- und Kranken­zahlen zu reduzieren. Das heißt aber nicht, dass die klas­sis­chen Felder der Arbeitssicher­heit ver­nach­läs­sigt wer­den dür­fen! Diese gehören ja auch zu den sechs The­men­feldern der Kam­pagne. Als VDSI sollen und müssen wir diese Kam­pagne begleit­en und unter­stützen. Der VDSI als Fachver­band der Arbeitsschutz‑, Gesund­heits- und Umweltschutzex­perten in Deutsch­land muss auch weit­er­hin eine wichtige Plat­tform für den Aus­tausch sein und als Für­sprech­er des Arbeitss­chutzes und der Arbeitss­chutza­k­teure auftreten. Dafür müssen wir uns alle ein­set­zen. Welche Rolle dabei die neuen Medi­en spie­len kön­nen und auf welchen wir mit­spie­len soll­ten, dass muss zeit­nah gek­lärt wer­den. Ein erster Schritt ist mit der Unter­stützung der weit­er­en­twick­el­ten Sifa-Com­mu­ni­ty getan. Hier ste­ht ein mod­eriertes Online-Medi­um zur Ver­fü­gung, um im Netz Fra­gen zum Arbeitss­chutz und ver­wandten Bere­ichen zu disku­tieren. Zur Weit­er­en­twick­lung gehört auch, Forschungsvorhaben mit unseren prak­tis­chen Erfahrun­gen zu begleit­en und für den Trans­fer des Wis­sens zu sor­gen. Unter anderem disku­tieren wir derzeit über den Auf­bau ein­er deutschsprachi­gen wis­senschaftlichen Plat­tform.

Was wer­den die wichtig­sten Zukun­ft­s­the­men für die VDSI-Fach­bere­iche sein?

Inter­diszi­pli­nar­ität gilt für alle Fach­bere­iche gle­icher­maßen, wenn auch mit unter­schiedlich­er Gewich­tung. Es gilt, die tech­nol­o­gis­chen Entwick­lun­gen zu beobacht­en und deren Verzah­nung und Ver­net­zung zu erken­nen. Dazu gehören ins­beson­dere Prozesse der dig­i­tal­en Trans­for­ma­tion. Diese hat sowohl Poten­zial, für Verbesserun­gen zu sor­gen, als auch Risiken, die zu ein­er Ver­schiebung der Gefährdungssi­t­u­a­tion führen. Beispiel­sweise kön­nen monot­o­ne belas­tende Prozesse vielle­icht mit­tels Robot­ertech­nik und kün­stlich­er Intel­li­genz den Men­schen ent­las­ten, die Reizüber­flu­tung durch Social Media führt hinge­gen bei dem ein oder anderen zu einem „zu viel“. Die Fachkräfte für Arbeitssicher­heit müssen zwar keine Pro­gram­mier­ex­perten wer­den, aber sie müssen die richti­gen Fra­gen stellen kön­nen. Das The­ma der dig­i­tal­en Trans­for­ma­tion ist uns so wichtig, dass wir dazu ein stel­lvertre­tendes Vor­standsmit­glied, Katrin Zit­t­lau, berufen haben.

Und was ste­ht konkret für die VDSI-Fach­bere­iche an?

Der Fach­bere­ich Umweltschutz wird sicher­lich auch die kli­ma­tis­chen Verän­derun­gen disku­tieren müssen. Im Kern muss er – ganz im Sinne der Forderun­gen der fri­days for future Bewe­gung – wis­senschaftliche Grund­la­gen auf­greifen und the­ma­tisieren – keine Fake-News. Die ersten Fir­men, die eine Kohlen­diox­id-Bilanz auf­stellen wollen oder kli­ma­neu­tral arbeit­en wollen, gibt es bere­its. Das ist zwar nur ein Aspekt des betrieblichen Umweltschutzes aber sicher­lich der, bei dem sich aktuell viele Diskus­sio­nen ergeben. Es ist in manchen Branchen eben nicht nur damit getan, auf Ökostrom umzustellen, son­dern der chemisch-tech­nol­o­gis­che Prozess selb­st stellt eine Her­aus­forderung dar. Der Fach­bere­ich „Fachkräfte für Arbeitssicher­heit“ hat zum The­ma die bere­its erwäh­n­ten Diskus­sio­nen um die DGUV Vorschrift 2 und das ASiG. Die Fach­bere­iche Energie und Erneuer­bare Energien wer­den sich noch inten­siv­er mit den tech­nol­o­gis­chen Verän­derun­gen bei der Erzeu­gung von elek­trisch­er Energie beschäfti­gen müssen. Ich kön­nte jet­zt noch einige weit­ere Fach­bere­iche aufzählen, die an drän­gen­den Prob­le­men dran sind. In allen VDSI-Fach­bere­ichen ist es natür­lich so, dass wir weit­er­hin nur so gut sein kön­nen, wenn wir engagierte Mit­glieder haben. Ins­ge­samt wer­den wir uns auch Her­aus­forderun­gen aus glob­alen gesellschaftlichen Änderun­gen stellen müssen. Der VDSI set­zt ein klares Beken­nt­nis gegen Frem­den­feindlichkeit und Ras­sis­mus. Wir brauchen eine weltof­fene Gesellschaft, um auch die glob­alen The­men ange­hen zu kön­nen. Recht­sradikales Gedankengut wider­spricht voll­ständig dem Ansatz des Arbeitss­chutzes – die ver­brecherische Nazi-Dik­tatur und ihre Helfer­shelfer haben ver­sucht, mit­tels Arbeit Men­schen zu ermor­den. Der Arbeitss­chutz dage­gen will erre­ichen, dass Men­schen gesund von der Arbeit heimge­hen kön­nen. Gesund und sich­er gilt zudem für jeden Men­schen – so wie es im Grundge­setz und in der Men­schen­rechtschar­ta ste­ht. Zur Inte­gra­tion von Arbeit­nehmerin­nen und Arbeit­nehmern, egal woher, gehört auch, die Sicher­heit­skul­tur weit­erzuen­twick­eln. Hier schließt sich wieder der Kreis zur Präven­tion­skam­pagne „kom­m­mit­men­sch“.

Was sind die größten Her­aus­forderun­gen für den Arbeitss­chutz?

Die größten Defizite liegen sicher­lich in der Wahrnehmung der Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit in der Poli­tik und in den Medi­en. Es ist halt lei­der uncool über einen nicht stattge­fun­de­nen Unfall zu bericht­en. Da wer­den dann andere spek­takuläre Dinge, wie zum Beispiel die Verän­derung im englis­chen Königshaus oder ob Flo­ri­an Sil­bereisen und Helene Fis­ch­er doch noch wieder zusam­menkom­men, behan­delt. Erst wenn das schwere Unglück da ist, wird die Frage gestellt: Wie kon­nte das passieren? Dass das mit präven­tiv­en Engage­ment hätte ver­hin­dert wer­den kön­nen, wird dann schnell wieder vergessen. Her­aus­forderun­gen für den Arbeitss­chutz sind:

  • Keine neuen Dereg­ulierungs­de­bat­ten und kein weit­er­er Abbau der Überwachung. Die Wirk­samkeit lei­det, wenn noch weit­er der Arbeitss­chutz sich selb­st über­lassen bleibt.
  • Verän­derte tech­nol­o­gis­che Her­aus­forderun­gen meis­tern, Stich­wort dig­i­tale Trans­for­ma­tion, Kli­ma­neu­tral­ität, etc.
  • Für eine Kul­tur der Sicher­heit und Gesund­heit in den Unternehmen sor­gen
  • Auf die gesellschaftlichen Verän­derun­gen die für den Arbeitss­chutz rel­e­van­ten Antworten zu find­en.

Im Detail lässt sich das sicher­lich noch aus­führlich­er aus­führen, vielle­icht ein guter Grund für die Mit­glieder zu den VDSI-Ver­anstal­tun­gen und zur Jahre­shauptver­samm­lung zu gehen.

Vie­len Dank für das Gespräch!

Das Inter­view führten Dr. Joerg Hen­siek und Weigand Nau­mann

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