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Sanierung von Bestandsgebäuden: Staub und in der Bausubstanz

Sanierung von Bestandsgebäuden
Verborgene Gefahren im Staub und in der Bausubstanz

Die Nutzung von Bestands­ge­bäu­den ist nicht nur aus städte­baulich­er Sicht oder in Hin­blick auf den Denkmalschutz sin­nvoll, son­dern schont auch Ressourcen und fördert die Leben­squal­ität. Allerd­ings muss bei Sanierungsar­beit­en immer mit nicht erkan­nten oder nicht erkennbaren Gefahren gerech­net wer­den. Dass sich diese son­st schnell zum Prob­lem auswach­sen kön­nen, zeigt das fol­gende Praxisbeispiel.

Gefahren bei Sanierungsar­beit­en kön­nen sich zum einen aus baulichen Gegeben­heit­en wie sta­tis­chen Prob­le­men und unsachgemäßer Bauaus­führung, zum anderen aus äußeren Ein­flüssen auf das Bauw­erk wie dem Bau­grund oder Nach­barob­jek­ten ergeben. Sie kön­nen sich aber auch aus den vorhan­de­nen Bau­ma­te­ri­alien oder im Laufe der Nutzung in das Gebäude einge­bracht­en Stof­fen oder Ablagerun­gen entwickeln.

Ein Risiko stellen ins­beson­dere chemis­che Gefährdun­gen dar. Bekan­nt für ihr großes gesund­heitss­chädi­gen­des Poten­zial sind:

  • Holzschutzmit­tel (Lin­dan, DDT, PCB, PCP),
  • Kohlen­wasser­stoffe (zum Beispiel Min­er­alöle, Ben­zin, Teer-PAK, Bitumen)
  • Far­ben und Lacke (blei­haltige Anstrich­stoffe, Formaldehyde),
  • Schw­er­met­al­lablagerun­gen aus der Gebäu­de­nutzung (Arsen, Queck­sil­ber, Blei und andere),
  • sowie kün­stliche Min­er­al­fasern und Asbest.

Hinzu kom­men biol­o­gis­che Gefährdun­gen durch

  • tierische Hin­ter­lassen­schaften (Taubenkot, Kadaver),
  • Insek­ten (Mil­ben, Zeck­en, Wespen, Hor­nissen und Bienen),
  • und Klein­nag­er (Mäuse und Ratten.

Sanierung eines Fachwerkhauses

Solche poten­ziellen Risiken müssen schon vor Beginn der Arbeit­en erkan­nt wer­den beziehungsweise bekan­nt sein, um ihnen mit geeigneten Schutz­maß­nah­men begeg­nen zu kön­nen. Das fol­gende Prax­is­beispiel zeigt, was für Prob­leme sich andern­falls ein­stellen kön­nen: In ein­er Kle­in­stadt mit einem wertvollen his­torischen Stadtk­ern sollte ein aus dem 16. Jahrhun­dert stam­mendes und für die Stadt­geschichte bedeut­sames Fach­w­erkhaus ein­er neuen Nutzung als muse­ales Objekt zuge­führt wer­den. Als erste Arbeit wurde das Gebäude von dem ein­ge­lagerten Taubenkot gere­inigt, um danach Arbeit­en am Dachstuhl und den anderen Holzein­baut­en aus­führen zu können.

Beschäftigte leiden unter Kopfschmerzen und Übelkeit

Bei den Arbeit­en an den Altholzteilen der Dachgauben stell­ten sich bei den im Gebäude täti­gen Beschäftigten zeitweise Kopf­schmerzen und Übelkeit ein. Da diese Beschw­er­den aber nach kurz­er Zeit wieder abklan­gen, suchte kein­er von ihnen einen Arzt auf. Als in den fol­gen­den Wochen weit­ere Arbeit­en an den Holzkon­struk­tio­nen aus­ge­führt wur­den – beispiel­sweise an den Fußbö­den und Deck­en­balken in den Geschossen – trat­en zwar vere­inzelt wieder Beschw­er­den auf, aber auch diese wur­den nicht ärztlich abgeklärt.

In der fün­ften Arbeitswoche am Gebäude soll­ten umfan­gre­iche Arbeit­en an den Deck­en sowie im Dachgeschoss aus­ge­führt wer­den, wozu das Unternehmen weit­ere Beschäftigte auf die Baustelle schick­te. Diese klagten bere­its unmit­tel­bar nach dem Betreten des Objek­tes über gesund­heitliche Prob­leme wie Schwächege­füh­le, Übelkeit und Schwinde­lat­tack­en. Sie nah­men aber trotz­dem die Arbeit­en auf.

Stärkere gesundheitliche Probleme

Bei den Arbeit­en, bei denen an der Holzkon­struk­tion des Dachge­bälks Balken aus­ge­tauscht wer­den soll­ten und dazu mit Hand­mas­chine gesägt und gebohrt wurde, kam es zur Ver­stärkung der gesund­heitlichen Prob­leme; ein­er der Beschäftigten bekam zusät­zlich noch Nasen­bluten. Daraufhin wur­den die Arbeit­en eingestellt und die Beschäftigten sucht­en ihre Hausärzte an den jew­eili­gen Wohnorten auf. Diese stell­ten im Rah­men der Behand­lung unter anderem Arbeit­sun­fähigkeits­bescheini­gun­gen aus.

Durch die Fir­men­leitung wur­den sofort der Bauherr und die Bauüberwachung sowie die zuständi­ge BG BAU informiert. Im Rah­men eines Vor-Ort-Ter­mins wurde die Ein­stel­lung der Arbeit­en ange­ord­net und die Unter­suchung der Holzkon­struk­tion durch einen Sachver­ständi­gen ver­an­lasst. Die Ver­mu­tung war, dass die gesund­heitlichen Beschw­er­den durch auf das Holz aufge­brachte Holzschutzmit­tel beziehungsweise im Lieges­taub abge­lagerte Schim­melpilze verur­sacht wor­den waren.

Dachreinigung unter Atemschutz

Laut dem Sachver­ständi­gengutacht­en kon­nten keine Holzschutzmit­tel nachgewiesen wer­den, es wurde lediglich eine hohe Belas­tung des Staubs mit Schim­melpilz fest­gestellt. Daraufhin erfol­gte eine Reini­gung des Dachbere­ich­es mit Per­sön­lich­er Schutzaus­rüs­tung, ins­beson­dere unter Ein­satz von Atem­schutz, in diesem Fall Halb­masken mit P2-Fil­ter. Dabei trat­en bei den einge­set­zten Beschäftigten wieder die bere­its bekan­nten gesund­heitlichen Prob­leme auf. Die Arbeit­en wur­den erneut eingestellt.

Durch die Messtelle der BG BAU erfol­gten daraufhin ergänzende Mes­sun­gen und Unter­suchun­gen. So wur­den Proben zur Fest­stel­lung von Gefahrstof­fen in der Luft und in den Mate­ri­alien genom­men. Zusät­zlich wur­den auch Unter­suchun­gen beim Schnei­den der Holzbalken auf entste­hende Sägestäube durchge­führt. Diese Unter­suchun­gen ergaben aber keine Anhalt­spunk­te für eine Gefahrstoff­be­las­tung im Gebäude.

Belastung durch Schimmelpilze

Als mögliche Ursache für die gesund­heitlichen Beein­träch­ti­gun­gen wurde daher die Belas­tung des Staubs mit Schim­melpilzen angenom­men. Die Schutz­maß­nah­men wur­den daher an den Vor­gaben des Sachver­ständi­gengutacht­ens aus­gerichtet. Es erfol­gte nochmals eine umfassende Absaugung der Liegestäube. Alle einge­set­zten Arbeitsmit­tel wur­den nur mit geeigneter Absaugung der anfal­l­en­den Stäube betrieben und es erfol­gte eine tech­nis­che Belüf­tung der Arbeits­bere­iche. Zudem wur­den die Beschäftigten ange­hal­ten, kon­se­quent die bere­it­gestellte PSA zu benutzen.

Lehren aus diesem Vorfall

Ins­beson­dere bei der Sanierung von Bestands­ge­bäu­den ist es notwendig, im Vor­feld der Pla­nung, Auss­chrei­bung und Ver­gabe von Bauleis­tun­gen eine umfassende Erkun­dung nicht nur auf bauliche Män­gel, son­dern auch auf mögliche chemis­che und biol­o­gis­che Gefahren durchzuführen. Gemäß § 15 Absatz 5 ist der Auf­trag­nehmer – das aus­führende Unternehmen – verpflichtet, sich vom Auftraggeber/Bauherrn umfassende Infor­ma­tio­nen über mögliche aus der Nutzungs- oder Baugeschichte des Objek­tes resul­tierende chemis­che Gefahren einzu­holen, um eine sachgerechte Gefährdungs­beurteilung erstellen zu können.

Umdenken erforderlich

Dies gilt im Übri­gen auch für alle anderen möglichen Gefahren, zum Beispiel mech­a­nis­che oder elek­trische. Dazu muss der Auftraggeber/Bauherr jedoch über die entsprechen­den Infor­ma­tio­nen ver­fü­gen, da er diese son­st nicht weit­ergeben kann. Hier bedarf es eines Umdenkens sowohl bei Auf­tragge­bern (Bere­it­stel­lungsverpflich­tung) als auch Auf­trag­nehmern (Ein­hol­ungsverpflich­tung). Generell gilt: Nur wer umfassend über die möglichen Gefahren Bescheid weiß, kann sach­lich und fach­lich richtige und geeignete Schutz­maß­nah­men fes­tle­gen und umset­zen. Hil­festel­lun­gen bieten hierzu viele Infor­ma­tio­nen der BG BAU.


Foto: © Foto­stu­dio City Col­or Mun­schke, Weimar

Autor: Dipl.-Ing. Ulf‑J. Schappmann

Sicher­heitsin­ge­nieur VDSI

SIMEBU Thürin­gen GmbH


Weitere Informationen

  • Gefahrstof­fverord­nung
  • TRGS 505 „Blei“
  • TRGS 519 „Abbruch‑, Sanierungs- und Instand­hal­tungsar­beit­en – Asbest“
  • TRGS 521 „Abbruch‑, Sanierungs- und Instand­hal­tungsar­beit­en mit alter Mineralwolle“
  • TRGS 524 „Arbeit­en in kon­t­a­minierten Bereichen“
  • TRGS 551 „Teer und andere Pyrol­y­se­pro­duk­te aus organ­is­chem Material“
  • DGUV Infor­ma­tion 201–028 (bish­er BGI 858) Gesund­heits­ge­fährdun­gen durch biol­o­gis­che Arbeitsstoffe bei der Gebäudesanierung
  • DGUV Infor­ma­tion 201–031 (bish­er BGI 892) Gesund­heits­ge­fährdun­gen durch Taubenkot
  • DGUV Infor­ma­tion 209–043 (bish­er BGI 736) Holzschutzmit­tel – Hand­habung und sicheres Arbeiten
  • DGUV Infor­ma­tion 212–019 (bish­er BGI/GUV‑I 8685) Chemikalien­schutzk­lei­dung bei der Sanierung von Alt­las­ten, Deponien und Gebäuden
  • DGUV Infor­ma­tion 213–031 Tätigkeit­en mit Min­er­al­wolle-Dämm­stof­fen (Glas­wolle, Steinwolle)
  • Abbruch und Asbest – Infor­ma­tio­nen und Arbeit­shil­fen für Pla­nung und Auss­chrei­bung (BG BAU Abrufnum­mer: 622)
  • Sanierung PAK-haltiger Kleb­stoffe – Hand­lungsan­leitung zum Ent­fer­nen PAK-haltiger Kleb­stoffe für Holz­fußbö­den (BG BAU – nur als PDF-Download)
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