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Christine Thürmer

Nachgefragt bei
Christine Thürmer

In ihrem ersten Leben war sie Man­agerin, heute ist sie die meist­ge­wan­derte Frau der Welt. Das Sig­nal zum Auf­bruch ver­dankt sie ein­er unfrei­willi­gen Beruf­s­pause, die sie für ihre erste Langstreck­en­wan­derung in den USA nutzte: Auf dem Pacif­ic Crest Trail ent­deck­te sie 2004 ihre Lei­den­schaft für diese Diszi­plin. 2007 ver­schrieb sie sich ganz dem Wan­dern, tauschte ihre Woh­nung gegen ein Schlafzelt und hat mit aktuell 55.000 zurück­gelegten Kilo­me­tern noch lange nicht genug vom Unter­wegs­sein. Mit ihrem Durch­hal­tev­er­mö­gen hat auch ihr vor­ma­liger Beruf zu tun – und das Wis­sen um die tat­säch­lichen Risiken unter­wegs, die von vie­len falsch eingeschätzt werden.

Frau Thürmer, haben Sie die aktuellen Coro­na-Ein­schränkun­gen aus­ge­bremst oder sind Sie weit­er­hin unterwegs?

Ich war sowohl im let­zten als auch in diesem Jahr unter­wegs. Irgen­dein Land ist immer offen, man muss halt flex­i­bel sein. 2020 habe ich es nach Ital­ien geschafft – ganz knapp vor dem dor­ti­gen Lock­down. In diesem Jahr wollte ich zunächst nach Finn­land. An der litauis­chen Gren­ze habe ich auf­grund der Quar­an­täneau­fla­gen umge­dreht und bin stattdessen in Griechen­land gelandet. Jet­zt hole ich ger­ade das Baltikum nach.

Haben Sie keine Sorge, sich mit dem Coro­na-Virus zu infizieren?

Sie müssen sich das so vorstellen: Ich bin min­destens sechs Tage unter­wegs und am siebten Tag ruhe ich – genau wie in der Bibel. Manch­mal sind es auch fünf Tage, manch­mal acht. Das heißt, den Großteil mein­er Zeit ver­bringe ich ohne Kon­takt zu Leuten. Und wenn ich ein­mal in der Zivil­i­sa­tion bin, so wie jet­zt in Riga, strecke ich völ­lig platt im abge­dunkel­ten Hotelz­im­mer alle Viere von mir. Und gehe höch­stens ein­mal in den Super­markt einkaufen. Es ist also rel­a­tiv unwahrschein­lich, dass ich mich mit Coro­na infiziere, und inzwis­chen bin ich ja auch dage­gen geimpft.

Generell zum The­ma Gefahren und Sicher­heit: Man muss ganz klar unter­schei­den zwis­chen angenomme­nen und tat­säch­lichen Gefahren. Das klafft beim Wan­dern total auseinan­der. Die Leute sehen die Gefahren da, wo sie gar nicht sind. Sie unter­schätzen zudem die wirk­lichen Gefahren und bere­it­en sich völ­lig falsch vor. Dadurch steigt die Zahl der Unfälle beim Wan­dern, obwohl es eigentlich mehr Sicher­heit gibt als früher.

Welche Gefahren wer­den denn überschätzt?

Eine typ­is­che Frage, die mir immer wieder gestellt wird, lautet: Hast du denn keine Angst als Frau so allein im Wald? Ich frage dann zurück: „Was denkst du: Lauern Bösewichte in der Nacht irgend­wo im Wald bei Wind und Wet­ter darauf, dass endlich mal eine Chris­tine Thürmer vor­beige­wan­dert kommt und dort ihr Zelt auf­schlägt?“ Das passiert ein­fach nicht. Auch in der Polizeis­ta­tis­tik taucht der Tatort Wald nicht auf; diese Angst ent­behrt also jed­er Grundlage.

Wenn ich allein im Wald zelte, meis­tens in ein­er Ficht­en­scho­nung mit dicht ste­hen­den Bäu­men, werde ich nie ent­deckt. Von Hun­den schon mal, die Gas­si geführt wer­den, aber nicht von ihren Her­rchen. Es ist skur­ril: Die Hunde bellen nicht ein­mal. Die umwedeln mein Zelt, denken, das ist ja inter­es­sant, aber nicht mein Ter­ri­to­ri­um, und ren­nen wieder weg. Auch Wild­scheine greifen nichts an, was im Zelt liegt. Die sind nur nervig und machen eine Menge Krach. Außer­dem sind sie furcht­bar kurzsichtig. Eins ist mal über meine Zeltschnüre gestolpert, das war schon ein Riesen­schreck. Was mir wirk­lich gefährlich wer­den kön­nte – nicht ger­ade in Europa, aber in den USA – sind Bären. Wobei die in der Regel auch scheu sind und Wan­der­er nicht auf ihrem Speise­plan ste­hen. Und im schlimm­sten Fall kann man von ein­er Klap­per­schlange gebis­sen wer­den. Aber auch das wird über­be­w­ertet. Da hil­ft auch wieder ein Blick in die Statistik.

Eine tat­säch­liche Gefahr sind hinge­gen her­ab­fal­l­ende Äste oder umstürzende Bäume. Der Fach­be­griff dafür im Hik­er-Slang ist wid­ow­mak­er – Witwen­mach­er. Davor habe ich rel­a­tiv viel Angst, vor allem weil die Wälder durch die let­zten Dür­re­jahre in Europa sehr ange­grif­f­en sind. Ich mache deshalb immer ein Pro­beliegen, gucke nach oben und über­lege, kann mir etwas auf den Kopf fall­en? Und bei den Tieren sind es nicht Wild­schweine, Bären oder Schlangen, son­dern Zeck­en. Rund zehn Prozent der Appalachi­an Trail-Wan­der­er in den USA erkranken an Bor­re­liose. Das ist eine echte Gefahr, die nicht gese­hen wird. Ich selb­st habe schon zwei Bor­re­liose-Behand­lun­gen hin­ter mir. Und es gab Tage, da habe ich dreißig Zeck­en von mir runtergezogen.

Im Arbeit­sleben müssen soge­nan­nte Alleinar­beit­er für den Fall, dass ihnen etwas zustößt, beson­ders abgesichert wer­den – etwa durch Notruf­sys­teme. Nutzen Sie etwas Vergleichbares?

Nein, nur ein­mal und nie wieder. Notruf­sys­teme für Wan­der­er richt­en aus mein­er Sicht mehr Schaden an als dass sie nutzen. Denn wer sich in Sicher­heit wiegt, glaubt mehr Risiken einge­hen zu kön­nen – ganz nach dem Mot­to, ich muss ja nur auf den Alarm­knopf drück­en, dann kommt ein­er und ret­tet mich. Dass erst­mal jemand da sein muss zum Ret­ten, dass die Wet­terbe­din­gun­gen dazu passen müssen, dass das Sig­nal über­haupt erst­mal durchkom­men muss, dass es keinen tech­nis­chen Defekt geben darf – daran denken die Leute nicht.

Im Zweifelfall nutzen diese Per­son­al Loca­tor Bea­cons – also PLB – oder Satel­liten Mes­sen­ger gar nichts, wie ich auf mein­er Wan­derung durch Patag­o­nien gemerkt habe. Dort wären meine Knochen vielle­icht nach zwei Monat­en von der berit­te­nen Patrouille gefun­den wor­den – wenn denn das Sig­nal durchge­gan­gen wäre. Ich hat­te vere­in­bart, zweimal am Tag eine Art „Ich lebe noch Nachricht“ abzuset­zen, was sich im dicht­en Val­di­vian­is­chen Regen­wald als sehr schwierig erwies. Ich musste teil­weise Stun­den laufen, um eine Lich­tung zu find­en, auf der das Ding Verbindung zum Satel­liten auf­bauen konnte.

Also wenn ich hierzu­lande in den Bergen einen Unfall habe, möglichst auf dem Gipfel, dann klappt das mit der Bergret­tung natür­lich. Unter anderen Voraus­set­zun­gen ist es aber nicht so ein­fach. Im Grunde reicht es schon, in eine Spalte zu stürzen. Aber das machen sich die Leute ein­fach nicht klar.

Woran kann man noch scheit­ern auf der Langstrecke?

Langstreck­en­wan­dern machen Sie nicht über Geschwindigkeit, son­dern über Aus­dauer. Viele Leute lassen sich den­noch von diesem höher, schneller, weit­er, lenken. In ein­schlägi­gen Out­door-Foren wird ständig darüber disku­tiert, wie man ver­let­zungs­frei wan­dern kann. Trotz­dem brüsten sich alle damit, dass sie die Zeit­en aus dem Wan­der­führer unter­bi­eten. Das steckt so in den Leuten drin. Ger­ade Män­ner unter 30 sind hier stark gefährdet. Die sind top­fit, strotzen vor Kraft und kön­nen wirk­lich schneller laufen als ich. Sie haben aber eine vielfach höhere Abbruchquote auf der Langstrecke, weil sie sich kon­stant überlasten.

Ich selb­st ori­en­tiere mich möglichst nah an meinen genetis­chen Grund­la­gen. Für was ist denn unser Kör­p­er aus­gelegt? Ganz klar für Bewe­gung, aber unsere Vor­fahren, die Jäger und Samm­ler, haben ihre Kräfte eingeteilt. Nur manch­mal musste es schneller gehen, um das Mam­mut zu erlegen. So mache ich es auch. Ich laufe in der Regel rel­a­tiv gemütlich vor mich hin, immer so meine 30 bis 35 Kilo­me­ter, und bewahre mir damit Kraft für den Notfall.

Ich bin generell nicht der Typ spar­tanis­che Ath­letin, son­dern eher der Typ gemütliche Haus­frau. Aus diesem Grund stelle ich dieses „meist­ge­wan­derte Frau der Welt“ auch so her­aus: Ich möchte damit ins­beson­dere Frauen aus mein­er Gen­er­a­tion Mut machen. Die denken näm­lich allzu oft, wenn man nicht durch­trainiert ist und wie ein Sport­mod­el aussieht, hat man keine Chance. Hier möchte ich ein klares State­ment set­zen nach der Art: Hey, schaut mich an: Plat­tfüße, X‑Beine, Übergewicht – und trotz­dem bin ich die meist­ge­wan­derte Frau der Welt.

Ich bin auch keine Aben­teurerin, wie man mich gerne tit­uliert. Ich bewege mich fast auss­chließlich auf reg­ulären Wan­der­we­gen, mei­de Klet­ter­steige oder steile Auf­stiege. Mich zieht es auch nicht in gefährliche Gegen­den – sowas wie Chile war schon das Höch­ste der Gefüh­le. Also ich suche alles, aber kein Aben­teuer, denn das kommt so oder so. Ich kann ja nicht alles zu hun­dert Prozent pla­nen, egal wie akribisch ich vorge­he. Das heißt, es wird immer zu irgen­dein­er bösen Über­raschung in Form von Wet­ter, Ver­laufen oder anderem kom­men. Es ist nicht die Frage ob, es ist nur die Frage wann und wie oft. Und deshalb ver­suche ich von vorn­here­in, Risiken zu vermeiden.

Sie haben Ihre Aus­rüs­tung auf ultra­le­icht opti­miert. Mehr als fünf Kilo tra­gen Sie nicht mit sich herum. Was ist den­noch unverzichtbar?

Der große Luxus unter­wegs ist nicht das, was ich dabei­habe, son­dern das, was ich nicht tra­gen muss. Ganz wichtiger Satz. Auch die Ver­let­zungs­ge­fahr steigt, je mehr ich mit mir herum­trage: Mit mehr Gewicht auf den Schul­tern stürze ich häu­figer und über­anstrenge mich deut­lich mehr. Deshalb habe ich im Prinzip nur vier Sachen dabei. Wet­ter­schutz, Wärme, Pro­viant und Wass­er. Es gibt genau zwei Klam­ot­ten-Sets, eins zum Wan­dern und eins zum Schlafen. Die Schlafk­lei­dung trage ich nie am Tag, denn wenn die nass würde, müsste ich nachts frieren. Deshalb halte ich das streng getrennt.

Ich spare also an allem, trenne sog­ar die Etiket­ten aus der Klei­dung und kürze die Zahn­bürste. Aber es gibt eine Sache, bei der darf man nicht sparen: Man muss immer zwei voneinan­der unab­hängige Nav­i­ga­tion­ssys­teme dabei­haben. Die Beto­nung liegt auf voneinan­der unab­hängig. Es gibt Spezis, die ren­nen mit Handy und GPS durch die Gegend und laden bei­des über eine Power­bank. Was, wenn die Power­bank die Grätsche macht? Andere denken, mit den guten alten Faltkarten kann nichts schiefge­hen. Ich habe Leute getrof­fen, denen die Karten aus der Hosen­tasche gerutscht sind.

Mir selb­st ist auch schon alles passiert: GPS kaputt gegan­gen, bei Flussüber­querun­gen das Handy in der Hosen­tasche vergessen, Kabel­bruch, Kabel ver­loren, Power­bank macht schlapp. Deshalb habe ich immer zwei voneinan­der unab­hängige Sys­teme bei mir: erstens das GPS-Gerät, das um meinen Hals hängt. Da gucke ich immer drauf. Und als Back­up ein Smart­phone. Das GPS-Gerät läuft mit Bat­te­rien, weil ich ja stro­munab­hängig sein will; das Smart­phone lade ich über die Power­bank. Und wenn ich nochmal in die Wild­nis gehe, würde ich mich sog­ar dreifach absich­ern. In der Zivil­i­sa­tion in Europa reicht zweifach. Aber das muss wirk­lich sein.


Steckbrief

  • geboren 1967 in Forchheim
  • meist­ge­wan­derte Frau der Welt
  • beschreibt sich selb­st als unsportlich
  • machte nach dem Studi­um zunächst Kar­riere als Managerin
  • ver­fasste die Best­seller „Laufen. Essen. Schlafen.“ (2016) und „Weite Wege Wan­dern“ (2020) mit per­sön­lichen Tipps jen­seits klas­sis­ch­er Wanderführer
  • hält vergnügliche Vorträge, die auch Nicht-Wan­der­er ansprechen
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