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Prüf­fris­ten bei elek­tri­schen Anla­gen

Zwei Wege, ein Ziel
Prüf­fris­ten bei elek­tri­schen Anla­gen

Prüffristen bei elektrischen Anlagen
Foto: © NikLemesh – stock.adobe.com
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„Wie war zu Köln es doch vordem mit Hein­zel­männ­chen so bequem!“ So oder so ähnlich konnte man bis zum Jahre 2002 die Anwen­dung der in der Unfall­ver­hü­tungs­vor­schrift „Elek­tri­sche Anla­gen und Betriebs­mit­tel“ enthal­te­nen Prüf­fris­ten­ta­bel­len umschrei­ben, denn die flei­ßi­gen Kölner Hein­zel­männ­chen der BG ETEM haben den Anwen­dern hier­mit eine gut gang­bare Brücke gebaut, um die Anfor­de­run­gen der Vorschrift zu erfül­len. Vieler­orts sah man deshalb weder die Notwen­dig­keit noch hatte man die Muße, sich einge­hen­der mit dem Thema „Prüf­fris­ten“ zu beschäf­ti­gen. Doch eines Tages kam was kommen musste …

Ritzer­atze! voller Tücke, in die Brücke eine Lücke“. Dieser Riss durch die allzu oft mit Hass­liebe betrach­te­ten, doch zumin­dest gang­ba­ren Prüf­vor­ga­ben der Unfall­ver­hü­tungs­vor­schrift kam in Form der Betriebs­si­cher­heits­ver­ord­nung. Diese gab nicht mehr einen konkre­ten Weg vor, sondern nur noch das Ziel. Den Weg dort­hin, der über einige Statio­nen führt, musste sich nun jeder selbst suchen. Fest­zu­le­gen war in Bezug auf die Prüfun­gen zum Beispiel nicht mehr nur die Frist, sondern unter ande­rem auch Art und Umfang der erfor­der­li­chen Prüfun­gen.

Prüf­fris­ten nur Bestand­teil der Durch­füh­rungs­an­wei­sun­gen

Das passte nicht jedem, denn es ist wahr­schein­lich eine typisch deut­sche Eigen­heit, alles und jedes bis ins Detail durch Vorschrif­ten zu regeln bezie­hungs­weise zu erwar­ten, dass es für alles eine Rege­lung gibt. Sei es im Geiste dieser Tradi­tion oder weil man den Anwen­dern eine Hilfe anbie­ten wollte – die in den Durch­füh­rungs­an­wei­sun­gen der Unfall­ver­hü­tungs­vor­schrift „Elek­tri­sche Anla­gen und Betriebs­mit­tel“ enthal­te­nen Prüf­fris­ten­ta­bel­len gaben kurz und prägnant vor, was aus Sicht der Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger getan werden muss, um den siche­ren Zustand der in den Geltungs­be­reich fallen­den Anla­gen und Betriebs­mit­tel zu erhal­ten. Die Prüf­fris­ten sind aber nur Bestand­teil der Durch­füh­rungs­an­wei­sun­gen, welche den eigent­li­chen Vorschrift­en­text konkre­ti­sie­ren und Hilfen zu dessen Umset­zung geben sollen. Sie sind deshalb nicht glei­cher­ma­ßen verbind­lich wie der eigent­li­che Vorschrift­en­text, der da lautet:

Der Unter­neh­mer hat dafür zu sorgen, dass die elek­tri­schen Anla­gen und Betriebs­mit­tel auf ihren ordnungs­ge­mä­ßen Zustand geprüft werden

  1. vor der ersten Inbe­trieb­nahme und nach einer Ände­rung oder Instand­set­zung vor der Wieder­in­be­trieb­nahme durch eine Elek­tro­fach­kraft oder unter Leitung und Aufsicht einer Elek­tro­fach­kraft und
  2. in bestimm­ten Zeit­ab­stän­den. Die Fris­ten sind so zu bemes­sen, dass entste­hende Mängel, mit denen gerech­net werden muss, recht­zei­tig fest­ge­stellt werden.“

Betrach­tet man allein diesen letz­ten Satz, ist darin nichts ande­res gefor­dert als in der Betriebs­si­cher­heits­ver­ord­nung auch. Durch die in der Betriebs­si­cher­heits­ver­ord­nung enthal­te­nen Zwischen­sta­tio­nen wird jedoch beschrie­ben, wie das Errei­chen des Ziels nicht ganz so anstren­gend wird und dass die sichere Verwen­dung von Arbeits­mit­teln nicht allein von den Prüfun­gen abhän­gig ist. Doch dass diese Statio­nen Teil des Weges sind, wird häufig nicht wahr­ge­nom­men.

Station 1: Beschaf­fung geeig­ne­ter Arbeits­mit­tel (§ 3 Abs. 3 und § 5 Betr­SichV)

Wer billig kauft, kauft teuer“ – dieser zunächst etwas para­dox wirkende Spruch beschreibt die leider allzu häufig gemachte Erfah­rung, dass sehr preis­güns­tige Arbeits­mit­tel nicht den betrieb­li­chen Anfor­de­run­gen genü­gen und zu schnell verschlei­ßen. Oft ist auch die Beschaf­fung von Ersatz­tei­len und/oder Zube­hör schwie­rig, mit höhe­ren Kosten verbun­den oder gar nicht möglich. Der Preis für die Neube­schaf­fung wiegt dann häufig deut­lich schwe­rer als die Beschaf­fung eines quali­ta­tiv höher­wer­ti­ge­ren Arbeits­mit­tels mit entspre­chend länge­rer Stand­zeit bezie­hungs­weise liefer­ba­rem Zube­hör und Ersatz­tei­len.

Leider weisen insbe­son­dere Arbeits­mit­tel aus dem Billig­seg­ment immer wieder schwer­wie­gende Sicher­heits­män­gel auf, so dass von ihrem Kauf letzt­end­lich eher abge­ra­ten werden muss.

Auch ist grund­sätz­lich die Frage zu stel­len, ob nicht solche Arbeits­mit­tel beschafft werden können, bei deren Verwen­dung keine gefähr­li­che Netz­span­nung anlie­gen kann, wie zum Beispiel akku­be­trie­bene Werk­zeuge. Geht von den Arbeits­mit­teln selbst keine elek­tri­sche Gefähr­dung mehr aus, wirkt sich dies auf Art und Umfang der noch notwen­di­gen Prüfun­gen aus.

Station 2: Regel­mä­ßige Sicht­prü­fun­gen und Funk­ti­ons­kon­trol­len (§ 4 Abs. 5 Betr­SichV)

Vier Augen sehen mehr als zwei!“ Getreu diesem Grund­satz ist es sinn­voll, dass Arbeits­mit­tel regel­mä­ßig durch eine andere Person als dem Nutzer einer Sicht­prü­fung und Funk­ti­ons­kon­trolle unter­zo­gen werden. Bei wech­seln­den Nutzern könnte zum Beispiel ein Arbeits­mit­tel­ver­ant­wort­li­cher benannt werden, der nicht nur die Arbeits­mit­tel auszu­ge­ben und nach Gebrauch wieder entge­gen­zu­neh­men hat, sondern diese auch gemein­sam mit dem entlei­hen­den Nutzer einer Sicht­prü­fung und Funk­ti­ons­kon­trolle zu unter­zie­hen hat.

Station 3: Bestim­mungs­ge­mä­ßer und pfleg­li­cher Umgang (§ 6 und
§ 12 Betr­SichV)

Elek­tri­sche Arbeits­mit­tel sind fester Bestand­teil des tägli­chen Arbeits­le­bens. Gerade deshalb (…und viel­leicht auch, weil sich allge­mein inzwi­schen ein recht gutes Sicher­heits­ni­veau etabliert hat …) ist leider vieler­orts ein sorg­lo­ser Umgang mit ihnen zu beob­ach­ten. Häufig wissen es die Benut­zer aber auch nicht besser, zum Beispiel weil ihnen der bestim­mungs­ge­mäße Umgang niemals vermit­telt wurde oder sich mit der Zeit eine Neigung zum Fehl­ver­hal­ten bezie­hungs­weise eine gewisse Betriebs­blind­heit einge­schli­chen hat. Wird jedoch auf das Thema „Umgang mit elek­tri­schen Betriebs­mit­teln“ in Erst- und Wieder­ho­lungs­un­ter­wei­sun­gen einge­gan­gen, kann dies zu einem weni­ger belas­ten­den Umgang mit den Arbeits­mit­teln führen, mit der Folge, dass sich der Zeit­raum, ab welchem mit dem Auftre­ten von Mängeln zu rech­nen ist, verlän­gert.

Station 4: Schaf­fung geeig­ne­ter Betriebs‑, Nutzungs- und Umge­bungs­be­din­gun­gen (§ 6 Betr­SichV)

Viele Unfälle mit elek­tri­schen Arbeits­mit­teln hätten verhin­dert werden können, wenn vor ihrer Nutzung geeig­nete Betriebs‑, Nutzungs- und Umge­bungs­be­din­gun­gen geschaf­fen worden wären. Neben einem ausrei­chend bemes­se­nen und freien Arbeits­be­reich, in dem auch für den Schutz der Anschluss­lei­tun­gen Sorge getra­gen wurde, zählen unter ande­rem auch Teil- oder Voll­last­be­trieb, Häufig­keit und Inten­si­tät des Einsat­zes, Einflüsse von Schmutz, Feuch­tig­keit, Staub, Tempe­ra­tur oder chemi­schen Stof­fen und nicht zuletzt auch das Nutzer­ver­hal­ten zu den wich­ti­gen Einfluss­fak­to­ren für den siche­ren Betrieb.

Regel­kreis der Anfor­de­run­gen an die Prüfung von Arbeits­mit­teln gemäß Betriebs­si­cher­heits­ver­ord­nung; Quelle: R. Rott­mann

Station 5: Wartung/Vorbeugende Instand­hal­tung (§ 10 Betr­SichV)

Mängel, wie innere Verschmut­zun­gen, einge­drun­gene Feuch­tig­keit, fehler­haft einge­setzte Bauteile und Ähnli­ches sind zwar nicht unbe­dingt immer äußer­lich erkenn­bar, lassen sich aber oft rela­tiv leicht im Rahmen von Wartun­gen und Instand­set­zun­gen besei­ti­gen. Insbe­son­dere bei inten­siv bezie­hungs­weise von vielen Perso­nen genutz­ten Arbeits­mit­teln lohnt sich eine vorbeu­gende Instand­hal­tung umso mehr, je wich­ti­ger bezie­hungs­weise kost­spie­li­ger das betref­fende Arbeits­mit­tel ist. Mittels einer vorbeu­gen­den Instand­hal­tung lassen sich so nicht nur Störun­gen des Betriebs­ab­laufs vermei­den, sondern auch Prüf­fris­ten opti­mie­ren.

Station 6: Wieder­keh­rende Prüfun­gen (§ 14 Betr­SichV)

Werden die durch­zu­füh­ren­den Prüfun­gen im Kontext der vorste­hen­den Statio­nen betrach­tet, können sowohl der Prüf­um­fang bezie­hungs­weise die Prüf­tiefe als auch die Prüf­fris­ten so gestal­tet werden, dass sich der Aufwand gegen­über herkömm­li­chen Prüf­ab­läu­fen deut­lich redu­ziert. Der klas­si­sche Ablauf einer Prüfung elek­tri­scher Arbeits­mit­tel beginnt mit der Sicht­prü­fung, bei welcher auch gleich­zei­tig die Eignung des Arbeits­mit­tels für den gege­be­nen Anwen­dungs­zweck mitüber­prüft wird. Der zweite Schritt besteht in der Durch­füh­rung der jeweils vorge­se­he­nen mess­tech­ni­schen Über­prü­fun­gen, zum Beispiel des Schutzleiter- und des Isola­ti­ons­wi­der­stan­des sowie des Schutzleiter- und/oder Berüh­rungs­stro­mes. Nach der bestan­de­nen mess­tech­ni­schen Über­prü­fung wird das Arbeits­mit­tel abschlie­ßend einer Funk­ti­ons­kon­trolle unter­zo­gen. Sofern das Arbeits­mit­tel nicht unter beson­ders belas­ten­den Bedin­gun­gen einge­setzt wird, die zum Beispiel zum Bruch oder zur Korro­sion des Schutz­lei­ters führen oder das Isolier­ver­mö­gen herab­set­zen, werden sich die Mess­werte in den meis­ten Fällen nicht wesent­lich verän­dern. Unter der Voraus­set­zung, dass ein nach­voll­zieh­ba­res Verfah­ren etabliert ist, welches die Durch­füh­rung regel­mä­ßi­ger Sicht­prü­fun­gen und Funk­ti­ons­kon­trol­len vorsieht und zudem die im Rahmen der mess­tech­ni­schen Prüfun­gen gewon­ne­nen betrieb­li­chen Erfah­rungs­werte bestä­ti­gen, dass sich die Mess­werte kaum ändern, spricht eigent­lich nichts gegen eine Verlän­ge­rung der Prüf­frist über das in der Unfall­ver­hü­tungs­vor­schrift „Elek­tri­sche Anla­gen und Betriebs­mit­tel“ empfoh­lene Maß. Durch die Auswer­tung der Prüf­ergeb­nisse können Erkennt­nisse (zum Beispiel bezüg­lich des Ausfall­ver­hal­tens) gezo­gen werden, die wiederum bei der Beschaf­fung berück­sich­tigt werden können, so dass sich der Kreis letzt­end­lich schließt.

Werden die sich aus der Betriebs­si­cher­heits­ver­ord­nung erge­ben­den Anfor­de­run­gen als Regel­kreis betrach­tet, wird deut­lich, dass die Prüfung der Arbeits­mit­tel den Abschluss dieses Krei­ses bildet und die vorher­ge­hen­den Statio­nen den hier­für noch notwen­di­gen Umfang wesent­lich bedin­gen oder anders ausge­drückt: Die konse­quente Anwen­dung der Betriebs­si­cher­heits­ver­ord­nung führt zu einem Prüf­kon­zept! Die einzel­nen Statio­nen bedin­gen sich auch unter­ein­an­der, denn die zum Beispiel bei der Prüfung fest­ge­stell­ten Befunde können auch Rück­wir­kun­gen auf den Gebrauch, die Sicht­kon­trol­len und Funk­ti­ons­prü­fun­gen oder die Schaf­fung geeig­ne­ter Betriebs‑, Nutzungs- und Umge­bungs­be­din­gun­gen haben.

Fazit

Die Prüf­fris­ten­ta­bel­len der Unfall­ver­hü­tungs­vor­schrift „Elek­tri­sche Anla­gen und Betriebs­mit­tel“ waren weder als binden­der Vorschrift­en­text vorge­se­hen noch sollen sie unge­prüft über­nom­men werden. Sie stel­len eine gute, auf Basis von Erfah­rungs­wer­ten erstellte Orien­tie­rungs­hilfe für normale Betriebs- und Umge­bungs­be­din­gun­gen dar. Dass diese Bedin­gun­gen jedoch durch­aus unter­schied­lich bewer­tet werden können, zeigen die Abwei­chun­gen zwischen der DGUV Vorschrift 3 und der DGUV Vorschrift 4.

Wird im Rahmen der Auswer­tung der Fehler­quote fest­ge­stellt, dass die jeweils empfoh­le­nen Prüf­fris­ten nicht ausrei­chen, ist dies ein Hinweis darauf, dass eine oder mehrere der genann­ten Stell­schrau­ben im Regel­kreis noch opti­miert werden müssen. Ist die Fehler­quote aller­dings entspre­chend gering, kann davon ausge­gan­gen werden, dass der Regel­kreis funk­tio­niert und die Prüf­fris­ten deshalb ausge­dehnt werden können. Die Tatsa­che, dass in der im Mai 2019 neu erschie­ne­nen Tech­ni­schen Regel für Betriebs­si­cher­heit (TRBS) 1201 „Prüfun­gen und Kontrol­len von Arbeits­mit­teln und über­wa­chungs­be­dürf­ti­gen Anla­gen“ bezüg­lich der Prüf­fris­ten für elek­tri­sche Arbeits­mit­tel auf die Unfall­ver­hü­tungs­vor­schrift „Elek­tri­sche Anla­gen und Betriebs­mit­tel“ zurück­ver­wie­sen wird, unter­streicht, dass beide Vorschrif­ten nicht mehr in Konkur­renz zuein­an­der stehen, sondern sich sinn­voll ergän­zen.

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Foto: privat

 Foto: privat

Autor: Dipl.-Ing. Rainer Rott­mann

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