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Studie zu den Einflüssen von Fertigung und Handhabung

Schutz­wir­kung von Gehörschutz-Otoplastiken

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Otoplas­ti­ken sind – rich­tig herge­stellt und benutzt – mehr als eine Vari­ante der fertig geform­ten Gehör­schutz­stöp­sel zum mehr­fa­chen Gebrauch. Sie sind ein High-Tech-Produkt, das von der Herstel­lung und beim Gebrauch die notwen­dige Sorg­falt verlangt. In einer Studie hat die Berufs­ge­nos­sen­schaft Holz und Metall die Einflüsse von Ferti­gung und Hand­ha­bung unter­sucht.

An Arbeits­plät­zen mit einem Tages-Lärmexpositionspegel von mehr als 80 dB(A) muss Gehör­schutz zur Verfü­gung gestellt und ab 85 dB(A) benutzt werden. Viel­fach wird der zur Verfü­gung gestellte Gehör­schutz jedoch selbst bei höhe­ren Pegeln nicht benutzt.

Werden die zum Teil hohen Erwar­tun­gen an Gehörschutz-Otoplastiken nicht erfüllt, kann unter ungüns­ti­gen Umstän­den die Entschei­dung gegen die weitere Nutzung inner­halb weni­ger Minu­ten fallen. Etwa fünf Prozent der Nutzer tragen die Otoplas­tik nach einer Nutzungs­dauer von einer Woche nicht mehr weiter, weitere fünf Prozent nach einem Monat. So zeigte sich bei einer 12-jährigen Lang­zeit­stu­die der BGHM zur Gehör­ent­wick­lung von lärm­ex­po­nier­ten Beschäf­tig­ten mit Gehörschutz-Otoplastiken für das erste Jahr eine Trage­quote von über 85 Prozent. Diese sank bis zum sieb­ten Jahr lang­sam auf 79 Prozent. In den Jahren 2015 bis 2017 führte die BGHM eine weitere Studie zur Schutz­wir­kung von Gehörschutz-Otoplastiken durch. Auslö­ser war die Frage, ob die in einer 2006 durch­ge­führ­ten Studie der Berufs­ge­nos­sen­schaft Metall Süd gesam­mel­ten Infor­ma­tio­nen und Unter­su­chungs­er­geb­nisse noch Bestand haben. Neue Otoplastik-Materialien, Filter­ele­mente und Herstel­lungs­ver­fah­ren wurden in die Studie einbe­zo­gen.

Auswir­kun­gen unter­sucht

Im Einzel­fall kann die Ferti­gung und Hand­ha­bung der Gehörschutz-Otoplastik die Schutz­wir­kung erheb­lich beein­flus­sen. In der aktu­el­len Studie unter­sucht wurden deshalb die Auswir­kun­gen von

  • Infor­ma­tion, Bera­tung, Auswahl,
  • Moti­va­tion, Akzep­tanz, Trage­quote,
  • Abfor­mung, Herstel­lung, Anpas­sung,
  • Auslie­fe­rung, Funk­ti­ons­kon­trolle,
  • Nutzung, Einset­zen und Heraus­neh­men und
  • Aufbe­wah­rung, Pflege und Reini­gung.

Für die aktu­elle Studie wurde die Gehörschutz-Otoplastik in einem ruhi­gen Raum, nach subjek­ti­vem Eindruck dicht sitzend, einge­setzt. In einem weite­ren Durch­gang wurde während des Einset­zens ein tief­fre­quen­tes Geräusch über Laut­spre­cher abge­spielt und die Otoplas­tik solange posi­tio­niert, bis der leiseste Geräuschein­druck erreicht wurde. Der Dicht­sitz wurde mittels Über­druck­me­thode bestimmt. Das Filter­ele­ment wurde durch einen Druck­schlauch mit entspre­chen­dem Adap­ter ersetzt. Die rechte und linke Otoplas­tik wurde jeweils 15 Mal einge­setzt. Nach jedem neuen Einset­zen wurde der Rest­druck nach Ablauf der Mess­dauer von fünf Sekun­den ermit­telt. Die Rest­druck­werte schwank­ten zwischen 0 mbar (schlech­ter Sitz) und 5 mbar (sehr guter Sitz).

Die Annahme, dass der Dicht­sitz nicht von der Sorg­falt beim Einset­zen der Gehörschutz-Otoplastik, sondern von der rich­ti­gen Pass­form abhängt, ist so nicht mehr halt­bar. Wurden die Nutzer beim Einset­zen der Gehörschutz-Otoplastik mit einem tief­fre­quen­ten Geräusch beschallt, wurde ein signi­fi­kant höhe­rer Dicht­sitz erzielt (p = 0,05).

Aus einer 2015 abge­schlos­se­nen BGHM-Studie zu Quali­tät und Lang­zeit­sta­bi­li­tät von Kanal­fil­tern in Gehörschutz-Otoplastiken ist bekannt, dass die Filter­ele­mente der Gehörschutz-Otoplastiken häufig durch unsach­ge­mäße Reini­gung verstop­fen. Der Eintrag von Verun­rei­ni­gun­gen durch fehler­hafte Benut­zung des Blase­balgs und Pusten von der falschen Seite hat hier erheb­li­chen Einfluss. Auch die Anwen­dung von Druck­luft zum Trocken­pus­ten der Otoplas­tik und deren Bohrun­gen beschä­digt viel­fach Otoplas­ti­ken und/oder Filter­ele­mente. Unter­wei­sun­gen zur fach­ge­rech­ten Reini­gung könn­ten hier Abhilfe schaf­fen.

Die Schall­däm­mung der stark verschmutz­ten Gehörschutz-Otoplastik wurde mittels f‑MIRE-Verfahren bestimmt. Dazu wurde die Otoplas­tik in einen Adap­ter mit Sonden­schlauch einge­setzt. Am Sonden­schlauch wurde das Doppel­mi­kro­fon ange­bracht. Ein Mikro­fon misst den Umge­bungs­pe­gel, das zweite den Pegel im Hohl­raum des Adap­ters („Gehör­gang“) hinter der Otoplas­tik. Es wurden Messun­gen mit stark verschmutz­ter, grob gerei­nig­ter und saube­rer Otoplas­tik durch­ge­führt. Die ermit­tel­ten Dämm­kur­ven sind in Abb. 1 darge­stellt. Die Auswir­kun­gen der Verschmut­zung zeigen sich über­wie­gend im tiefen Frequenz­be­reich.

Die Zunahme der Dämmung, insbe­son­dere im Schall­ka­nal (Bohrung für das Filter­ele­ment), wird mit stei­gen­der Frequenz gerin­ger. Bei Frequen­zen bis einschließ­lich 1 kHz stieg die Dämmung bis zu 14 dB, bei höhe­ren Frequen­zen nur noch um maxi­mal 8 dB. Der PAR-Wert der Gehörschutz-Otoplastik steigt von 21 dB („sauber“) über 26 dB („grob gerei­nigt“) auf 34 dB („stark verschmutzt“).

Diskus­sion

Die Studie „Schutz­wir­kung von Gehörschutz-Otoplastiken“ ergab, dass etwa 25 Prozent der neuge­fer­tig­ten Gehörschutz-Otoplastiken nicht ausrei­chend dicht sitzen. Die Ursa­che liegt zum Teil in einer nicht sach­ge­mä­ßen Anwen­dung der Gehörschutz-Otoplastik (ca. 10 Prozent). Dieser Anteil könnte durch eine nach­hal­tige Unter­wei­sung verrin­gert werden.

Die Annahme, dass der Dicht­sitz nicht von der Sorg­falt beim Einset­zen der Gehörschutz-Otoplastik, sondern von der rich­ti­gen Pass­form abhängt, ist so nicht mehr halt­bar. Eine tief­fre­quente Beschal­lung während des Einset­zens und Mini­mie­rung des Geräuschein­drucks kann den Dicht­sitz signi­fi­kant verbes­sern. Pass­form­feh­ler können dadurch natür­lich nicht ausge­gli­chen werden. Fehler­haft ange­passte Gehörschutz-Otoplastiken können durch die konse­quente Durch­füh­rung einer Funk­ti­ons­prü­fung bei Auslie­fe­rung erkannt werden. Nur so kann gewähr­leis­tet werden, dass Gehörschutz-Otoplastiken mit Pass­form­män­geln erkannt und ersetzt werden können.

Einfluss auf die akus­ti­sche Abdich­tung nehmen Haut­be­schaf­fen­heit und einge­la­ger­tes Fett­ge­webe im knor­pe­li­gen Gehör­gangs­teil sowie Bewe­gun­gen des Kiefers. Öffnet man den Mund zum Kauen, Gähnen oder Spre­chen, so wirken die Gelenk­fort­sätze des Unter­kie­fers auf den knor­pe­li­gen, also den äuße­ren Abschnitt der Gehör­gänge. Die Auswir­kun­gen sind nicht nur von Mensch zu Mensch verschie­den, sondern können auch zwischen rech­tem und linkem Ohr stark diffe­rie­ren.

Nach jedem Tragen sollte die Otoplas­tik vor dem Verpa­cken mit einem feuch­ten oder besser einem mit Alko­hol getränk­tem Tuch gerei­nigt und desin­fi­ziert bezie­hungs­weise nach den Anga­ben des Herstel­lers gerei­nigt werden. Aggres­sive Flüs­sig­kei­ten dürfen nicht verwen­det werden, da diese die Ober­flä­che der Otoplas­tik angreifen/beschädigen können.

Bei der Benut­zung der Gehörschutz-Otoplastik können Verun­rei­ni­gun­gen zum Beispiel durch Stäube, Schmutz und Flüs­sig­kei­ten auftre­ten und Haut­rei­zun­gen bewir­ken. Deshalb sind insbe­son­dere die Träger von Gehörschutz-Otoplastiken bezüg­lich der notwen­di­gen Hygiene zu unter­wei­sen.

Bei mangeln­der Pflege lagert sich Zerumen nicht nur in den Schall­ka­nä­len der Otoplas­tik, sondern auch in den Filter­ele­men­ten ab. Die Schall­däm­mung steigt, dadurch werden die Kommu­ni­ka­tion und die Signal­er­ken­nung erschwert. Zusätz­lich wird die Belüf­tung behin­dert oder unter­bun­den und Entzün­dun­gen des Gehör­gangs geför­dert.


Den ausführ­li­chen Beitrag mit den Studi­en­ergeb­nis­sen können Sie kosten­los nach Regis­trie­rung unter

http://hier.pro/xniE6
als PDF herun­ter­la­den.


Autor:

Dipl.-Ing. Rainer Weiß (i.R.)

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