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Techtextil zeigte nicht nur Zukunftsvisionen

Techtextil zeigte nicht nur Zukunftsvisionen
Von EMV-Abschirmung bis Sichtbarkeit

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Abb. 1: ContiTech-Gewebe für Schutzanzüge, die kurzzeitigen Schutz vor Temperaturen von 850 °C bis –196 °C bieten . Foto: © Tesimax
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Die Tech­tex­til (14.–17. Mai in Frankfurt/Main) hat sich erneut als ein Mek­ka für Anwen­der tech­no­tex­til­er Lösun­gen erwiesen: Ob Auto­mo­tive, Work­wear, Betrieb­ssicher­heit, Interieur, Luft­fahrt, Bau oder Medi­z­in­tech­nik: Pro­duk­ten­twick­ler und Kon­struk­teure set­zen immer mehr auf leichte, smarte und hoch-inno­v­a­tive Lösun­gen aus der Welt der Tech­nis­chen Tex­tilien.

Autor: Hans-Wern­er Oertel,Technologiejournalist

Visio­nen wie Urban Liv­ing in den Megastädten in der Mitte dieses Jahrhun­derts – unter­stützt auch durch neue tex­til-hybride Faserver­bunde und ‑mate­ri­alien – sind das eine, prak­tis­che Schritte hin zum mit­tel­fristi­gen Ziel das andere. Das bet­rifft mit Blick auf faser­basierte Werk­stoffe für die humane Arbeitssicher­heit beziehungsweise den Tech­nikein­satz bere­its in den näch­sten Jahren unter anderem solche Fra­gen: Was kommt nach den beden­klichen halo­ge­nierten Flamm­schutzmit­teln? Welche neuen Anwen­dungsmöglichkeit­en bieten Smart Tex­tiles in Schutz­tex­tilien? Oder: Mit welchen neuen Tech­nolo­gien lässt sich die Bar­ri­erewirkung bei Work­wear bei gle­ichzeit­ig verbesserten Trageeigen­schaften erhöhen?

Schutz gegen extreme Umgebungen

Chemikalien, Hitze, Kälte … Mit zum Teil neuen tech­no­tex­tilien Mate­ri­alien, die in Frank­furt Pre­miere hat­ten, lassen sich die Schutz-Stan­dards samt Trageeigen­schaften für (Arbeitsschutz)Bekleidung und PSA entschei­dend verbessern. Für das Tech­nolo­gie­un­ternehmen Con­ti­nen­tal sind ger­ade diese Extreme eine inno­v­a­tive Her­aus­forderung. Elas­tomerbeschichtete Gewebe wie für den Chemikalien­schutzanzug „Next Gen­er­a­tion“ – übri­gens nach der US-Brand­norm NFPA zer­ti­fiziert – sind über­all dort ein­set­zbar, wo es zur Sache geht – beispiel­sweise bei der Feuer­wehr, auf Bohrin­seln und im Schiff­bau. Diese schw­er ent­flamm­baren Gewebe sind wahre „Klima­helden“, weil sie extrem hohen Tem­per­a­turen und stark­er Kälte trotzen. Mit dem inte­gri­erten Con­tiBar­ri­er­Sys­tem aus­ges­tat­tet, schützen die gle­ichzeit­ig um 30 Prozent leichteren Tex­til­ma­te­ri­alien sich­er vor Chemikalien und Gasen (Abb. 1).

Mit mul­ti­funk­tionalen Strick­stof­fen aus Ital­ien unter­stützt das Unternehmen Agrar Her­steller von Arbeits­bek­lei­dung. So emp­fiehlt sich das HVis-Tes-esd-Gewebe für Per­so­n­en, die für den Trans­port von Kraft­stoff zuständig und damit Explo­sion­s­ge­fahren aus­ge­set­zt sind. Tes-firESD-Gewirke aus dem­sel­ben Haus richt­en sich dage­gen an die Betreiber von Strom­net­zen, Ölförder- und Raf­finer­iebe­trieben, deren Mitar­beit­er unter extrem unan­genehmen kli­ma­tis­chen Bedin­gun­gen tätig sein müssen.

Das Mate­r­i­al X‑FIPER Meta Aramid Fiber und daraus hergestellte Ver­bundw­erk­stoffe eines chi­ne­sis­chen Pro­duzen­ten aus Suzhou eignen sich auf­grund der Tem­per­atur­re­sistenz und Abriebfes­tigkeit bestens für Feuer­wehr- und Ret­tung­suni­for­men, Infrarot-Tarn­klei­dung, Schmelzk­lei­dung sowie flammhem­men­dem und anti­s­ta­tis­chem Arbeitss­chutz. Car­ring­ton Tex­tiles aus Großbri­tan­nien hat nach mehrjähri­gen Entwick­lungsar­beit­en auf der Tech­tex­til den Mark­t­start für sein flammhem­mendes Stretch-Gewebe Flame­flex 275 bekan­nt­geben. Die Verbindung von Elas­tolefin-Fasern mit Poly­ester und Baum­wolle ver­lei­ht dem lan­glebi­gen Mate­r­i­al im Ver­gle­ich zu baum­woll­basierten Stretch-Geweben eine bessere Fes­tigkeit und Abriebbeständigkeit.

Für die Arbeitssicherheit

Ob Schnittschutz, EMV-Abschir­mung, Sig­nal­ge­bung oder Inter­ak­tion: Die Arbeitss­chutzbek­lei­dung von mor­gen wird immer funk­tionaler. So berührten gle­ich zwei von sieben Tech­tex­til Inno­va­tion Awards des Jahres 2019 das The­ma Arbeitssicher­heit im Dig­i­tal­isierungszeital­ter. Aus­geze­ich­net wur­den der smarte Sicher­heits­man­tel „E‑Caption 2.0“ aus Por­tu­gal und ein gestrick­ter Sen­sorhand­schuh aus Deutsch­land. Der vor allem für Arbeit­er an Sende­mas­ten an der Uni­ver­sität Beira Inte­ri­or entwick­elte Man­tel schützt mit Blick auf den weltweit boomenden Markt von Sende­mas­ten vor über­mäßiger Radiofre­quen­zs­trahlung. Grund­lage dafür ist ein Tex­til­sys­tem, dass Energie gewin­nt und mit LEDs verknüpft ist. Let­ztere sig­nal­isieren dem Träger, wenn die von der EU emp­foh­lene RF-Strahlen­be­las­tung über­schrit­ten wird. Ein ähn­lich­es Tex­til für EMW-Abschir­mung – allerd­ings ohne Tech­tex­til-Preis – kommt von der öster­re­ichis­chen Fir­ma Kufn­er. Mit über 99-prozentiger Abschir­mungswirkung soll xShield einen außergewöhn­lich hohen Schutz vor elek­tro­mag­netis­ch­er Strahlung bere­its mit einem Lay­er gewährleis­ten, heißt es dazu in ein­er Fir­menin­for­ma­tion.

Zurück zu den Awards: Von direk­ter Indus­tri­erel­e­vanz indes ist der unter anderem mit Sen­sor­garn naht­los und 3D-flachgestrick­te Hand­schuh der Robert Bosch GmbH in Zusam­me­nar­beit mit der H. Stoll AG. Er soll dem Träger über Sen­sor- und Steuerungs­funk­tio­nen an allen Fin­gern die zuver­läs­sige Steuerung von Bedienober­flächen in der Men­sch-Mas­chine-Inter­ak­tion gewährleis­ten. Der Sen­sorhand­schuh lässt sich auch für die Bewe­gungss­teuerung der Aug­ment­ed- und Vir­tu­al Real­i­ty-Wel­ten ein­set­zen bzw. kann fern­er im Rah­men von Reha­bil­i­ta­tion­s­maß­nah­men im medi­zinis­chen Umfeld Anwen­dung find­en (Abb. 2).

Mit Edel­stahlfasern der Marke Bekinox zielt der bel­gis­che Her­steller Bekaert auf ein bre­ites Anwen­der­spek­trum für Schnittschutz: Hand­schuhe sowie entsprechende Schutzbek­lei­dung und ‑rundgestricke. Die Fes­tigkeits- und Flex­i­bil­itätspa­ra­me­ter ermöglichen sichere Lösun­gen bei der Hand­habung von Glas, dem Aus­tausch von Schnei­dek­lin­gen sowie für das Schnei­den tech­nis­ch­er Schaum­stoffe.

Die Beschich­tungs-Inno­va­tion „nop­ma 3D pro­tec­tion“ von Carl Meis­er aus Alb­stadt hat­te in Frank­furt Welt­premiere. Die Botschaften an den Sicher­heits- und Schutzbek­lei­dungs­markt: Mit seinem drei­di­men­sion­alen Tex­til­ef­fekt bietet es neue Ansätze und Schutzwirkung (Tem­per­a­tur­iso­la­tion und akustis­che Absorb­tion) für kom­fort­able Funk­tions­bek­lei­dung sowie für den Ein­satz im Auto­mo­bilsek­tor.

Zum neuen Trend, elek­trisch lei­t­ende Fasern in Schutzbek­lei­dung zu inte­gri­eren, um damit zu kli­ma­tisieren, Vital­pa­ra­me­ter zu erfassen oder durch Eigen­leucht­en den Träger sicht­bar zu machen, hier nur ein weit­eres Beispiel (Sicher­heitsin­ge­nieur berichtete bere­its in sein­er Aus­gabe 5/2019 aus­führlich über Poten­ziale dieser Tech­nolo­gien): Speziell für Nachtar­beit­en (Logis­tik­er, Verkehrsteil­nehmer, Notein­sätze,
Abschlep­p­di­en­ste) hat die Fir­ma Future Light­ing Tech­nolo­gies aus Her­zo­gen­rath Tex­tilien mit aktiver­Beleuch­tung mit­tels aufge­stick­ter LED entwick­elt. Geschäfts­führer Björn Sobis­chek ste­ht auch damit für tech­nolo­giebe­wusste Anwen­der Gewehr bei Fuß: „Wir hal­ten rund um das
Beleucht­en, Heizen und Schal­ten fix und fer­tige Ver­fahren vor, die mor­gen schon zum Ein­satz kom­men kön­nen.“

Zuverlässige Betriebssicherheit

Zahlre­iche in Frank­furt präsen­tierte tech­no­tex­tile Neuen­twick­lun­gen haben die Betrieb­ssicher­heit von Maschi­nen, Antrieben und Aus­rüs­tun­gen im Blick. Ein Beispiel dafür gibt die Fren­zelit GmbH. Das Unternehmen präsen­tierte eine tex­tile Umhül­lung für Gle­ichspan­nungswan­dler, wie sie in Elek­tro­fahrzeu­gen zu find­en sind. Mit dem Aramidgewebe ther­moRE­FLEX wird die Strom­schlagge­fahr infolge eines Unfalls elem­i­niert und der Berstschutz zudem deut­lich verbessert.


Dr. Thomas May­er-Gall
Foto: © DTNW

Neue textile Flammschutzmittel

Aus Umwelt- und Gesund­heits­grün­den wur­den durch die EU-Chemikalien­verord­nung REACH halo­ge­nierte Flamm­schutzmit­tel für Tex­tilbeschich­tun­gen ab 2017 mit weni­gen Aus­nah­men ver­boten. Was nun? Die Frage geht an den Tex­til­chemik­er Dr. Thomas May­er-Gall vom Deutschen Tex­til­forschungszen­trum Nord-West (DTNW, Krefeld).

Dr. Thomas May­er-Gall: Unser Insti­tut hat auf der Suche nach effizien­ten und nach­halti­gen Alter­na­tiv­en mehrere Strate­gien für den Ersatz halo­ge­niert­er Flamm­schutzmit­tel durch umwelt­fre­undliche Mate­ri­alien entwick­elt. Entsprechende Forschung­spro­jek­te laufen. Ziel ist es, die in Ver­ruf gekomme­nen bromhalti­gen Chemikalien durch unbe­den­kliche anor­gan­is­che Poly­mere zu erset­zen.

 Welche Wege schla­gen Sie dabei ein?

Zum einen die Sol-Gel-applizierte Flamm­schutzaus­rüs­tung. Das sind wasser­basierte Per­ma­nent-Aus­rüs­tun­gen auf der Grund­lage von phos­phor-und stick­stoffhalti­gen Sila­nen. Eine zehn­prozentige Gewicht­sauflage im Tex­til bietet sowohl Flamm­schutz als auch Waschre­sistenz. Der andere Weg, einen halo­gen­freien Flamm­schutz beispiel­sweise auf Baum­wolle zu erzeu­gen, geht eben­falls über wasser­lös­liche Sub­stanzen, soge­nan­nten Cyclophos­p­hazene. Sie kön­nen schon beim Fär­ben des Mate­ri­als aufge­bracht wer­den. Wir arbeit­en dran, dieses Ver­fahren auch auf Mis­chgewebe und PET und PA zu über­tra­gen. Zudem nehmen wir Kurs auf umwelt­fre­undliche und biol­o­gisch abbaubare Flamm­schutzmit­tel.

 Was sagt die Indus­trie zu Ihrem Know-how?

Die Indus­trie ist – das zeigen die Anfra­gen beispiel­sweise aus der Chemie‑, Bau- und Holzin­dus­trie – stark inter­essiert an neuen Pro­duk­ten, weil effek­tive Lösun­gen weit­er­hin fehlen.

 Ohne tex­tilen Brand­schutz im Hal­bzeug oder Pro­dukt lässt sich nichts verkaufen …

… richtig. Europaweit ster­ben Jahr für Jahr 25.000 Men­schen in den Flam­men; 80 Prozent übri­gens bei Woh­nungs­brän­den. Bran­dur­sache sind in jedem zweit­en Fall tex­tile Mate­ri­alien oder entsprechend über­zo­gene Pol­ster­mö­bel. Welche Rolle effek­tiv­er Flamm­schutz bei Arbeits-Schutzaus­rüs­tun­gen spielt, muss ich mit Blick auf Feuer­wehrleute und Co. sicher­lich nicht erläutern.

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