Bei Fremdarbeitern den richtigen Ton treffen. Schwierige Gespräche -
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Schwierige Gespräche

Bei Fremd­ar­bei­tern den rich­ti­gen Ton tref­fen

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Foto: © Firma V - stock.adobe.com
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Da der Sicher­heits­be­auf­tragte keine Weisungs­be­fug­nis hat – weder gegen­über den eige­nen Kolle­gen noch gegen­über den Mitar­bei­tern einer Fremd­firma – bleibt ihm nur das kolle­giale Gespräch. Das ist nicht immer einfach.

Der 57‐jährige Willi M. ist seit 35 Jahren im Betrieb tätig und seit 20 Jahren Sicher­heits­be­auf­trag­ter. Die Kolle­gen schät­zen Willis direkte Art und seine Fürsorge in Sachen Sicher­heit. Mancher Unfall konnte durch sein wach­sa­mes Auge verhin­dert werden. Davon sind die meis­ten über­zeugt. Willi findet dazu den rich­ti­gen Ton. Wenn er durch die Halle ruft: „Hey Kevin, hast nichts auf den Ohren“, und dabei lachend mit dem Finger droht, grinst der Auszu­bil­dende, verdreht kurz die Augen und setzt sich seine Lärm­schüt­zer auf.

 Willi ist auch beim Chef beliebt. Denn der weiß, dass manch heik­les Sicherheits‐ und Gesund­heits­thema durch den Sicher­heits­be­auf­trag­ten gelöst werden konnte. Er kann sich darauf verlas­sen: Wenn Willi M. eine Idee oder einen Vorschlag hat, ist das immer ein Gewinn für beide Seiten. Auch wenn zunächst Über­zeu­gungs­ar­beit notwen­dig ist.

 Binde­glied und Kontakt­per­son

Willi M. dient in Sachen Sicher­heit als Binde­glied und Kontakt­per­son für den Arbeits­ge­ber zu den Beschäf­tig­ten, auch von Fremd­fir­men. Er unter­stützt den Arbeit­ge­ber bei der Durch­füh­rung von Maßnah­men zum Unfall‐ und Gesund­heits­schutz. Dafür achtet er unter ande­rem darauf, dass Schutz­vor­rich­tun­gen benutzt werden. Oder er weist auf Gesund­heits­ge­fah­ren oder fahr­läs­si­ges Verhal­ten hin.

Doch letz­ten Monat stieß Willi M. an seine Gren­zen. In der Produk­ti­ons­halle muss­ten bei laufen­dem Betrieb Reno­vie­rungs­ar­bei­ten am Gebäude durch­ge­führt werden. Dafür waren mehrere Fremd­fir­men im Einsatz: Elek­tri­ker, um die Verka­be­lung zu erneu­ern und zu erwei­tern, sowie Trocken­bauer und Maler. Die Elek­tri­ker kann­ten sich aus. Sie waren zwei Jahre zuvor schon an ande­rer Stelle im Betrieb tätig. Einige von ihnen kommen zudem regel­mä­ßig für Wartungs­ar­bei­ten ins Haus. Auch die Maler kann­ten die Gege­ben­hei­ten vor Ort. Anders jedoch die Trocken­bauer. Das Unter­neh­men war erst­mals beauf­tragt worden und sollte mit drei Mitar­bei­tern eine Trenn­wand errich­ten und Spach­tel­ar­bei­ten durch­füh­ren.

 Ergän­zende Sicher­heits­über­wa­chung

Die Trocken­bau­er­ko­lonne war fix bei der Arbeit. In Sachen Sicherheits‐ und Arbeits­schutz mach­ten die Arbei­ter jedoch einen nach­läs­si­gen Eindruck. Der Chef bat Willi M., ein Auge auf die Kolle­gen der Fremd­firma zu haben und sie bei Bedarf auf Beson­der­hei­ten im Betrieb aufmerk­sam zu machen. Denn trotz der vorran­gi­gen Aufsichts­pflicht und der Verant­wor­tung des Auftrag­neh­mers – also der Fremd­firma – für ihre eige­nen Mitar­bei­ter, besteht für den Auftrag­ge­ber die Pflicht zu einer soge­nann­ten ergän­zen­den Sicher­heits­über­wa­chung gegen­über der eigen­ver­ant­wort­lich arbei­ten­den Fremd­firma. Nicht zuletzt geht es darum, dass die Sicher­heit aller und jeder­zeit gewährt ist, also auch der eige­nen Mitar­bei­ter zum Beispiel während Reno­vie­rungs­ar­bei­ten durch Fremd­fir­men im laufen­den Betrieb.

Unfälle vermei­den

Bei der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung und der Unter­wei­sung der Fremd­fir­men konnte Willi M. dieses Mal nicht dabei sein. Zunächst war er krank und danach bei einer Schu­lung. Weil der Chef es gewohnt ist, dass sein Sicher­heits­be­auf­trag­ter über Ordnung und Sauber­keit sowie zum Verhal­ten im Brand­fall oder bei Unfäl­len infor­miert, ging er nicht näher auf diese Themen ein.

Aller­dings versäumte er es auch, den Mitar­bei­tern der Fremd­fir­men den Namen von Willi M. zu nennen und dessen Funk­tion als Sicher­heits­be­auf­trag­ter zu erläu­tern. Doch diese Infor­ma­tio­nen sind wich­tig, da klei­nere Firmen nicht immer etwas mit dem Begriff Sicher­heits­be­auf­trag­ter anfan­gen können und auch nicht wissen, was dessen Aufga­ben sind. Denn einen Sicher­heits­be­auf­trag­ten braucht ein Unter­neh­men erst ab zwan­zig Mitar­bei­tern.

Wer bestellt den Sibe?

 Dies gilt auch beim Einsatz von Leih­ar­bei­tern: Wenn sich durch sie die Zahl der Mitar­bei­ter auf zwan­zig oder mehr erhöht, muss der Arbeit­ge­ber mit der Zeit­ar­beits­firma klären und am besten vertrag­lich fest­hal­ten, wer den Sicher­heits­be­auf­trag­ten bestellt – der Einsatz­be­trieb oder die Entleih­firma. Ist der Sicher­heits­be­auf­tragte vom Einsatz­be­trieb, in unse­rem Beispiel also Willi M., muss sich dieser um die Leih­ar­bei­ter kümmern. Er muss sie wie neue Mitar­bei­ter behan­deln, denn sie kennen die betriebs­in­ter­nen Abläufe und Gege­ben­hei­ten noch nicht. In diesem Fall wird er froh sein, wenn er seinen Job schon lange macht, seine sozia­len Kompe­ten­zen unter ande­rem in Schu­lun­gen festi­gen und erwei­tern konn­teund sich somit ein „dickes Fell“ zuge­legt hat.

Auf falschem Fuß erwischt

Das braucht Willi M. auch, als er wieder zur Arbeit in den Betrieb kommt: Kaum betritt er die Produk­ti­ons­halle, fällt ihm ein junger Trocken­bauer auf einer Leiter auf, die nicht für dessen Tätig­keit geeig­net ist. Er bittet den Mann herun­ter­zu­stei­gen, stellt sich vor und macht ihn auf die Gefahr aufmerk­sam. Doch dieser antwor­tet nur: „Du hast mir nichts zu sagen“ und fährt mit seiner Arbeit fort. So etwas hat Willi lange nicht erlebt. Es ist ihm bewusst, wie schwie­rig es ist, einen Kolle­gen auf Augen­höhe davon zu über­zeu­gen, dass eine Tätig­keit siche­rer ausge­führt werden kann. Denn das heißt ja auch, dass der andere unacht­sam ist oder etwas falsch macht. Damit hat er den jungen Fremd­ar­bei­ter wohl auf dem falschen Fuß erwischt.

An Vorar­bei­ter gewandt

Doch er muss sich um die Ange­le­gen­heit kümmern, um einen unnö­ti­gen Unfall zu vermei­den. Willi erkun­digt sich, wer der Verant­wort­li­che der Trocken­bau­ko­lonne ist. Denn nur der kann seinem Mitar­bei­ter Anwei­sun­gen geben. Selbst der Auftrag­ge­ber, also Willis Chef, hat an dieser Stelle erst einmal nichts zu sagen. Dann besorgt er sich zwei Kaffee und sucht den Vorar­bei­ter auf, um mit ihm zu reden. Er stellt sich vor und erklärt kurz und knapp seine Aufgabe. Er lobt die Schnel­lig­keit der Kolonne, fragt, ob alles läuft, wie sie sich den Fort­gang vorstel­len oder ob sie Unter­stüt­zung brau­chen.

Erst dann spricht er seine Beob­ach­tung mit der Leiter an. Er sagt nichts über die patzige Antwort, die er bekom­men hat, sondern sucht gemein­sam mit dem Vorar­bei­ter nach einer Lösung und bittet ihn, diese gleich umzu­set­zen. Als er zwei Stun­den später wieder durch die Produk­ti­ons­halle geht, sieht er, dass inzwi­schen mit einer geeig­ne­ten Leiter gear­bei­tet wird.

Situa­tion geklärt

Willi hat ein gutes Gefühl, denn er hat:

  •  eine Gefahr erkannt,
  • das Problem ange­spro­chen,
  • nieman­den ange­schwärzt,
  • den Verant­wort­li­chen „mit ins Boot geholt“,
  • eine Lösung gefun­den,
  • das Problem behe­ben lassen und somit
  • die Gefahr besei­tigt und einen mögli­chen Unfall vermie­den.

Autorin:

Bettina Brucker

Fach­jour­na­lis­tin

Foto: privat

Weiter­füh­rende Infor­ma­tio­nen

Weitere Empfeh­lun­gen für eine gute Gesprächs­füh­rung und Infor­ma­tio­nen zur Sicher­heits­be­wer­tung von Fremd­fir­men finden sich

  • in der DGUV Infor­ma­tion 211–042 „Sicher­heits­be­auf­tragte“ (insbe­son­dere Kapi­tel 3.2 Gesprächs­füh­rung und Kapi­tel 4.5 Fremd­fir­men und Arbeit­neh­mer­über­las­sung)
    www.dguv.de/publikationen
  • im VCI‐Leitfaden zum Umgang mit Fremd­fir­men, heraus­ge­ge­ben vom Verband der chemi­schen Indus­trie e.V.
    www.vci.de/services/leitfaeden
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