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Keine Entsendung ohne Notfallkonzept

Arbei­ten in Krisen­re­gio­nen

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Foto: © Viacheslav Iakobchuk – stock.adobe.com
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Mala­ria, Tsunami, Raub­über­fall: Ins Ausland entsandte Mitar­bei­ter (Expa­tria­tes) sind viel­fäl­ti­gen Gesundheits- und Sicher­heits­ri­si­ken ausge­setzt. Umso wich­ti­ger ist es, die Mitar­bei­ter sorg­fäl­tig auf den Ausland­ein­satz vorzu­be­rei­ten. Was ist für die Gefah­ren­prä­ven­tion wich­tig?

Annette Neumann

Expa­tria­tes (von latei­nisch ex ‚aus‘, ‚heraus‘ und patria ‚Vater­land‘), die in Mexiko beruf­lich unter­wegs sind, müssen sich in acht­neh­men. Die latein­ame­ri­ka­ni­sche Stadt gehört zu den gefähr­lichs­ten Städ­ten der Welt. Raub­über­fälle, Car-Napping oder Kidnap­ping von Auslän­dern sind Gefah­ren des tägli­chen Lebens. Auch die Terror­ge­fahr hat zuge­nom­men, wie Vorfälle in Nizza, Berlin und London zeigen. Im Vergleich zur Bedro­hung durch Terror werden gesund­heit­li­che Risi­ken wie Mala­ria in afri­ka­ni­schen Ländern aufgrund eines unzu­rei­chen­den Impf­schut­zes oder die zuneh­mend Luft­ver­schmut­zung in China oftmals unter­schätzt bezie­hungs­weise sind nicht so sehr im Bewusst­sein der Menschen. „Dabei ist das Risiko eines medi­zi­ni­schen Notfalls deut­lich höher als die Gefahr, einem Terror­an­schlag zum Opfer zu fallen“, sagt Chris­tian Holl, Head of Risk Manage­ment & Travel Secu­rity von der Sicher­heits­be­ra­tung Geos Germany in Bonn.

Wie wich­tig eine gute Vorbe­rei­tung für die Mitar­bei­ter ist, die durch inter­na­tio­nal tätige Firmen ins Ausland entsandt werden, betont Diplom-Psychologin Katrin Boege, die beim Insti­tut für Arbeit und Gesund­heit (IAG) der Deut­schen Gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung inter­na­tio­nale Semi­nare und Sicher­heits­trai­nings für Expa­tria­tes durch­führt: „Anders als bei der Vorbe­rei­tung auf eine Lang­zeit­ent­sen­dung, bei der vor allem Konzerne stan­dar­di­siert vorge­hen, werden die Gefah­ren bei Kurz­zeit­ein­sät­zen und Dienst­rei­sen oftmals schlicht­weg unter­schätzt.“ So komme es immer wieder vor, dass sich Mitar­bei­ter in Sao Paulo oder Kapstadt nicht mit dem Firmen­wa­gen vom Flug­ha­fen abho­len lassen, sondern selbst ein Taxi nehmen oder in einem Hotel abstei­gen, das – wie in vielen Ländern notwen­dig – nicht bewacht wird: „Diese Nach­läs­sig­keit kann schwere Folgen haben.“

Sicher­heits­trai­ning vor Ort

Nicht nur Mitar­bei­ter können wegen vernach­läs­sig­ter Sicher­heits­vor­keh­run­gen in Gefahr gera­ten; auch für das Unter­neh­men selbst kann es schwer­wie­gende Folgen haben – und dass nicht nur finan­zi­ell: Sie können mögli­cher­weise auch einen irrepa­ra­blen Image­scha­den erlei­den. Unter­neh­men soll­ten daher die Vorbe­rei­tung auf einen riskan­ten Auslands­ein­satz als wich­tige Inves­ti­tion sehen.

Zunächst soll­ten Fragen zu Versi­che­run­gen, Steu­ern und Arbeits­recht geklärt sowie Infor­ma­tio­nen der Außen­han­dels­kam­mern und des Auswär­ti­gen Amts einge­holt werden (siehe Kasten 2). Neben inter­kul­tu­rel­len Trai­nings zur Erar­bei­tung inter­kul­tu­rel­ler Kompe­ten­zen soll­ten für Expa­tria­tes idea­ler­weise spezi­elle Sicher­heits­trai­nings für Gefah­ren­si­tua­tio­nen vor der Ausreise und im Gast­land durch einen orts­kun­di­gen Landes­ken­ner orga­ni­siert werden. Im Vorfeld geht es darum, den Entsand­ten und unbe­dingt auch den Mitaus­rei­sen­den für mögli­che Gefah­ren zu sensi­bi­li­sie­ren und ihnen Sicher­heits­re­geln und Verhal­tens­tipps an die Hand zu geben. Boege: „Eine wich­tige Sicher­heits­re­gel ist das Low Profile, sprich sich unauf­fäl­lig zu klei­den und Wert­ge­gen­stände nicht zur Schau zu stel­len. Auch die eigene PIN solle man immer dabei haben, um bei einem Raub­über­fall Geld an einem Bank­au­to­ma­ten heraus­rü­cken zu können und so einer mögli­chen Entfüh­rung mit Löse­geld­erpres­sung vorzu­beu­gen.“

Neben solchen Infor­ma­tio­nen kommt es vor allem darauf an, dass sich Mitar­bei­ter vor Ort in Gefah­ren­si­tua­tio­nen rich­tig verhal­ten. Die Diplom-Psychologin setzt in ihren Semi­na­ren daher bei der Selbst­re­fle­xion an: „Die Präven­tion beginnt damit, dass die Mitar­bei­ter reflek­tie­ren, wie sie in einer Stress­si­tua­tion, zum Beispiel einem gewalt­tä­ti­gen Über­fall, reagie­ren würden. Auf dieser Grund­lage lernen sie, wie sie dees­ka­lie­ren können.“

Krisen­plan für den Notfall

Sicher­heits­trai­nings sind eine notwen­dige Präven­ti­ons­maß­nahme für gefähr­li­che Einsätze von Mitar­bei­tern in Krisen­re­gio­nen. Mindes­tens genauso wich­tig ist ein detail­lier­ter, von der Perso­nal­ab­tei­lung ausge­ar­bei­te­ter und laufend aktua­li­sier­ter Krisen­plan, der dann in Kraft tritt, wenn dem Mitar­bei­ter vor Ort tatsäch­lich etwas passiert ist: „Unter­neh­men soll­ten mit ihrem Mitar­bei­tern vor Antritt der Reise über Risi­ken und mögli­che Lösun­gen offen spre­chen. Hierzu zählen beispiels­weise Evaku­ie­rungs­pläne und Löse­geld­ver­si­che­run­gen“, sagt Chris­tian Holl von Geos Germany. Auch müsse es eine klare Rege­lung geben, an welche Anlauf­stel­len sich Expa­tria­tes wenden können. Hier­für sei die Einrich­tung einer 24/7‑Hotline wich­tig.

Bei einem tatsäch­lich erhöh­ten Sicher­heits­ri­siko besteht eine Rück­hol­plicht des Arbeit­ge­bers aufgrund der Fürsor­ge­pflicht nach deut­schem Arbeits­recht. Das kann teuer werden. Das Insti­tut für Arbeit und Gesund­heit (IAG) empfiehlt Arbeit­ge­bern daher, im Vorfeld eine Rück­füh­rungs­ver­si­che­rung abzu­schlie­ßen. Das zählt genauso zur arbeits­recht­li­chen Fürsor­ge­pflicht des Arbeit­ge­bers wie auch die Aufklä­rung im Vorfeld über mögli­che mit dem Einsatz einher­ge­hende sicherheits- und gesund­heits­re­le­vante Risi­ken.

Eine weitere, oftmals leicht verges­sene Präven­ti­ons­maß­nahme ist zudem auch die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung für den Auslands­ar­beits­platz (unter andrem zu hygie­ni­schen Verhält­nis­sen, ergo­no­mi­schen Anfor­de­run­gen, Impf­schutz, Asbest, usw.), zu dem der Arbeit­ge­ber eben­falls verpflich­tet ist. Trotz der vielen sicher­heits­re­le­van­ten Vorkeh­run­gen, die im Vorfeld getrof­fen werden soll­ten, können Risi­ken nie ganz ausge­schlos­sen werden. Im Einzel­fall kommt es auch darauf an, dass sich der Einzelne durch fahr­läs­si­ges Verhal­ten vor Ort nicht in Gefahr bringt. Katrin Boege von der IAG: „Jeder Entsandte hat auch eine Pflicht zum Selbst­schutz.“ Und abge­se­hen davon, so die Über­zeu­gung der Exper­ten: Eine abso­lute Sicher­heit kann es nie geben.


Rechte und Pflich­ten bei der Auslands­ent­sen­dung

  • Deut­sche Firmen können für Scha­dens­fälle von Mitar­bei­tern außer­halb der EU belangt werden.
  • Schutz in der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung (Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten und Unfall­kas­sen) besteht bei Auslands­ein­sät­zen falls spezi­elle Sozi­al­rechts­vor­schrif­ten, Abkom­men zur sozia­len Siche­rung sowie koor­di­nie­rende Rege­lun­gen in Bezug auf Mitglied­staa­ten der EU, des EWR und der Schweiz grei­fen.
  • Der Arbeit­ge­ber hat nach § 618 BGB Leben und Gesund­heit des Arbeit­neh­mers vor Gefah­ren zu schüt­zen.
  • Die Fürsorge- und Treue­pflich­ten lassen sich grund­sätz­lich in Schutz‑, Informations- und Mitwir­kungs­pflich­ten auftei­len.
  • Verlet­zung der Fürsor­ge­pflicht kann zu Scha­den­er­satz­for­de­run­gen führen.
  • Bei Entsen­dun­gen in entle­gene, schlecht versorgte Gebiete der Welt werden höhere Ansprü­che an die Fürsor­ge­pflicht es Arbeit­ge­bers gestellt als allge­mein.
  • Unter­neh­men müssen ihre Mitar­bei­ter über Gefah­ren und recht­li­che Risi­ken von Auslands­ein­sät­zen aufklä­ren.
  • Die medi­zi­ni­sche Versor­gung vor Ort sollte evalu­iert und sicher­ge­stellt werden.
  • Die medi­zi­ni­schen Behand­lungs­mög­lich­kei­ten vor Ort und Evaku­ie­rungs­mög­lich­kei­ten soll­ten geplant werden.
  • Poli­ti­sche Unru­hen, Sicher­heits­as­pekte und Natur­ka­ta­stro­phen müssen eben­falls bedacht werden.
  • Eine Versi­che­rung für den Arbeit­neh­mer alleine genügt nicht, auch medi­zi­ni­sche und Sicher­heits­dienst­leis­tun­gen soll­ten den Mitar­bei­tern ange­bo­ten werden.

Quelle: DGUV – Deut­sche Gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rung


Link­tipps

  • www.ahk.de: Die Außen­han­dels­kam­mern vertre­ten zusam­men mit den Botschaf­ten und Konsu­la­ten offi­zi­ell die Inter­es­sen der deut­schen Wirt­schaft im jewei­li­gen Ziel­land.
  • www.auswaertiges-amt.de: Das Auswär­tige Amt gibt Reise­war­nun­gen zu einzel­nen Ländern heraus. Halten sich Mitar­bei­ter in einem betrof­fe­nen Land auf, sind Arbeit­ge­ber dazu verpflich­tet, sofort die Situa­tion zu über­prü­fen. Nach dem Gesetz hat der Mitar­bei­ter bei solchen Warnun­gen das Recht abzu­rei­sen und verliert dennoch nicht den Lohn­an­spruch.
  • www.dguv.de: Die Deut­sche Gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rung berät zu versi­che­rungs­recht­li­chen Fragen, zur medi­zi­ni­schen Versor­gung während des Auslands­ein­sat­zes, sowie zur sicher­heits­tech­ni­schen und arbeits­me­di­zi­ni­schen Betreu­ung vor, während und nach der Entsen­dung– zum Beispiel zur Mala­ria­vor­beu­gung. Das Insti­tut für Arbeit und Gesund­heit der DGUV (IAG) in Dres­den und einzelne Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten bieten Semi­nare zur Auslands­ent­sen­dung und Sicher­heits­trai­nings an.
  • www.bdae.de: Das Portal des Bundes für Ausland­ser­werbs­tä­tige BDAE e.V. liefert Infor­ma­tio­nen rund um Unfall- und Kran­ken­ver­si­che­rungs­schutz sowie Haft­pflicht­ver­si­che­rung und Rechts­schutz für Unter­neh­men und Expa­tria­tes.

Chris­tian Holl

Unter­neh­men soll­ten mit ihrem Mitar­bei­tern vor Antritt der Reise über Risi­ken und mögli­che Lösun­gen offen spre­chen. “


Autorin:

Annette Neumann

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