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Handgesteuerte Drehmaschinen: Unfälle vermeiden

Der Bediener ist gefordert
Unfälle an hand­ge­steu­er­ten Dreh­ma­schi­nen

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Hand­ge­steu­erte Dreh­ma­schi­nen sind weit­ge­hend offen konstru­iert und verfü­gen meist über einen Futter­schutz, der zwar wegflie­gende Späne zurück­hält und als Spritz­schutz dient – mehr aber nicht. Die Gefahr schwe­rer Unfälle ist daher an diesen Maschi­nen beson­ders groß. Ralf Kessel­kaul, Präven­ti­ons­fach­mann der Berufs­ge­nos­sen­schaft Holz und Metall (BGHM), nennt vier Beispiele für typi­sche Unfall­her­gänge und erklärt, wie sie verhin­dert werden können.

Ralf Kessel­kaul ist Mitar­bei­ter im DGUV Fach­be­reich Holz und Metall und Leiter der DGUV Test Prüf- und Zerti­fi­zie­rungs­stelle Maschi­nen und Ferti­gungs­au­to­ma­tion. Während seiner mehr als zwan­zig­jäh­ri­gen Zeit in der Präven­tion beschäf­tigte er sich inten­siv mit Gefähr­dun­gen bei Arbei­ten an Dreh- und Fräs­ma­schi­nen. Für einen Über­blick über die häufigs­ten Unfall­ur­sa­chen hat er mehr als hundert nicht reprä­sen­ta­tive Unfall­be­richte selbst ausge­wer­tet. Das Ergeb­nis: Hand­ge­steu­erte Dreh­ma­schi­nen erwie­sen sich aufgrund ihrer weit­ge­hend offe­nen Konstruk­tion als beson­ders „unfall­träch­tig“. Vier Beispiele typi­scher Unfälle an diesen Maschi­nen zeigen, wie schnell sie gesche­hen und welche schwe­ren Folgen sie haben können. Der Fach­mann erläu­tert zudem, wie diese Unfälle durch tech­ni­sche oder orga­ni­sa­to­ri­sche Maßnah­men sowie siche­res Verhal­ten der Bedie­ne­rin oder des Bedie­ners verhin­dert werden können.

Beispiel 1: Verwen­dung von losem Schmir­gel­lei­nen und Hand­schu­hen an hand­ge­steu­er­ten Dreh­ma­schi­nen

Der Bedie­ner glät­tet im letz­ten Arbeits­gang einen Lager­sitz, damit sich das Kugel­la­ger leich­ter aufzie­hen lässt. Dazu nimmt er ein 50 Milli­me­ter brei­tes und etwa hand­lan­ges Stück Schmir­gel­lei­nen in seine Hand, über die er zuvor einen Arbeits­hand­schuh gezo­gen hatte. Er setzt zum Glät­ten an. Sofort werden Schmir­gel­lei­nen und Hand­schuh erfasst und einge­zo­gen. Der Bedie­ner erlei­det schwere Verlet­zun­gen an der Hand und am Unter­arm.

Ursa­che und Präven­tion: Grund­sätz­lich gilt: Der beschrie­bene Arbeits­gang, Schmir­geln oder Polie­ren von Hand an der laufen­den Dreh­ma­schine, ist beson­ders gefähr­lich und wäre als Ergeb­nis einer tätig­keits­be­zo­ge­nen Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung zu verbie­ten. Das im geschil­der­ten Fall verwen­dete lose Schmir­gel­lei­nen darf eben­falls nicht verwen­det werden. Eine mögli­che Lösung ist, statt­des­sen geeig­nete Schmir­gel­hil­fen zu verwen­den. Beispiels­weise kann man das Schmir­gel­lei­nen auf ein klei­nes läng­li­ches Schmir­gel­holz lami­nie­ren. So erhält man ein Werk­zeug ähnlich einer Feile oder Raspel, das man sicher von Hand führen kann.

Unfall­ver­stär­kend wirkte der erfasste und einge­zo­gene Hand­schuh, aus dem der Bedie­ner seine Hand nicht schnell genug heraus­be­kam. Selbst wenn es sich beim Bela­den von Maschi­nen mit scharf­kan­ti­gen Werk­stü­cken empfiehlt, Schutz­hand­schuhe zu tragen, müssen diese vor dem Einschal­ten der Dreh­spin­del ausge­zo­gen werden. Bei einer laufen­den Dreh­ma­schine gilt immer: konse­quen­ter Verzicht auf Hand­schuhe!

Beispiel 2: Beim Über­grei­fen über die Maschine wird Klei­dung einge­zo­gen

An einer hand­ge­steu­er­ten Dreh­ma­schine stabi­li­siert der Bedie­ner die Aufspan­nung der Welle, indem er die drei Stell­schrau­ben einer Lünette nach­stellt. Um die Schraube an der bedie­ner­ab­ge­wand­ten Seite nach­zu­stel­len, beugt er sich über das sich drehende Werk­stück. Der Pull­over des Bedie­ners wird erfasst, wodurch sein Ober­kör­per gegen das sich drehende Werk­stück gezo­gen wird. Das voll­stän­dige Einzie­hen in die Maschine kann er nur verhin­dern, indem er sich mit aller Kraft an der Maschi­nen­rück­wand abstützt bis die Maschine das Klei­dungs­stück voll­stän­dig erfasst, zerris­sen und aufge­wi­ckelt hat. Der Bedie­ner erlei­det schwere Verlet­zun­gen am Ober­kör­per bis hin zu Rippen­brü­chen.

Ursa­che und Präven­tion: Der Bedie­ner darf nur über das sich drehende Werk­stück hinweg­grei­fen, wenn dies bestim­mungs­ge­mäß notwen­dig und unver­meid­bar ist; in diesem Fall, um Lünet­ten nach­zu­stel­len. Außer­dem müssen Bedie­ner von hand­ge­steu­er­ten Dreh­ma­schi­nen engan­lie­gende Klei­dung tragen und beispiels­weise lange Haare durch eine geeig­nete Kopf­be­de­ckung gegen ein Erfas­sen und/oder Einzie­hen schüt­zen.

Auch das Akti­vie­ren oder Regu­lie­ren der Kühl­schmier­stoff­zu­fuhr sowie das Einschal­ten der Beleuch­tung muss ohne Über­grei­fen des sich drehen­den Werk­stü­ckes möglich sein. Andern­falls ist als tech­ni­sche Schutz­maß­nahme eine Nach­rüs­tung bezie­hungs­weise Umbau­maß­nahme im Sinne der Betriebs­si­cher­heits­ver­ord­nung drin­gend gebo­ten.

Beispiel 3: Ein Fließ­span wickelt sich um die Hand

Der Bedie­ner fertigt einen Flansch. Als er mit dem Hand­rad den Dreh­mei­ßel zustellt, bildet sich plötz­lich ein langer Metall­span; Fließ­span genannt. Dieser umschlingt seinen Unter­arm und verur­sacht schwere Schnitt­ver­let­zun­gen.

Ursa­che und Präven­tion: Der Bedie­ner hat das Entste­hen des Fließ­spans nicht recht­zei­tig erkannt. Solche „Rest­ri­si­ken“ bestehen an hand­ge­steu­er­ten Dreh­ma­schi­nen. Auch Ände­run­gen am Werk­stück, ‑stoff oder ‑zeug können das Entste­hen von Fließ­spä­nen nicht gänz­lich verhin­dern. Die Bedie­ner müssen deswe­gen durch regel­mä­ßige und wieder­holte Schu­lun­gen und Unter­wei­sun­gen unter Zuhil­fe­nahme der Bedie­nungs­an­lei­tung auf diese und weitere Gefah­ren aufmerk­sam gemacht werden.
So wird allmäh­lich ein Bewusst­sein für derar­tige „Rest­ri­si­ken“ entwi­ckelt.

Beispiel 4: Ein Werk­stück löst sich aus dem Futter

Der Bedie­ner dreht ein zylin­der­för­mi­ges Werk­stück von innen aus. Plötz­lich löst sich das Werk­stück aus dem Drei­ba­cken­spann­fut­ter, trifft den Bedie­ner und verletzt ihn schwer an Ober­kör­per und Kopf.

Ursa­che und Präven­tion: Der Bedie­ner hatte das Werk­stück nicht ausrei­chend einge­spannt und der Futter­schutz bietet gegen das Wegschleu­dern von Werk­stü­cken keinen wirk­sa­men Schutz. Hier kann nur das jeweils rich­tige Aufspan­nen in Bezug auf die jewei­lige Bear­bei­tungs­auf­gabe für Sicher­heit sorgen. Auch in diesem Fall müssen dem Bedie­ner entspre­chende Kennt­nisse durch Schu­lun­gen und Unter­wei­sun­gen vermit­telt werden. Das rich­tige Aufspan­nen von Werk­stü­cken muss auch im Rahmen der bestim­mungs­ge­mä­ßen Verwen­dung in der Bedie­nungs­an­lei­tung der Maschine beschrie­ben sein.

Sicher­heits­ge­rech­tes Verhal­ten

Diese Beispiele typi­scher Unfälle sind über­wie­gend verhal­tens­be­dingt verur­sacht worden. Auch deswe­gen sind regel­mä­ßig durch­zu­füh­rende Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen so wich­tig. Im Ergeb­nis kann das Bewusst­sein und das Wissen über die mögli­chen Gefah­ren bei der Bedie­nung dieser Maschi­nen wirk­sam gestärkt werden: „Die gründ­li­che und regel­mä­ßig wieder­holte Schu­lung, Unter­wei­sung und Ausbil­dung der bedie­nen­den Perso­nen sind in diesen Fällen wirk­same Präven­ti­ons­maß­nah­men“, betont BGHM-Präventionsfachmann Ralf Kessel­kaul. Ebenso sei entschei­dend, welchen Stel­len­wert sicher­heits­ge­rech­tes Verhal­ten im Betrieb hat. „Hier sind zum Beispiel die Meis­ter in ihrer Vorbild­funk­tion gefor­dert. Was sie ihren Auszu­bil­den­den beim Arbeits­schutz vorle­ben, bleibt in deren Köpfen fest veran­kert. Daher soll­ten Meis­ter ein beson­de­res Augen­merk auf das sicher­heits­ge­rechte Verhal­ten ihrer Schütz­linge legen“, sagt Kessel­kaul. Selbst­ver­ständ­lich könne auch zum Beispiel ein Sicher­heits­be­auf­trag­ter dem Bedie­ner einer hand­ge­steu­er­ten Dreh­ma­schine über die Schul­ter schauen und ihn über riskante Verhal­tens­wei­sen aufklä­ren.

Verena Manek


Weiter­füh­rende Infor­ma­tio­nen:

  • Auf der Inter­net­seite der BGHM www.bghm.de (unter Arbeits­schüt­zer – Biblio­thek – Maschi­nen­si­cher­heit) steht eine umfas­sende Über­sicht mit weiter­füh­ren­den Infor­ma­tio­nen zu verschie­de­nen Aspek­ten zum Thema Maschi­nen­si­cher­heit. Dort ist auch die DGUV-Information 209–066 „Maschi­nen der Zerspa­nung“ abruf­bar. Diese Broschüre enthält viele hilf­rei­che Infor­ma­tio­nen zum Thema Arbei­ten an Werk­zeug­ma­schi­nen.
  • Voraus­sicht­lich im kommen­den Jahr wird eine DGUV-Branchenregel Metall­bau erschei­nen. Der Fach­be­reich Holz und Metall, der bei der BGHM ange­sie­delt ist, bringt auch hierzu unter ande­rem die Erkennt­nisse aus dem Unfall­ge­sche­hen an Werk­zeug­ma­schi­nen ein.
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