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Tod und Trauer im Arbeitsschutz

Psychische Belastungen
Was haben Tod und Trauer mit Arbeitsschutz zu tun?

Tod und Trauer im Arbeitskontext
Trauer ist individuell, auch auf der Arbeit. Foto: © atichat – stock.adobe.com
Dipl.-Ing. Heinke Wedler, Stefan Hund
Nicht fik­tiv, der „fitte Jür­gen“: Das blanke Entset­zen zeigte sich auf ihren Gesichtern. Der dumpfe Schlag von vor über dreißig Minuten wum­merte manchem immer noch im Ohr. Da lag er, der „fitte Jür­gen”, wie ihn alle anerken­nend im Unternehmen nen­nen. Der durch­trainierte End­vierziger ist ein­er der erfol­gre­ich­sten Ver­triebler, ein­er, der schein­bar müh­e­los sechs- bis sieben­stel­lige Aufträge rein­holt. Er hat immer einen lock­eren Spruch auf den Lip­pen, ist erfol­gre­ich­er Marathon­läufer. Und jet­zt das…

Die junge Notärztin war über ihn gebeugt. Ihr Blick schien hochkonzen­tri­ert und ernst, sehr ernst. Die San­itäter kamen ger­ade mit der Trage vom Ret­tungswa­gen zurück. Dann stand sie auf, drehte sich zum Ers­thelfer um und lobte ihn: „Ohne Ihren Ein­satz hätte er keine Chance gehabt – jet­zt zumin­d­est eine kleine.” Die Geschäfts­führerin Cora Schnei­der, die sofort her­beigeeilt war, hat­te schon selb­st robot­er­haft mehrere Stell­wände zum Sichtschutz aufgestellt. Auf der anderen Seite der Wand waren die fünf Kol­le­gen, die eben noch an Jür­gens Ver­trieb­ss­chu­lung teilgenom­men hat­ten, krei­de­ble­ich. Drei andere aus den Nebenge­bäu­den, die zuvor wie Frau Schnei­der auch über Video teil­nah­men, waren bere­its abgemeldet. Was die Sache aber nicht bess­er machte. Auch, wenn es kein­er aussprach, alle warteten jet­zt auf die Reak­tion der sichtlich geschock­ten Geschäfts­führerin. Wie wird sie reagieren?

Schockerlebnis am Arbeitsplatz

Der Ret­tungswa­gen mit dem „fit­ten Jür­gen“ hat inzwis­chen den Hof bei voller Alarm­fahrt ver­lassen. Der Geschäfts­führerin bot sich vor Ort ein Bild des Grauens. Petra, ein­er Kol­le­gin, war zum Heulen, das erste Päckchen Taschen­tüch­er war schon durch. Jan, der neue Kol­lege, der direkt in der anderen Ecke des Raumes stand, wirk­te geistig abwe­send, schaute ver­loren in die Ferne. Die Betrieb­srätin Jas­min zit­terte am ganzen Kör­p­er und meinte nur, dass sie jet­zt erst mal raus muss – eine rauchen gehen. Sie gin­ge nur auf den Hof und käme gle­ich wieder. Jen­ny, die Kol­le­gin aus dem Einkauf, schien mit dem Handy zu tele­fonieren. Ihrem Gesicht und den Gesten nach zu urteilen, erzählte sie ein­er ver­traut­en Per­son, was geschehen war. Und das war etwas, was sie noch gar nicht fassen kon­nte und was mit Sicher­heit noch einige Tage nach­wirken wird. Ins­beson­dere, aber das wussten nur zwei Eingewei­hte, war sie im ver­gan­genen Jahr für einige Monate Jür­gens heiße Büroaffäre.

Eine Geschichte aus dem wahren Leben, die so ähn­lich passiert ist und in diesen Tagen immer wieder passiert. Das, was der „fitte Jür­gen“ erlebt, wird inzwis­chen von vie­len als nor­males Leben­srisiko ange­se­hen. Hinge­gen, und das wis­sen viele nicht, für die Augen- und Ohren­zeu­gen ist es ein Arbeit­sun­fall. Cora Schnei­der, die Geschäfts­führerin, muss sich jet­zt küm­mern. Der unbe­queme Anruf bei Jür­gens Frau ste­ht ihr gle­ich bevor. Sie bit­tet daher sowohl die Betrieb­särztin als auch die Fachkraft für Arbeitssicher­heit um ihre Hil­fe: „Sie berat­en mich ja ger­ade bei Arbeit­sun­fällen – was kann, soll, was muss ich nun tun?“ Sie brauchte ganz offen­sichtlich deren pro­fes­sionelle Hil­fe. Aber von der anderen Seite kam nur betretenes Schweigen.

Verhalten nach Beobachten eines gesundheitlichen Zusammenbruchs

Auf ein­er Fach­ta­gung mit Arbeitsmedi­ziner­in­nen und ‑medi­zin­ern und Sifas im Früh­jahr 2022 erzählte ich diese wahre, wen­ngle­ich anonymisierte Geschichte in klein­er abendlich­er Runde. Abschließend stellte ich die Frage: „Was wür­den Sie tun?“

Erfahrungs­gemäß sind erst ein­mal alle Blicke auf den­jeni­gen gerichtet, der am Boden liegt, der den Infarkt hat, so wie in mein­er Geschichte der „fitte Jür­gen“. Wenn ich so manche Gespräche der let­zten Jahre erin­nere oder auch von ähn­lichen Sit­u­a­tio­nen lese, bleibt es auch meist dabei. Wenn der Ret­tungswa­gen den Hof ver­lassen hat, soll es ein­fach weit­erge­hen wie zuvor. Aber genau das passiert kaum. Nach einem solchen Ereig­nis ist erst ein­mal Land unter. Mehr noch, jet­zt wird es, geset­zlich begrün­det, zu einem The­ma für die Arbeitssicherheit.

Im Sinne der klas­sis­chen Def­i­n­i­tion war Jür­gen allerd­ings „nur“ ein internistis­ch­er Not­fall; den eigentlichen Arbeit­sun­fall hat­ten die Augen- und Ohren­zeu­gen. Bei ihnen liegt infolgedessen möglicher­weise auch eine psy­chis­che Belas­tung, vielle­icht sog­ar eine Gefährdung vor. Ihr, im Ein­gang des Artikels geschildertes, Ver­hal­ten bietet bei allen einen Anlass, an dieser Stelle genauer hinzuschauen. Je nach­dem, wie dieser Check aus­fällt, sind Maß­nah­men zu tre­f­fen. Die Beurteilung sollte zudem wieder­holt wer­den, spätestens wenn klar ist, dass Jür­gen nicht mehr ins Unternehmen zurück­kehrt oder gar ver­stor­ben ist.

Tod und Trauer im Arbeitskontext

Schwere oder gar tödliche Arbeit­sun­fälle, die direkt in der Fir­ma passieren, sind ein­er dieser Zugänge. Zahlen­mäßig gehören sie zu den Kle­in­sten. Von der Gefährlichkeit für Unternehmen und Mitar­bei­t­ende her haben sie das größte Poten­zial. Solche Ereignisse, aber noch viel mehr der Umgang damit, bren­nen sich unweiger­lich in das Gedächt­nis der Belegschaft ein. Sie find­en somit Ein­gang in die „DNA“ des Unternehmens. Selb­st jene Mitar­bei­t­ende, die nicht dabei waren, wer­den Teil dieser Geschichte. Dies poten­ziert sich, wenn mehrere Mitar­bei­t­ende betrof­fen sind. Die Bilder, dass Polizei und Behör­den vor Ort waren und wom­öglich auch Presse und TV sowie die PSNV/Not­fallseel­sorge, bleiben in Erin­nerung. Diese Geschicht­en wer­den dauer­haft mit unter­schiedlichen Nuan­cen weit­er­erzählt. Damit wer­den auch jene in das Ereig­nis mit hinein­genom­men, die zu diesem Zeit­punkt noch gar nicht im Unternehmen arbeiteten. 

Nicht, dass ein solch­es Ereig­nis nicht passieren könne, aber spätestens mit der Presse wird ohne Vor­war­nung die kom­plette Sicher­heit, die Unternehmenswerte und sämtliche Kom­mu­nika­tion scho­nungs­los offen­gelegt. Jet­zt ste­ht im Fokus: „Küm­mert sich die Führung beziehungsweise eine konkrete Führungskraft wertschätzend um die Mitar­bei­t­en­den, die direkt ein solch­es Ereig­nis miter­lebt haben, oder schickt man die Mitar­bei­t­en­den unkom­men­tiert nach Schichtschluss nach Hause?“ Die vorfind­liche Antwort entschei­det über die Zukun­ft des Unternehmens. Glück­licher­weise sind Arbeit­sun­fälle oder ein internistis­ch­er Not­fall im Unternehmen als Todesur­sache eher gering.

Tod und Trauer mittelbar Teil des Arbeitsschutzes

Wenn es auch nicht unmit­tel­bar Teil des betrieblichen Arbeitss­chutzes ist, Mitar­beit­er, die im Pri­vat­en direkt mit Tod und Trauer kon­fron­tiert sind, tra­gen dies mit ins Unternehmen ein. Trauer ist kein The­ma, das man vor dem Werk­stor auszieht, auf einen Hak­en hängt und später wieder mitnimmt.

Im Fol­gen­den möchte ich nur kurz einige Schlaglichter wer­fen: Seit Jahren liegt die Zahl aller Ver­stor­be­nen (Q:statista.de) bei rund 930.000, 2021 stieg sie auf 1,023 Mil­lio­nen. Um diese Men­schen wird von Nah­este­hen­den getrauert. Trauer ist ein zutief­st men­schlich­er und indi­vidu­eller Prozess des Abschied­nehmens, der mit Unter­stützung oft schneller zu bewälti­gen ist. Bei gelin­gen­der Trauer wird das, was gewe­sen ist, ins Leben inte­gri­ert, gewürdigt und dann geht das Leben, oft­mals gestärkt, mit einem neuen Zeitab­schnitt weit­er. Unternehmen soll­ten daher ein Eigen­in­ter­esse haben, dass dies möglichst gut und zeit­nah gelingt, um für sich entsprechende Belas­tun­gen und Ein­bußen zu minimieren.

Unter­schätzt sind zudem, weil häu­fig unterm Radar, Fehl- oder stille Geburten. Hier sprechen die Fach­leute von unge­fähr 200.000 trauern­den Eltern­paaren pro Jahr. Hier zeigt sich bei Frauen häu­fig die Trauer in Wellen der Trau­rigkeit bis hin zur Depres­sion; Män­ner flücht­en oft in die Arbeit. Ein weit­eres großes Tabu sind Suizide. Hier ste­ht neben dem Erschreck­en und der Trauer sofort eine Rei­he weit­er­er Aspek­te. Was kön­nte ein Eigenan­teil sein, was hätte man anders machen kön­nen oder gar müssen? Sofern ein Kol­lege diesen Weg gewählt hat, ist für Teams pro­fes­sionelle Hil­fe drin­gend anger­at­en. Das The­ma ist nicht mit Bor­d­mit­teln auflös­bar. Entschei­dend für das Unternehmen ist, dass die Trauer der Mitar­beit­er nicht die Trauer des Unternehmens wird.

Wer als Unternehmer oder Per­son­allei­t­erin bei diesen großen Zahlen meint, dass Tod und Trauer in seinem Unternehmen seit Jahren keine Rolle spie­len, kön­nte sich in einem Graufeld befind­en. Ein Feld, das mit einem Mal sehr hell wer­den kann.

Tod und Trauer verändern persönliche Leistungsvoraussetzungen

Der Tod eines Nah­este­hen­den erschüt­tert das Leben jedes Mitar­beit­ers unmit­tel­bar. Für die Arbeitssicher­heit gilt es daher, für diesen Moment die per­sön­lichen Leis­tungsvo­raus­set­zun­gen zu beurteilen. Zu viele Sor­gen und zu wenig Schlaf bilden schon in nor­malen Zeit­en eine brisante Mis­chung, die bisweilen mit Selb­stmedika­tion kaschiert wird.

Kommt jedoch, wie im Trauer­fall zusät­zlich, eine solche mas­sive organ­isatorische und eine emo­tionale Über­forderung, beispiel­sweise im Blick auf eine Beiset­zung, hinzu, steigt die Unaufmerk­samkeit und damit häu­fig das Sicher­heit­srisiko auch für Unternehmen. Was würde diesem Trauern­den also jet­zt helfen?

Auch sollte der Blick jet­zt sys­temisch in Rich­tung Unternehmen gehen. Sind Tod und Trauer hier ein „erlaubtes“ The­ma? Wird der Mitar­beit­er wohlwol­lend und aktiv unter­stützt oder muss er seine momen­tane Sit­u­a­tion ver­steck­en, was zusät­zlichen Stress für ihn bedeutet? Welche Auswirkun­gen hat die Sit­u­a­tion auf die Teams, in denen dieser Mitar­beit­er einge­bun­den ist? Rück­en diese mehr zusam­men oder überträgt sich hier eine gewisse Depres­sion auf die Gruppe und ihre Leis­tun­gen? Darüber hin­aus ist zu schauen, ob er vom Unternehmen und den Kol­le­gen unter­stützt wird. Muss gar davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass der betrof­fene Mitar­beit­er unter beson­dere Beobach­tung gestellt oder gar aus­ge­gren­zt wird? All diese Aspek­te soll­ten daher in die Gefährdungs­beurteilung nach einem Trauer­fall Ein­gang finden.

Unterstützung bei Tod und Trauer rechnet sich für Unternehmen

Als Fachkräfte für Arbeitssicher­heit in Deutsch­land ken­nen wir diese Szene nur zu gut: Wir zeigen der Geschäfts­führung einen für sie kri­tis­chen Bere­ich, haben sog­ar eine Lösung vor­bere­it­et, und sofort begin­nt das alt­bekan­nte Lamen­to der Kosten. Wird diese Karte gezo­gen, dann meist, um im näch­sten Satz zu sagen, dass einem das zu teuer ist. Das Ganze hat schon fast rit­uellen Charakter.

Ob nun aus Kosten- oder aus Angst­grün­den, fak­tisch wird das The­ma in diesem Moment strate­gisch aus dem Weg geräumt. Aus dem Jahr 2003 gibt es eine großan­gelegte Studie aus Nor­dameri­ka (Grief Recov­ery Insti­tute), die mit ein­deuti­gen Zahlen zum The­ma: „Kosten von Tod und Trauer in den Unternehmen“ aufwartet. Bevor Sie hier nun weit­er­lesen, lade ich Sie zu einem kleinen Schätzspiel ein. Was schätzen Sie, wie viel Geld kostet das The­ma „Tod und Trauer“ Unternehmen in Deutsch­land jährlich?

Ergänzend sollte gesagt wer­den, man machte für die Studie eine Gesamtkosten­rech­nung und bezog Verzögerun­gen, Pro­duk­tion­saus­fälle, Unfälle usw. mit ein. Übri­gens: Sucht man im deutschsprachi­gen Inter­net zum The­ma „Kosten“ und „Tod in Unternehmen”, find­en sich in den oberen Rän­gen meist die Beiträge, bis zu welchen Beträ­gen der Trauerkranz steuer­fre­undlich vom Unternehmen bezahlt wer­den kann.

Die Ersteller dieser kanadisch-amerikanis­chen Studie räu­men sog­ar ein, dass sie einen Teil der Kosten, eben jene, die sie nicht konkret zuord­nen kon­nten, außen vor ließen. Hier zählten sie beispiel­sweise Alko­holmiss­brauch und Depres­sion auf. Soll­ten Sie Ihre Zahl für das kleine Spiel noch schätzen wollen, dann müssen Sie jet­zt spätestens ihren ver­muteten Wert auf­schreiben, son­st wird gespoilert.

In diesem genan­nten Report ist zu lesen, dass Tod und Trauer in den USA damals bere­its direk­te Pro­duk­tion­saus­fälle in Höhe von 75 Mil­liar­den Dol­lar verur­sacht­en (entsprach ca. 18 Mrd. für D). Die Wirtschaftswoche bez­if­fert am 8.11.2012 die Kosten für einen einzel­nen Trauern­den auf rund 16.000 Euro. Dass diese Zahlen sowohl entsprechend der Infla­tion als auch der Coro­na-Sit­u­a­tion und ein­er ehe­dem stark geforderten per­sön­lichen Resilienz, also der Kraft, gelassen mit der­ar­ti­gen Her­aus­forderun­gen umzuge­hen, gestiegen sind, ste­ht außer Frage.

Zusät­zlich ver­schärft der bere­its beste­hende und noch wach­sende Fachkräfte­man­gel die Sit­u­a­tion. Unternehmen, von denen im Inter­net erzählt wird, dass sie in solch sehr per­sön­lichen Sit­u­a­tio­nen ihre Mitar­beit­er nicht unter­stützen oder gar vor den Kopf stoßen, dro­ht ein Bewer­ber­man­gel. Der aktuelle Gallup-Engage­ment-Index bez­if­fert die Kosten für Mitar­beit­er, die inner­lich gekündigt haben, auf zwis­chen 92 und 115 Mrd. Euro pro Jahr. Zwei Drit­tel der­jeni­gen, die nur noch eine geringe Bindung an das Unternehmen haben, gaben bei Gallup an, dass sie das Unternehmen in den kom­menden drei Jahren ver­lassen haben wer­den. Je geringer hier die Bindung, desto höher ist die Wechselbereitschaft.

Auch ist nicht auszuschließen, dass die Beruf­sgenossen­schaften den Unternehmen kri­tisch auf den Zahn fühlen, wenn ein fehlen­der Umgang mit dem The­ma „Tod und Trauer“ Aus­lös­er für einen Arbeit­sun­fall oder gar mehr sein kön­nte. Immer­hin scheint es ja so zu sein, dass nachrück­ende Auf­sichtsper­so­n­en oft­mals eher einen psy­chol­o­gis­chen denn einen tech­nis­chen Aus­bil­dung­sh­in­ter­grund mitbringen.

Spürbar Hilfe anbieten

Wed­er Tod noch Trauer sind ansteck­ende Krankheit­en. Vielmehr sind sie für alle Men­schen ein chao­tis­ch­er und schmerzhafter Moment, in dem sich das Leben neu ord­net. In aller Regel sind prak­tis­che Hil­f­sange­bote willkom­men – die meis­ten Mitar­beit­er wür­den jedoch nie von sich aus danach fra­gen beziehungsweise darum bit­ten. Unternehmer, die in dieser exis­ten­ziellen Krise ihren Mitar­beit­ern spür­bar Hil­fe anbi­eten, reduzieren ihre Aus­fal­lkosten, stärken das Miteinan­der und tra­gen so aktiv und nach­haltig zur Bindung von gesucht­en Fachkräften an ihre Fir­ma bei. Hier kommt also neben dem Finanzbere­ich auch der Per­son­al­bere­ich auf seine Kosten.

Was können Fachkräfte für Arbeitsschutz tun?

Gute und gün­stige Arbeitssicher­heit begin­nt wie immer bei der Präven­tion­skul­tur des Unternehmens. Konkret kön­nte von Seit­en der Sifa mit der Geschäft­sleitung eine ganzheitliche Per­spek­tive beim Umgang mit Tod und Trauer begrün­det wer­den, wenn diese nicht schon ander­weit­ig Teil des Unternehmensleit­bildes ist oder dort ein­fach inte­grier­bar gelebt wird.

Im Unternehmen kön­nte man auch in Zusam­me­nar­beit mit dem Betrieb­srat fol­gende Botschaft fes­tle­gen, diese durch alle Hier­ar­chien kom­mu­nizieren und entsprechend in das Bew­er­tungs-/Bonussys­tem für die Führungskräfte ein­flecht­en: „Der wertschätzende Umgang mit Tod, Trauer und Trau­ma ist immer Teil auch der Arbeit in unserem Unternehmen – nie alleine Pri­vat­sache des Mitarbeiters.”

In der Regel treten diese Sit­u­a­tio­nen über­raschend auf. Erfahrungs­gemäß sind Führungskräfte schon von dem Anlass alleine über­fordert, und manche ver­suchen der Sit­u­a­tion, die für sie nicht beherrschbar erscheint, auszuwe­ichen. Das wäre aber nicht im Sinne des Arbeitss­chutzes und erst recht nicht im Sinne des Unternehmens oder des betrof­fe­nen Mitarbeiters.

Der schwarze Brandschutzordner

Hil­fre­ich ist zunächst eine Art „schwarz­er Brand­schut­zord­ner“ mit fir­menin­tern abges­timmten Alarm- bzw. Ablauf­plä­nen, diese sind nach Anlass geord­net. Damit wäre auch kom­mu­niziert, dass ein pos­i­tiv-aktiv­er Umgang mit dem The­ma „Tod und Trauer“ im Unternehmen kein Tabu, son­dern gewün­scht ist. Ein Hin­weis auf die Berück­sich­ti­gung eines unter­stützen­den Ver­hal­tens der Führungskraft beim näch­sten Jahres­ge­spräch würde dies noch mal ver­stärken. In einem solchen „schwarzen Brand­schut­zord­ner“ erfährt die Führungskraft auf einen Blick, wen sie wie informieren muss oder auch, wer für sie in diesem Moment unter­stützend sein kann. Hil­fre­ich ist zudem eine vorstruk­turi­erte kleine Rede, die ver­wen­det wer­den kann, um den Kol­le­gen die Todesnachricht zu über­brin­gen oder auch den Hin­terbliebe­nen zu kon­dolieren. Hier kann sich eine Führungskraft anhand eines Fluss­di­a­gramms schnell einen Überblick ver­schaf­fen, wie sie zu Gun­sten des Mitar­beit­ers reagieren kann – auch in welchem Rah­men sie nach Ermessen eigene Entschei­dun­gen tre­f­fen kann, wie z. B. bis zu drei Wochen Son­derurlaub zu geben und mit dem Mitar­beit­er im Gespräch zu bleiben – anstatt der son­st weit ver­bre­it­eten län­geren Krankschrei­bung und dem Abtauchen des Mitarbeiters.

Regelmäßige Impulse für Führungskräfte

Ein monatlich­es Dreißig-Minuten-Webi­nar, exk­lu­siv für Führungskräfte, hält die Infor­ma­tio­nen wach bzw. ergänzt sie. Vielle­icht entste­ht daraus im Anschluss auch ein firmeneigenes Wiki, hier würde die Führungskraft Ideen find­en, die für den konkret Trauern­den oder das Team hil­fre­ich sind.

Kollegiale Ersthelferteams

Ein ander­er Impuls, ini­ti­iert und aus­ge­bildet durch die Fachkraft für Arbeitssicher­heit, sind „Kol­le­giale Ers­thelfer­teams“. Sie wur­den von Dipl.-Ing. Heinke Wedler bere­its vor mehr als einem Jahrzehnt in Kliniken für Sit­u­a­tio­nen nach einem Über­griff einge­führt. Ihre Auf­gabe ist es, die ihnen oft zumin­d­est flüchtig bekan­nten Kol­le­gen und Kol­legin­nen zu unter­stützen, sodass diese aus der Schock­phase wieder in die volle Selb­st­wirk­samkeit gelan­gen, oder in Absprache mit dem Betrieb­sarzt und der Beruf­sgenossen­schaft möglichst schnell die fünf pro­ba­torischen Sitzun­gen nach Arbeit­sun­fall über die Beruf­sgenossen­schaft in Anspruch nehmen kön­nen. Dieser Aspekt ist darüber hin­aus wichtig, da die Wartezeit­en bei Psy­cholo­gen aktuell bere­its mehrere Monate betra­gen. Für diese Teams sind nach ein­er Erstaus­bil­dung verpflich­t­ende regelmäßige Schu­lun­gen wichtig, um im Train­ing zu bleiben. Sie fördert zudem auch weit­er­hin die Bere­itschaft für diese ehre­namtliche Tätigkeit im Unternehmen. Wird ein solch­er Dienst im Unternehmen ein­gerichtet, ist eine Super­vi­sion nach einem Ein­satz unerlässlich.

Nachsorge

Vielfach unter­schätzt wird ins­beson­dere nach einem Todes­fall die Kom­mu­nika­tion im Unternehmen. Diese Auf­gabe fällt nor­maler­weise der Führungskraft zu, sie muss angemessen, wertschätzend und zeit­nah erfol­gen – aber bisweilen ist das offen. Nichts ver­wirrt mehr, als wenn man vom Tod des aktiv­en Kol­le­gen aus der Zeitung erfährt oder let­ztlich, wie auch schon passiert, dass der Park­platz über Nacht neu vergeben war.

Große Unternehmen haben oft­mals ihre regelmäßi­gen Prozesse stan­dar­d­isiert. Dazu zählt auch die Wei­h­nacht­spost der Geschäft­sleitung und die automa­tisierte Versendung. Aber regelmäßig passiert der GAU: Die Witwe eines im Novem­ber ver­stor­be­nen Mitar­beit­ers erhält Mitte Dezem­ber eine stan­dar­d­isierte Wei­h­nacht­skarte, gegebe­nen­falls noch mit einem Präsent und auf jeden Fall mit fröh­lichen Festtagswünschen.

Kommunikation

Auch ein wichtiger Aspekt ist das let­zte Off­board­ing, die Kom­mu­nika­tion des Trauer­falls im Unternehmen, bei Kun­den und Liefer­an­ten und nicht zulet­zt im Kon­takt mit den Hin­terbliebe­nen – erfahrungs­gemäß wird dies von Kol­le­gen häu­fig sehr genau beobachtet, es wer­den Rückschlüsse gezo­gen, die mancherorts zu Kündi­gun­gen auch langjähriger Fachkräfte geführt haben (alles schon erlebt).

Weit­ere Bausteine aus dem Blick­winkel Belastung/Gefährdung der Psy­che kön­nten nach dem Ereig­nis sein: Welchen Umgang mit dem Tod oder welch­es Abschied­sritu­al kön­nte für ein Team wichtig sein? Hier­bei soll­ten neben den Todesum­stän­den und der Posi­tion des Ver­stor­be­nen auch ger­ade bei kleineren Grup­pen die Kul­tur beziehungsweisedie religiösen Hin­ter­gründe der Beteiligten eine Rolle spie­len. Diver­si­ty und Inklu­sion, ger­ade wenn man sich das als Unternehmen auf die Fahne geschrieben hat, ste­hen hier beson­ders im Fokus. Wenn beispiel­sweise ein Mit­glied der Geschäft­sleitung ver­stirbt, ist neben den vie­len per­sön­lichen Beziehun­gen auch von vie­len Trauern­den auszuge­hen. Hier sollte, wie vor eini­gen Jahren nach dem Suizid des Swiss­com-Chefs Carsten Schlot­er, über eine Über­tra­gung der Trauer­feier im Intranet nachgedacht wer­den. Bei einem schw­eren Arbeit­sun­fall mit eini­gen Toten und Schw­erver­let­zten kann sehr wohl neben einem Abschied­sritu­al auch an eine „Hall of Fame“ bzw. Erin­nerungskul­tur gedacht werden.

Einen guten, unter­stützen­den Abschluss ein­er Trauer­phase kön­nte dann ein Ver­trauens-Rück­kehrge­spräch sein, was ähn­lich einem wertschätzen­den BEM gestal­tet wer­den kön­nte. Zu guter Let­zt sollte natür­lich nach jedem Ereig­nis eine Analyse erfol­gen und gegebe­nen­falls die zuvor genan­nten Unter­la­gen ergänzt werden.


Dipl.-Ing. Heinke Wedler und Stefan Hund
Dipl.-Ing. Heinke Wedler und Ste­fan Hund; Foto: © Marc Fippel

Autoren:
Dipl.-Ing. Heinke Wedler und Ste­fan Hund (Fachkraft für Arbeitssicher­heit / Ev. Pfar­rer i.R.)
Trauer im Unternehmen

 

 

 

 

 


Unterstützung bei Trauer im Unternehmen

Auf­grund von am Anfang zufäl­li­gen Anfra­gen nach auch natür­lichen Todes­fällen in Unternehmen („Sie sind doch auch Pfar­rer und nicht nur Sifa, kön­nen Sie uns kurzfristig helfen?“), entwick­el­ten Ste­fan Hund und Dipl.-Ing. Heinke Wedler ein eigenes Infor­ma­tions- und Ange­bot­sportal zum The­ma „Trauer in Unternehmen“. Hier find­en Sie sowohl Infor­ma­tio­nen, um eigene Prozesse und Proze­duren für Trauer­fälle in Unternehmen aufzubauen, als auch Unter­stützung für Führungskräfte im Akutfall.

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