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Persönliche Schutzausrüstung

PSA: Wich­ti­ger Baustein im Arbeitsplatz-Schutzkonzept

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Als der Eisho­ckey­tor­wart Siniša Marti­no­vic´ (Bietig­heim Stee­lers) die Deut­schen Jugend-Arbeitsschutz-Preise 2018 über­reichte, thema­ti­sierte er Arbeits­schutz im Eishockey-Profisport. Zentral im Schutz­kon­zept ist dort die Schutz­aus­rüs­tung – hoch komplex und bei Profi-Torleuten rund zehn­tau­send Euro teuer. Im betrieb­li­chen Umfeld wird glück­li­cher­weise selten so viel Geld ausge­ge­ben, darauf verlas­sen können muss man sich trotz­dem.

Ziel jedes Akteurs im Arbeits­schutz ist es, Gefah­ren­quel­len mit dazu­ge­hö­ri­gen Gefähr­dungs­fak­to­ren (schä­di­gende Ener­gie) so zu mini­mie­ren, dass sie im Falle eines Zusam­men­tref­fens mit dem Menschen zu keinen oder nur mini­ma­len gesund­heits­schäd­li­chen Auswir­kun­gen führen können. Gelingt das nicht, was sehr häufig der Fall ist, so sollte die Gefah­ren­quelle am Besten einge­sperrt werden, damit sie nicht mit dem Menschen in Berüh­rung kommen kann. Diese Barriere kann direkt an der Gefah­ren­quelle, also dem Ort der gefähr­li­chen Ener­gie anset­zen (zum Beispiel Einhau­sung, Schutz­ge­häuse) oder zuver­läs­sig den ausrei­chen­den Abstand zwischen dem Ort/Energie und dem Menschen sicher­stel­len (zum Beispiel Licht­vor­hang, verrie­gelte Schutz­tür, Annä­he­rungs­sen­sor). Im letz­te­ren Fall können die Maßnah­men tech­no­lo­gisch gelöst werden, aber auch orga­ni­sa­to­risch, verhal­tens­be­zo­gene Aufent­halts­ver­bote würden die Distanz sicher­stel­len.

Kann die „böse“ Ener­gie doch noch näher an den Menschen heran­kom­men, muss dieser „dick einge­packt“ werden, damit er ohne Scha­den nach Hause kommt. Aufgrund der immer gerin­ge­ren Distanz zwischen der Quelle und dem Menschen wird aber auch deut­lich, dass schon der geringste Fehler schwer­wie­gende Auswir­kun­gen haben kann. Noch dras­ti­scher ist es, wenn man sich nur darauf verlässt, dass sich der betrof­fene Akteur „rich­tig“ verhält – eine Methode, mit der man vor 150 Jahre Arbeits­schutz gestal­tet hat, zum Beispiel durch Plakate an der Fabrik­wand, die auf engan­lie­gende Klei­dung, Trans­mis­si­ons­rie­men oder brenn­bare Flüs­sig­kei­ten hinge­wie­sen haben, ohne das entspre­chen­der tech­ni­scher Schutz vorlag. Heute wissen wir, dass das alleine nicht ausrei­chend war.

Dennoch stel­len wir in unse­ren Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen verschie­dent­lich fest, dass es

  • Risi­ken gibt, die mit tech­ni­schen oder orga­ni­sa­to­ri­schen Maßnah­men nicht immer redu­zier­bar sind, zum Beispiel Lärm auf einem Flug­ha­fen­vor­feld, heiße Ober­flä­chen in der Metall­be­ar­bei­tung, etc.
  • Risi­ken gibt, bei denen die tech­ni­schen und orga­ni­sa­to­ri­schen Maßnah­men noch flan­kiert werden müssen, um zwar unwahr­schein­li­che, aber nicht tole­rier­bare Rest­ri­si­ken zu mini­mie­ren. Beispiel hierzu ist der Labor­kit­tel und die Schutz­brille im chemi­schen Labor oder der Sicher­heits­schuh auf einer Baustelle.

Um diese Risi­ken abzu­de­cken, muss nach wie vor mit Schutz­aus­rüs­tung gear­bei­tet werden, die von den Perso­nen selbst getra­gen werden. Es ist dabei uner­heb­lich, ob die Schutz­aus­rüs­tung tatsäch­lich einer Person zuge­ord­net ist oder von Person zu Person weiter­ge­ge­ben wird, der Begriff Persön­li­che Schutz­aus­rüs­tung deckt beides ab. Aus hygie­ni­schen Gesichts­punk­ten ist eine Weiter­gabe an andere Perso­nen aber in den häufigs­ten Fällen nicht mach­bar. Das betrifft alles, was direkt auf dem Körper getra­gen wird oder von Körper­flüs­sig­kei­ten (zum Beispiel Schweiß) benetzt werden kann. Erst recht ist indi­vi­du­ell ange­passte PSA, zum Beispiel optisch korri­gierte Schutz­bril­len oder ortho­pä­di­sche Sicher­heits­schuhe, nur auf den vorge­se­he­nen Träger zu beschrän­ken.

Zur Persön­li­chen Schutz­aus­rüs­tung gehört aber noch zusätz­lich die auswech­sel­ba­ren Ausrüs­tun­gen als auch „Verbin­dungs­sys­teme für Ausrüs­tun­gen gemäß Buch­stabe a, die nicht von einer Person gehal­ten oder getra­gen werden und so entwor­fen sind, dass sie diese Ausrüs­tung mit einer exter­nen Vorrich­tung oder einem siche­ren Anker­punkt verbin­den, und die nicht so entwor­fen sind, dass sie stän­dig befes­tigt sein müssen, und die vor ihrer Verwen­dung keine Befes­ti­gungs­ar­bei­ten benö­ti­gen;“ (Arti­kel 3, Absatz 1, Ziff. 1 c der Verord­nung (EU) 2016/425 (PSA-Verordnung)). Dazu gehö­ren vor allem Seku­ran­ten und andere Befes­ti­gungs­punkte für Persön­li­che Schutz­aus­rüs­tung gegen Absturz.

Das gesamte Schutz­kon­zept, das mit Hilfe von Persön­li­cher Schutz­aus­rüs­tung aufge­baut wird, sollte also funk­tio­nie­ren. Einen Nach­weis darüber muss der Arbeit­ge­ber plau­si­bel erbrin­gen. In der Regel stellt das kein Problem dar, wenn die Wirk­sam­keit bekannt, die Unter­wei­sun­gen durch­ge­führt und das Trage­ver­hal­ten stich­punkt­ar­tig kontrol­liert wird.

Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung als Ausgangs­punkt

Basis für die Fest­le­gung der oben genann­ten Risiko-Lücken ist – alles andere wäre verwun­der­lich – die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung. Bei der Umset­zung sollte man jedoch berück­sich­ti­gen, dass die Perso­nal­ver­tre­tung (Betriebs­rat, Perso­nal­rat oder Mitar­bei­ter­ver­tre­tung) einzu­be­zie­hen ist.

Ledig­lich bei eindeu­tig gesetz­li­chen Rege­lun­gen, bei denen kein Gestal­tungs­spiel­raum besteht (zum Beispiel Gehör­schutz in Lärm­be­rei­chen über 85 dB(A)), sind die Mitspra­che­rechte stark redu­ziert.

Bei der Auswahl der PSA soll­ten aber auch die Mitar­bei­ter einge­bun­den werden. Spätere Probleme bei der Moti­va­tion zum Trage­ver­hal­ten lassen sich so redu­zie­ren:

  • Vor Fest­le­gung eines Produkts soll­ten Trage­ver­su­che erfol­gen.
  • Gege­be­nen­falls soll­ten gerade bei Pass­for­men mit wenig Spiel­raum mehrere Produkte zur Auswahl stehen.
  • Indi­vi­du­ell ange­passte Schutz­aus­rüs­tung erhöht die „Fürsorge“ für die eigene Schutz­aus­rüs­tung. Dazu gehö­ren unter ande­rem Otoplas­ti­ken (siehe Sicher­heits­in­ge­nieur 12/18, S. 38f) oder optisch korri­gierte Schutz­bril­len.
  • Glei­cher Effekt trifft auf persön­lich zuge­ord­nete Schutz­aus­rüs­tung (zum Beispiel Helm mit Namen) zu.

Gleich­zei­tig kann durch einheit­li­che Farb­ge­bung ein Iden­ti­täts­ge­fühl mit dem Unter­neh­men geschaf­fen werden. Das gilt bei Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen genauso wie auf der Baustelle oder beim Hand­werks­be­trieb. Wich­tig ist aller­dings auch keine über­di­men­sio­nierte Schutz­aus­rüs­tung fest­zu­le­gen – die Akzep­tanz und damit die Wirk­sam­keit würde darun­ter leiden.

Die neue PSA-Verordnung

Ausführ­lich wurde über die Auswir­kun­gen der neuen euro­päi­schen PSA-Verordnung bereits berich­tet (siehe Sicher­heits­in­ge­nieur 01/18, S. 26ff). Ziel­gruppe der Verord­nung sind in erster Linie die „Inver­kehr­brin­ger“ (Herstel­len und Impor­tie­ren in den EU-Geltungsbereich – Unter Inver­kehr­brin­gen wird das erst­ma­lige Bereit­stel­len auf dem euro­päi­schen Markt verstan­den). Dennoch sollte man sich als Anwen­der nicht zurück­leh­nen. Eigene Lager­be­stände und Bestände beim Händ­ler dürfen nur noch eine begrenzte Zeit nach alter PSA-Richtlinie in Umlauf gebracht werden. Aktu­ell „ist eine Phase des Über­gangs. PSA-Produkte, die der ‚alten‘ Richt­li­nie entspre­chen, dürfen bis zum 21. April 2019 noch in Verkehr gebracht werden. EG-Baumusterprüfbescheinigungen nach der Richt­li­nie gelten noch bis zum 21. April 2023, sofern sie nicht vorher ablau­fen.“ (Quelle: www.DGUV.de, Webcode: dp1055266). Verein­facht ausge­drückt: neue Produkte nur noch bis April 2019, Abver­kauf von nach der alten Richt­li­nie baumus­ter­ge­prüf­ter PSA nur noch bis April 2023 – sofern sich nichts am Produkt oder dessen Einsatz­ge­biet geän­dert hat.

Mit der neuen PSA-Verordnung werden einige Produkte von der PSA-Kategorie II auf III „hoch­ge­stuft“, zum Beispiel Schutz­aus­rüs­tung gegen schäd­li­chen Lärm oder gegen Ertrin­ken. Das mag auf dem ersten Blick viel­leicht für den Anwen­der unbe­deu­tend sein, hat aber recht­li­chen Konse­quen­zen, da sich die Unter­wei­sungs­pflich­ten bei mögli­cher lebens­be­droh­li­cher oder dauer­haf­ter Schä­di­gung erhö­hen können (sofern das in der Vergan­gen­heit nicht bereits inner­be­trieb­lich berück­sich­tigt wurde).

Ein Blick in die der PSA mitge­lie­fer­ten Unter­la­gen (oder auf die dort verwie­sene Internet-Seite) soll­ten diese Über­prü­fung schnell ermög­li­chen. Dabei sollte eben­falls abge­klärt werden, welche Verfalls- oder Ablauf­da­ten (bezüg­lich der Baumus­ter­prü­fung) vorhan­den sind. Von eini­gen Schutz­aus­rüs­tun­gen, zum Beispiel Bauhel­men, weiß man, dass diese nicht unbe­grenzt halt­bar und benutz­bar sind. Bei ande­ren sollte einem der Herstel­ler oder Händ­ler entspre­chende Infor­ma­tio­nen, wie lange ein Produkt verwend­bar ist, mitlie­fern.

Welche haftungs­recht­li­chen Konse­quen­zen die Ausgabe von Persön­li­cher Schutz­aus­rüs­tung durch den Arbeit­ge­ber nach alter Richt­li­nie oder nach neuer Verord­nung bei abge­lau­fe­ner Baumus­ter­prü­fung haben kann, ist derzeit mangels aktu­el­ler Recht­spre­chung dazu noch nicht abseh­bar – zumal ja noch der kausale Zusam­men­hang zwischen einem Scha­den und dem mögli­chen Versa­gen der Schutz­wir­kung fest­ge­stellt werden muss. Findet aber keine Halt­bar­keits­über­prü­fung statt, wird es zumin­dest kein posi­ti­ves „Gesamt­bild“ von der betrieb­li­chen Situa­tion für außen­ste­hende Juris­ten abge­ben.

Reini­gung und Pflege

Auch die beste Schutz­aus­rüs­tung ist nicht immer neu. Die Pflege und die Wartung der Persön­li­chen Schutz­aus­rüs­tung gehört zu den Aufga­ben des Arbeit­ge­bers. § 2, Absatz 4 PSA-Benutzungsverordnung besagt: „Durch Wartungs‑, Reparatur- und Ersatz­maß­nah­men sowie durch ordnungs­ge­mäße Lage­rung trägt der Arbeit­ge­ber dafür Sorge, dass die persön­li­chen Schutz­aus­rüs­tun­gen während der gesam­ten Benut­zungs­dauer gut funk­tio­nie­ren und sich in einem hygie­nisch einwand­freien Zustand befin­den.“

Hier stel­len sich sofort drei Fragen:

  • Wie lange ist die „gesamte Benut­zungs­dauer“?
  • Wie sieht eine „Wartung“ aus?
  • Wer darf eine „Repa­ra­tur“ durch­füh­ren?

Zur ersten Frage kann meist der Herstel­ler Antwort geben. Selbst wenn mit Wartung nur eine Reini­gung gemeint ist, ist noch lange nicht gesagt, wie gerei­nigt werden muss. Und wie eine Repa­ra­tur durch­ge­führt werden muss, damit die Schutz­funk­tion erhal­ten bleibt, ist Sache eines Fach­ex­per­ten.

Bei Einweg­pro­duk­ten (Gehörs­schutz­stöp­sel, Einweg­hand­schuhe) ist das einfach, beim Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuh wird es schon schwie­ri­ger, gilt es doch Permeations- und Pene­tra­ti­ons­ver­hal­ten zu bewer­ten. Bei Wartun­gen und Repa­ra­tu­ren (zum Beispiel bei umluft­un­ab­hän­gi­gem Atem­schutz, Rettungs­ge­schir­ren gegen Absturz, etc.) sind Herstel­ler­an­ga­ben (zum Beispiel Pfle­ge­an­lei­tun­gen, Ersatz­teil­vor­ga­ben, etc.) zwin­gend zu beach­ten. Die wich­ti­gen Infor­ma­tio­nen aus diesen Über­le­gun­gen soll­ten eben­falls in die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung aufge­nom­men und im Rahmen der Unter­wei­sun­gen vermit­telt werden.

Fazit

Trotz nied­ri­gen Levels auf der Maßnah­men­hier­ar­chie ist und bleibt die PSA ein wich­ti­ger Baustein im Schutz­kon­zept am Arbeits­platz. Dazu muss sie einwand­frei funk­tio­nie­ren und möglichst breit akzep­tiert werden. Viel­leicht hilft die neue Präven­ti­ons­kam­pa­gne der DGUV „komm­mit­mensch“ neue Akti­vi­tä­ten zum rich­ti­gen Trage­ver­hal­ten zu entwi­ckeln, mit dem Ziel, Arbeit sicher und gesund zu machen.


Foto: HFU

Autor: Prof. Dr. Arno Weber
Profes­sor für Arbeits- und Gesund­heits­schutz an der Hoch­schule Furt­wan­gen und Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit


Die Hoch­stu­fung in der PSA-Kategorie bei eini­gen Produk­ten im Zuge der neuen PSA-Verordnung hat recht­li­che Konse­quen­zen, da sich die Unter­wei­sungs­pflich­ten bei mögli­cher lebens­be­droh­li­cher oder dauer­haf­ter Schä­di­gung erhö­hen können.

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