Absturzsicherung: Die Richtige wählen - Tipps und Informationen
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Leiter, Dach und Co.

Absturz­si­che­rung: Die Rich­tige wählen

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Ob bei Richt­ar­bei­ten, Abdich­tungs­ar­bei­ten auf Flach­dä­chern oder bei Arbei­ten auf einer Neubau­stelle: Viel zu häufig kommt es auf dem Bau zu Abstür­zen von hoch­ge­le­ge­nen Arbeits­plät­zen und Verkehrs­we­gen. Abstur­zun­fälle führen seit Jahren die Statis­tik der tödli­chen Arbeits­un­fälle in der Bauwirt­schaft an (1)– dies obwohl es tech­ni­sche Möglich­kei­ten gibt, die Arbei­ten auf hoch­ge­le­ge­nen Arbeits­plät­zen sicher machen.

Bei den tödli­chen Abstur­zun­fäl­len in der Bauwirt­schaft sind Abstürze von unge­eig­ne­ten Arbeits­mit­teln (zum Beispiel Gerüst oder Leiter) die häufigs­ten Unfall­ar­ten, gefolgt vom Absturz vom Dach oder Durch­sturz durch das Dach. Weiter­hin verur­sa­chen Abstürze von Gerüst, Leiter oder Dach fast die Hälfte der Umfall­ge­samt­kos­ten der BG BAU (Quelle: BG BAU)

Die Unfall­un­ter­su­chun­gen bele­gen, dass etwa anstelle von siche­ren leich­ten Platt­form­lei­tern oder Gerüs­ten auf dem Bau „schnell mal impro­vi­siert“ wird. Bei rund 80 Prozent der Leiter­un­fälle stür­zen Beschäf­tigte aus weni­ger als zwei Metern ab. Die Folgen dieser Abstürze sind oft schwer­wie­gend: Kompli­zierte Fuß‐ und Bein­brü­che mit blei­ben­der Behin­de­rung sind keine Selten­heit. Auch werden Anlege‐ oder Bock­lei­tern oft ohne Siche­rung gegen Wegrut­schen oder Umkip­pen aufge­stellt. Leichte Platt­form­lei­tern oder stabile Roll­ge­rüste sind hier in jedem Fall vorzu­zie­hen. Häufig führen die Beschäf­tig­ten Termin‐ und Kosten­druck als Alibi an, wenn die Frage gestellt wird, warum die geplan­ten Schutz­maß­nah­men nicht oder nur halb­her­zig ange­wandt wurden. Auch sind es die Vermei­dung von zu viel Aufwand oder neben­her erle­digte Gefäl­lig­kei­ten, die am Ende in Abstür­zen münde­ten. Jede noch so gründ­lich durch­ge­führte Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung läuft ins Leere, wenn sie aus diesen Grün­den igno­riert wird.

Verhal­tensprä­ven­tion im Betrieb etablie­ren

Viele Unter­neh­men sind sich der fata­len Auswir­kun­gen von Abstür­zen bewusst. Doch fehlt eine geeig­nete Stra­te­gie, um die Themen Arbeits­si­cher­heit und Gesund­heits­schutz nach­hal­tig bei den Beschäf­tig­ten zu etablie­ren. Damit dies gelingt, müssen Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit als Teil der Unter­neh­mens­kul­tur gelebt werden.

Hier­bei müssen die Vorge­setz­ten eine Vorbild­funk­tion mit über­neh­men. Das fängt bereits bei der Arbeits­or­ga­ni­sa­tion an: Um eine sichere Durch­füh­rung der Arbei­ten zu gewähr­leis­ten, sollte der Unter­neh­mer oder ein Vertre­ter die Verhält­nisse vor Ort persön­lich in Augen­schein nehmen, um mögli­che Gefah­ren­be­rei­che zu iden­ti­fi­zie­ren. Die objekt­be­zo­gene Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung und die sich daran anschlie­ßende Unter­wei­sung, die auf die örtli­chen Gege­ben­hei­ten beson­ders eingeht, sind ein uner­läss­li­cher Teil der Arbeits­vor­be­rei­tung.

Solange die Arbeit und der zeit­li­che Aufwand für Sicher­heits­maß­nah­men geplant ablau­fen, können Abstürze weit­ge­hend vermie­den werden. Kommt es jedoch bei der Ausfüh­rung der Arbei­ten zu erhöh­tem Zeit­druck, steigt das Risiko. Deshalb müssen Sicher­heits­maß­nah­men von Beginn an nach Zeit‐ und Kosten­auf­wand geplant und einkal­ku­liert werden.

Unter­neh­mer soll­ten ihren Mitar­bei­tern Rücken­de­ckung geben und sie moti­vie­ren, „Stopp“ zu sagen, wenn sie Risi­ken erken­nen, die sich nicht mit den Regeln der Arbeits­si­cher­heit und des Gesund­heits­schut­zes verein­ba­ren lassen. Damit signa­li­sie­ren sie Ihren Beschäf­tig­ten, dass sie sicher­heits­ge­rech­tes Arbei­ten unter­stüt­zen und sie für Ihre Mitar­bei­ter Verant­wor­tung über­neh­men.

Dazu gehört auch der offene Umgang mit Fehlern. Dies funk­tio­niert, wenn man Defi­zite als Anlass zum Lernen begreift und daraus Verbes­se­run­gen ablei­tet. Eine posi­tive Fehler­kul­tur im Betrieb, die auch Beina­he­un­fälle berück­sich­tigt, kann eine gute Chance sein, Abstürze in Zukunft zu vermei­den. (2)

Fakto­ren der Absturz­si­che­rung

Wo Absturz­si­che­run­gen erfor­der­lich sind und welche Art der Siche­rung gewählt wird, hängt in erster Linie von drei Fakto­ren ab:

  • Mögli­che Absturz­höhe
  • Art der Tätig­keit
  • Sons­tige äußere Umstän­den, zum Beispiel heraus­ste­hende Beweh­rungs­ei­sen, Witte­rung, etc.

Als Faust­re­gel gilt, dass bereits bei einer Höhe von mehr als 1 m die Gefahr eines Abstur­zes droht. Abhän­gig von den umge­ben­den Rand­be­din­gun­gen können jedoch schon bei nied­ri­ge­ren Höhen Schutz­maß­nah­men notwen­dig sein.

Sicher­heits­maß­nah­men gegen Absturz

Grund­sätz­lich ist die Arbeit so zu gestal­ten, dass eine Gefähr­dung der Beschäf­tig­ten möglichst vermie­den und die verblei­bende Gefähr­dung gering gehal­ten werden. Absturz­si­che­rung ist Auffang­ein­rich­tung vorzu­zie­hen, denn auch beim Auffan­gen besteht ein Unfall­ri­siko. Gefah­ren soll­ten an der Quelle bekämpft werden. Die Absturz­si­che­run­gen unter­schei­den sich danach, ob die tech­ni­sche Vorrich­tung den Sturz gar nicht erst zulässt, zum Beispiel durch Umweh­rung des Gefah­ren­be­reichs in Rich­tung Absturz­kante, oder ob ein Sturz gemil­dert bezie­hungs­weise gebremst wird, etwa durch ein Fang­netz oder eine Fang­lage im Gerüst. Erst wenn sich tech­ni­sche und orga­ni­sa­to­ri­sche nicht reali­sie­ren lassen, kann in letz­ter Instanz zu persön­li­chen Schutz­maß­nah­men gegrif­fen werden.

Sturz von hoch­ge­le­ge­nen Arbeits­plät­zen

Eine tech­ni­sche Absturz­si­che­rung könnte unter ande­rem ein Gelän­der, ein Zaun oder die Dach­at­tika sein, voraus­ge­setzt sie sind hoch genug (im gewerb­li­chen Bereich mindes­tens ein Meter) und ausrei­chend stand­fest ist (siehe Abbil­dung 1).

Das ist beispiels­weise im Rand­be­reich von bestehen­den Gebäu­den oft nicht der Fall. Hier sind die Atti­ka­hö­hen teil­weise deut­lich nied­ri­ger und verlan­gen deshalb bei Sanie­rungs­ar­bei­ten auf jeden Fall eine zusätz­li­che Absturz­si­che­rung. Möglich­kei­ten, den Absturz von hoch­ge­le­gene Arbeits­plät­zen zu verhin­dern, können unter ande­rem sein:

  • Tempo­räre Seiten­schutz­sys­teme: Der mindes­tens 1 m hohe und drei­tei­lige Seiten­schutz wird so an der Dach‐ oder Geschoss­de­cken­kante ange­bracht, dass der Absturz komplett vermie­den wird. Gerade im Bereich der Seiten­schutz­sys­teme (Pfos­ten­be­fes­ti­gun­gen mit Seiten­schutz aus Holz oder Gitter­sys­te­men) bietet das Ange­bot der Herstel­ler für beinahe jeden Anwen­dungs­fall eine passende Lösung. Die Systeme können vor Ort auch zimmer­manns­mä­ßig herge­stellt werden.
  • Fang­ge­rüste: Müssen aber beispiels­weise direkt an der Absturz­kante Arbei­ten durch­ge­führt werden, kann mögli­cher­weise aus tech­ni­scher Sicht kein Seiten­schutz ange­bracht werden. Hier können Fang­ge­rüste aufge­stellt werden, bei denen jedoch darauf zu achten ist, dass die Fang­lage unbe­dingt eine Mindest­breite von 90 cm aufweist.
  • Dach­fang­ge­rüste: Bei Arbei­ten auf Dach­flä­chen mit einer Neigung von
    20° bis 60° muss die oberste Lage des Gerüsts als Dach­fang­ge­rüst ausge­bil­det sein. Dach­fang­ge­rüste über­ra­gen den Arbeits­be­reich seit­lich um jeweils mindes­tens 1 m.
  • Durch­stürze verhin­dern: Vor allem bei Arbei­ten auf Gebäu­den besteht stets die Gefahr eines Abstur­zes, wenn das Decken‐ oder Dach­ma­te­rial nicht ausrei­chend trag­fä­hig ist und nach­gibt oder bricht. Vor dem Betre­ten solcher Flächen ist daher zu prüfen, ob sie tritt­fest und durch­sturz­si­cher sind. Auf unsi­che­ren Berei­chen, etwa Faser­ze­ment­dä­chern, sind last­ver­tei­lende Beläge und Schutz­netze zu instal­lie­ren. Licht­plat­ten, Licht­kup­peln und Licht­bän­der gelten als Öffnun­gen in der Dach­flä­che und dürfen niemals betre­ten werden. Sie sind häufig verschmutzt und schwer von der sons­ti­gen Dach­flä­che zu unter­schei­den. Deshalb sind solche Arbeits­be­rei­che gegen Durch­sturz zu sichern.
  • Glas­flä­chen, Licht­kup­peln oder Licht­bän­der: Glas­flä­chen dürfen zu Inspektions‐, Reinigungs‐ und Wartungs­zwe­cken nur dann betre­ten werden, wenn die Tech­ni­schen Baube­stim­mun­gen dies eindeu­tig zulas­sen. Licht­kup­peln und Licht­bän­der müssen durch geeig­nete Umweh­run­gen, Über­de­ckun­gen oder Schutz­netze gesi­chert werden, sofern sie nicht bereits dauer­haft mit durch­sturz­si­che­ren Gittern verse­hen sind (siehe Abbil­dung 2).

Möglich­kei­ten der Durch­sturz­si­che­run­gen sind zum Beispiel:

  • Schutz­netze: Es soll­ten Schutz­netze im gesam­ten Arbeits­be­reich möglichst direkt und so dicht wie möglich unter die Dach­flä­che ange­bracht werden. So ist nicht nur die Absturz­höhe begrenzt, sondern gleich­zei­tig biegt sich das Netz nicht so stark nach unten durch.
  • Lauf‐ und Arbeits­stege: Bei Arbei­ten mit und auf Well­plat­ten vertei­len die mindes­tens 50 cm brei­ten und vor Verschie­ben gesi­cher­ten Stege das Körper­ge­wicht etwas brei­ter in die Unter­kon­struk­tion des Daches.
  • Abgren­zung des Gefah­ren­be­reichs: Grund­sätz­lich gilt die gesamte hoch­ge­le­gene Fläche als Gefah­ren­be­reich, auch wenn nur in einem begrenz­ten Bereich mitten auf der Fläche Arbei­ten ausge­führt werden. Verant­wort­li­che müssen in einem Bereich von bis zu 2 m Abstand zur Absturz­kante Schutz­maß­nah­men ergrei­fen. Wenn ein Bereich von mindes­tens 2 m zur Absturz­kante einge­hal­ten werden kann, ist dieser Bereich in geeig­ne­ter
    Weise (zum Beispiel mit Ketten, Seilen, Gelän­der – jedoch nicht mit Flat­ter­band) abzu­gren­zen.
  • Persön­li­che Schutz­aus­rüs­tung gegen Absturz: Persön­li­che Schutz­aus­rüs­tun­gen gegen Absturz (PSAgA) sind weit verbrei­tet, weil sie viele Wartungs‐, Instandhaltungs‐ und Reini­gungs­ar­bei­ten auf hoch­ge­le­ge­nen Arbeits­flä­chen erst ermög­li­chen. Als Siche­rungs­maß­nahme stel­len sie jedoch die Alter­na­tive mit dem gerings­ten Schutz dar. Denn im Falle eines Abstur­zes drohen Verlet­zun­gen durch die beim Abfan­gen auf den Körper wirken­den Kräfte. Lässt sich die Arbeit nur mit einer PSAgA reali­sie­ren, muss der Unter­neh­mer dem Beschäf­tig­ten eine geeig­nete Ausrüs­tung und Anschlag­ein­rich­tung bereit­stel­len. Zusätz­lich sind eine Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung inklu­sive Rettungs­kon­zept sowie eine Unter­wei­sung mit prak­ti­scher Übung Pflicht.

 

(1)  Im Jahr 2015 star­ben beispiels­weise 20 Beschäf­tigte bei ihrer Arbeit durch Abstürze.

(2)  www.bau-auf-sicherheit.de


Prof. Dr.-Ing Marco Einhaus

BG BAU, DGUV, Fach­be­reich Bauwe­sen, Sach­ge­biet Hoch­bau, TU Muen­chen


 

 

 

 

Dipl.-Ing (FH) Frank Christ
BG BAU, Region Nord, Fach­ab­tei­lung Präven­tion

Foto: privat

Es gilt der Grund­satz:

Tech­ni­sche Maßnah­men haben Vorrang vor indi­vi­du­el­len Schutz­maß­nah­men!“

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