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Unfallursachen durch Nudging im Arbeitsschutz beeinflussen

Unfallursachen beeinflussen
Nudging im Arbeits­schutz

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Nudging (engl. für anstup­sen) ist ein Begriff der Verhal­tens­öko­no­mik und beschreibt eine „sanfte“ Methode das mensch­li­che Verhal­ten in eine bestimmte vorher­seh­bare, posi­tive Rich­tung zu lenken, ohne dabei auf konven­tio­nelle Maßnah­men, wie Gesetze oder Ver- bezie­hungs­weise Gebote, zurück­zu­grei­fen. Nudging wird bereits in vielen Berei­chen, wie dem Stra­ßen­ver­kehr und der Poli­tik, ange­wandt und findet seit Kurzem auch Einzug in den Arbeits­schutz. Erste Studien zeigen, dass Nudges – rich­tig und klug ange­wen­det – die Häufig­keit von Fehl­ver­hal­ten redu­zie­ren und dessen Auswir­kun­gen mindern können.

Unbe­nom­men aller Statis­ti­ken besteht in der Fach­com­mu­nity Einig­keit darüber, dass mensch­li­ches (Fehl-)Verhalten eine maßgeb­li­che Unfall­ur­sa­che in Betrie­ben ist. In Zahlen ausge­drückt bedeu­tet dies, dass bei 70 bis 80 Prozent aller Unfälle fehler­haf­tes Verhal­ten von Beschäf­tig­ten als Ursa­che iden­ti­fi­ziert werden kann.[1]

Aus diesem Grund führen Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger und zahl­rei­che Unter­neh­men seit vielen Jahren verschie­dene Maßnah­men und Kampa­gnen durch mit dem Anlie­gen, die verhal­tens­ba­sier­ten Fakto­ren für Arbeits­un­fälle zu thema­ti­sie­ren sowie das aktu­elle Unfall- und gege­be­nen­falls auch Beinahe-Unfall-Geschehen in wert­schät­zen­den Gesprächs­run­den aufzu­ar­bei­ten, um damit die Acht­sam­keit in den Fokus des betrieb­li­chen Arbeits­schutz­han­delns zu stel­len. Diese Akti­vi­tä­ten folgen dem Ziel, kurz- und mittel­fris­tig die Unfall- und Erkran­kungs­zah­len zu senken und die Sicher­heits­kul­tu­ren in den Unter­neh­men weiter­zu­ent­wi­ckeln.

Unbe­nom­men davon stel­len die verhal­tens­ba­sier­ten (Beinahe-Unfälle und) Unfälle eine betriebs­all­täg­li­che Heraus­for­de­rung dar, da das indi­vi­du­elle Verhal­ten der Beschäf­tig­ten nicht effek­tiv, zuver­läs­sig und einheit­lich plan- und steu­er­bar ist. Während immer ausge­reif­tere tech­ni­sche und orga­ni­sa­to­ri­sche Schutz­maß­nah­men (willens­un­ab­hän­gige Lösun­gen) zu einer Senkung der Unfall­zah­len beitra­gen, ist die Fest­le­gung von zuver­läs­sig wirken­den, perso­nen­be­zo­ge­nen Schutz­maß­nah­men schwie­rig. Das Fest­le­gen von gewöhn­li­chen Schutz­maß­nah­men im Rahmen der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung, wie zum Beispiel das Tragen von notwen­di­ger persön­li­cher Schutz­aus­rüs­tung, ist sinn­voll und erfor­der­lich, wobei die Zuver­läs­sig­keit und indi­vi­du­elle Wirk­sam­keit dieser Maßnahme sehr unter­schied­lich in der betrieb­li­chen Praxis zur Anwen­dung kommen kann. Eine erfolg­rei­che Umset­zung der Maßnahme ist haupt­säch­lich von der Compli­ance der Beschäf­tig­ten abhän­gig. Deren indi­vi­du­el­les Verhal­ten ist dabei von sehr unter­schied­li­chen Aspek­ten abhän­gig, wie zum Beispiel von der Akzep­tanz der gewähl­ten (Schutz-)Mittel, der Akzep­tanz des Ziels, der aktu­el­len körper­li­chen und menta­len Verfas­sung, der Stim­mung und Dyna­mik im Team sowie von der persön­li­chen Erfah­rung des Betrof­fe­nen.

Hier­durch ergibt sich die Notwen­dig­keit, im Rahmen einer ganz­heit­li­chen Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung nicht nur die kompen­sie­ren­den Schutz­maß­nah­men fest­zu­le­gen, sondern gleich­falls Über­le­gun­gen über die geeig­nete und durch die Betrof­fe­nen akzep­tier­bare betrieb­li­che Umset­zung zu tref­fen. Für das Beispiel „Tragen der erfor­der­li­chen persön­li­chen Schutz­aus­rüs­tung“ bedeu­tet dies, Ansätze zur Steue­rung des Verhal­tens für die sichere Nutzung der PSA aufzu­stel­len. Diesem Ansatz steht jedoch die Band­breite der indi­vi­du­el­len Eigen­schaf­ten von Beschäf­tig­ten gegen­über. Für die meis­ten Unter­neh­men ist es schlicht unmög­lich und nicht ziel­füh­rend eine tätig­keits­be­zo­gene Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung im hohen Maße zu indi­vi­dua­li­sie­ren. Hier­durch ergibt sich ein Span­nungs­feld bei der Durch­füh­rung der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung. Es drückt sich dadurch aus, dass perso­nen­be­zo­gene Schutz­maß­nah­men getrof­fen werden müssen, die einer­seits allge­mein anwend­bar sein sollen, jedoch ande­rer­seits durch jeden Beschäf­tig­ten indi­vi­du­ell wirk­sam umge­setzt werden sollen.

Eine Möglich­keit, um eine zuver­läs­si­gere Umset­zung der Trage­ver­pflich­tung von PSA zu erzie­len, stellt das soge­nannte Nudging dar, welches im Folgen­den erläu­tert und dessen Nutzen und Anwend­bar­keit für den Arbeits­schutz darge­stellt werden soll.

Was ist Nudging?

Der Begriff Nudging leitet sich aus dem engli­schen Verb „to nudge“ ab und lässt sich mit „ansto­ßen“ und „anstup­sen“ über­set­zen. Somit beschreibt Nudging eine sanfte Methode das mensch­li­che Verhal­ten in eine bestimmte vorher­seh­bare, posi­tive Rich­tung zu lenken, ohne dabei auf übli­che Maßnah­men wie Gesetze, Ver- und Gebote, finan­zi­elle Anreize oder Stra­fen zurück­zu­grei­fen. Auf Nudging basie­rende Maßnah­men (Nudges) sollen den Menschen zu besse­ren Entschei­dun­gen verhel­fen, dabei ihre Entschei­dungs­frei­heit jedoch nicht einschrän­ken.

Jede Arbeits­si­tua­tion stellt den Beschäf­tig­ten vor eine Entschei­dungs­si­tua­tion. Der mensch­li­che Gedan­ken­pro­zess nutzt dabei zwei unter­schied­li­che kogni­tive Systeme, um Entschei­dun­gen zu tref­fen. Auf der einen Seite ein auto­ma­ti­sches System, das durch schnel­les und instink­ti­ves Urtei­len und Handeln zu Entschei­dun­gen kommt und auf der ande­ren Seite ein reflek­tie­ren­des System, welches durch akti­ves Nach­den­ken und logi­sches Schluss­fol­gern zu Entschei­dun­gen gelangt. Das auto­ma­ti­sche System arbei­tet aktiv zu jedem Zeit­punkt. So über­prüft es beispiels­weise, ob Gefahr besteht, ob es zu warm oder zu kalt ist oder ob das reflek­tie­rende System zuge­schal­tet werden soll. Das reflek­tie­rende System arbei­tet kontrol­liert und bewusst und ist für aufwen­dige Entschei­dungs­pro­zesse zustän­dig. Da das auto­ma­ti­sche System somit selbst­stän­dig operiert und nicht willent­lich abge­stellt werden kann, lassen sich intui­tive Denk­feh­ler oftmals nur schwer verhin­dern. Als Beispiel dient eine triviale, viel­fach gestellte Denkauf­gabe:

  • Ein Schlä­ger und ein Ball kosten zusam­men 1,10 Euro.
  • Der Schlä­ger kostet 1,00 Euro mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball?

Für die meis­ten wird vermut­lich 0,10 Euro die erste Antwort sein, die einem spon­tan in den Sinn kommt. Das auto­ma­ti­sche System liefert zu dieser Frage eine schnelle, intui­tive und in diesem Fall aber eine über­eilte, falsche Antwort. Nimmt man sich jedoch noch einmal einen Moment Zeit und rech­net die Aufgabe erneut, wird man den Fehler finden. Ein klas­si­scher Fall eines intui­ti­ven Denk­feh­lers.[2]

Doch auch wenn das auto­ma­ti­sche System fehler­an­fäl­lig ist, ist es für den Menschen nicht möglich, das reflek­tie­rende System dauer­haft einzu­set­zen, da es schlicht zu mühsam wäre, stän­dig sein eige­nes Denken zu hinter­fra­gen. Deshalb wird die Mehr­heit der (Standard-) Aufga­ben vom auto­ma­ti­schen System über­nom­men.

Nudging basiert auf der wissen­schaft­li­chen Erkennt­nis, dass sich Menschen in Entschei­dungs­si­tua­tio­nen von Natur aus nicht ratio­nal verhal­ten. Daher wird durch Nudging gezielt auf das Unter­be­wusst­sein einge­wirkt, in dem sämt­li­che Entschei­dun­gen maßgeb­lich und rein intui­tiv gefällt werden. Nudges inter­ve­nie­ren daher insbe­son­dere bei Entschei­dun­gen, die im auto­ma­ti­schen System getrof­fen werden. Daher kann durch das Bereit­stel­len von Botschaf­ten, die über das auto­ma­ti­sche System verar­bei­tet werden (leichte und gut erkenn­bare Botschaf­ten), das Verhal­ten der Beschäf­tig­ten gezielt in eine (sichere) Rich­tung genudgt werden.

Seit eini­ger Zeit werden in vielen Berei­chen, wie beispiels­weise im Stra­ßen­ver­kehr, Nudges einge­setzt, um das Verhal­ten der Verkehrs­teil­neh­mer in eine gewollte, posi­tive Rich­tung zu lenken. Jeder Auto­fah­rer wird die Schil­der am Stra­ßen­rand der Auto­bah­nen kennen, welche Alltags­si­tua­tio­nen im Stra­ßen­ver­kehr darstel­len, wie zum Beispiel das Plakat einer im Auto fahren­den drei­köp­fi­gen Fami­lie. Mit der zusätz­li­chen Botschaft: „Einer rast, drei ster­ben.“ sollen die Auto­fah­rer unter­be­wusst ange­spro­chen werden und die Geschwin­dig­keit redu­zie­ren. Mit diesen Schil­dern soll zum verkehrs­si­che­ren Verhal­ten ohne den Einsatz von Ge- bzw. Verbo­ten beigetra­gen werden. Aber auch im Bereich der Poli­tik wird Nudging bereits ange­wandt: So ist eine in Deutsch­land zurzeit disku­tierte Rege­lung zur Organ­spende bereits in Öster­reich etabliert. Dort ist jede Bürge­rin und jeder Bürger poten­ti­el­ler Organ­spen­der, solange er nicht aktiv dage­gen wider­spro­chen hat. Auf diese Art und Weise sind rund 99 Prozent der Bevöl­ke­rung in dem Organ­spen­de­re­gis­ter einge­tra­gen. In Deutsch­land ist es aktu­ell noch genau umge­kehrt und folg­lich besit­zen in Deutsch­land nur knapp 36 Pozent einen Organ­spen­de­aus­weis.[3]

Es wird schnell deut­lich: Nudges können viel­fäl­tige Erschei­nungs­for­men haben. Die Entwick­lung und spätere Imple­men­tie­rung folgen jedoch immer den analo­gen Arbeits­schrit­ten, die im Folgen­den näher beschrie­ben werden.

Entwick­lungs­pro­zess eines Nudges

Für ein sicher­heits­ge­rech­tes Ausfüh­ren von Tätig­kei­ten können sowohl tech­ni­sche als auch orga­ni­sa­to­ri­sche Konzepte inner­halb des Arbeits­sys­tems als Nudging-Maßnahme umge­setzt werden. Hier­durch kann sowohl die Wahr­schein­lich­keit für ein gene­rel­les als auch ein indi­vi­du­ell wirk­sa­mes, siche­res Verhal­ten erzielt werden. Um einen effek­ti­ven Nugde zu gestal­ten, müssen folgende, aufein­an­der aufbau­ende Entwick­lungs­schritte durch­lau­fen werden: die Analyse, die Recher­che, das Design und die Evalua­tion (siehe Abbil­dung 1).

In der Analy­se­phase wird das Verän­de­rungs­ziel klar defi­niert, indem das bishe­rige Verhal­ten der Beschäf­tig­ten analy­siert und das gewünschte Verhal­ten skiz­ziert wird. Dabei werden Hypo­the­sen aufge­stellt, die erste Ideen aufwei­sen, warum sich die Mitarbeiter/innen nicht ausrei­chend sicher verhal­ten. Die Recher­che­phase beinhal­tet die Über­prü­fung der aufge­stell­ten Hypo­the­sen und die Ermitt­lung der Berei­che, in denen der Nudge umge­setzt werden soll. Hier gilt es auch zu klären, ob noch zusätz­li­che Einfluss­fak­to­ren bestehen, die das Verhal­ten der Mitar­bei­ter nega­tiv beein­flus­sen können und auf den ersten Blick gege­be­nen­falls nicht eindeu­tig sind. Im Anschluss daran folgt das Design des Nudges, bei dem der Krea­ti­vi­tät freien Lauf gelas­sen werden kann. Dabei ist es aller­dings hilf­reich, das zuvor defi­nierte Ziel möglichst präzise zu defi­nie­ren, um den Nudge expli­zit darauf auszu­rich­ten.

Die Evalua­ti­ons­phase dient der Über­prü­fung und gege­be­nen­falls Opti­mie­rung der einge­setz­ten Maßnah­men, denn durch einen Nudge können ausschließ­lich dann wirk­same Ergeb­nisse erzielt werden, wenn dieser zu der zu verän­dern­den Situa­tion passt. Daher ist es wich­tig, den Nudge erst dann zu kreieren, wenn die zu nudgende Situa­tion fest­ge­legt, analy­siert und bewer­tet wurde.

Nudging­bei­spiel für die Ausbil­dung

Statis­ti­ken zeigen, dass Auszu­bil­dende und junge Mitar­bei­ter ein erhöh­tes Unfall­ri­siko aufwei­sen. Dies kann unter ande­rem daran liegen, dass diese jungen Mitarbeiter/innen noch keine ausrei­chen­den Erfah­run­gen im jewei­li­gen Tätig­keits­be­reich haben oder sie die mögli­chen Gefah­ren unter- und ihre eige­nen Kompe­ten­zen über­schät­zen. An dieser Stelle kann Nudging dazu beitra­gen, das Verhal­ten der jungen Mitarbeiter/innen zu lenken und sie so zu einem siche­ren Umgang mit gege­be­nen oder im Tätig­keits­pro­zess entste­hen­den Gefähr­dun­gen zu leiten.

Auch in Hand­werks­be­ru­fen kann ein Arbeits­un­fall schnell mit schwer­wie­gen­den und irrever­si­blen Folgen verbun­den sein. Um junge Mitarbeiter/innen in diesem Tätig­keits­feld zu nudgen, müssen im Rahmen der Analy­se­phase die Unfall­ur­sa­chen konkret ausge­macht werden. Beispiele für entspre­chende Ursachen-Hypothesen können die oben genann­ten Uner­fah­ren­heit, zu starke Selbst­über­schät­zung oder viel­leicht auch ein inten­si­ver Zeit­druck sein. Das Ziel des Nudges kann beispiels­weise eine erhöhte Aufmerk­sam­keit bei der Durch­füh­rung von gefähr­li­chen Tätig­kei­ten oder eine realis­ti­schere Einschät­zung der eige­nen Fähig­kei­ten sein. Je detail­lier­ter ein Ziel defi­niert wird, umso klarer kann ein Nudge darauf ausge­rich­tet werden.

In der Recher­che­phase gilt es dann zu klären, ob es noch andere Einfluss­fak­to­ren gibt, die die Mitarbeiter/innen unauf­merk­sam werden lassen. Dies können beispiels­weise ablen­kende Gesprä­che (auch Handy­nut­zung), Lärm oder eine unge­nü­gende Arbeits­aus­rüs­tung sein. Dies gilt es bei der weite­ren Planung zu berück­sich­ti­gen, da es an dieser Stelle wich­tig ist, sich einen umfas­sen­den Blick über die Gesamt­si­tua­tion zu machen. Nur wenn alle Fakto­ren berück­sich­tigt bezie­hungs­weise alle nega­ti­ven Einfluss­fak­to­ren elimi­niert werden, kann ein Nudge opti­mal wirken.

Die anschlie­ßende Design­phase bietet alle Möglich­kei­ten der krea­ti­ven Viel­falt. Unser Beispiel stellt ein Poster vor, das junge Mitar­bei­ter in Hand­werks­be­ru­fen sensi­bi­li­sie­ren und deren Hand­lungs­be­reit­schaft zum umsich­ti­gen Arbei­ten verbes­sern soll. Das Plakat im Aufma­cher­bild auf der Seite 16 zeigt eine mögli­che Unfall­folge für unacht­sa­mes und folg­lich unsi­che­res Arbei­ten im hand­werk­li­chen Betrieb. Durch das bewusst gewählte Motive des Control­lers, unter­stützt durch das Fußball­spiel im Hinter­grund, soll ein Wieder­erken­nungs­wert für junge Mitarbeiter/innen geschaf­fen werden, so dass sie sich mit der gezeig­ten Situa­tion und mit der abge­bil­de­ten Person iden­ti­fi­zie­ren können. Die kurzen Text­ele­mente machen deut­lich, dass hinter der abge­bil­de­ten Hand kein fikti­ver Mensch, sondern „einer von ihnen“ steckt, der aufgrund eines Arbeits­un­falls nicht mehr das, was ihm lieb ist, in dem Maße tun kann, wie er es bisher selbst­ver­ständ­lich konnte. Plakate sollen deut­lich machen, dass unacht­sa­mes Verhal­ten nicht nur Auswir­kun­gen auf die momen­tane Arbeits­si­tua­tion haben kann, sondern dies eben­falls massive und dauer­hafte Einschrän­kun­gen im Privat­le­ben und in mit Freude verbun­de­nen Situa­tio­nen mit sich brin­gen kann. Es soll die Mitar­bei­ter im Hinblick auf Arbeits­un­fälle mit schwe­ren Hand­ver­let­zun­gen und deren blei­ben­den Folgen sensi­bi­li­sie­ren.

Um die Wirk­sam­keit des Nudges im Rahmen der Evalua­ti­ons­phase zu analy­sie­ren, ist in regel­mä­ßi­gen Abstän­den zu über­prü­fen, ob das Plakat noch seine sensi­bi­li­sie­rende Wirkung entfal­tet. Gege­be­nen­falls müssen solche Arten von Nudges in regel­mä­ßi­gen Abstän­den erneu­ert werden, um einen Gewöh­nungs­ef­fekt zu vermei­den.

Nudging als Instru­ment im Arbeits­schutz

Um das eingangs erwähnte Hand­lungs­feld „Tragen der erfor­der­li­chen persön­li­chen Schutz­aus­rüs­tun­gen (PSA)“ wieder aufzu­grei­fen, können schon kleine Ände­run­gen im Tätig­keits­ab­lauf eine höhere Nutzung der Schutz­aus­rüs­tung bewir­ken.

Das Nicht­ver­wen­den von PSA kann eine Band­breite von Ursa­chen haben. Dies kann beispiels­weise durch einen hohen Leis­tungs­druck im Betriebs­ab­lauf, durch eine zu aufwen­dige Bereit­stel­lung der Schutz­aus­rüs­tung oder unan­ge­nehme Trage­ei­gen­schaf­ten gege­ben sein.

Entspre­chend des stan­dar­di­sier­ten Entwick­lungs­pro­zes­ses für Nudges, müssen im Rahmen der Analy­se­phase mögli­che Gründe für das Nicht­ver­wen­den der PSA zusam­men­ge­stellt werden. In der Recher­che­phase kann dann zum Beispiel ein Vergleich mit der vorhan­de­nen Unfall­da­ten­bank erfol­gen. Hier können die ange­ge­be­nen Gründe in den Unfall­mel­dun­gen mit den aufge­stell­ten Hypo­the­sen vergli­chen werden. Ein Abgleich könnte beispiels­weise erge­ben, dass die erfor­der­li­che PSA für gewisse Tätig­kei­ten nicht verwen­det wird, da diese nicht in der Nähe der eigent­lich benö­tig­ten Arbeits­mit­tel für diese Tätig­kei­ten gela­gert werden. Diesem recht simp­len Grund kann anschlie­ßend mit einfa­chen orga­ni­sa­to­ri­schen Maßnah­men entge­gen­ge­wirkt werden (Design­phase des Entwick­lungs­pro­zes­ses). Um das sicher­heits­ge­rechte Verhal­ten hier zu fördern, können soge­nannte Arbeits­sets gebil­det werden. Dies resul­tiert aus der Idee, dass eine simple Zusam­men­la­ge­rung der erfor­der­li­chen Schutz­aus­rüs­tung mit den benö­tig­ten Arbeits­mit­teln eine erhöhte Nutzung erzie­len kann. Dieser Effekt kann verstärkt werden, indem zusätz­lich eine Numme­rie­rung vorge­nom­men wird, um die Tätig­keits­rei­hen­folge zu verdeut­li­chen und der Beschäf­tigte somit zuerst die persön­li­che Schutz­aus­rüs­tung anzieht. Dem Gedan­ken folgend kann eine Kenn­zeich­nung der persön­li­chen Schutz­aus­rüs­tung mit einer „1“ und die Arbeits­mit­tel mit einer „2“ zur siche­ren Tätig­keit beitra­gen.

Abschlie­ßend erfolgt am Ende die Evalua­ti­ons­phase bzw. die Wirk­sam­keits­über­prü­fung mit Hilfe einer Beob­ach­tung der Unfall­zah­len oder einer beob­acht­ba­ren Nutzung.

Nudging im Gesund­heits­schutz

Neben dem Arbeits­schutz, der in Unter­neh­men einen wich­ti­gen Rege­lungs­be­reich darstellt, gewinnt auch der betrieb­li­che Gesund­heits­schutz, vor allem hinsicht­lich des demo­gra­phi­schen Wandels, immer mehr an Bedeu­tung. Dies wurde bereits in der Novem­ber­aus­gabe des Sicher­heits­in­ge­nieurs 2018 vorge­stellt und soll an dieser Stelle um weitere Ideen ergänzt werden.

Ergibt die Analy­se­phase beispiels­weise, dass Beschäf­tigte, welche eine reine Büro­tä­tig­keit ausüben, sich mehr bewe­gen sollen, so wäre es wünschens­wert, dass diese öfter die Treppe statt den Aufzug verwen­den. Mit der Recher­che­phase werden geeig­nete Berei­che zur Umset­zung dieser Maßnahme ermit­telt. Es eignen sich in diesem Fall Trep­pen­häu­ser mit hoher Frequen­tie­rung, damit viele Beschäf­tigte erreicht werden können. In der Design­phase werden mehrere Nudge-Optionen entwi­ckelt und die geeig­netste Option für die jewei­lige Situa­tion gewählt: So haben bereits einige Firmen geklebte Fußspu­ren, welche zu den Trep­pen anstatt zu den Aufzü­gen führen, aufge­bracht. Dieser Nudge soll den Beschäf­tig­ten die Entschei­dung erleich­tern, den Weg über die Trep­pen zu wählen und somit neben­bei etwas Gutes für ihre Gesund­heit zu tun. Zusätz­lich aufge­stellte Infor­ma­ti­ons­ta­feln, welche darauf hinwei­sen, wie viele Kalo­rien der Körper bei der Trep­pen­nut­zung verbrennt, lassen den Beschäf­tig­ten die Entschei­dung noch leich­ter fallen.

Auch mit diesem Nudge muss, nach­dem die Imple­men­tie­rung statt­ge­fun­den hat, eine Wirk­sam­keits­über­prü­fung durch­ge­führt werden. Auf Grund­lage dieser Ergeb­nisse der Evalua­ti­ons­phase kann der Nudge verbes­sert werden und durch eine passen­dere Nugde-Alternative ersetzt werden.

Eine weitere Nudging-Maßnahme im Bereich des Gesund­heits­schut­zes ist das geschickte Anord­nen der Nach­spei­sen in den Betriebs­kan­ti­nen.

Beide Nudging-Maßnahmen beein­flus­sen intui­tiv das auto­ma­ti­sche System und verhel­fen dem Beschäf­tig­ten sich für die ange­bo­tene, gesün­dere Alter­na­tive zu entschei­den.

Zusam­men­fas­sung

Das Thema Nudging findet erst seit Kurzem Einzug in die Welt des Arbeits- und Gesund­heits­schut­zes. Es erweist sich aber bereits jetzt als eine viel­ver­spre­chende Maßnahme zur Unfall­prä­ven­tion, die ohne großen Aufwand in jedem Betrieb imple­men­tiert werden kann. Es führt die Betriebe weg von einer Verbots- und Vorschrif­ten­kul­tur hin zu einer posi­ti­ven Bestär­kung der Mitar­bei­ter das Rich­tige zu tun. Dennoch bleibt zu beach­ten, dass Nudging nicht in der Lage ist alle Mitar­bei­ter anzu­spre­chen und zu errei­chen, so dass es ausschließ­lich als Ergän­zung der etablier­ten Präven­ti­ons­maß­nah­men dienen und nicht als allei­nige Maßnahme einge­setzt werden sollte. Fest steht aber, dass Nudges – rich­tig und klug ange­wen­det – die Häufig­keit von Fehl­ver­hal­ten redu­zie­ren und dessen Auswir­kun­gen abschwä­chen können. Erste Studien zeigen eine Minde­rung des fehler­haf­ten Verhal­tens von Mitar­bei­tern und machen Nudging somit zu einem inter­es­san­ten und inno­va­ti­ven Themen- und Forschungs­feld des Arbeits­schut­zes. Durch zahl­rei­che betrieb­li­che Studien treibt das Fach­ge­biet Sicherheitstechnik/Arbeitssicherheit an der Bergi­schen Univer­si­tät Wupper­tal dieses Forschungs­thema aktu­ell weiter voran.

1 Müller, E.-Werner (2012): Unfall­ri­siko Nr. 1: Verhal­ten: So vermei­den Sie verhal­tens­be­dingte Unfälle, ecomed Sicher­heit

2 Richard H. Thaler, Cass R. Sunstein: „Nudge: Wie man kluge Entschei­dun­gen anstößt“ (2009)

3 BzGA: Bundes­weite Reprä­sen­ta­tiv­be­fra­gung 2018, „Wissen, Einstel­lung und Verhal­ten der Allge­mein­be­völ­ke­rung (14 bis 75 Jahre) zur Organ- und Gewe­be­spende“ (2018)

4 Ly, K., Mažar, N., Soman, D., Zhao, M., 2013 A Practitioner’s Guide to Nudging, Rotman School of Manage­ment, Univer­sity of Toronto


Foto: privat

M. Sc. Phil­ipp Franz

wissen­schaft­li­cher Mitar­bei­ter


Foto: privat

M. Sc. Leonie Born­feld

wissen­schaft­li­che Mitar­bei­te­rin


Foto: privat

B. Sc. Nina Hanning

wissen­schaft­li­che Hilfs­kraft


Foto: © Frie­de­rike von Heyden/Bergische Univer­si­tät Wupper­tal

Prof. Dr.-Ing. Anke Kahl

Leite­rin des Lehr­stuhls Sicherheitstechnik/
Arbeits­si­cher­heit

Bergi­sche Univer­si­tät Wupper­tal

Fakul­tät für Maschi­nen­bau und Sicher­heits­tech­nik
Fach­ge­biet Sicher­heits­tech­nik / Arbeits­si­cher­heit 

 www.arbeitssicherheit.uni-wuppertal.de

Korrespondenz-E-Mail: bornfeld@uni-wuppertal.de

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