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Tödlicher Unfall in der Kfz-Verwertung

Betriebsfremde Person verunglückt
Tödlicher Unfall in der Kfz-Verwertung

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Schrottwagen mit dem Gabelstapler zu transportieren, kann riskant sein. Foto: © Marcel Poncu - stock.adobe.com
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Alt­fahrzeuge sind wertvolle Sekundär­rohstof­fliefer­an­ten. Vor dem Ein­schmelzen müssen sie jedoch von Rest­flüs­sigkeit­en, Reifen und anderem befre­it wer­den. Manch­mal liefern sie auch langge­suchte Ersatzteile. Diese Suche kann jedoch tödlich enden, wie das fol­gende Unfall­beispiel zeigt.

In einem Kfz-Ver­w­er­tungs­be­trieb sollte ein angeliefer­t­er Alt-Pkw zur Ver­schrot­tung vor­bere­it­et wer­den. Dazu muss das Fahrzeug zuerst von allen Rest­flüs­sigkeit­en wie Kraft­stof­fen, Ölen, Brems­flüs­sigkeit und Kühlflüs­sigkeit befre­it und dann die Räder demon­tiert wer­den. Weit­er­hin wird die Bat­terie aus­ge­baut, sowie der Fahrgast- und Kof­fer­raum beräumt.

Räder erst später demontiert

Für die Trock­en­le­gung gab es eine Zwei-Säulen-Hebe­bühne in der Halle. Auch die notwendi­gen Hil­f­sein­rich­tun­gen wie Ölfang­be­häl­ter, Tank­ab­saugan­lage, Brems­flüs­sigkeitsab­saugung und Kühlwasser­auf­fang­be­häl­ter waren vorhan­den. Das einzige Prob­lem bestand in der Demon­tage der Räder: Die Rad­mut­tern wur­den zwar auf der Hebe­bühne gelock­ert, die Räder mussten aber am Fahrzeug verbleiben, um dieses aus der Hebe­büh­nen­gasse zu rollen.

Da das Fahrzeug nach Abschluss der Arbeit­en mit einem Gabel­sta­pler in den Schrottcon­tain­er ver­bracht wurde, hat­te sich als Arbeitsweise einge­bürg­ert, die Räder nach dem Anheben des Fahrzeugs mit dem Sta­pler abzunehmen. Der hierzu ver­wen­dete Gabel­sta­pler war mit einem Seit­en­schieber und ver­längerten Gabelzinken aus­gerüstet. Das Gerät ein­schließlich der Zusatzteile war geprüft und der Mitar­beit­er hat­te einen Staplerschein.

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Am Unfall­t­ag hat­te der Mitar­beit­er ger­ade einen Pkw trock­en­gelegt und mit dem Sta­pler aufgenom­men, um die Räder zu ent­fer­nen. Damit dies leichter erfol­gen kon­nte, hat­te er das Fahrzeug auf cir­ca 1,3 Meter ange­hoben. Beim Her­auss­chrauben der Rad­bolzen stellte er fest, dass sein Schlagschrauber defekt war. Aus diesem Grund ging er zum Werkzeugschrank, um sich ein funk­tion­ieren­des Werkzeug zu holen. Während sein­er Abwe­sen­heit betrat eine betrieb­s­fremde Per­son die Halle, ging zu dem Fahrzeug und beugte sich unter den Wagen. Genau in diesem Augen­blick löste sich der Seit­en­schieber und begrub zusam­men mit dem aufge­set­zten Fahrzeug die Per­son unter sich – mit tödlichen Fol­gen. Darüber, warum die betrieb­s­fremde Per­son in die Auf­bere­itung­shalle kam und sich unter das Fahrzeug beugte, kann nur noch spekuliert wer­den: Es war wohl das Inter­esse an Ersatzteilen. Bei der fol­gen­den Unfal­lun­ter­suchung durch die Krim­i­nalpolizei und die zuständi­ge Gewer­beauf­sicht konzen­tri­erte sich alles auf zwei Fragen:

  1. Aus welchen Grün­den kon­nte sich der Seit­en­schieber von der Hubgerüst­grund­plat­te lösen?
  2. Wieso war die betrieb­s­fremde Per­son in der Kfz-Aufbereitungshalle?

Frage zwei war rel­a­tiv schnell beant­wortet: Bei der Per­son han­delte es sich um einen Mitar­beit­er aus einem benach­barten Gebraucht­wa­gen­han­del. Dieser war sowohl den Mitar­beit­ern als auch dem Unternehmen bekan­nt, da er bere­its öfter Ersatzteile aus Schrot­tfahrzeu­gen gekauft hat­te. Das Unfal­lopfer hat­te aber kein­er­lei Zutrittsrecht zu der Auf­bere­itung­shalle. Wenn der Mann die Absicht gehabt haben sollte, Teile zu erwer­ben, hätte er sich vorher im Büro anmelden müssen. Der Zutritt zu der Halle war betrieb­s­frem­den Per­so­n­en ver­boten, entsprechende Hin­weiss­childer waren an allen Zugän­gen deut­lich sicht­bar ange­bracht. Die verunglück­te Per­son hielt sich also unbefugt in einem gefährlichen Bere­ich auf.

Am Fahrzeug gerüttelt?

Eine Antwort auf die erste Frage zu find­en, erwies sich als wesentlich schwieriger. Auch ein durch die ermit­tel­nde Staat­san­waltschaft hinzuge­zo­gen­er Kfz-Sachver­ständi­ger sowie Anfra­gen an den Her­steller des Gabel­sta­plers und des Seit­en­schiebers kon­nten nicht ein­deutig beant­worten, warum sich der Seit­en­schieber löste. Ver­mutet wurde Fol­gen­des: Beim Abset­zen auf dem Hal­len­bo­den ver­schob sich der Seit­en­schieber mit der oberen Hal­tenut aus der Kamm­leiste der Grund­plat­te des Hubgerüstes und wies insofern nicht mehr die volle Tragfähigkeit auf. Wahrschein­lich rüt­telte die verunglück­te Per­son am Fahrzeug, die Verbindung löste sich und der Seit­en­schieber mit dem auf den Gabelzinken befind­lichen Fahrzeug fiel herunter.

Maßnahmen zur Unfallvermeidung

Obwohl dieser Unfall kein Arbeit­sun­fall im klas­sis­chen Sinn ist, wurde in der Folge eine inner­be­triebliche Unfal­lun­ter­suchung durchge­führt. Ins­beson­dere wurde über­prüft, ob es Män­gel in den tech­nis­chen und organ­isatorischen Schutz­maß­nah­men gibt und welche Maß­nah­men notwendig sind, um der­ar­tige Unfälle in Zukun­ft zu vermeiden.

Rollwagen übernimmt Last

Die vom Unternehmen getrof­fe­nen tech­nis­chen Schutz­maß­nah­men, so etwa die regelmäßige Prü­fung des Gabel­sta­plers sowie der zuge­höri­gen Anbauteile, wur­den als aus­re­ichend ange­se­hen. Bei der Über­prü­fung der Arbeitsabläufe wurde jedoch das Anheben der Fahrzeuge mit dem Sta­pler zur Demon­tage der Räder als Tätigkeit mit zu hohem Risiko eingestuft. Stattdessen wurde die Her­stel­lung eines Roll­wa­gens, der unter das auf der Hebe­bühne befind­liche Fahrzeug gestellt wird, in Auf­trag gegeben.

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Foto: © foto­hansel — stock.adobe.com

Mit dem Ein­satz dieses Roll­wa­gens kön­nen die Räder bere­its auf der Hebe­bühne ent­fer­nt wer­den. Das Fahrzeug wird auf den Roll­wa­gen abge­lassen und mit dem Sta­pler als Zug­mas­chine her­aus­ge­zo­gen. Damit muss nicht mehr an oder unter ein­er schweben­den Last gear­beit­et wer­den. Die Arbeit­san­weisung wurde entsprechend geän­dert und die Mitar­beit­er in die neue Ver­fahrensweise eingewiesen. Darüber hin­aus stellte das Unternehmen die Nutzung des Seit­en­schiebers ein und ent­fer­nte dazu dieses Zusatzteil vom Stapler.

Als eine organ­isatorische Schutz­maß­nahme, ins­beson­dere zum Schutz drit­ter Per­so­n­en, wur­den an den Zugän­gen zum Betrieb­s­gelände neue, größer dimen­sion­ierte Hin­weiss­childer mit dem Text „Zutritt ver­boten! Anmel­dung im Büro erforder­lich!“ und dem Ver­botss­child D‑P006 ange­bracht. Alle Mitar­beit­er wur­den angewiesen, betrieb­s­fremde Per­so­n­en, die auf dem Betrieb­s­gelände angetrof­fen wer­den, fre­undlich und höflich des Gelän­des zu ver­weisen und diese bis zum Aus­gang zu begleiten.

War der Unfall vermeidbar?

Dieses Unfall­beispiel macht deut­lich, dass Unfälle immer durch eine Vielzahl von Fak­toren aus­gelöst wer­den. Haup­tur­sache in diesem Fall war mit großer Wahrschein­lichkeit die nicht mehr sichere Hal­terung des Seit­en­schiebers am Hubgerüst des Sta­plers, die sich durch eine zusät­zliche Kraftein­wirkung gelöst hat. Lei­der ist so ein Man­gel bei der täglichen Sichtkon­trolle durch den Sta­pler­fahrer nur sehr bed­ingt erkennbar. Bess­er wären tech­nis­che Lösun­gen, die das Her­aus­rutschen sich­er verhindern.

Zu sehen ist aber auch, dass in Unternehmen sehr stark darauf geachtet wer­den muss, dass sich keine betrieb­s­frem­den Per­so­n­en allein und ohne das Wis­sen der zuständi­gen Stellen auf dem Betrieb­s­gelände aufhal­ten. Da sich nicht alle Betriebe her­metisch abriegeln lassen, müssen die Mitar­beit­er für dieses Prob­lem sen­si­bil­isiert wer­den. Sie müssen auf unbefugte Per­so­n­en acht­en und wis­sen, wie hier zu han­deln ist. Betrieb­s­fremde müssen immer durch einen Mitar­beit­er begleit­et wer­den. Vor dem Betreten des Unternehmens soll­ten sie eine Ein­weisung in das Ver­hal­ten auf dem Betrieb­s­gelände erhal­ten und die Ken­nt­nis­nahme der Regeln mit­tels Unter­schrift bestätigen.


Foto: © Foto­stu­dio City Col­or Mun­schke, Weimar

Autor: Dipl.-Ing. Ulf‑J. Schappmann

Sicher­heitsin­ge­nieur VDSI

SIMEBU Thürin­gen GmbH


Das können Sie als Sicherheitsbeauftragter tun

  • Prüfen Sie, ob Arbeitsabläufe sich­er aus­ge­führt wer­den kön­nen oder ob sich aus vorgegebe­nen Hand­lungsan­weisun­gen Gefährdun­gen ergeben.
  • Kon­trol­lieren Sie regelmäßig, ob die für den Arbeit­splatz gel­tenden Betrieb­san­weisun­gen und Schutz­maß­na­men einge­hal­ten werden.
  • Acht­en Sie darauf, ob sich in Ihrem Arbeits­bere­ich fremde Per­so­n­en aufhal­ten. Sprechen Sie diese an und begleit­en Sie sie zu der zuständi­gen betrieblichen Stelle.
  • Sprechen Sie Mitar­beit­er auf Fehlver­hal­ten an. Weisen Sie darauf hin, wie gefährlich dieses Ver­hal­ten ist, indem Sie die Schwere möglich­er Ver­let­zun­gen aufzeigen. Unwis­senheit schützt nicht vor gesund­heitlichem Schaden!
  • The­ma­tisieren Sie die Prob­lematik zusam­men mit den Vorge­set­zten im Rah­men von Unter­weisun­gen und Sicher­heit­skurzge­sprächen und tra­gen Sie so dazu bei, dass sich richtiges Ver­hal­ten ein­prägt und durchsetzt.
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