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Sicherheit beim Sicherheitscheck

Digitale, visuelle Seilprüfung
Sicherheit beim Sicherheitscheck

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So para­dox es klingt: Die Sicher­heit der Beschäftigten bei der Gewährleis­tung der Sicher­heit von Seil­bah­nen ist in Gefahr. Denn das Prüfen der – teil­weise bewegten – Seile in großer Höhe bei Wind und Wet­ter stellt ein nicht uner­he­blich­es Risiko dar. Für sein Seil­prüfgerät Win­spect, das dieses deut­lichver­ringert, wurde das gle­ich­namige Unternehmen für den Deutschen Arbeitss­chutzpreis 2015 nominiert.

Dipl-Ing. (FH) Andrea Stickel

Mil­lio­nen Men­schen zieht es jedes Jahr auf die Berge. Ob Schlep­plift, Ses­sel- oder Kabi­nen­bahn – wer nicht wan­dert, erre­icht fast immer mit­tels Seil­bah­n­tech­nik die Bergsta­tion. Und dank der hohen Sicher­heits­stan­dards sind Seil­bah­nen extrem sichere Verkehrsmit­tel. So wer­den die deutschen Seil­bah­nen zwei Mal jährlich ein­er Haup­tun­ter­suchung unter­zo­gen – eine davon durch einen exter­nen anerkan­nten Sachverständigen.

Bei diesen Revi­sio­nen wird die gesamte Seil­bah­nan­lage mit Seilen und Brem­sen auf Herz und Nieren kon­trol­liert. Diese umfan­gre­iche Unter­suchung ist von der Auf­sichts­be­hörde vorgeschrieben und wird von dieser überwacht. Zusät­zlich erfol­gen tägliche, wöchentliche und monatliche Kon­troll- und Wartungsar­beit­en. Zudem müssen die Seile nach Blitzein­schlä­gen oder Seilent­gleisun­gen über­prüft werden.

Arbeit in schwindelerregender Höhe

Dabei kon­trol­lieren kon­ven­tionell zwei Beschäftigte des Seil­bahn­be­treibers das Seil im Vor­beilaufen bei ein­er Revi­sion­s­geschwindigkeit von weniger als 0,5 m/s. Wer schon ein­mal ver­sucht hat, ein beweglich­es Seil auf diese Weise zu begutacht­en merkt schnell, dass er bei dieser Auf­gabe fast schon hyp­no­tisiert wird: Die Litzen­bün­del bewe­gen sich auf- und ab und ver­lan­gen vom Betra­chter höch­ste Konzen­tra­tion über einen lan­gen Zeitraum. Angenom­men die Seil­länge beträgt 1.100 Meter, so muss er für mehr als eine halbe Stunde das Seil anstarren.

Gilt es Zug- und Förder­seile zu prüfen, geschieht dies häu­fig auf einem Mast; bei der Trag­seil­prü­fung in schwindel­er­re­gen­der Höhe am Laufw­erk. Bei dieser Auf­gabe sind die Beschäftigten vielfäl-tigen Belas­tun­gen und Gefährdun­gen aus­ge­set­zt. Zusät­zlich zum Arbeit­en in großer Höhe ist auch die Wit­terung – Kälte, Regen, Wind – auss­chlaggebend dafür. Häu­fig wer­den die Seile auch unter schlecht­en Beleuch­tungsver­hält­nis­sen in ein­er uner­gonomis­chen oder beengten Posi­tion begutachtet.

Allerd­ings lässt sich bei ein­er solchen Sicht­prü­fung nur ein Teil des Seils betra­cht­en. Die Rück­seite bleibt dem Prüfer ver­bor­gen. Trotz­dem trägt er die Ver­ant­wor­tung für seine Arbeit und die Betrieb­sleitung bestätigt mit ihrer Unter­schrift den ein­wand­freien Zus­tand des Seils.

Belastungen und Gefährdungen minimieren

Die Ini­tia­tive, für diese anspruchsvolle Auf­gabe eine ergonomis­che Lösung zu entwick­eln und Belas­tun­gen und Gefährdun­gen für die Beschäftigten zu min­imieren, ging von der dama­li­gen Beruf­sgenossen­schaft Bah­nen (heute Ver­wal­tungs-Beruf­sgenossen­schaft) aus. Das Insti­tut für Fördertech­nik und Logis­tik der Uni­ver­sität Stuttgart entwick­elte einen Pro­to­typ zur visuellen Seil­bah­n­prü­fung. Die Fach­leute der Uni­ver­sität bracht­en ihr Wis­sen über Seile und deren Prü­fung in das Pro­jekt ein. Ab 2009 über­nah­men die Experten für Bild­ver­ar­beitung der Win­spect GmbH die Weit­er­en­twick­lung zur Serien­reife des Geräts und pro­gram­mierten eine spezielle Soft­ware zur Schadens­de­tek­tion. Im Jahr 2014 erhielt Win­spect für das Seil­prüfgerät den Anwen­der­preis der Gesellschaft zur zer­störungs­freien Prü­fung, 2015 wur­den die Münch­n­er für den deutschen Arbeitss­chutzpreis nominiert.

360-Grad-Kontrolle

Bei der visuellen Prü­fung mit dem Seil­prüfgerät Win­spect wird der Zus­tand der Seilober­fläche mit ins­ge­samt vier Zeilenkam­eras über einen Bere­ich von 360 Grad erfasst und bew­ertet. Dabei wird der Mess­bere­ich mit ein­er starken LED aus­geleuchtet, und das Seil läuft mit ein­er Geschwindigkeit von drei Metern pro Sekunde an den Kam­eras vor­bei. So wer­den außen­liegende Draht­brüche, Blitzschläge, Ker­ben, Klemm­stellen und son­stige größere und kleinere Beschädi­gun­gen ent­deckt. Peter Rauch, Betrieb­sleit­er der Mayrhofer Berg­bah­nen am Hor­berg berichtet: „Das Ergeb­nis war, dass wir mit dem optis­chen Seil­prüfgerät Draht­brüche an bei­den Anla­gen gefun­den haben, welche bei der augen­schein­lichen Seilkon­trolle nicht ent­deckt wurden.“

Zustandsanalyse fernab vom Seilbahnmast

Das gut trag­bare Prüfgerät wird um das Seil herum posi­tion­iert. Je nach­dem, ob Zug- und Förder- oder Trag­seile unter­sucht wer­den sollen, passen die Bedi­ener die Instal­la­tion entsprechend an. Dabei kön­nen sie das Gerät sta­tionär oder mobil ein­set­zen. Sie mon­tieren es auf eine fes­tin­stal­lierte Ein­bau­vor­rich­tung, von der es sich mit weni­gen Hand­grif­f­en wieder ent­fer­nen lässt. Die Dat­en der Mes­sung wer­den auf ein Note­book über­tra­gen und dort gespe­ichert. So lassen sie sich später ander­norts bequem analysieren.

Bei ein­er Trag­seil­prü­fung befes­tigt der Bedi­ener das Prüfgerät an einem speziell kon­stru­ierten Trag­seil­wa­gen, den er ober­halb der Kabine an der Schnittstelle des Eiskratzers mon­tiert (siehe Abb. 2).

Zur Analyse nutzen die Bedi­ener die Soft­ware des Sys­tems, welche Abwe­ichun­gen von ein­er nor­malen Seil­struk­tur erken­nt. Sie detek­tiert Schä­den und markiert die entsprechen­den Stellen am Bild­schirm (siehe Abb. 3), die dann gezielt betra­chtet wer­den kön­nen. So find­et das Prüf­sys­tem nicht nur Draht­brüche, die mit dem bloßen Auge ent­deckt wer­den kön­nen. Auch schw­er erkennbare Schä­den wie Blitzein­schläge oder Ker­ben wer­den dokumentiert.

Einen beson­deren Stel­len­wert nimmt die Prü­fung des Seils nach Blitzein­schlä­gen ein. Denn wenn ein Blitz in ein Seil ein­schlägt, entste­ht Marten­sit, das zwar eine hohe Härte besitzt, aber sehr spröde ist. Ein Blitzein­schlag muss dann am Seil aus­geschlif­f­en wer­den. Schad­hafte Stellen kön­nen per Win­spect also frühzeit­ig beseit­igt wer­den, um Folgeschä­den zu verhindern.

Zusät­zlich lässt sich eine Aus­sage über den all­ge­meinen Zus­tand des Seils tre­f­fen. Die Ver­ant­wortlichen klären so, ob Litzen­gassen oder Draht­la­gen ver­schoben sind oder das Seil kor­rodiert ist. Das Sys­tem ermit­telt eben­falls Ver­läufe von Durchmess­er und Schlaglänge über die gesamte Seil­länge. Dank dieser Infor­ma­tio­nen lässt sich der Zus­tand des Seils umfassend bewerten.

Wasserdichte Dokumentation

Das Win­spect-Sys­tem erstellt nach der Prü­fung ein Pro­tokoll mit allen rel­e­van­ten Infor­ma­tio­nen, die sich dig­i­tal und in Papier­form archivieren lassen. Damit tra­gen die Anwen­der den Anforderun­gen der entsprechen­den Behörde Rech­nung. Derzeit sind rund 30 Geräte über­wiegend in Deutsch­land, Öster­re­ich und der Schweiz im Ein­satz, aber auch Anwen­der in Frankre­ich und Asien prüfen die Seile ihrer Seil­bah­nen auf diese Weise. Dabei prof­i­tieren sie zudem von ein­er erhe­blichen Zeit­einsparung gegenüber der kon­ven­tionellen Prü­fung, so dass die Still­standzeit­en sich deut­lich verringern.

Die Entwick­ler haben das Prinzip inzwi-schen auch auf den Berg­bau über­tra­gen und bieten mit Min­spect eine Lösung zur Prü­fung von Seilen an, die den speziellen Anforderun­gen von Arbeit­en unter Tage gerecht wird.

Weit­ere Infos und Kontakt:

www.winspect.info


Autorin

Dipl.-Ing. Andrea Stick­el, Jour­nal­istin für Tech­nik und Wis­senschaft (BJV)

andrea@stickel-online.net


Gefahren und Belastungen ausgeschaltet

Die visuelle Seil­prü­fung erhöht nicht nur die Sicher­heit der Nutzer von Seil­bah­nen, son­dern verbessert in viel­er­lei Hin­sicht die Arbeitssicher­heit und den Gesund­heitss­chutz. Fol­gende Belas­tun­gen und Gefährdun­gen wer­den deut­lich min­imiert beziehungsweise ausgeschaltet:

  • Arbeit­en in großer Höhe → Absturzgefahr
  • Gefahren durch die Arbeit am bewegten Seil
  • Klem­mge­fahr
  • Gefahr durch rotieren­den Teile
  • Uner­gonomis­che Arbeitshaltung
  • Schlechte Beleuch­tungsver­hält­nisse
  • Wit­terung­se­in­flüsse wie Kälte, Regen und Wind
  • Hohe Konzen­tra­tions­beanspruchung
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