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Arbeitsschutz: Unterweisungspflicht bei Studierenden umsetzen

Students at Work (S@W)
Unter­wei­sungs­pflicht bei Studie­ren­den umset­zen

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Studie­rende müssen nicht nur viel lernen und prak­tisch sich erar­bei­ten, sie müssen dies auch im Sinne ihrer Gesund­heit gut und ange­mes­sen tun. Doch bislang sind Studie­rende eine vom Arbeits­schutz eher vernach­läs­sigte Gruppe. Die Hein­rich Heine Univer­si­tät Düssel­dorf wollte dies nicht länger akzep­tie­ren und hat inno­va­tiv und ange­mes­sen gehan­delt.

Im Laufe des Studi­ums der Human- und Zahn­me­di­zin gibt es verschie­dene gesetz­li­che Arbeits­schutz­re­ge­lun­gen inklu­sive der verpflich­ten­den Unter­wei­sun­gen zu Sicher­heit, Gesund­heit, Hygiene und Daten­schutz zu beach­ten. Es gelten dabei die staat­li­chen Vorschrif­ten unmit­tel­bar und direkt, deren Geltungs­be­reich im jewei­li­gen Norm­text auf Studie­rende erwei­tert sind wie zum Beispiel die Verord­nung zum Schutz vor Gefahr­stof­fen (GefStoffV) oder die Verord­nung über Sicher­heit und Gesund­heits­schutz bei Tätig­kei­ten mit Biolo­gi­schen Arbeits­stof­fen (BioStoffV). Die DGUV Vorschrift 1 „Grund­sätze der Präven­tion“ [1] fordert zusätz­lich die Anwen­dung aller Arbeits­schutz­an­for­de­run­gen auch bei den Studie­ren­den. Rege­lun­gen wie das ArbSchG, ArbStättV, ArbMedVV oder JArb­SchG gelten somit mittel­bar über die Inbe­zug­nahme in § 2 Abs. 1 Satz 3 der DGUV Vorschrift 1 (mittel­bar = über den „Umweg“ der DGUV Vorschrift 1). Über diese Inbe­zug­nahme werden die in staat­li­chen Arbeits­schutz­vor­schrif­ten gere­gel­ten Sach­ver­halte zum Gegen­stand von Unfall­ver­hü­tungs­vor­schrif­ten (UVV‘en) gemacht (Ermäch­ti­gungs­grund­lage ist der § 15 Absatz 1 SGB VII). Alle staat­li­chen Vorschif­ten, die nicht unmit­tel­bar für Studie­rende gelten, haben somit den Status einer UVV. Die Über­wa­chung erfolgt durch die Aufsichts­per­so­nen der Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger, für Univer­si­tä­ten und Univer­si­täts­kli­nika somit in der Regel die Unfall­kas­sen.

Leider orien­tiert sich die DGUV Vorschrift 2 [2] in der aktu­el­len Fassung nur am Begriff des „Beschäf­tig­ten“ im Sinne des „Betriebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes“ und nicht am Begriff des „Versi­cher­ten“ im Sinne des VII. Sozi­al­ge­setz­bu­ches. Univer­si­tä­ten schaf­fen daher trotz der Möglich­kei­ten durch den betriebs­spe­zi­fi­schen Teil der Vorschrift 2 zwar Ressour­cen im Bereich Sicher­heit und Gesund­heit für die Betreu­ung ihrer Beschäf­tig­ten, aber nur bedingt und nicht im ausrei­chen­den Maße für die gefor­derte Betreu­ung der Studie­ren­den, die rein von der Anzahl her die weit­aus größere Gruppe in den Univer­si­tä­ten und Univer­si­täts­kli­nika stel­len. Bei der Hein­rich Heine Univer­si­tät Düssel­dorf beispiels­weise stehen 3.954 Mitar­bei­tern 35.300 Studie­rende gegen­über, davon sind 3.803 Studie­rende in der Medi­zi­ni­schen Fakul­tät (MedFak, Stand 01.12.2017).

Ziel

Im Studi­en­gang Human­me­di­zin an der Hein­rich Heine Univer­si­tät Düssel­dorf werden die Studie­ren­den in Pflicht­ver­an­stal­tun­gen, die in der Studi­en­gang­ord­nung fest­ge­schrie­ben sind, unter­wie­sen. Vor Beginn des klini­schen Abschnitts müssen die Studie­ren­den auch zur arbeits­me­di­zi­ni­schen Vorsorge zum Betriebs­arzt. In eini­gen Fällen kann bei „Nicht-Teilnahme“ an der Unter­wei­sung das Studium dadurch verzö­gert werden, da sich die Studie­ren­den bei fehlen­der Unter­wei­sung nicht zum Folge­se­mes­ter zurück­mel­den können. Im Rahmen eines Projekts wurde ein Konzept erstellt, dass die Unter­wei­sung der Studie­ren­den zeit­lich und örtlich flexi­bler ermög­li­chen soll. In 2019 wurde die Projekt­phase verlas­sen und die notwen­di­gen Struk­tu­ren in einem Geschäfts­pro­zess „Sicher­heit und Gesund­heit für Studie­rende“ für das Manage­ment­sys­tem der Fakul­tät insti­tu­tio­na­li­siert.

Umset­zung

Zu Beginn wurden Pflicht­un­ter­wei­sun­gen zu Sicher­heit, Gesund­heit, Hygiene und Daten­schutz in inter­ak­ti­ven (Selbst-) Lern­ein­hei­ten erstellt, um Studie­ren­den, die nicht an der Pflicht­ver­an­stal­tung teil­neh­men konn­ten, die Möglich­keit zu geben, das Studium ohne Verzö­ge­rung fort­zu­set­zen.

Als Nach­weis der erfolg­rei­chen Teil­nahme dient ein abschlie­ßen­der Online-Test, um die Teil­nahme und den Lern­er­folg zu doku­men­tie­ren.

Bei der Gestal­tung der inter­ak­ti­ven (Selbst-)Lerneinheiten dienen auch die Anfor­de­run­gen der „DGUV Test – Prüf- und Zerti­fi­zie­rungs­stelle“ im IAG Dres­den zur Orien­tie­rung, um eine spätere Zerti­fi­zie­rung der Lern­ein­hei­ten grund­sätz­lich zu ermög­li­chen. Die inter­ak­ti­ven (Selbst-) Lern­ein­hei­ten verste­hen sich dabei als Unter­wei­sun­gen auf das Studium der Human­me­di­zin bezo­ge­ner Arbeits­schutz­the­men. Orien­tie­rend an den von Kirk­pa­trick [3] postu­lier­ten vier Ebenen sollen die Lern­ein­hei­ten bei den Studie­ren­den:

  • auf Akzep­tanz stoßen und als wich­tige Maßnah­men im Studium aner­kannt werden,
  • zu einem Zuge­winn an handlungs- und sicher­heits­re­le­van­tem Wissen führen,
  • die Einstel­lung der Studie­ren­den zum Arbeits­schutz posi­tiv beein­flus­sen,
  • sicher­heits­ge­rech­tes Verhal­ten der Studie­ren­den über das Studium hinaus fördern und
  • zu Verän­de­run­gen in arbeits­schutz­re­le­van­ten Kenn­zah­len im Gesund­heits­we­sen beitra­gen.

Die Studie von Masuhr et al. [4] legt nahe, das elek­tro­ni­sche Unter­wei­sun­gen durch­aus unter bestimm­ten Voraus­set­zun­gen in ihrer Wirkung mit persön­li­chen Unter­wei­sun­gen mithal­ten können. Die Ergeb­nisse der Studie zeigen, dass Unter­wei­sun­gen, ob elek­tro­nisch oder persön­lich durch­ge­führt, dazu führen, dass die Mitar­bei­ter (somit auch Studie­rende) ihr sicher­heits­re­le­van­tes Wissen festi­gen und ausbauen können. Die rele­van­ten klini­schen Fertig­kei­ten und Tech­ni­ken wie zum Beispiel Punk­tio­nen werden zusätz­lich unter Beach­tung der Arbeits­schutz­vor­ga­ben zum Beispiel im Block „Fertig­kei­ten und Tech­ni­ken (FeTe)“ routi­ne­mä­ßig mit den Studie­ren­den eintrai­niert. Die arbeits­schutz­re­le­van­ten theo­re­ti­schen Grund­la­gen werden aber auch hier in den inter­ak­ti­ven (Selbst-)Lerneinheiten vermit­telt. Die Arbeit von Wigger-Alberti et al. [5] zeigte am Beispiel des Haut­schut­zes die Notwen­dig­keit des prak­ti­schen Einübens bestimm­ter gefah­ren­ge­neig­ter Tätig­kei­ten.

Das Portal ist Teil eines Gesamt­kon­zepts zur Gewähr­leis­tung von Sicher­heit und Gesund­heit der Studie­ren­den während des Studi­ums. Dabei werden auf Basis der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen der Insti­tute und Klini­ken die Studie­ren­den mittels einer Kombi­na­tion von inter­ak­ti­ven (Selbst-)Lerneinheiten und Face-to-face-Unterweisungen nach­hal­tig für Sicher­heit und Gesund­heit während des Studi­ums sensi­bi­li­siert. Face-to-face-Anteile bei den Unter­wei­sun­gen sind durch die TRGS 555 (Betriebs­an­wei­sung und Infor­ma­tion der Beschäf­tig­ten) und die TRBA 250 (Biolo­gi­sche Arbeits­stoffe im Gesund­heits­we­sen und in der Wohl­fahrts­pflege) vorge­ge­ben.

Weitere Maßnah­men wie die Erwei­te­rung des Inter­net­por­tals mit weite­ren vertie­fen­den Unter­wei­sun­gen und Zusatz­in­for­ma­tio­nen sowie die Grün­dung eines „Runden Tisches“ unter Betei­li­gung aller Stake­hol­der inklu­sive der Unfall­kasse runden das Paket ab.

Die Erstel­lung wird finan­ziert durch Mittel zur Quali­täts­ver­bes­se­rung der Lehre. Die Studie­ren­den haben in der Bewil­li­gungs­kom­mis­sion die Stimm­mehr­heit. Durch selbst­er­stellte Medien und direk­ten Bezug zu Einrich­tun­gen der Hein­rich Heine-Universität Düssel­dorf können sich die Studie­ren­den mit den Inhal­ten opti­mal iden­ti­fi­zie­ren. Durch den Einsatz des Web-Portals sind die Studie­ren­den zeit­lich und räum­lich maxi­mal flexi­bel und können die Inhalte nach­hal­tig nutzen.

Die gewählte Lösung ist eine prak­ti­sche und inno­va­tive Umset­zung der Präven­ti­ons­kam­pa­gne „komm­mit­mensch“ für den Bildungs­be­reich zur Etablie­rung einer Kultur der Präven­tion, denn: „Was Häns­chen schon lernt, brau­chen wir Hans nicht mehr beibrin­gen“.

Ausblick

Das Portal steht seit dem WS 2018/ 2019 im Inter­net frei zugäng­lich über die Home­page des Studi­en­de­ka­nats der Medi­zi­ni­schen Fakul­tät der Hein­rich Heine-Universität Düssel­dorf allen Inter­es­sier­ten zur Verfü­gung (www.medizin.hhu.de/saw). Ledig­lich der Test-Bereich muss aus Grün­den des Daten­schut­zes hinter einer Fire­wall versteckt blei­ben. Weitere Module werden aktu­ell erstellt. Als nächs­ter Schritt ist geplant, die Studie­ren­den weite­rer Fakul­tä­ten mit einzu­be­zie­hen.

 

Lite­ra­tur

  • Deut­sche Gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rung (2013). DGUV Vorschrift 1 Grund­sätze der Präven­tion.
  • Deut­sche Gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rung (2012). DGUV Vorschrift 2 Betriebs­ärzte und Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit.
  • Kirk­pa­trick D L (1998). Evalua­ting Trai­ning Programs. The four level. San Fran­cisco: Berret-Koehler Publis­hers.
  • Masuhr K, Golke S, Wetz­stein A. (2010). Die Wirkun­gen unter­schied­li­cher Unter­wei­sungs­for­men. DGUV Forum 3/10, 32–33
  • Wigger-Alberti W, Maraf­fio B, Wernli M, Elsner P (1997). Trai­ning workers at risk for occup­a­tio­nal contact derma­ti­tis in the appli­ca­tion of protec­tive creams: effi­cacy of a fluo­re­scence tech­ni­que. Derma­to­logy; 195: 129–133.

Autoren:

Silves­ter Sieg­mann, Insti­tut für Arbeits‑, Sozial- und Umwelt­me­di­zin der Heinrich-Heine-Universität Düssel­dorf

Patrick Berg­mann, eLear­ning office medi­zin, Medi­zi­ni­sche Fakul­tät, Studi­en­de­ka­nat, Heinrich-Heine-Universität Düssel­dorf

Inga Wien­and, eLear­ning office medi­zin, Medi­zi­ni­sche Fakul­tät, Studi­en­de­ka­nat, Heinrich-Heine-Universität Düssel­dorf

Chris­tian Herr­mann, eLear­ning office medi­zin, Medi­zi­ni­sche Fakul­tät, Studi­en­de­ka­nat, Heinrich-Heine-Universität Düssel­dorf

Gaby Pfings­ten, Ltd. Sicher­heits­in­ge­nieu­rin, Univer­si­täts­kli­ni­kum Düssel­dorf

Andreas Palm, Leiter der Stabs­stelle Arbeits- und Umwelt­schutz, Heinrich-Heine-Universität Düssel­dorf

Ute Köhler-Göke, Ltd. Betriebs­ärz­tin, Univer­si­täts­kli­ni­kum Düssel­dorf

Lavi­nia Cioaca, Medi­zi­ni­sche Fakul­tät, Studi­en­de­ka­nat, Heinrich-Heine-Universität Düssel­dorf

Ulrich Decking, Geschäfts­füh­rer Medi­zi­ni­sche Fakul­tät, Studi­en­de­ka­nat, Heinrich-Heine-Universität Düssel­dorf

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