1 Monat GRATIS testen, danach für nur 3,90€/Monat!
Startseite » Sicherheitsnews » Gefährdungsbeurteilung »

Absturzunfall bei Reinigungsarbeiten: Transportöffnung unzureichend gesichert

Transportöffnung unzureichend gesichert
Absturzunfall bei Reinigungsarbeiten

Schlauch_AdobeStock_216984813_ETAP.jpg
Bei Grundreinigungsarbeiten in einem Nahrungsmittelbetrieb kam es zu einem folgenschweren Unfall. Foto: © ETAP - stock.adobe.com
Wartungs- und Reini­gungsar­beit­en sind meist mit beson­deren Gefährdun­gen ver­bun­den, weil es hier zu nicht vorherse­hbaren Sit­u­a­tio­nen kom­men kann. Daher müssen neben den tech­nis­chen und organ­isatorischen Schutz­maß­nah­men sehr konkrete Anforderun­gen an das sichere Ver­hal­ten der Aus­führen­den gestellt und diese auch kon­se­quent umge­set­zt wer­den, wie das nach­fol­gende Unfall­beispiel zeigt.
 

Hin­weis: Am 21. Sep­tem­ber 2021 ver­anstal­ten wir ein kosten­los­es Webi­nar von 10.00 bis 11.00 Uhr zusam­men mit MSA Safe­ty zum The­ma Absturzsicherung: “Wie man die Sicher­heit bei Arbeit­en in der Höhe erhöht und gle­ichzeit­ig die Kosten im Blick behält”.
Weit­ere Infos und die Anmeldemöglicheit find­en Sie hier.

In einem Unternehmen der Nahrungsmit­tel­her­stel­lung waren die regelmäßi­gen Grun­dreini­gungsar­beit­en durchzuführen. Dabei wer­den unter anderem alle Ober­flächen wie Wände und Fußbö­den mit Reini­gungsmit­teln einge­sprüht und dann mit einem war­men Wasser­strahl abge­spritzt. Zusät­zlich sind auch alle Ein­bauteile entsprechend zu reinigen.

Zum Trans­port von Erzeug­nis­sen über eine Trans­port­bahn befind­et sich zwis­chen dem Obergeschoss und dem Erdgeschoss eine Öff­nung. Die Absturzkante ist mit einem Gelän­der gesichert, das eine bedarf­sweise ver­schließbare Öff­nung enthält. Sie wird aus trans­port­tech­nol­o­gis­chen Grün­den benötigt und kann mit­tels ein­er ver­schieb­baren Gelän­der­stange geschlossen wer­den. Vor der Öff­nung im Gelän­der gibt es eine zusät­zliche Zugangssicherung in Form ein­er Ket­ten­ab­span­nung. Die mögliche Absturzhöhe vom Ober- zum Erdgeschoss beträgt cir­ca fünf Meter.

Während der Reini­gungsar­beit­en war die Öff­nung im Gelän­der mit­tels der ver­schieb­baren Stange ver­schlossen. Die zusät­zlichen Ket­ten­ab­span­nun­gen waren jedoch ent­fer­nt wor­den. Der Beschäftige, der die Reini­gungsar­beit­en aus­führte, spritzte mit dem Wasser­schlauch den Fuß­bo­den ab und bewegte sich dabei mit dem Rück­en in Rich­tung Absturzkante. Wahrschein­lich auf­grund sein­er Bewe­gun­gen ver­schob sich die Gelän­der­stange und er stürzte ab. Die Fol­gen des Unfalls waren schw­er­ste Ver­let­zun­gen des Beschäftigten, die zu dauer­haften Schädi­gun­gen führten und die Beruf­sauf­gabe notwendig machten.

Was waren die Unfallursachen?

Bei der Ermit­tlung der Unfal­lur­sachen wurde fest­gestellt, dass die vorhan­dene Absturzsicherung nicht den dafür gel­tenden Anforderun­gen nach der Tech­nis­chen Regel für Arbeitsstät­ten ASR A 2.1 „Schutz vor Absturz und her­ab­fal­l­en­den Gegen­stän­den, Betreten von Gefahrbere­ichen“ genügte. So war die Gelän­der­stange nicht gegen zufäl­liges Ver­schieben gesichert und zudem so gelagert, dass sie bei einem zufäl­li­gen Ver­schieben die kom­plette Öff­nung freigab.

Den im Unternehmen täti­gen Beschäftigten und auch dem mit den Reini­gungsauf­gaben betraut­en Mitar­beit­er war dieser Umstand bekan­nt. Er wurde aber wed­er den zuständi­gen Vorge­set­zten noch der Unternehmensleitung als Man­gel gemeldet. Auch waren keine Warn­hin­weise ange­bracht, um auf die Absturzge­fahr aufmerk­sam zu machen.

Folgerungen aus dem Ereignis

Es ist aus pro­duk­tion­stech­nol­o­gis­chen Grün­den immer wieder erforder­lich, dass es zwis­chen ver­schiede­nen Ebe­nen eines Gebäudes Trans­portöff­nun­gen gibt. Diese müssen allerd­ings so gestal­tet wer­den, dass in jedem denkbaren Fall für in diesem Bere­ich tätige Beschäftigte ein umfassender Schutz vor möglichen Abstürzen gegeben ist. Die Tech­nis­che Regel für Arbeitsstät­ten ASR A 2.1 „Schutz vor Absturz und her­ab­fal­l­en­den Gegen­stän­den, Betreten von Gefahrbere­ichen“ fordert hierzu in Abschnitt 4.2 „Rang­folge der Maß­nah­men zum Schutz vor Absturz“:

Bauliche und tech­nis­che Maß­nah­men haben Vor­rang vor organ­isatorischen und indi­vidu­ellen Schutz­maß­nah­men. Sie sind entsprechend der nach­fol­gen­den Rang­folge zu treffen.

  1. Absturzsicherun­gen
  2. Lassen sich aus betrieb­stech­nis­chen Grün­den (zum Beispiel Arbeitsver­fahren, zwin­gende tech­nis­che Gründe) Absturzsicherun­gen nicht ver­wen­den, müssen an deren Stelle Auf­fangein­rich­tun­gen vorhan­den sein.
  3. Lassen sich keine Absturzsicherun­gen oder Auf­fangein­rich­tun­gen ein­richt­en, sind Per­sön­liche Schutzaus­rüs­tun­gen gegen Absturz (PSAgA) als indi­vidu­elle Schutz­maß­nahme zu ver­wen­den. Die geeignete PSAgA muss sich aus der Gefährdungs­beurteilung ergeben. Voraus­set­zung für die Ver­wen­dung von PSAgA ist das Vorhan­den­sein geeigneter Anschlagein­rich­tun­gen. Die Beschäftigten müssen in der Benutzung der PSAgA eingewiesen und über die Durch­führung der erforder­lichen Ret­tungs­maß­nah­men, zum Beispiel über den Auf­fangvor­gang, unter­wiesen wer­den (Erste Hil­fe und Ret­tungs­geräte siehe ASR A4.3 „Erste-Hil­fe-Räume, Mit­tel und Ein­rich­tun­gen zur Ersten Hilfe“).
  4. Lassen die Eige­nart und der Fort­gang der Tätigkeit und Beson­der­heit­en des Arbeit­splatzes die vor­ge­nan­nten Schutz­maß­nah­men nicht zu, darf auf die Anwen­dung von PSAgA im Einzelfall (zum Beispiel Boden- und Wandöff­nun­gen von Szenen­flächen bei Büh­nen) nur dann verzichtet wer­den, wenn:
  • die Arbeit­en von fach­lich qual­i­fizierten und kör­per­lich geeigneten Beschäftigten aus­ge­führt werden
  • der Arbeit­ge­ber für den begrün­de­ten Aus­nah­me­fall eine beson­dere Unter­weisung durchge­führt hat und
  • die Absturzkante für die Beschäftigten deut­lich erkennbar ist.

Im vor­liegen­den Fall hätte das Gelän­der so gestal­tet wer­den müssen und kön­nen, dass der Zugang zur Absturzkante immer durch eine feste Sicherung, die nicht auf ein­fache Weise ent­fer­nt wer­den kann, gesichert ist. Dabei kön­nen mech­a­nis­che oder elek­tro­mag­netis­che Ver­riegelun­gen oder auch Kom­bi­na­tio­nen aus bei­dem zur Anwen­dung kom­men. Zudem sollte auf eine nicht geschlossene Sicherung durch geeignete Warn­sys­teme aufmerk­sam gemacht werden.

Es wäre zum Beispiel möglich gewe­sen, die Öff­nung im Gelän­der mit ein­er mech­a­nisch beweg­baren Tür, die sich nur bei Annäherung des Trans­portgutes öffnet und danach wieder schließt, zu verse­hen. Zusät­zlich kann die Öff­nung mit ein­er Vorhal­tung zum Anbrin­gen eines Vorhängeschloss­es zur Sicherung nach der LOTO-Meth­ode (Lock­out-Tagout) zum Beispiel für Reini­gungsar­beit­en verse­hen wer­den. Die LOTO-Meth­ode ist eine ins­beson­dere im Wartungs- und Instand­hal­tungs­bere­ich bewährte Sicherung, um das verse­hentliche Inbe­trieb­nehmen, Ein­schal­ten oder Öff­nen von Sys­te­men durch unbefugte Per­so­n­en zu ver­hin­dern. Die ange­bracht­en Schlöss­er kön­nen nur durch den Berechtigten selb­st wieder ent­fer­nt werden.

Tipp: Gezielt mit dem The­ma Lock­out-Tagout befasst sich der Beitrag “Instand­hal­tungsar­beit­en an Maschi­nen: Mit Lock­out-Tagout auf der sicheren Seite”.


Foto: © Foto­stu­dio City Col­or Mun­schke, Weimar

Autor: Dipl.-Ing. Ulf‑J. Schappmann

Sicher­heitsin­ge­nieur VDSI

SIMEBU Thürin­gen GmbH


Newsletter

Jet­zt unseren Newslet­ter abonnieren

Gewinnspiel
Meistgelesen
Jobs
Sicherheitsbeauftragter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 10
Ausgabe
10.2021
ABO
Sicherheitsingenieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 10
Ausgabe
10.2021
ABO

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de