Startseite » Sicherheitsingenieur »

Faire Beschaffung von Arbeitskleidung und PSA

Beschaffung
Wie geht „faire Beschaffung“ von Arbeitskleidung und PSA?

Anzeige
Mara Mür­lebach, Ref­er­entin für faire Beschaf­fung bei Fem­net e.V., erk­lärt im Inter­view, wie ihre Organ­i­sa­tion Städten hil­ft, nach­haltige und faire Beschaf­fung­sprozesse zu etablieren. Dieses Ange­bot weit­et der gemein­nützige Vere­in aktuell auch für Indus­trie und Gewerbe aus. Das Inter­view für Sicher­heitsin­ge­nieur 8/2020 führte Dr. Joerg Hensiek.

Warum konzen­tri­ert sich Ihre Arbeit im Aus­land vor allem auf Indi­en, Bangladesh und Tunesien?

Die Auswahl ist gut begrün­det: In den genan­nten Län­dern gibt es seit Jahren doku­men­tierte Men­schen- und Arbeit­srechtsver­let­zun­gen in der Tex­til­branche. Indi­en und Banglade­sch sind vie­len als neg­a­tive Hotspots bekan­nt, auch andere Län­der in Asien wie Chi­na und Kam­bod­scha standen schon in den Schlagzeilen. Doch auch Staat­en in Südos­teu­ropa und Nordafri­ka haben große Tex­til­branchen und exportieren ver­stärkt nach Deutsch­land und in die EU. Tune­sien wird ins­beson­dere bei Arbeit­sklei­dung wichtiger.

Wie sind die Arbeits­be­din­gun­gen in diesen Ländern?

Die Prob­leme sind die gle­ichen wie in anderen Bere­ichen der Tex­til­branche: Extrem niedrige Löhne, von denen kein Men­sch leben kann. Über­lange Arbeit­stage, Unter­drück­ung gew­erkschaftlich­er Zusam­men­schlüsse, fehlende Sicher­heit am Arbeit­splatz. Frauen sind in beson­derem Maße von den schlecht­en Bedin­gun­gen betrof­fen, da sie in den meis­ten Fällen die Mehrheit der Belegschaft stellen. Bei ihnen kom­men außer­dem spez­i­fis­che Diskri­m­inierungs­for­men hinzu, wie geschlechtsspez­i­fis­che Gewalt. Dabei hätte die Berufs­bek­lei­dungsin­dus­trie gute Chan­cen: Kollek­tio­nen wer­den durch­schnit­tlich sieben Jahre lang ange­boten. Solche lan­gen Verkauf­szeit­en bieten Chan­cen für gute Plan­barkeit – Unternehmen soll­ten das für langfristige und faire Liefer­beziehun­gen nutzen.

Wie nach­haltig ist das Beschaf­fungswe­sen der Kom­munen in Bezug auf Arbeit­sklei­dung? Gibt es pos­i­tive „Vorzeigekom­munen“?

Wie nach­haltig die Beschaf­fung ist, das kommt ganz auf die Kom­mune an. Wenn wir von fair­er Beschaf­fung sprechen, dann bedeutet das: In der Her­stel­lung von Arbeit­sklei­dung sollen Men­schen- und Arbeit­srechte geachtet wer­den – soge­nan­nte soziale Stan­dards. Zum absoluten Min­i­mum gehören: das Ver­bot von Kinder- und Zwangsar­beit, das Ver­bot von Diskri­m­inierung am Arbeit­splatz sowie das Recht auf Vere­ini­gungs­frei­heit und Kollek­tivver­hand­lun­gen. Das sind die soge­nan­nten Kernar­beit­snor­men der Inter­na­tionalen Arbeit­sor­gan­i­sa­tion ILO. Bess­er wären noch zusät­zlich Punk­te, zum Beispiel die Zahlung von höheren Löh­nen. Nation­al definierte Min­destlöhne reichen näm­lich oft nicht zum Leben, Stich­wort exis­ten­zsich­ernde Einkommen.

Viele Kom­munen haben sich bere­its auf den Weg gemacht und stellen ihre Beschaf­fung um. Für Verbindlichkeit kön­nen Dien­stan­weisun­gen oder Rats­beschlüsse sor­gen. Neben den „großen Zie­len“ kann hier auch fest­gelegt wer­den, wer für die Ein­führung zuständig ist und wer unter­stützend tätig sein kann. Mit gutem Beispiel gehen die Städte Köln und Stuttgart voran: Bei­de haben bere­its faire Ver­gabe­pro­jek­te erfol­gre­ich abgeschlossen. Köln beschaffte Arbeitss­chuhe für die Mitarbeiter*innen der Fried­höfe. Stuttgart schloss einen großen Rah­men­ver­trag für mehrere Ämter, um Arbeits- und Sicher­heitss­chuhe für mehr als 1.700 Mitarbeiter*innen einzukaufen. Auch die Hans­es­tadt Bre­men ist eine Inspi­ra­tion: Immer weit­ere Pro­duk­t­bere­iche erschließen sich die Bremer*innen in den fairen Auss­chrei­bun­gen, so aktuell zu Handschuhen.

Wie berat­en Sie Kom­munen ganz expliz­it zu Beschaf­fung von nach­haltiger Arbeits­bek­lei­dung und Schutzausrüstungen? 

Grund­sät­zlich bieten wir in der Beratung zwei For­mate an: zum einen Impuls­ber­atun­gen, die sozusagen als Anstoß dienen sollen, damit Kom­munen sich stärk­er mit der fairen Beschaf­fung befassen. Zum anderen begleit­en wir einige Kom­munen in Pilot­pro­jek­ten für faire Auss­chrei­bun­gen inten­siv­er. Die lessons learnt haben wir kür­zlich in zwei Borschüren zusam­menge­fasst: „Unter der Lupe“ sowie „Fair beschaffen“.

Aktuell berat­en wir die Stadt Karl­sruhe, die einen großen Rah­men­ver­trag für Arbeit­sklei­dung, Sicher­heitss­chuhe und per­sön­liche Schutzaus­rüs­tung auss­chreibt. Hier wurde bere­its in der Ver­gabeverord­nung fest­gelegt, dass die Kri­te­rien des Fairen Han­dels und die Umweltverträglichkeit bei Auss­chrei­bun­gen beachtet wer­den müssen. Wir unter­stützen nun bei der Umset­zung dieses Ziels.

Zu Beginn geht es immer erst­mal um die Frage: Was ist der Stand? Wie kön­nen wir unter­stützen? Was kön­nen konkrete näch­ste Schritte sein? Oft begin­nt es damit, dass wir uns gemein­sam anschauen, was eigentlich benötigt wird: Latzho­sen, Arbeit­s­jack­en, Poloshirts. Bei den inten­siv­en Beratun­gen geht es dann an die Mark­trecherche. Hier schauen wir, ob es zu den gewün­scht­en Pro­duk­ten faire Alter­na­tiv­en gibt. Was viele über­rascht: Zu den meis­ten Pro­duk­ten gibt es eine faire Alter­na­tive! Selb­st bei so speziellen Din­gen wie Schweißer­schutz-Hand­schuhe oder Schnittschutzho­sen für den Gartenbau.

Als näch­stes sind die poten­tiellen Bieter*innen dran. Zu wis­sen, dass es faire Pro­duk­te am Markt gibt, ist gut, reicht aber nicht aus. Es müssen auch Fir­men mit diesen Pro­duk­ten ein Ange­bot auf die Auss­chrei­bung abgeben. Gemein­sam mit der Kom­mune wollen wir daher mit poten­tiellen Bieter*innen ins Gespräch kom­men. Das haben wir bish­er immer in Form ein­er Ver­anstal­tung gemacht, einem Bieter*innendialog. Hier informieren wir darüber, dass bei der näch­sten Auss­chrei­bung auf soziale Kri­te­rien geachtet wird. Wir kön­nen über mögliche Nach­weise sprechen. Und darüber, warum die sozialen Kri­te­rien wichtig sind.

In einem näch­sten Schritt berat­en wir die Beschaffer*innen der Kom­mune dabei, das Leis­tungsverze­ich­nis und die Auss­chrei­bung­sun­ter­la­gen zu erstellen. Hier­bei stellen wir auch die Exper­tise eines Ver­gaberechtlers zur Ver­fü­gung. Dabei geht es zum Beispiel darum, ob soziale Kri­te­rien in das Leis­tungsverze­ich­nis aufgenom­men wer­den oder wie diese in den Zuschlagskri­te­rien gew­ertet wer­den kön­nen. Es muss auch gek­lärt wer­den, welche Nach­weise für soziale Kri­te­rien akzep­tiert wer­den. Ste­ht die Auss­chrei­bung auf fes­ten Füßen und sind Ange­bote einge­gan­gen, unter­stützen wir auch bei der Auswer­tung der Nach­weise für soziale Kri­te­rien, da hier ein beson­der­er Beratungs­be­darf liegt.

Wir bieten also sozusagen eine gute Run­dum-Betreu­ung. Beschaffer*innen der Kom­munen kön­nen sich jed­erzeit mit Fra­gen an uns wen­den und wir geben Wis­sen und Erfahrung gerne weit­er. Einen guten Ein­druck zum Ablauf eines fairen Ver­gabev­er­fahrens gibt es in unser­er Broschüre „Schritt für Schritt“.

Wie schätzen Sie die Nach­wirkun­gen der Coro­n­akrise für die Arbei­t­erin­nen in den Pro­duk­tion­slän­dern ein?

Die Coro­na-Pan­demie hat die Tex­til­branche hart getrof­fen. Viele Marke­nun­ternehmen haben Aufträge storniert oder nicht bezahlt. Zuliefer­be­triebe mussten schließen und zahlten keine Löhne mehr. Viele Arbeiter*innen sind in ihren Lebens­grund­la­gen exis­ten­ziell bedro­ht. Zusät­zlich ver­suchen einige indis­che Bun­desstaat­en in der aktuellen Krise, grundle­gende Arbeit­srechte aufzuwe­ichen, um vorge­blich die Wirtschaft anzukurbeln. Fem­net hat einen Coro­na-Nothil­fe­fonds aufgelegt, um Textilarbeiter*innen und ihre Fam­i­lien gezielt zu unter­stützen. Von Unternehmen fordern wir: Aufträge müssen kom­plett und pünk­tlich bezahlt wer­den. Und: Statt Div­i­den­den an Aktionär*innen auszuschüt­ten sollen Löhne von Arbeiter*innen erhöht werden.

Wird es in naher Zukun­ft ein Liefer­ket­tenge­setz geben?

Immer mehr Organ­i­sa­tio­nen schließen sich der Ini­tia­tive Liefer­ket­tenge­setz an – aktuell sind wir schon fast hun­dert, ein wahnsin­nig starkes Sig­nal. Wir fordern, dass Unternehmen weltweit Men­schen­rechte und Umwelt­stan­dards acht­en, in ihren gesamten Liefer­ket­ten. Auf frei­williger Basis passiert nicht genug, wir brauchen eine geset­zliche Regelung. Die Bun­desmin­is­ter Müller und Heil haben angekündigt, im August im Kabi­nett Eck­punk­te zu einem solchen Gesetz zu beschließen. Und auch die EU-Ebene macht Hoff­nung: EU-Jus­tizkom­mis­sar Reyn­ders hat kür­zlich einen Entwurf für ein EU-Liefer­ket­tenge­setz angekündigt. Wir fordern, dass Deutsch­land während sein­er EU-Rat­spräsi­dentschaft diesen Vorschlag voranbringt.

(Das Inter­view wurde in Sicher­heitsin­ge­nieur 8/2020 veröffentlicht.)


Fem­net e.V. ist ein 2007 gegrün­de­ter gemein­nütziger Vere­in mit Sitz in Bonn. Gegrün­det wurde er, um gegen die Aus­beu­tung von Frauen in der Bek­lei­dungsin­dus­trie und für die Durch­set­zung der Frauen­rechte in den Pro­duk­tion­slän­dern aktiv zu wer­den. Gemein­sam mit Part­neror­gan­i­sa­tio­nen ver­mit­telt der Vere­in Frauen in Südasien Rechts­bei­s­tand und unter­stützt bei der Grün­dung und Organ­i­sa­tion von Gew­erkschaften. Darüber hin­aus betreibt er in Deutsch­land Bil­dungs- und Beratungsar­beit, indem er unter anderem Kom­munen beim Einkauf „fair­er“ Dien­stk­lei­dung berät.

www.femnet.de


Links & Lektüre


Erfolgsprojekt: Faire Ausschreibung der Stadt Bonn

Die Stadt Bonn hat, begleit­et von Fem­net, in den let­zten Jahren mehrere Auss­chrei­bun­gen durchge­führt: Es wur­den unter anderem zwei Rah­men­verträge mit fair beschaffter Dienst- und Schutzk­lei­dung für das Bon­ner Amt für Stadt­grün erfol­gre­ich abgeschlossen. Auch die Bon­ner Feuer­wehr und das Bäder­amt haben schon fair beschafft.

Vier Jahre nach der ersten fairen Auss­chrei­bung etabliert sich inzwis­chen das neue Ver­fahren. Beschafft wur­den beispiel­sweise Schnittschutzho­sen, Forst­jack­en und Win­ter­west­en, aber auch Forststiefel und Arbeit­shand­schuhe. Für die 19 Lose gab es fast über­all min­destens vier wert­bare Ange­bote, die nach Qual­ität, Ver­ar­beitung und Ausstat­tung bew­ertet wurden.

Aus den ersten Erfahrun­gen (beschrieben in der Broschüre „Schritt für Schritt“) wur­den Lehren gezo­gen. Neben den Kri­te­rien Gebrauch­swert (30%) und Preis (40%) gin­gen soziale Kri­te­rien mit 30 Prozent in das Ren­nen um den Zuschlag. Bieter*innen, die für sozial gerechte Pro­duk­tions­be­din­gun­gen in der Auss­chrei­bung pos­i­tiv berück­sichtigt wer­den woll­ten, mussten ihren Ange­boten konkrete Nach­weise bei­le­gen. Möglich machte dies eine abgestufte Bieter­erk­lärung zur Kon­trolle der ILO-Kernar­beit­snor­men. Je mehr Maß­nah­men die Bieter*innen zur glaub­würdi­gen Kon­trolle der ILO-Ker­bar­beit­snor­men nach­weisen kon­nten, desto mehr Punk­te kon­nten sie erzie­len. Beson­ders erfreulich war, dass es viele Ange­bote gab und Sozialkri­te­rien erfol­gre­ich in die Wer­tung ein­be­zo­gen wer­den konnten.

Die Gewich­tung der Ange­bote war entschei­dend: Im Ergeb­nis kon­nten die sozialen Kri­te­rien bei ins­ge­samt zwölf von 19 Losen gün­stigere Preise über­bi­eten. Soziale Kri­te­rien und der Gebrauch­swert gin­gen hier­bei Hand in Hand: Pro­duk­te, die nach­weis­lich unter sozial­gerecht­en Bedin­gun­gen pro­duziert wur­den, erhiel­ten sehr häu­fig auch bei Qual­ität, Ver­ar­beitung und Ausstat­tung eine hohe Punk­tzahl. Auswirkun­gen auf die Kosten hat­te dies kaum: Der Preis stieg im Ver­gle­ich zum vorheri­gen Rah­men­ver­trag lediglich um drei bis vier Prozent. Ein gutes Beispiel also dafür, dass eine faire Ver­gabeprax­is nicht nur möglich ist, son­dern pos­i­tive Effek­te sowohl für Beschaf­fungsver­ant­wortliche, Bedarfsträger*innen als auch für die Förderung sozial gerechter Han­dels- und Pro­duk­tions­be­din­gun­gen hat. 

Anzeige
Newsletter

Jet­zt unseren Newslet­ter abonnieren

Gewinnspiel
Meistgelesen
Jobs
Sicherheitsbeauftragter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 6
Ausgabe
6.2021
ABO
Sicherheitsingenieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 5
Ausgabe
5.2021
ABO
Anzeige

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de