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Storytelling als Methode für den Arbeitsschutz

Weil Kopfkino Spaß macht
Storytelling als Methode für den Arbeitsschutz

„Oje, schon wieder was zu Arbeitssicher­heit – wie lang­weilig!“ So reagieren die einen. „Bitte nicht noch eine Regel, die ich mir merken und umset­zen muss!“, stöh­nen die anderen. Hier set­zt Sto­ry­telling an. Die Meth­ode des Geschicht­en-Erzäh­lens kann Langeweile durch gute Laune und Anstren­gung durch Leichtigkeit erset­zen. Darüber hin­aus eröffnet Sto­ry­telling eine Kul­tur des Einan­der-Erzäh­lens, die richtiges Ver­hal­ten fördert und Unfälle ver­mei­den hil­ft – auch wenn kein Chef daneben­ste­ht und keine Regel dazu zwingt.

Müsli-Klaus arbeit­et im Qual­itäts­man­age­ment, er hat sein Büro in der Werk­shalle hin­ten links. Er ist ein Spä­taufste­her, vor 9 Uhr sieht man den nicht. Und wenn, dann kommt er mit ein­er dick belegten Müs­li-Sem­mel – deshalb sein Spitz­name – in der einen und seinem Kaf­febech­er mit heißem Milchkaf­fee in der anderen Hand aus sein­er Tür und latscht zum Wach­w­er­den erst ein­mal quer durch die Halle.

Der Schichtleit­er kann das gar nicht lei­den. Als Espres­so-Fan ist er ein erk­lärter Milchkaf­fee-Geg­n­er. Vor allem aber hat er was gegen diese Mor­gen­rou­tine, denn sollte Müs­li-Klaus ein­mal aus­rutschen, lan­det der Kaf­fee wom­öglich in der teuren Mas­chine. Das geht gar nicht! Eines späten Mon­tag­mor­gens also läuft Müs­li-Klaus wie immer ver­schlafen und verträumt durch die Pro­duk­tion­shalle. Der Azu­bi hat nicht aufgepasst und auf dem Boden eine Ölpfütze hin­ter­lassen. Und was passiert? Müs­li-Klaus rutscht aus, stolpert und sein Milchkaf­fee ergießt sich mit Schwung über das Gesicht des Schichtleiters.

Nachhaltiges Kopfkino

Eine solche Geschichte set­zt Kopfki­no in Gang. Sie lässt schon mal schmun­zeln und öffnet neben dem Ver­stand auch das Gemüt und die Sinne. Und das ist genau die richtige Mis­chung, damit weit­ere Inhalte gerne aus­ge­tauscht und aufgenom­men wer­den – in diesem Fall über das richtige Ver­hal­ten in ein­er Pro­duk­tion­shalle – und dann auch im Gedächt­nis bleiben. Die Folge: Mitar­beit­er hal­ten sich bess­er an die Regeln – nicht weil sie sie ken­nen, son­dern weil sie mith­il­fe der Geschichte ihren Sinn ver­standen haben. Außer­dem ver­bre­it­et sich über das Sprechen darüber die Hal­tung, dass man aufeinan­der acht­gibt, so die Erfahrung der Sto­ry­telling-Exper­tin Sigrid Hauer. Sie hat die Kun­st­fig­ur des Müs­li-Klaus für ein Unternehmen kreiert und diese kleine Geschichte dazu erfunden.

Marketing-Botschaften

Geschicht­en wer­den erzählt, seit es Men­schen gibt. Auch Märchen und Fabeln trans­portieren eine „Moral von der Geschicht“. Seit einiger Zeit haben Unternehmen dieses Werkzeug unter dem englis­chen Begriff „Sto­ry­telling“ für sich ent­deckt. Fir­men machen zunehmend davon Gebrauch, um einen Kern­in­halt, etwa ein pos­i­tives Marken­im­age, über eine Geschichte zu trans­portieren – so etwa durch das Bild des in ein­er Garage bastel­nden IT-Genies, das später eine welt­bekan­nte Fir­ma grün­det. Ein anderes Beispiel ist der Lebens­mit­telkonz­ern, der mit sein­er rühren­den Geschichte über einen ein­samen alten Mann, der seine Ange­höri­gen zu Wei­h­nacht­en mit Hil­fe ein­er fin­gierten Tode­sanzeige um sich ver­sam­melt, große Gefüh­le und Fest­tagsstim­mung mit seinen Pro­duk­ten verknüpfte. Dahin­ter ste­ht die Erken­nt­nis, dass reine Fak­ten nur einen kleinen Teil des men­schlichen Gehirns erre­ichen; Bilder, Geschicht­en, Assozi­a­tio­nen wirken hinge­gen ganzheitlich, sprechen Emo­tio­nen an, machen Spaß und bleiben bess­er im Gedächt­nis haften.

Storytelling im Arbeitsschutz

Vom Mar­ket­ing aus wird dieses Ver­fahren nun auch auf andere Bere­iche über­tra­gen – darunter das Gebi­et der Arbeitssicher­heit. Sigrid Hauer, Wirtschaftsin­for­matik­erin mit ein­er Büh­ne­naus­bil­dung als Geschicht­en-Erzäh­lerin, und die studierte Umweltschutz- und Agrar­wis­senschaft­lerin sowie Fachkraft für Arbeitssicher­heit Clara Röder sind Pio­nierin­nen auf dem Gebi­et Sto­ry­telling im Arbeitss­chutz. Die bei­den Münch­ner­in­nen haben sich zusam­menge­tan und bieten Work­shops und Inhouse-Sem­i­nare zum The­ma an. Dass Röder im Sto­ry­telling sog­ar das ide­ale Tool zur Förderung der Sicher­heit­skul­tur in deutschen Unternehmen sieht, hat auch damit zu tun, dass es hier­bei nicht nur um kon­stru­ierte Geschicht­en geht und das Erzählen nicht als Ein­bahn­straße zu ver­ste­hen ist. Zum einen sei es förder­lich, neue Inhalte in ein­er Geschichte zu ver­pack­en – am besten in eine, die gut zu den Mitar­beit­ern und zum Ziel passe, und die helfe, den Zusam­men­hang zu ver­ste­hen. Wenn einem das Geschicht­en­erfind­en und ‑erzählen nicht in die Wiege gelegt sei, ist das kein Hin­derungs­grund: Man könne es durch Übung und gute Vor­bilder spielerisch ler­nen, sind die bei­den überzeugt.

Stichwort Beinahe-Unfälle

Zum anderen sei es von beson­der­er Bedeu­tung, über­haupt eine Kul­tur des Geschicht­en-Erzäh­lens im Arbeitss­chutz zu etablieren. Dabei solle vor allem den Mitar­beit­ern Raum für ihre Geschicht­en gegeben wer­den: „Warum sollen die Leute von dem, was sie erlebt haben, erzählen? Damit ich die Dinge, die mir selb­st passiert sind, weit­ergebe und auch andere davon prof­i­tieren“, erk­lärt Röder. Das entschei­dende Stich­wort dazu laute: Beina­he-Unfälle. „Davon wird dur­chaus erzählt, aber meist erst abends in der Fam­i­lie oder im Fre­un­deskreis“, weiß Hauer. Doch auch die Kol­le­gen, Schichtleit­er, Sicher­heits­beauf­tragten und Vorge­set­zten soll­ten davon erfahren – um entsprechende Präven­tiv­maß­nah­men ableit­en zu kön­nen, bevor wirk­lich etwas passiert. So ließen sich über diese sehr natür­liche Kom­mu­nika­tions­form Unfälle deut­lich reduzieren.

Der manipulierte Handschuh

Manch­mal reiche ein Bild, um eine heik­le Sit­u­a­tion oder eine grund­sät­zliche Prob­lematik wachzu­rufen, wis­sen die bei­den Exper­tin­nen. So erzählte jemand in einem Meet­ing zu Sicher­heits­fra­gen, dass sich eine Mitar­bei­t­erin im Betrieb zwar vorschriftsmäßig die Schutzhand­schuhe ange­zo­gen, aber eines Tages wegen ihrer frisch deko­ri­erten Fin­gernägel die Hand­schuh-Spitzen ein­fach abgeschnit­ten habe, sodass die Fin­gerkup­pen samt bunter Fin­gernägel völ­lig ungeschützt her­auss­chaut­en. Für die Mitwiss­er der Geschichte reichte for­t­an der Begriff „Hand­schuh“, um mit einem Schmun­zeln diese Szene wachzu­rufen – und mit ihr das Bewusst­sein, wie wichtig es ist, Vorschriften nicht nur dem Wort nach, son­dern auch in ihrem Sinn zu verstehen.

Wissen in den Köpfen teilen

Ein Großteil des Know-hows über einen Arbeit­splatz, über Arbeitsabläufe und über das Unternehmen existiere laut Stu­di­en nur in den Köpfen der Mitar­beit­er und werde nicht doku­men­tiert, sagt Hauer. „Diese große Ressource kann ich nicht schriftlich fassen, aber mit Sto­ry­telling unkom­pliziert nutzen und anschaulich weitertragen.“

In Bezug auf Arbeitssicher­heit bedeute dies, dem Erzählen von dem, was (fast) passiert ist, in offiziellem Rah­men einen Raum zu geben, damit Gefahren­quellen und Nach­läs­sigkeit­en ins Bewusst­sein rück­en und ern­stgenom­men wer­den. Voraus­set­zung dafür sei, dass der Arbeitss­chutz im Unternehmen bere­its hohen Stel­len­wert genieße, die Struk­turen stimmten und die Führung dahin­ter­ste­he. „Denn wenn ich auf eine Gefahr hin­weise und es passiert nichts, hil­ft Sto­ry­telling wenig und die Leute schweigen in der Folge lieber“, erk­lärt Hauer. In diesem Fall müsse zuerst an ein­er anderen Stelle im Unternehmen ange­set­zt wer­den, bevor Sto­ry­telling frucht­bar einge­set­zt wer­den könne.

Wenn Sicherheitsbeauftragte erzählen

Beson­ders Sicher­heits­beauf­tragten käme als Kol­le­gen unter Kol­le­gen dabei eine wichtige Rolle zu. Zum Aus­tausch anbi­eten wür­den sich zum Beispiel die Team­meet­ings bei der täglichen Schichtüber­gabe: „Hier sind alle Mitar­beit­er zusam­men und reden über Dinge, die passiert sind. Wenn man es hin­bekommt, dort über sicheres Arbeit­en zu sprechen, hat man das richtige Bewusst­sein dafür geschaf­fen. Wenn aber nur von Pro­duk­tion­szahlen die Rede ist, kriegen die Mitar­beit­er das Sig­nal: Pro­duk­tion­szahlen sind das einzig Wichtige. Schon alleine, dass ich dort das The­ma Arbeitss­chutz rein­bringe, gibt ihm eine Bedeu­tung“, erk­lärt Hauer. „Und dann geht es darum, wie ich es rein­bringe, näm­lich über Geschicht­en, von denen auch andere Kol­le­gen etwas haben. Indem ich konkret erzäh­le, was passiert ist.“

Kettenreaktion in Gang setzen

Und wenn ein­er erzäh­le, so die aus­ge­bildete Geschicht­en-Erzäh­lerin, rücke auch der andere mit sein­er Geschichte her­aus. „Das ist ein ganz natür­lich­er Prozess: Erzählst du mir was, erzäh­le ich dir was“, ver­weist die Exper­tin auf eine ver­lässliche Ket­ten­reak­tion. Ziel sei, jedem zu ver­mit­teln, dass seine Erfahrung einen Wert habe, und alle etwas beitrü­gen. Dass nicht jed­er gle­ich ziel­gerichtet erzäh­le, ver­ste­he sich dabei von selb­st. „Manch­mal muss man auch die Kol­le­gen, die abschweifen, etwas brem­sen. Aber mit etwas Übung kriegt man das tat­säch­lich ganz gut hin.“

Hier­durch erk­lärt sich auch, warum Röder Sto­ry­telling für eine beson­ders passende Meth­ode für den Arbeitss­chutz in deutschen Unternehmen hält. „Es gibt eine Menge Tools für den Arbeitss­chutz. Die einen Betriebe set­zen auf Regeln und Loben, andere gehen eher tra­di­tionellere Wege. Die Angloamerikan­er arbeit­en mit klaren Struk­turen und auf eine eher aufok­troyierende Weise“, führt Röder aus. Mitar­beit­er in Deutsch­land fühlten sich jedoch angesichts etlich­er Auf­gaben, die „von oben‘ verord­net wür­den, eher gegän­gelt. „Hier noch was doku­men­tieren, da nochmal ein Foto, hier noch einen Rundgang machen und da noch Punk­te sam­meln.“ Diese Sys­teme funk­tion­ierten zwar auch, aber auf eine andere Art.

Du bist wichtig!

„Sto­ry­telling passt gut in hiesige Unternehmen, weil Mitar­beit­er hierzu­lande nicht gerne bevor­mundet wer­den. Sie möcht­en sel­ber mit­denken sowie gehört und wert­geschätzt wer­den“, fasst die Exper­tin zusammen.

„Genau das machen wir mit den Geschicht­en. Sie drück­en aus: Du bist wichtig, deine Erfahrung ist wichtig. Teile sie und damit kommst du voran.“ In vie­len Fällen brauche es keine weit­ere Hand­lungsan­weisung. Anstren­gende Angele­gen­heit­en gäbe es im Arbeitss­chutz schon genug. Das Geschicht­en­erzählen sei dage­gen unter­halt­sam und span­nend. „Ich habe noch nie­man­den getrof­fen, der daran keinen Spaß hatte.“


Foto: privat

Autorin: Bernadett Groß

Freie Jour­nal­istin


Erzählkultur zur Arbeitssicherheit einüben

Die selb­st­ständi­gen Münch­ner­in­nen Sigrid Hauer und Clara Röder haben sich zum The­ma „Sto­ry­telling im Arbeitss­chutz“ geschäftlich zusam­mengeschlossen und bieten dazu Beratung und Sem­i­nare an – auch inhouse. In diesen geht es sowohl um das span­nende Ver­pack­en von Inhal­ten in Geschicht­en als auch um das Einüben ein­er Erzäh­lkul­tur über sicher­heit­srel­e­vante Erfahrun­gen und Erleb­nisse. Inhouse-Sem­i­naren ist ein Ken­nen­ler­nen des Unternehmens vorgeschal­tet. An die Beratung anschließen kön­nen sich weit­ere Empfehlun­gen zum Arbeitss­chutz, die über das Sto­ry­telling hinausreichen.

www.ehsconsult.de

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