Startseite » Fachbeiträge » Archiv SI »

Niederspannungsschaltgeräte-Kombinationen normgerecht planen und bauen

DIN EN 61439 – neue Norm für Schalt- und Steuerungsanlagen
Niederspannungsschaltgeräte-Kombinationen normgerecht planen und bauen

Anzeige
Zum 1. Novem­ber 2014 trat nach ein­er mehrjähri­gen Über­gangs­frist die neue Nor­men­rei­he DIN EN 61439 für den Schalt- und Steuerungsan­la­gen­bau in Kraft. Welche wesentlichen Änderun­gen gegenüber der bis­lang gülti­gen DIN EN 60439 ergeben sich daraus für Her­steller und Anwen­der? Der Beitrag zeigt sie für den Teil DIN EN 61439–2 im Überblick.

Chris­t­ian Santos

Nieder­span­nungs-Schalt­gerätekom­bi­na­tio­nen kön­nen ihre Funk­tion nur dann kor­rekt erfüllen, wenn Pla­nung, Kon­struk­tion, Trans­port, Instal­la­tion, Betrieb, Wartung und Repara­turen nor­mgerecht durchge­führt wer­den. Die entsprechen­den EU-Richtlin­ien stellen dem Anwen­der die Entschei­dung frei, wie er die Sicher­heit­san­forderung der jew­eili­gen Richtlin­ie ein­hält. Nor­men sind zwar in diesem Zusam­men­hang ein pro­bates Mit­tel, um ein Höch­st­maß an Zuver­läs­sigkeit und Sicher­heit zu gewährleis­ten, wen­ngle­ich nicht das einzige.
Die vom Europäis­chen Komi­tee für elek­trotech­nis­che Nor­mung (CENELEC) im Novem­ber 2009 angenommene EN 61439–1, in der die Anforderun­gen an Nieder­span­nungs-Schalt­gerätekom­bi­na­tio­nen über­ar­beit­et wur­den, gilt als DIN-Norm bere­its seit Juni 2010. Zum 1. Novem­ber 2014 wurde die Vorgänger­norm DIN EN 60439–1 nun endgültig durch die DIN EN 61439–2 abgelöst.
Alle Anla­gen, die nach diesem Zeit­punkt in Betrieb genom­men wur­den und wer­den, müssen gemäß DIN EN 61439–2 geplant und doku­men­tiert wer­den. Ziel der Norm ist eine Har­mon­isierung der Vor­gaben und Anforderun­gen für Nieder­span­nungs-Schalt­gerätekom­bi­na­tio­nen. Es soll damit zum einen eine Vere­in­heitlichung der Anforderun­gen und Nach­weise für Schalt­gerätekom­bi­na­tio­nen erre­icht wer­den. Zum anderen soll die Notwendigkeit von Nach­weisen nach anderen Nor­men entfallen.
Gel­tungs­bere­ich DIN EN 61439–2
Inner­halb der Nor­men­rei­he DIN EN 61439 erstreckt sich der Gel­tungs­bere­ich des Teils DIN EN 61439–2 auf Energi­eschalt­gerätekom­bi­na­tio­nen, die min­destens ein Nieder­span­nungss­chalt­gerät umfassen. Die wichtig­sten Funk­tio­nen der Norm beziehen sich auf drei Bereiche:
  • Sicher­heit hin­sichtlich Span­nungs- und Kurz­schlussfes­tigkeit, Strombe­last­barkeit, Schutz gegen elek­trischen Schlag sowie Beständigkeit gegen Erwär­mung und Feuer.
  • Funk­tion der Anlage im Hin­blick auf den Schutz vor Umwel­te­in­flüssen, Betrieb­s­fähigkeit und Funktionsstabilität.
  • Ver­füg­barkeit durch Vor­gaben zu Wartung, Bauteilaus­tausch und Änderung oder Erweiterung ein­er beste­hen­den Anlage.
Neu definiert­er Bauartnachweis
Die in der Nor­men­rei­he DIN EN 60439–1 definierten Nach­weise für typgeprüfte (TSK) und par­tiell typgeprüfte (PTSK) Nieder­span­nungs-Schalt­gerätekom­bi­na­tio­nen wer­den durch den in der DIN EN 61439–2 neu definierten Bauar­t­nach­weis erset­zt. Darüber hin­aus wird eine geteilte Pro­duk­tver­ant­wor­tung einge­führt, welche die Zuständigkeit des Her­stellers in den „ursprünglichen Her­steller“ und den „Her­steller der Schalt­gerätekom­bi­na­tion“ unter­schei­det. Neu sind außer­dem Schnittstel­len­merk­male, die durch den Anwen­der vorgegeben wer­den und nach denen die Nieder­span­nungs-Schalt­gerätekom­bi­na­tion vom Her­steller geplant wird.
In der Prax­is stellen sich die Änderun­gen und Neuerun­gen so dar:
Der neu einge­führte Bauar­t­nach­weis erset­zt die in der alten Nor­men­rei­he DIN EN 60439–1 definierten Nach­weise der TSK bzw. PTSK. Diese Tren­nung zwis­chen TSK und PTSK hat­te in der Ver­gan­gen­heit zu ständi­gen Unklarheit­en geführt. Ein Beispiel: Nach der neuen Regelung trägt Siemens als ursprünglich­er Her­steller der Nieder­span­nungs-Schal­tan­lage Siva­con S8 die Ver­ant­wor­tung für den Bauartnachweis.
Wichtig ist: Für Schalt­gerätekom­bi­na­tio­nen, die bere­its nach DIN EN 60439–1 geprüft wur­den und deren Prüfer­geb­nisse die Anforderun­gen der DIN EN 61439–2 erfüllen, ist kein neuer Bauar­t­nach­weis erforder­lich. Für den Bauar­t­nach­weis gilt: Der Nach­weis set­zt sich aus ver­schiede­nen Merk­malen zusam­men, die durch Einzel-nach­weise zu erbrin­gen sind. Diese Einzel­nach­weise kön­nen mit Ein­schränkun­gen durch drei Meth­o­d­en erbracht wer­den: Prü­fung, Ver­gle­ich mit ein­er Ref­eren­zkon­struk­tion und Begutachtung.
Neue Begrif­flichkeit­en bei der Produktverantwortung
Bei der Pro­duk­tver­ant­wor­tung gibt es nach DIN EN 61439–2 neue Begrif­flichkeit­en: Unterteilt wird in den „ursprüng-lichen Her­steller“ und den „Her­steller der Schalt­gerätekom­bi­na­tion“. Dies entspricht der „geteil­ten“ Pro­duk­tver­ant­wor­tung. Mit dem ursprünglichen Her­steller ist der Pro­duzent von aufeinan­der abges­timmten und geprüften Sys­temkom­po­nen­ten gemeint. Für die Siva­con S8 ist dies also zum Beispiel Siemens. Der ursprüngliche Her­steller hat den Nach­weis der Bauart u.a. durch Prü­fung und Berech­nung zu erbrin­gen. Dem Schal­tan­la­gen­bauer sind für die nor­mgerechte Erstel­lung sein­er indi­vidu­ell kon­stru­ierten Schalt­gerätekom­bi­na­tio­nen die Kon­struk­tion­sregeln für z.B. Siva­con S8 sowie eine Bescheini­gung über die Nor­men-Kon­for­mität zur Ver­fü­gung zu stellen.
Es liegt in der Ver­ant­wor­tung des ursprünglichen Her­stellers, dass der Bauar­t­nach­weis für das Schalt­gerätekom­bi­na­tion­ssys­tem bzw. Orig­i­nal­sys­tem durch Prü­fung, Ver­gle­ich mit ein­er Ref­eren­zkon­struk­tion oder Begutach­tung erbracht wor­den ist. Das Sys­tem kann aus ver­schiede­nen Pro­duk­ten (zum Beispiel Leis­tungss­chal­tern und Sam­melschienen­sys­te­men) beste­hen, die jew­eils einen eige­nen Bauar­t­nach­weis besitzen. Zu beacht­en ist: Dieses „Baukas­ten­prinzip“ ermöglicht dem Her­steller der Schalt­gerätekom­bi­na­tion eine vari­able Zusam­men­stel­lung der Schalt­gerätekom­bi­na­tion. Wird von diesem „Baukas­ten­prinzip“ nicht abgewichen, wer­den also keine Verän­derun­gen am Orig­i­nal­sys­tem vorgenom­men, hat der Her­steller der Schalt­gerätekom­bi­na­tion nur den Stück­nach­weis zu erbringen.
Wer­den hinge­gen Verän­derun­gen am Orig­i­nal­sys­tem vorgenom­men, die sich auf den bere­its vor­liegen­den Bauar­t­nach­weis des ursprünglichen Her­stellers auswirken, ergibt sich fol­gende Sit­u­a­tion: Der Her­steller der Schalt­gerätekom­bi­na­tion wird für genau diese Änderun­gen automa­tisch zum ursprünglichen Her­steller und muss – wiederum für diese Änderun­gen – den Bauar­t­nach­weis sowie den Stück­nach­weis erbrin­gen. Hier­bei ist auf die voll­ständi­ge Doku­men­ta­tion zu acht­en: Der Her­steller der Schalt­gerätekom­bi­na­tion muss ggf. für die Mark­tauf­sicht­be­hör­den die von ihm zu erbrin­gen­den Nach­weise bere­i­thal­ten. Dies sind zum Beispiel: Prüf­berichte, Pro­tokolle, Berech­nun­gen und Aufze­ich­nun­gen. Gle­ich­es gilt auch für den ursprünglichen Her­steller des Originalsystems.
Schnittstel­len­merk­male
Zum The­ma Schnittstel­len­merk­male wird in der neuen Norm DIN EN 61439–2 vorgeschrieben, welche Kri­te­rien zwis­chen dem Her­steller der Schalt­gerätekom­bi­na­tion und dem Anwen­der fest­gelegt wer­den müssen. Entsprechend diesen Schnittstel­len­merk­malen wird die Nieder­span­nungs-Schalt­gerätekom­bi­na­tion vom Her­steller geplant. Die kennze­ich­nen­den Merk­male der Schalt­gerätekom­bi­na­tion müssen zum Beispiel mit den Bemes­sungs­dat­en der Stromkreise, an die die Schalt­gerätekom­bi­na­tion angeschlossen wird, und den Auf­stel­lungs­be­din­gun­gen kom­pat­i­bel sein. Die Schalt­gerätekom­bi­na­tion wird dabei als „Black Box“ gese­hen, deren Schnittstellen zum Umfeld vier Bere­iche umfassen: Auf­stel­lungs- und Umge­bungs­be­din­gun­gen, Bedi­enen und Warten, Anschluss an das elek­trische Netz sowie Stromkreise und Verbraucher.
Schnittstel­len­merk­male, die dem Bere­ich Stromkreise und Ver­brauch­er zuge­ord­net wer­den, sind zum Beispiel die Bemes­sung­siso­la­tion­ss­pan­nung und der Bemes­sungsstrom des Stromkreis­es. Den Auf­stel­lungs- und Umge­bungs­be­din­gun­gen sind u.a. fol­gende Schnittstel­len­merk­male zuge­ord­net: vor­liegen­des Net­zsys­tem, Ver­schmutzungs­grad, Innen­raum- und/oder Freiluftaufstellung.
Durch Angabe der einzel­nen Schnittstel­len­merk­male durch den Anwen­der ist es dem ursprünglichen Her­steller möglich, eine anwen­dungs- und nor­mgerechte Schalt­gerätekom­bi­na­tion zu pro­duzieren, zu prüfen und zu doku­men­tieren. Siemens bietet in diesem Zusam­men­hang Unter­stützung für die Pro­jek­tierung, Fer­ti­gung und Liefer­ung kom­plet­ter Schaltschränke an.
Faz­it
Ab 1. Novem­ber 2014 gilt für Energi­eschalt­gerätekom­bi­na­tio­nen die neue Norm DIN EN 61439–2. Sie erstreckt sich im Wesentlichen auf die Bere­iche Sicher­heit, Funk­tions­fähigkeit und Ver­füg­barkeit von Energiev­erteil­ern in Nieder­span­nungss­chalt­geräten. Zu den wichtig­sten Änderun­gen und Neuerun­gen, die mit der neuen Norm ein­herge­hen, gehören:
  • ein neu einge­führter Bauartnachweis
  • eine klare Unter­schei­dung bei der Pro­duk­tver­ant­wor­tung der jew­eili­gen Her­steller sowie
  • neue Regelun­gen zu Schnittstellenmerkmalen.
Siemens bietet Her­stellern und Anwen­dern von Nieder­span­nungss­chalt­geräten Unter­stützung bei der nor­mgerecht­en Pro­jek­tierung und Fer­ti­gung kom­plet­ter Schaltschränke an.
Weit­ere Infor­ma­tio­nen unter
Autor
Chris­t­ian San­tos, Siemens AG, Ener­gy Man­age­ment Divi­sion, Low Volt­age & Prod­ucts, Regensburg
Anzeige
Gewinnspiel

Newsletter

Jet­zt unseren Newslet­ter abonnieren

Meistgelesen

Jobs
Sicherheitsbeauftragter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 4
Ausgabe
4.2021
ABO
Sicherheitsingenieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 4
Ausgabe
4.2021
ABO
Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de