Startseite » Sicherheitsingenieur »

Grenzwerte und Schutzmaßnahmen von kanzerogenen Gefahrstoffen

Grenzwerte und Schutzmaßnahmen beachten
Kanzerogene Gefahrstoffe

ghs_08_silhouete.jpg
Anzeige
Gefahrstoffe, die Krebs erzeu­gen oder die Kreb­sentste­hung fördern kön­nen, wer­den als kanze­ro­gene Gefahrstoffe beze­ich­net. Wirken solche Stoffe auf den Men­schen ein, kann die Häu­figkeit für Tumore in bes­timmten Orga­nen erhöht sein. Wie sind Beschäftigte zu schützen?

Gefahrstoffe, die Krebs erzeu­gen oder die Kreb­sentste­hung fördern kön­nen (Kanze­ro­gene), wer­den gemäß geset­zlichem beziehungsweise tech­nis­chem Regel­w­erk in die Kat­e­gorien 1A, 1B und 2 eingestuft:

  • Kat­e­gorie 1A: Stoffe, die für den Men­schen bekan­nter­maßen karzino­gen sind. Der Kausalzusam­men­hang zwis­chen der Expo­si­tion eines Men­schen gegenüber dem Stoff und der Entste­hung von Krebs ist aus­re­ichend nachgewiesen.
  • Kat­e­gorie 1B: Stoffe, die wahrschein­lich beim Men­schen karzino­gen sind. Es beste­hen hin­re­ichende Anhalt­spunk­te zu der Annahme, dass die Expo­si­tion eines Men­schen gegenüber dem Stoff Krebs erzeu­gen kann. Diese Annahme beruht im All­ge­meinen auf geeigneten Langzeit-Tierver­suchen oder epi­demi­ol­o­gis­chen Stu­di­en.
  • Kat­e­gorie 2: Stoffe, bei denen ein Ver­dacht auf eine karzino­gene Wirkung beim Men­schen beste­ht. Aus geeigneten Tierver­suchen liegen einige Anhalt­spunk­te vor, die jedoch nicht aus­re­ichen, um einen Stoff in Kat­e­gorie 1A oder 1B einzustufen.

Beispiele für Stoffe in den verschiedenen Kategorien

Kat­e­gorie 1A

  • Asbest: Die Her­stel­lung und die Ver­wen­dung von Asbest-Pro­duk­ten sind seit 1993 in Europa ver­boten. Asbest ist jedoch noch in alten Bau­ma­te­ri­alien wie etwa Putzen, Spachtel­massen, Fliesen­kle­bern sowie in Däch­ern (Wellas­best, Asbestze­ment) und Rohrisolierun­gen vorhan­den. Bei stauben­der Bear­beitung wer­den Asbest-Fasern freige­set­zt und kön­nen eingeat­met wer­den. Fest ver­baut stellen Asbest-Fasern kein Risiko für die Gesund­heit dar.
  • Nick­elox­ide: entste­hen beim Schweißen oder Schleifen mit Funken­bil­dung von hochlegierten Chrom-Nick­el-Stählen
  • Kat­e­gorie 1B:
  • Chrom(VI)-Verbindungen: entste­hen beim Edel­stahlschweißen oder Trock­en­schleifen von Chrom(VI)-haltigen Beschich­tun­gen
  • Cobalt (einatem­bar­er Met­all-Staub): wird bei der Her­stel­lung von Hart­met­allen einge­set­zt
  • Formalde­hyd: wird bei der Her­stel­lung von Span­plat­ten freige­set­zt

Kat­e­gorie 2:

  • Holzs­taub (aber: Hartholzstäube sind in 1A)
  • Nick­el­met­all: wird beim Schleifen ohne Funken­flug, Bohren, Drehen, Fräsen, Bürsten, Polieren, Sägen und mech­a­nis­chem Schnei­den von nick­el­halti­gen Legierun­gen freige­set­zt

Wer­den kanze­ro­gene Stoffe einge­set­zt, sind diese auf dem Etikett oder im Sicher­heits­daten­blatt an dem Pik­togramm Gesund­heits­ge­fahr [GHS 08, s. unten] sowie den H‑Sätzen H350 / H350i (Kat­e­gorie 1A und 1B) beziehungsweise H351 (Kat­e­gorie 2) zu erken­nen. Die gesund­heitlichen Auswirkun­gen kreb­serzeu­gen­der Gefahrstoffe sind nicht unmit­tel­bar sicht- oder spür­bar, Latenzzeit­en (Zeit zwis­chen Expo­si­tion und Entste­hen eines Tumors) von 30 bis 40 Jahren sind keine Sel­tenheit. Es ist daher sehr wichtig, dass geeignete Schutz­maß­nah­men noch vor Auf­nahme der Tätigkeit angewen­det wer­den, um eine Ein­wirkung zu ver­hin­dern.

Luftgrenzwerte für krebserzeugende Gefahrstoffe

Der Arbeit­splatz­gren­zw­ert (AGW) für einen Gefahrstoff gibt an, bei welch­er Konzen­tra­tion eines Stoffes keine akuten oder chro­nisch schädlichen Auswirkun­gen auf die Gesund­heit der Beschäftigten zu erwarten sind (bezo­gen auf eine Acht-Stun­den-Schicht). Arbeit­splatz­gren­zw­erte wer­den auf der Basis arbeitsmedi­zinis­ch­er Erfahrun­gen und toxikol­o­gis­ch­er Erken­nt­nisse fest­gelegt. Bei ein­er Expo­si­tion gegenüber kreb­serzeu­gen­den Stof­fen lässt sich in der Regel keine Konzen­tra­tion fes­tle­gen, unter­halb der kein Erkrankungsrisiko beste­ht (Null­risiko). Daher sind AGW für kreb­serzeu­gende Gefahrstoffe eine Aus­nahme. Gibt es für einen kanze­ro­ge­nen Gefahrstoff den­noch einen Arbeit­splatz­gren­zw­ert (AGW) gemäß der Tech­nis­chen Regel für Gefahrstoffe 900 (TRGS 900 „Arbeit­splatz­gren­zw­erte“), so muss dieser am Arbeit­splatz sich­er unter­schrit­ten wer­den.

Häu­figer wer­den für kreb­serzeu­gende Gefahrstoffe soge­nan­nte risikobasierte Luft­gren­zw­erte als Expo­si­tions-Risiko-Beziehung (ERB) gemäß der TRGS 910 abgeleit­et. Es wur­den mit dem Akzep­tanzrisiko und dem Tol­er­anzrisiko stof­füber­greifende Risiko­gren­zen fest­gelegt, die ein zusät­zlich­es Leben­szeitrisiko, an Krebs zu erkranken, nach ein­er kon­tinuier­lichen arbeit­stäglichen Expo­si­tion von 40 Jahren definieren. Für diese Risiken wur­den stoff­spez­i­fis­che Luft­gren­zw­erte abgeleit­et, die als Akzep­tanzkonzen­tra­tion (AK) oder Tol­er­anzkonzen­tra­tion (TK) beze­ich­net wer­den. Das Unter­schre­it­en der Akzep­tanzkonzen­tra­tion wird mit einem niedri­gen, hin­nehm­baren Risiko assozi­iert. In diesem Fall ist nur auf die Ein­hal­tung der in der TRGS 910 beschriebe­nen Grund­maß­nah­men zu acht­en.

Beim Über­schre­it­en der Akzep­tanzkonzen­tra­tion und gle­ichzeit­igem Unter­schre­it­en der Tol­er­anzkonzen­tra­tion befind­et man sich im Bere­ich des mit­tleren Risikos („gelb“), beim Über­schre­it­en der Tol­er­anzkonzen­tra­tion im Bere­ich hohen Risikos („rot“). Im gel­ben und roten Bere­ich sind jew­eils zusät­zliche Schutz­maß­nah­men zu tre­f­fen, die über die Grund­maß­nah­men hin­aus­ge­hen. Am Arbeit­splatz ist eine Unter­schre­itung der Akzep­tanzkonzen­tra­tion anzus­treben.

Bezüglich kreb­serzeu­gen­der Met­alle wurde die Tech­nis­che Regel TRGS 561 „Tätigkeit­en mit kreb­serzeu­gen­den Met­allen und ihren Verbindun­gen“ veröf­fentlicht. Der Gel­tungs­bere­ich umfasst Tätigkeit­en mit Expo­si­tio­nen gegenüber kreb­serzeu­gen­den Met­allen und ihren anor­gan­is­chen Verbindun­gen der Kat­e­gorie 1A oder 1B mit einem Arbeit­splatz­gren­zw­ert, ein­er Expo­si­tions-Risiko-Beziehung oder einem risikobasierten Beurteilungs­maßstab. Da die betr­e­f­fend­en Luft­gren­zw­erte teil­weise sehr niedrig sind, hil­ft die TRGS 561 in Verbindung mit den Branchen­regeln der DGUV den betrof­fe­nen Betrieben, die Luft­gren­zw­erte einzuhal­ten. In der TRGS 561 find­en sich Hil­festel­lun­gen und Schutz­maß­nah­men zur Expo­si­tion­s­min­derung.

Zusätzliche Schutzmaßnahmen

Für kreb­serzeu­gende Gefahrstoffe gilt – wie für alle Gefahrstoffe –, dass die Schutz­maß­nah­men hier­ar­chisch nach dem STOP-Prinzip getrof­fen wer­den müssen. Als Erstes muss dem­nach geprüft wer­den, ob der Stoff durch einen unge­fährlicheren Stoff erset­zt – sub­sti­tu­iert – wer­den kann (siehe TRGS 600 Sub­sti­tu­tion). Im Anschluss fol­gen Tech­nis­che Schutz­maß­nah­men, Organ­isatorische Schutz­maß­nah­men und nachrangig die Per­sön­lichen Schutz­maß­nah­men.

Neben diesen üblichen für Gefahrstoffe zu tre­f­fend­en Schutz­maß­nah­men gibt es für kreb­serzeu­gende Stoffe der Kat­e­gorien 1A und 1B zusät­zliche Schutz­maß­nah­men:

  1. Beurteilung der Expo­si­tion der Beschäftigten durch Arbeit­splatzmes­sun­gen oder durch andere geeignete Ermit­tlungsmeth­o­d­en. Die Möglichkeit zur erhöht­en Expo­si­tion infolge eines unvorherse­hbaren Ereigniss­es oder eines Unfalls soll eben­falls in der Gefährdungs­beurteilung berück­sichtigt wer­den.
  2. Abgren­zung von Gefahren­bere­ichen, in denen Beschäftigte diesen Gefahrstof­fen aus­ge­set­zt sind oder aus­ge­set­zt sein kön­nen. Anbringung von Warn- und Sicher­heit­sze­ichen, ein­schließlich des Ver­bot­sze­ichens „Zutritt für Unbefugte ver­boten“.
  3. Bei Tätigkeit­en, bei denen eine erhöhte Expo­si­tion der Beschäftigten zu erwarten ist und bei denen jede Möglichkeit weit­er­er tech­nis­ch­er Schutz­maß­nah­men zur Begren­zung dieser Expo­si­tion bere­its aus­geschöpft wurde, hat der Arbeit­ge­ber Maß­nah­men zu ergreifen, um die Dauer der Expo­si­tion der Beschäftigten so weit wie möglich zu verkürzen. Er hat den betr­e­f­fend­en Beschäftigten Per­sön­liche Schutzaus­rüs­tung zur Ver­fü­gung zu stellen, die sie während der gesamten Dauer der erhöht­en Expo­si­tion tra­gen müssen.
  4. Abge­saugte Luft darf nicht in den Arbeits­bere­ich zurück­ge­führt wer­den. Dies gilt nicht, wenn die Luft unter Anwen­dung von behördlich oder von den Trägern der geset­zlichen Unfal­lver­sicherung anerkan­nten Ver­fahren oder Geräten aus­re­ichend von solchen Stof­fen gere­inigt ist.
  5. Die kanze­ro­ge­nen Gefahrstoffe müssen unter Ver­schluss oder so gelagert wer­den, dass nur fachkundi­ge und zuver­läs­sige Per­so­n­en Zugang dazu haben. Tätigkeit­en mit diesen Stof­fen dür­fen nur von fachkundi­gen oder beson­ders unter­wiese­nen Per­so­n­en aus­ge­führt wer­den.
  6. Es muss ein Verze­ich­nis über die Beschäftigten geführt wer­den, die Tätigkeit­en mit kreb­serzeu­gen­den Gefahrstof­fen der Kat­e­gorie 1A oder 1B ausüben. Darin sind auch die Höhe und die Dauer der Expo­si­tion anzugeben, der die Beschäftigten aus­ge­set­zt sind. Dieses Verze­ich­nis muss bis 40 Jahre nach Ende der Expo­si­tion auf­be­wahrt wer­den. Bei Beendi­gung von Beschäf­ti­gungsver­hält­nis­sen hat der Arbeit­ge­ber den Beschäftigten einen Auszug über die sie betr­e­f­fend­en Angaben des Verze­ich­niss­es auszuhändi­gen und einen Nach­weis hierüber wie Per­son­alun­ter­la­gen aufzube­wahren. Mit Ein­willi­gung des betrof­fe­nen Beschäftigten kann die Auf­be­wahrungs- und die Aushändi­gungspflicht auf den zuständi­gen geset­zlichen Unfal­lver­sicherungsträger über­tra­gen wer­den. Hier­für wurde die Zen­trale Expo­si­tions­daten­bank ZED ein­gerichtet.
  7. Bei Tätigkeit­en mit kreb­serzeu­gen­den Gefahrstof­fen (siehe „Verord­nung über die Arbeitsmedi­zinis­che Vor­sorge Anhang Teil 1 (1)) und immer, wenn eine wieder­holte Expo­si­tion nicht aus­geschlossen wer­den kann, muss eine Arbeitsmedi­zinis­che Pflichtvor­sorge organ­isiert wer­den. In allen anderen Fällen ist Ange­botsvor­sorge zu ver­an­lassen. Aus­nah­men sind in der Arbeitsmedi­zinis­chen Regel AMR 11.1 beschrieben. Eine nachge­hende Vor­sorge muss zusät­zlich organ­isiert wer­den. Sie wird erst nach dem Ende des Beschäf­ti­gungsver­hält­niss­es und ein­er vor­ange­gan­genen Tätigkeit mit Expo­si­tion gegenüber kreb­serzeu­gen­den Stof­fen und Gemis­chen der Kat­e­gorie 1A oder 1B ange­boten. Unter gewis­sen Umstän­den kann die Organ­i­sa­tion der nachge­hen­den Vor­sor­gen an den Infor­ma­tions­di­enst für nachge­hende Unter­suchun­gen (ODIN) über­tra­gen wer­den.

Diese Schutz­maß­nah­men und die weit­eren zu tre­f­fend­en Schutz­maß­nah­men müssen im Rah­men der Gefährdungs­beurteilung unter anderem geplant, durchge­führt, ihre Wirk­samkeit über­prüft, doku­men­tiert und fort­geschrieben wer­den.


Weitere Informationen zu Gefahrstoffen:


Die gesund­heitlichen Auswirkun­gen kreb­serzeu­gen­der Gefahrstoffe sind nicht unmit­tel­bar sicht- oder spür­bar. Es ist daher sehr wichtig, dass geeignete Schutz­maß­nah­men noch vor Auf­nahme der Tätigkeit angewen­det wer­den, um eine Ein­wirkung zu ver­hin­dern.


Foto: BGHM

Autor:
Dr. Carsten Schleh

Fachref­er­ent im Sachge­bi­et Gefahrstoffe und Biostoffe; Abteilung: Gesund­heit,
Beruf­sgenossen­schaft Holz und Met­all

Anzeige
Gewinnspiel

Newsletter

Jet­zt unseren Newslet­ter abon­nieren

Meistgelesen

Jobs
Sicherheitsbeauftragter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 10
Ausgabe
10.2020
ABO
Sicherheitsingenieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 10
Ausgabe
10.2020
ABO
Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de