Keine Stille, nirgends!. Im Gespräch mit Dr. Robert Nehring, Sprecher der Aktion Quiet please! -
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Im Gespräch mit Dr. Robert Nehring, Sprecher der Aktion Quiet please!

Keine Stille, nirgends!

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Unter einer schlech­ten Raum­akus­tik leidet die Produk­ti­vi­tät – nicht nur in Indus­trie­an­la­gen, sondern auch im Büro: Als Konzen­tra­ti­ons­kil­ler Nummer eins erweist sich hier die mensch­li­che Kommu­ni­ka­tion. Laut Dr. Robert Nehring, Spre­cher der neuen Initia­tive Quiet please!, ist Verant­wort­li­chen und Betrof­fe­nen die Bedeu­tung einer guten Büro­akus­tik jedoch noch nicht ausrei­chend bewusst. Worin die Proble­ma­tik besteht und wie sie gelöst werden kann, erläu­tert er im Gespräch.

Das Gespräch führte Petra Jauch.

Herr Dr. Nehring, noch vor eini­gen Jahren galten offene Büro­land­schaf­ten als Nonplus­ul­tra bei der Gestal­tung von Büro­ar­beits­plät­zen. Hatte man den Aspekt der Akus­tik verges­sen oder einfach unter­schätzt?

Ich denke, er wurde schlicht unter­schätzt. Open‐Space‐Landschaften wurden vor allem aus drei Grün­den umge­setzt: Kosten sparen durch Flächen­ver­dich­tung, Stei­ge­rung von Kommu­ni­ka­tion und Kolla­bo­ra­tion durch Entfer­nung von Wänden und Erhö­hung der Attrak­ti­vi­tät dank „Durch­de­si­gnen“. Dass Menschen auch mal unge­stört, also konzen­triert, arbei­ten müssen, um etwas „vom Tisch zu bekom­men“, hatte bei Archi­tek­ten, Planern und in Chef­eta­gen offen­bar keine Prio­ri­tät. Nach­dem alle Wände drau­ßen waren, muss­ten deshalb eiligst wieder welche herein­ge­tra­gen werden.

Was sind die Haupt­quel­len von Stör­ge­räu­schen im Büro?

Mensch­li­che Stim­men, Klima­an­la­gen und Büro­ge­räte wie Schred­der, Kaffee­ma­schi­nen et cetera. Außen­ge­räu­sche – wie etwa vom Verkehrs­lärm – spie­len bei geschlos­se­nen Fens­tern in der Regel keine Rolle mehr. Am meis­ten stören aber mensch­li­che Stim­men bezie­hungs­weise der versteh­bare Sprach­in­halt. Gut verständ­li­che Spra­che können wir kaum ausblen­den. Das Ohr steht immer auf Empfang und gibt Sprach­si­gna­len Vorrang. Dieser soge­nannte Irrelevant‐speech‐Effekt, also das unge­wollte Mithö­ren von Sprach­in­for­ma­tio­nen, löst zahl­rei­che nega­tive Effekte aus.

Ab welcher Laut­stärke ist ein Geräusch kritisch?

Das hängt von der Aufgabe und der Art des Geräuschs ab, wobei die Laut­stärke nicht der maßgeb­li­che Stör­fak­tor ist. Studien bele­gen, dass auch bei hohen Pegeln produk­tiv gear­bei­tet werden kann. Diese Erkennt­nisse sind seit etwa zehn Jahren aner­kannt. Für Tätig­kei­ten, die hoch­kom­plex sind, schöp­fe­ri­sches Denken und Entschei­dungs­fin­dung erfor­dern, sind nach deut­schen Arbeits­schutz­vor­ga­ben maxi­mal 55 dB(A) zuläs­sig. Bis zu 70 dB(A) sollen zumut­bar sein, wenn die Tätig­kei­ten mäßig komplex oder zeit­lich beschränkt sind. Ab
80 dB(A) sind Arbeit­ge­ber zu einer Reihe von Maßnah­men verpflich­tet.

Kann sich auch ein immer währen­der nied­ri­ger Geräusch­pe­gel nega­tiv auswir­ken?

An einem nied­ri­gen Geräusch­pe­gel ist zunächst einmal nichts schlecht. Texten und redi­gie­ren kann ich zum Beispiel am besten im Einzel­büro mit einer Biblio­theks­at­mo­sphäre von maxi­mal etwa 35 dB(A). Durch das Absen­ken der Umge­bungs­ge­räu­sche steigt aber die Sprach­ver­ständ­lich­keit. Das ist dann vor allem im Mehr­per­so­nen­büro proble­ma­tisch. Auch beim moder­nen Wohnungs­bau mit schall­dämp­fen­den Mate­ria­lien werden mitt­ler­weile sehr nied­rige Werte von unter 20 dB(A) erreicht, die dazu führen, dass auch leise Stör­ge­räu­sche gehört und Spra­che verstan­den wird.

Wenn schon Büro­räume als zu laut gelten, was sollen dann erst die Beschäf­tig­ten in der Produk­tion sagen – oder ist genau das der Knack­punkt: Maschi­nen gelten als laut, menschen­ge­mach­ter Lärm erscheint hinge­gen als zu vernach­läs­si­gende Größe?

Exakt. In Bezug auf das Stör­po­ten­zial ist das ein weit verbrei­te­ter Irrglaube. Im Büro werden zwar nicht die Dezi­bel­zah­len erreicht, welche das Gehör ernst­haft schä­di­gen könn­ten, also soge­nannte aurale Effekte. Statt­des­sen spielt hier die extra‐aurale Wirkung von Lärm eine entschei­dende Rolle. Denn schon nicht‐gehörschädigende Schall­pe­gel können Stress­re­ak­tio­nen auslö­sen. Insbe­son­dere die Versteh­bar­keit von mensch­li­cher Spra­che stört die Konzen­tra­tion.

Was lässt sich – kurz gesagt – gegen eine schlechte Raum­akus­tik tun?

Nach einer genauen Analyse, die möglichst ein Profi vorneh­men sollte, gibt es unter ande­rem diese Möglich­kei­ten: akus­tisch wirk­same Trenn­wände, Boden­be­läge, Vorhänge, Wand­pa­neele, Möbel­ober­flä­chen. Wich­tig ist hier­bei immer das Gesamt­kon­zept. Es bringt wenig, plan­los Stell­wände aufzu­stel­len oder Decken­se­gel anzu­brin­gen. Die Instal­la­tion sollte dann von einem quali­fi­zier­ten Fach­händ­ler vorge­nom­men
werden.

Gibt es für jede Art von Raum bezie­hungs­weise jede akus­ti­sche Proble­ma­tik eine prak­ti­ka­ble Lösung zur Schall­dämp­fung?

In der Regel schon, wobei es keine Fertig­lö­sun­gen gibt. Jeder Raum muss indi­vi­du­ell betrach­tet werden. Es geht auch nicht mehr allein um die Absorp­tion bezie­hungs­weise Schall­dämp­fung im Raum. Die Aspekte der Schall­schir­mung und Zonie­rung rücken in den Vorder­grund. Die Bedeu­tung der Mate­ri­al­ei­gen­schaft Absorp­tion nimmt ab, Raum­kon­zepte werden wich­ti­ger.

Sind Archi­tek­ten ausrei­chend darin geschult?

Klares Jein: Es exis­tiert da eine Spanne von tota­ler Igno­ranz bis hin zur Über­vor­sicht. Insi­der beob­ach­ten aller­dings, dass die Bedeu­tung der Bauphy­sik an manchen Archi­tek­tur­fa­kul­tä­ten eher abnimmt. Zur Ehren­ret­tung sei
bemerkt, dass manch­mal auch der
Bauherr die Posi­tion Akus­tik einfach streicht. Vor diesem Hinter­grund ist es sehr proble­ma­tisch, dass es keiner­lei baurecht­li­che Vorga­ben zur Raum­akus­tik gibt, wobei das Hören und Verste­hen in den Räumen immer wich­ti­ger wird.

Ist eine gute Akus­tik eine Kosten­frage?

Eigent­lich nicht. Die meis­ten Akus­tik­lö­sun­gen amor­ti­sie­ren sich in kürzes­ter Zeit. Sie senken die Fehler­quote und stei­gern das Wohl­be­fin­den. So wird unnö­ti­ger Stress vermie­den, für gerin­gere Ausfall­zei­ten und weni­ger Fluk­tua­tion gesorgt sowie die Produk­ti­vi­tät gestei­gert. Wenn die Unter­neh­men ihre Kosten für Perso­nal­ma­nage­ment und
Gebäu­de­un­ter­hal­tung nicht getrennt
betrach­ten würden, könn­ten sie den
Zusam­men­hang deut­lich erken­nen.

Viele Störun­gen sind auch verhal­tens­be­dingt: Wenn ich sehe, dass der Kollege tele­fo­niert, muss ich mich nicht in nächs­ter Nähe unter­hal­ten. Das gehört im wahrs­ten Sinn zum „guten Ton“. Sind solche einfa­chen Benimm­re­geln nicht mehr so präsent?

Abso­lut. Die „Ruhe­be­rei­che“ in den Zügen der Deut­schen Bahn sind das beste Beispiel. Oft habe ich den Eindruck, dass Menschen diese Berei­che extra buchen, um mal unge­stört tele­fo­nie­ren zu können. Vor 15 Jahren woll­ten viel­leicht noch einige mit ihrem Mobil­te­le­fon ange­ben. Heute scheint es so zu sein, dass es vielen voll­kom­men egal ist, dass sie ihre Nach­barn nöti­gen, ihre Gesprä­che mitzu­hö­ren.

Die Aktion Quiet please! ist offi­zi­ell im Februar 2018 gestar­tet. Was erhof­fen Sie sich von ihr?

Die Vorbe­rei­tun­gen haben bereits Ende 2017 begon­nen. Seit Februar gehen die 16 Grün­dungs­part­ner gemein­sam an die Öffent­lich­keit. Ziel ist eine bessere Raum­akus­tik – in Büro­um­ge­bun­gen und darüber hinaus. Gelin­gen soll das, indem wir durch öffent­lich­keits­wirk­same Aufklä­rungs­ar­beit bei Office‐Workern, Verant­wort­li­chen und Entschei­dern ein größe­res Bewusst­sein für akus­ti­sche Möglich­kei­ten und Notwen­dig­kei­ten schaf­fen. Aller­dings nicht nur theo­re­tisch, sondern auch ganz prak­tisch. Die Aktion zeigt unter ande­rem Umset­zungs­bei­spiele und vermit­telt Exper­ten, die schnell, unab­hän­gig und unkom­pli­ziert bera­ten sowie Lösun­gen instal­lie­ren können.

Was genau beinhal­tet die Aktion?

Es wurde bereits das Akti­ons­por­tal Akustikaktion.de mit vielen inter­es­san­ten Fakten und prak­ti­schen Lösun­gen gelauncht, und es sind Print­an­zei­gen veröf­fent­licht worden. Wir werden unsere Medi­en­prä­senz noch stark ausbauen und uns auch auf Messen zeigen. Exper­ten aus dem Netz­werk stehen als Speaker auf Veran­stal­tun­gen zur Verfü­gung, und wir kümmern uns um einen guten Wissens­trans­fer inner­halb der Gruppe.

Zu den Part­nern von Quiet please! gehö­ren vor allem Herstel­ler und Fach­händ­ler, aber auch Exper­ten und Insti­tu­tio­nen. Wie haben Sie es geschafft, diese teil­weise mitein­an­der konkur­rie­ren­den Akteure an einen Tisch zu bekom­men?

Das war tatsäch­lich nicht leicht. Aber das im Verlag Frank Nehring ange­sie­delte Deut­sche Insti­tut für moderne Büro­ar­beit DIMBA hat als Platt­form der Aktion schon viele Erfah­run­gen sammeln können. Etwa mit den Aktio­nen „Aufstand im Büro“ für mehr Sitz‐Steh‐Arbeit und „Bewe­gung im Büro“ für mehr Bewegtsit­zen, die bereits seit 2012 bezie­hungs­weise 2013 bestehen. Wir lehnen zum Beispiel Konkur­renz­aus­schluss ab und machen keine Vorher­sa­gen zu mögli­chen Umsät­zen über die Aktion. Uns ist das Thema wich­tig. Die Menschen sollen endlich (wieder) unge­stört arbei­ten können. Und dabei können wir alle an einem Strang ziehen.

Vielen Dank für das Gespräch!


Die meis­ten Akus­tik­lö­sun­gen amor­ti­sie­ren sich in kürzes­ter Zeit“


Es bringt wenig, plan­los Stell­wände aufzu­stel­len.“


Die Aktion Quiet please! wurde Ende 2017 vom Deut­schen Insti­tut für moderne Büro­ar­beit DIMBA ins Leben geru­fen (ange­sie­delt im Verlag Frank Nehring). Ihr Ziel ist, das Bewusst­sein für akus­tisch wirk­same Möglich­kei­ten und Notwen­dig­kei­ten durch Aufklä­rungs­ar­beit zu stär­ken.

  • Quiet please! rich­tet sich vor allem an Office‐Worker, Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit, Sicherheits‐ und Gesund­heits­be­auf­tragte, Geschäfts­lei­tun­gen, Einkäu­fer, Büro­pla­ner und Archi­tek­ten sowie Facility‐Manager.
  • Die Aktion vermit­telt Inter­es­sen­ten für eine bessere Raum­akus­tik direkt an kompe­tente Ansprech­part­ner – Raum­akus­ti­ker, Planer, Bera­ter, Fach­händ­ler oder Herstel­ler. Gebo­ten wird eine kompe­tente und unab­hän­gige Bera­tung mit Empfeh­lun­gen für konkrete Lösun­gen zur Gesund­heits­för­de­rung.
  • Part­ner zum offi­zi­el­len Start im Februar 2018 sind die Herstel­ler AGOR­A­phil, Créa­tion Baumann, Hund Möbel­werke und 3b IDO, die Fach­händ­ler Andree Büro­zen­trum, ORG‐DELTA, BüroEXPERTS/BüroEXPRESS, Büro‐Jung, Raum­deu­ter, SCHWARZER – Büro und Objekt – ERGONOMIEFABRIK sowie das Bera­tungs­un­ter­neh­men Akus­tik­büro Olden­burg. Mit dabei sind zudem das Deut­sche Netz­werk Büro DNB e. V., das Forum Office Acoustics, der Handels­ver­band Büro­wirt­schaft und Schreib­wa­ren HBS sowie als
    Medi­en­part­ner der Blog OFFICE ROXX und die Zeit­schrift Das Büro.
  • Mehr zu der Aktion und weiter­füh­rende Infor­ma­tio­nen gibt es auf dem Akti­ons­por­tal Akustikaktion.de unter www.akustikaktion.de.
  • Einen aktu­el­len Fach­bei­trag zum Thema „Schall­schutz im Büro“ mit Anwen­dungs­bei­spie­len aus der Praxis finden Inter­es­sierte in der Zeit­schrift Sicher­heits­in­ge­nieur, Ausgabe 04/2018, auf den Seiten 37 bis 41.
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