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Konfrontation mit Urängsten angesichts der Pandemie

Sicherheit – zwischen Grundbedürfnis und Illusion Teil 1
Konfrontation mit Urängsten angesichts der Pandemie

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Der Tod ist unser ständiger Begleiter und uns allen gewiss. Auch wenn wir dies so meistens nicht wahrhaben (wollen). Foto: © Galló Gusztáv – stock.adobe.com
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Ein­er­seits ist Sicher­heit ein psy­chol­o­gis­ches Grundbedürf­nis des Men­schen, ander­er­seits ent­pup­pt sich Sicher­heit als Illu­sion. Den illu­sionären Charak­ter ein­er äußeren Sicher­heit haben wir ger­ade alle in erhöhtem Aus­maß anlässlich der Coro­n­akrise erfahren. Was kann jede und jed­er daraus ler­nen, wie sehr gehört Unsicher­heit zum Leben und Arbeit­en?

Dieser Beitrag stammt aus Sicher­heitsin­ge­nieur 9/2020


Plöt­zlich war nichts mehr so, wie wir es gewohnt waren. Unsere Pläne waren über Bord gewor­fen. Unser nor­males Leben erlebte einen „Lock­down“. Wir kon­nten nicht mehr aus­ge­hen, unsere Fre­unde nicht mehr tre­f­fen, nicht mehr einkaufen was wir woll­ten, nicht mehr reisen, nicht mehr nor­mal arbeit­en …

Die Wirtschaft brach in einem Aus­maß zusam­men, wie wir es noch nie erlebt haben. Wir erlebten und erleben Dinge, die wir nicht für möglich gehal­ten hät­ten. Kinder durften und dür­fen nicht mehr zusam­men spie­len und wer­den in Kitas und Schulen in getren­nten Grup­pen auf Abstand voneinan­der gehal­ten, „social dis­tanc­ing“ ist die neue Devise.

Die Auswirkung der Glob­al­isierung auf jeden Einzel­nen von uns ist unglaublich: Ein klein­er Virus hat in rasender Geschwindigkeit die ganze Welt erfasst. Angesichts des Virus gibt es keine Gren­zen, keine Sicher­heit­szo­nen — jede und jeden kann es tre­f­fen und jed­er und jede ist betrof­fen. Anders wie bei der Kli­makatas­tro­phe, die auch für jeden von uns bedrohlich ist, geht es uns auf ein­mal alle ganz per­sön­lich an. Kein­er kann sich trotz aller Sicher­heitsvorkehrun­gen sich­er sein. Viele Men­schen haben Angst.

Katharsis

Die Pan­demie macht(e) uns bewusst, dass unser Leben jed­erzeit bedro­ht ist. Wir sind mehr oder weniger bewusst kon­fron­tiert mit ein­er Urangst des Men­schen, der Angst vor dem Tod.

Eine absolute Sicher­heit gibt es nicht, Sicher­heit ist eine Illu­sion. Der Tod, der zum Leben gehört wie das Atmen, macht uns bewusst, wie zer­brech­lich unser Leben und unsere Pläne sind. In einem Märchen aus 1001 Nacht heißt es „die Men­schen schlafen solange sie leben — erst in ihrer Todesstunde erwachen sie“. Ist jet­zt die Zeit zu diesem Erwachen? Wie kön­nen wir in der Gewis­sheit von Unsicher­heit ein gutes Leben führen? Ein­er­seits ist Sicher­heit eine Illu­sion, ander­er­seits ist das Gefühl von Sicher­heit etwas, das wir brauchen.

Wir benöti­gen eine innere Ruhe, um ein gutes Leben führen zu kön­nen, um in Ruhe und Gelassen­heit gute Entschei­dun­gen tre­f­fen zu kön­nen, kreativ sein zu kön­nen, entspan­nt zu genießen etc. Solche Inkon­gruen­zen, das heißt Diskrepanzen zwis­chen einem Ist-Zus­tand (der Wahrnehmung von Sicher­heit als Illu­sion) und einem erwün­scht­en Zus­tand (Sicher­heit als Bedürf­nis), bedeuten einen inneren Kon­flikt, der aufgelöst wer­den will. Wie kön­nen wir diesen Kon­flikt lösen? Find­en wir keine Strate­gien zur Auflö­sung, erleben wir unkon­trol­lier­bare Inkon­gruenz und dies führt zu Angst, Verzwei­flung, Chaos.[1]

Angst macht Stress

In einem Zus­tand von Angst befind­et sich der Kör­p­er in einem Stresszu­s­tand, der geprägt ist von erhöhter Aktivierung des Ner­ven­sys­tems, ver­stärk­ter muskulär­er Anspan­nung, Fokussierung auf die Gefahr, emo­tionaler Ladung und eingeschränk­ter Denk­fähigkeit bis hin zu Denkblock­aden. Wir befind­en uns dann in einem Flucht-/ Kampf-Modus. In einem solchen Zus­tand kön­nen wir gut flücht­en oder kämpfen, jedoch nicht in Ruhe, gut über­legte und klare Entschei­dun­gen fällen oder kreative Lösun­gen find­en. Ger­ade deshalb ist es von enormer Wichtigkeit, gute Strate­gien zur Lösung des inneren Kon­flik­ts der Hand zu haben.

Die Lösung kann in einem Auf­bau und ein­er Kul­tivierung von inner­er Sicher­heit jen­seits äußer­er Umstände liegen. Ansatzpunk­te und Anre­gun­gen fol­gen ein­er zunächst etwas aus­führlicheren Darstel­lung der bei­den Seit­en des Kon­flik­ts: Sicher­heit als Bedürf­nis und Sicher­heit als Illu­sion.

Sicherheit als Bedürfnis

Welche Rolle spielt das Bedürf­nis nach Sicher­heit für unser Erleben und Han­deln?

Die Psy­cholo­gie ver­ste­ht sich als Wis­senschaft vom Erleben und Han­deln des Men­schen und hat es sich zur Auf­gabe gemacht, wis­senschaftlich fundierte Antworten auf diese Fragestel­lun­gen zu find­en. Dabei geht die human­is­tis­che Psy­cholo­gie davon aus, dass der Men­sch über ein ange­borenes Bedürf­nis zu wach­sen und das eigene Poten­zial auszuschöpfen ver­fügt. Dies gilt als die zen­trale moti­va­tionale Kraft des Men­schen.

Das men­schliche Han­deln ist durch Bedürfnisse motiviert, die an Emo­tio­nen gebun­den sind. Lustvolle, freudi­ge Emo­tio­nen wer­den durch erfüllte Bedürfnisse aus­gelöst, unlustvolle und schmerzhafte durch die Ver­let­zung von Bedürfnis­sen. Abra­ham Maslow (us-amerikanis­ch­er Psy­chologe, 1904–1970), ein­er der frühen Vertreter der human­is­tis­chen Psy­cholo­gie, hat die Bedürfnisse hier­ar­chisch geord­net und unter­schei­det Man­gelbedürfnisse, die unbe­d­ingt erfüllt wer­den wollen, von Wach­s­tums­bedürfnis­sen, die erst auf Basis erfüll­ter Grundbedürfnisse rel­e­vant wer­den. Dem­nach sind wir zunächst bestrebt, unsere grundle­gen­den phys­i­ol­o­gis­chen Bedürfnisse wie Hunger, Durst, Nahrung, Luft etc,. zu erfüllen. Das wichtig­ste und grundle­gend­ste psy­chis­che Bedürf­nis ist in diesem Mod­ell das Bedürf­nis nach Sicher­heit. Höhere Bedürfnisse wie Selb­stver­wirk­lichung, Sinn und Tran­szen­denz sind hier­nach erst auf der Basis erfüll­ter Grundbedürfnisse hand­lungslei­t­end. [2]

  • Han­deln erfol­gt auf­grund von Moti­va­tio­nen. Moti­va­tio­nen sind von Emo­tio­nen begleit­et.
  • Emo­tio­nen weisen auf oft nicht bewusst erlebte Bedürfnisse.
  • Das Bedürf­nis nach Sicher­heit ist ein wichtiges psy­chis­ches Grundbedürf­nis.

So ist das psy­chis­che Erleben, der „state of mind“, von grund­sät­zlich moti­va­tion­al-emo­tionaler Natur, die Bedürfnis­lage ein ständi­ger Grund­ton des Erlebens und hand­lungsnah.

Wie steuert das Bedürfnis nach Sicherheit das Verhalten?

Wenn ein Bedürf­nis aktiviert ist, zum Beispiel das Bedürf­nis nach Sicher­heit, sind wir motiviert danach zu han­deln, das heißt, für Schutz und Sicher­heit zu sor­gen. Fühlen wir uns bedro­ht, ist Angst als Emo­tion ein wichtiger Teil unseres biol­o­gisch sehr sin­nvollen Gefahren­ab­wehrsys­tems. Sie führt dazu, dass wir alle Kapaz­itäten, wie gezielte Aufmerk­samkeit und Han­deln für die Gefahren­ab­wehr mobil­isieren kön­nen. Doch nicht nur objek­tiv gefährliche Sit­u­a­tio­nen lösen Angst aus, son­dern auch harm­lose Sit­u­a­tio­nen, die früheren angst­be­hafteten Sit­u­a­tio­nen ähn­lich sind.

Denn wenn wir uns immer wieder unvor­bere­it­et auf Sit­u­a­tio­nen ein­ließen, in denen neg­a­tive Vor­erfahrun­gen gemacht wur­den, wären wir nicht sehr über­lebens­fähig. Unser Gehirn spe­ichert alle wichti­gen Erfahrun­gen der Bedro­hung und Ver­let­zung.

Stellen Sie sich beispiel­sweise zwei Frauen in einem leeren Parkhaus vor. Eine Frau freut sich über das leere Parkhaus und genießt die Ruhe, während eine andere Frau, die in einem leeren Parkhaus schon ein­mal einen Über­griff erlebt hat, in Panik gerät. Bei­de sind objek­tiv in gle­ich­er Gefahr oder Sicher­heit. Was jemand in bes­timmten Sit­u­a­tio­nen für Gefüh­le hegt, hängt nicht nur von den ratio­nalen Über­legun­gen ab, son­dern vor allem auch von den Vor­erfahrun­gen und damit der indi­vidu­ellen Bedeu­tungszuschrei­bung der Sit­u­a­tion.

Der Teil im Gehirn der wesentlich dafür zuständig ist Vor­erfahrun­gen zu spe­ich­ern, ist das lim­bis­che Sys­tem mit der Amyg­dala als Alar­mge­ber („Automa­tis­ches Gehirn“). Gewohn­heit­en und prä­gende ver­gan­gene Lebenser­fahrun­gen hin­ter­lassen dort ihre Spuren. Dies bet­rifft vor allem die ganz frühe Leben­szeit, in der wir zwar füh­lende aber nicht ratio­nal denk­ende Lebe­we­sen waren. Zu ein­er Zeit, in der wir vol­lkom­men unbe­wusst waren, haben wir uns max­i­mal gut an den dama­li­gen Kon­text angepasst. Wir haben affek­t­mo­torische Schema­ta aus­ge­bildet, das heißt gefühlsmäßige und damit kör­per­lich repräsen­tierte Ver­hal­tens­muster. Diese sind in den Gehirn­re­gio­nen für die wichti­gen emo­tionalen Erfahrun­gen, wie dem lim­bis­chen Sys­tem, gespe­ichert. Die Amyg­dala, die in unserem Gehirn der Alar­mge­ber bei Gefahren ist, „springt an“, wenn eine ähn­liche Sit­u­a­tion wahrgenom­men wird, die bere­its früher zu schmerzhaften Erfahrun­gen geführt hat. Das heißt, das Wahrnehmen von Unsicher­heit hat vor allem auch mit den Vor­erfahrun­gen zu tun, die ein Men­sch gemacht hat. Vol­lkom­men automa­tisch wird die Moti­va­tion erzeugt für Sicher­heit zu sor­gen – auf die früher(!) gewohnt bewährte Weise! [1, S. 98ff] [3]

Davon ist beispiel­sweise in ein­er Studie, die 2010 im Han­dels­blatt unter dem Titel ‚Man­ag­er sind auch nur Men­schen‘ veröf­fentlicht wurde, zu lesen. Die Studie ergab, dass Erfahrun­gen aus Kind­heit und Jugend die Geschäft­sentschei­dun­gen von erwach­se­nen Top-Man­agern bee­in­flussen. Man­ag­er, die in der Kind­heit die große Depres­sion in den USA erlebt hat­ten, waren hin­sichtlich ihrer Finanzentschei­dun­gen deut­lich vor­sichtiger als andere, und dies unab­hängig von ratio­nal begründ­baren Über­legun­gen die finanzielle Sit­u­a­tion ihres Unternehmens und die aktuelle Mark­t­lage betr­e­f­fend [4].

Das Automa­tis­che Gehirn legt uns nahe so zu leben, wie wir es gewohnt sind, um sich­er zu sein.

Sicherheit und Entscheidungen

Auch Erken­nt­nisse aus der Urteils- und Entschei­dungs­forschung bele­gen, dass unsere Entschei­dun­gen von vie­len kog­ni­tiv­en Verz­er­run­gen bee­in­flusst wer­den und wir nicht so ratio­nal und sach­lich entschei­den, wie wir gerne glauben. Der renom­mierte Kog­ni­tions­forsch­er Daniel Kah­ne­mann, der für seine Arbeit mit dem Wirtschaft­sno­bel­preis aus­geze­ich­net wurde, stellt dies in beein­druck­ender Weise in seinem Buch „Schnelles denken, Langsames Denken“ dar. Eine sein­er The­o­rien, die in vie­len, auch inter­na­tionalen, wis­senschaftlichen Stu­di­en belegt wer­den kon­nte, ist die „Prospect The­o­ry“ oder „Neue Erwartungs­the­o­rie“. Sie besagt, dass Men­schen unter Unsicher­heit nicht nach ratio­naler ökonomis­ch­er Nutzungser­wartung entschei­den, son­dern nach sub­jek­tiv wahrgenommen­er Sicher­heit. So entschei­den Men­schen sich eher dafür, sich­er 900 Euro zu erhal­ten anstatt mit 90%iger Wahrschein­lichkeit 1.000 Euro. Ander­er­seits lässt eine starke Ver­lus­taver­sion risiko­r­e­ich entschei­den. Wir ver­lieren lieber zu 90% Wahrschein­lichkeit 1000 Euro, anstatt sich­er 900 Euro [5].

Auch diese Ergeb­nisse bele­gen die men­schliche Präferenz für Sicher­heit bei Entschei­dun­gen, ein­er Sicher­heit, die nicht ratio­nal begründ­bar ist!

Solche Aspek­te des men­schlichen Erlebens, Grundle­gen­des über Emo­tio­nen, Angst und Unsicher­heit und ihren Ein­fluss auf das men­schliche Han­deln zu ken­nen, ist ger­ade in Zeit­en großer Unsicher­heit, wie in dieser Zeit der Pan­demie, beson­ders wichtig.

Sicherheit als Illusion

In der Real­ität gibt es keine absolute Sicher­heit! Obwohl wir das natür­lich wis­sen, fühlt es sich nicht so an! Auch wenn wir uns sich­er fühlen, birgt das Leben immer die Dimen­sion von Gefahr. Leben ist immer lebens­ge­fährlich, nur der Tod ist sich­er. Emo­tio­nen sind entschei­dend für unser Erleben und Han­deln.

Es gehört zu den exis­ten­tiellen Wahrheit­en des Lebens, dass alles verge­ht, dass wir das Verge­hen fürcht­en und den­noch angesichts des Verge­hens leben müssen [6].

Kann dieses Wis­sen, das Bewusst­sein von der Vergänglichkeit des Lebens, des Verge­hens, sog­ar zu einem guten Leben beitra­gen? Aus ein­er spir­ituellen Sicht ist es unser Ego, das seine Exis­tenzberech­ti­gung durch die Wahrnehmung eines Getren­nt­seins von Gott bezieht, das durch den physis­chen Tod bedro­ht ist. In unser­er wahren Natur sind wir nicht getren­nt, son­dern zutief­st mit dem „großen Leben“ ver­bun­den. Ster­ben bedeutet „Erwachen zu unserem wahren Selb­st“. Davon han­delt auch die oben zitierte Textpas­sage aus den Märchen aus 1001 Nacht.

Mar­tin Hei­deg­ger erforschte im Jahre 1926 wie der Tod den Men­schen ret­ten kann und gelangte zu der wichti­gen Erken­nt­nis, dass die Bewuss­theit vom eige­nen Tod als Ans­porn für den Wech­sel von einem Modus der Exis­tenz hin zu einem höheren Modus der Exis­tenz dient.

Hei­deg­ger spricht davon, dass es zwei fun­da­men­tale Modi des Existierens in der Welt gibt:

  1. Einen Zus­tand des Vergessens des Seins und
  2. Einen Zus­tand des Bewusst­seins des Seins.

Im Zus­tand des Vergessens lebt man in der Welt der täglichen Dinge und taucht in die Ablenkun­gen des Lebens ein. Man gibt sich an die alltägliche Welt hin, an eine Beschäf­ti­gung damit, WIE die Dinge sind. In dem anderen Zus­tand, dem Zus­tand des Bewusst­seins des Seins, rät­selt man nicht lange darüber nach, wie die Dinge sind, son­dern, DASS sie sind. In diesem Modus zu existieren heißt, dass man sich ständig des Seins bewusst ist [6].

Diese Art zu leben, aus der Bewusst­sein des Seins, greift Str­elecky in seinem Roman „The Big Five für Live, Was wirk­lich zählt im Leben“ auf [7]. Ein junger Mann begeg­net eines Tages einem älteren, sehr charis­ma­tis­chen Unternehmer, der ihm mor­gens auf dem Weg zur Arbeit die Frage stellt: „Ist heute ein guter Muse­um­stag?“ Mit der Frage ist gemeint: Ist der Tag so, wie du ihn nach deinem Tod in einem Muse­um aus­gestellt sehen möcht­est? War er wesentlich? Hat­te er mit Dir und der Erfül­lung dein­er Werte zu tun?

Wenn wir genau hin­schauen, ist das Verge­hen nicht erst zum Zeit­punkt des Todes rel­e­vant. „Es ist nicht möglich den Tod den Ster­ben­den zu über­lassen.“ [6, S.44] Der Tod ist von Anfang an da, bere­its bei der Geburt. Immer ist im Anfang auch das Ende. Das Verge­hen ist ein ständi­ges The­ma unseres Lebens, Geboren wer­den und Ster­ben find­et unaufhör­lich statt, es ist eine Tat­sache des Lebens, ein Grun­drhyth­mus, wie wir ihn im Kle­in­sten im Atem­rhyth­mus erfahren kön­nen. Mit jedem Einatem wer­den wir genährt, mit allem was wir zum Leben benöti­gen, mit jedem Ausatem lassen wir los, geben wir ab und uns in die Atem­pause hinein hin. Wir geben uns hin an ein „Nichts“, aus dem uns ein neuer Atemzug neu kom­men lässt. So wird der Atem in der Med­i­ta­tion, wie sie Karl­fried Graf Dür­ck­heim in Anlehnung an seine Erfahrun­gen mit der Zen­med­i­ta­tion gelehrt hat, als Ver­wand­lungs­be­we­gung geübt [8]. Auf die Bedeu­tung dieses grundle­gen­den Rhyth­mus von Stirb und Werde ver­weist auch Goethe mit seinem Satz: „Solang du das nicht hast, dieses Stirb und Werde, bist du nur ein trüber Gast auf der dun­klen Erde.“

Auch in größeren Lebens­ab­schnit­ten find­en wir diese Ver­wand­lungs­be­we­gung. Jed­er neue Lebens­ab­schnitt ist Ver­wand­lung. Das Alte ist nicht mehr und das Neue ist noch nicht ver­traut und damit unsich­er. Unsicher­heit bzw. Angst ist ein das Leben in sein­er Verän­derung mehr oder weniger bewusst wahrgenommenes und beglei­t­en­des Gefühl. Der Grad der Bedro­hung durch das Neue ist indi­vidu­ell ver­schieden. Haben Men­schen gute Erfahrun­gen gemacht und fühlen sie sich inner­lich sich­er und gebor­gen, fällt es Ihnen eher leicht, mit dem Fluss des Lebens mitzuge­hen. Ist keine Sicher­heit im Innern, fehlt Ver­trauen und ist das Bedürf­nis groß, die Sicher­heit im äußeren Ver­traut­en zu erleben, fällt eine Verän­derung ver­ständlicher­weise deut­lich schw­er­er und kann sog­ar starke Angst aus­lösen.

Auch gibt es erschüt­ternde Erfahrun­gen, die uns vom alltäglichen Zus­tand des Vergessens des Seins (in den Worten Hei­deg­gers s.o.), zum Zus­tand der Exis­tenz des Seins zer­ren. Solche Erfahrun­gen ken­nt jed­er, der mit plöt­zlichen lebens­bedrohlichen Erkrankun­gen oder Todes­fällen kon­fron­tiert wurde. Der Tod fordert uns her­aus, unser Leben zu leben in sein­er ganzen Fülle und unserem Auf­trag gerecht zu wer­den, zu „wer­den der wir sind“. Ger­ade aus diesem Bewusst­sein her­aus kann eine ungeah­nte Kraft und Energie entste­hen, sich dem Leben zuzuwen­den, das zu leben, was danach drängt, gelebt zu wer­den. Der Tod, das Bewusst­sein des Todes, kann somit die Bedin­gung sein, die es uns erst möglich macht, das Leben auf authen­tis­che Weise zu leben.

Trotz allem Wach­s­tum, das dadurch möglich ist, sind wir aufge­fordert durch das Ster­ben, das Verge­hen hin­durch zu gehen und damit durch Unsicher­heit­en und Äng­ste. Elis­a­beth Kübler-Ross (schweiz­erisch-us-amerik. Psy­chi­a­terin, 1926–2004) hat den psy­chis­chen Prozess erforscht, den wir angesichts ein­er Tode­ser­fahrung durch­leben. Ihr Mod­ell der fünf Ster­bephasen [9] ist bis heute gültig. Diese fünf Ster­bephasen sind nach Kübler-Ross: Nicht wahrhaben wollen, Zorn, Ver­han­deln, Depres­sion und Akzep­tanz. Auch im Busi­ness Kon­text wird dieses Mod­ell heute ver­wen­det, wenn es darum geht, Change­prozesse gut zu durch­laufen.

In Teil 2 lesen Sie unter anderem, wie der Auf­bau ein­er inneren Sicher­heit gelin­gen kann.

 

Quel­len­verze­ich­nis:

  • Klaus Grawe, Neu­ropsy­chother­a­pie, Hogrefe, 2004, S.246
  • Philip G. Zim­bar­do, Psy­cholo­gie, Springer, 1988, S.415
  • Halko Weiss, Michael E. Har­rer, Thomas Dietz, Das Acht­samkeits­buch, Klett-Cot­ta, 2010, S.147
  • Olaf Stor­beck, Studie: Manger sind auch nur Men­schen, Han­dels­blatt, 06.02.2010, https://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/oekonomie/nachrichten/studie-manager-sind-auch-nur-menschen
  • Daniel Kah­ne­mann, Schnelles Denken, Langsames Denken, Pen­guin Ver­lag, 2011
  • Irvin D. Yalom, Exis­ten­zielle Psy­chother­a­pie, EHP-Ver­lag, 2005, Kap 2
  • John Str­elecky, The Big Five for Live, was wirk­lich zählt im Leben, dtv, 2009
  • Karl­fried Graf Dür­ck­heim, Medi­tieren- wozu und wie, Herder Ver­lag, 1976
  • Elis­a­beth Kübler Ross, Inter­views mit Ster­ben­den, Herder, 2018

 

 


Foto: © Karin Mertens, Karl­sruhe

Autorin: Dipl.-Psych. Elke Schul­meis­ter (BDP)

E‑Mail: eschulmeister@freenet.de

www.elke-schulmeister.de

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