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Brand im Klinikum Bergmannsheil

Bochum
Brand im Klinikum Bergmannsheil

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Foto: © Rico Löb / Fotolia.com
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Zwei Tote, zehn Ver­let­zte, etliche davon schw­er. Was war passiert? Wieso gab es Tote und Ver­let­zte? Pech und/oder ein­fach eine Ver­ket­tung von unglück­lichen, nicht vorherse­hbaren Kleinigkeiten?

In der Nacht vom 29. auf den 30. Sep­tem­ber 2016 wurde um 2:35 Uhr die Feuer­wehr Bochum durch einen Brand im Beruf­sgenossen­schaftlichen Uni­ver­sität­skli-nikum Bergmannsheil alarmiert. Bere­its auf der Anfahrt kon­nten die Ein­satzkräfte eine Rauchen­twick­lung erken­nen, und forderten weit­ere Kräfte an.

Wenige Minuten vorher war im sech­sten Stock in einem Patien­ten­z­im­mer der Sta­tion 1.6 des Haus­es 1 ein Brand aus­ge­brochen. Gemäß Ermit­tlungs­stand vom vierten Okto­ber 2016 hat­te sich eine 69-jährige Hagener­in in ihrem Kranken­z­im­mer mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahrschein­lichkeit in suizidaler Absicht mit dort vorhan­den­em flüs­si­gen Desin­fek-tion­s­mit­tel über­gossen und angezündet.

Durch die Ein­wirkung der Rauch­gase kam der im Nach­barz­im­mer unterge­brachte bet­tlägerige 41-jährige Patient aus Marl eben­falls zu Tode. Im Ver­lauf dieses tragis­chen Bran­dereigniss­es wur­den zehn weit­ere Per­so­n­en ver­let­zt, sieben davon schw­er. Die Feuer­wehr Bochum war mit über 200 Ein­satzkräften vor Ort, mas­sive Ein­satzkräfte aus dem gesamten Ruhrge­bi­et wur­den zusät­zlich zur Unter­stützung ange­fordert, darunter unter anderem die Werks­feuer­wehren von ThyssenK­rupp aus Duis­burg und BP aus Gelsenkirchen mit ihren Spezial­fahrzeu­gen wie zum Beispiel der TMB 44 (Teleskoparm­bühne 44 Meter).

Das Feuer übertrug sich in kurz­er Zeit vom sech­sten Stock auf das direkt darüber liegende Dach des Gebäudes, und bre­it­ete sich sehr schnell auf den Dachstuhl aus. Erste Mel­dun­gen, wonach sich die weit­ere rasche Brand­wirkung unter Umstän­den auch durch ein im Dachgeschoß befind­lich­es Matratzen- oder Bet­ten­lager erk­lären lässt, stim­men nach Angaben der Staat­san­waltschaft Bochum und der Polizei Bochum nicht. Ein solch­es Lager sei dort nicht vorhan­den gewe­sen. Am und im „Haus 1“ des Beruf­sgenossen­schaft-lichen Uni­ver­sität­sklinikums Bergmannsheil ent­stand schw­er­er Gebäude- und Inven­tarschaden. Ein möglich­er dreis­tel­liger Mil­lio­nen­schaden wird befürchtet.

Die Klink

Das Beruf­sgenossen­schaftliche Uni­ver­sität­sklinikum Bergmannsheil zählt zu den größten Akutk­liniken der Max­i­malver­sorgung im Ruhrge­bi­et. Es vere­int 23 hochspezial­isierte Kliniken und Fach­abteilun­gen mit ins­ge­samt 652 Bet­ten unter einem Dach. Mehr als 2.300 Mitar­beit­er stellen die Ver­sorgung von rund 89.000 Patien­ten pro Jahr sich­er. Nach Angaben des Klinikums sind große Teile der Klinik wieder in Betrieb. Notauf­nahme, OP-Zen­trum, Radi­olo­gie und weit­ere Funk­tions­bere­iche seien voll funk­tions­fähig. Die sta­tionäre Ver­sorgung der Patien­ten in den nicht betrof­fe­nen Bet­ten­häusern ist gesichert.

Fragen

Eine kri­tis­che Betra­ch­tung dieses Großschadensereigniss­es zeigt Män­gel und Positives.

Was war gut gelaufen:

  • Die Feuer- und Ret­tungswache II an der Besse­mer­straße in Bochum war glück­licher­weise mit zwölf Mann kom­plett beset­zt. „Nor­maler­weise“ sind meis­tens zwei Mann mit dem Ret­tungswa­gen (RTW) unter­wegs und zwei Mann mit dem Rüst­wa­gen, um beispiel­sweise Katzen zu ret­ten, Türen von Bür­gen zu öff­nen, die sich aus­geschlossen haben, usw.
  • Nach nur rund sechs Minuten waren diese Ein­satzkräfte an der Ein­satzstelle und kon­nten mit dem Kranken­haus­per­son­al anfan­gen, die Patien­ten zu evakuieren — Men­schen­ret­tung hat immer erste Priorität.
  • Das Kranken­haus­per­son­al und die Ret­tungskräfte zeigten beherzten Ein­satz bei der Ret­tung der Patien­ten. Anwohn­er ver­sorgten die Ret­tungskräfte mit Kaf­fee und Brötchen.

Aber es gibt auch einiges, worüber es gilt nachzudenken:

  • Etwas mar­tialisch aus­ge­drückt heißt es oft: „Die Regelun­gen des Arbeitss­chutzes wer­den mit Blut geschrieben“. Auch jet­zt ist wieder etwas dran an diesem Satz: Die Stadt Bochum will nun, nach dem Ereig­nis (!), 43 neue Feuer­wehrmän­ner ein­stellen. Warum erst jetzt ?
  • Da die Feuer­wehren in Bochum mit ihren Leit­ern gar nicht hoch genug kamen, um den Brand im sech­sten Stock wirkungsvoll bekämpfen zu kön­nen, mussten die Werks­feuer­wehren aus Gelsenkirchen und Duis­burg mit ihren Spezial­fahrzeu­gen ange­fordert wer­den. Durch deren Anfahrt­szeit ging wertvolle Zeit ver­loren. Alle Fahrzeuge der städtis­chen Feuer­wehren sind nach DIN-Vor­gaben gebaut und bestückt — Feuer­wehr ist Län­der­sache. Dage­gen wird im Indus­triebere­ich bei der Pla­nung und dem Neubau ein­er neuen Pro­duk­tion­san­lage der Brand­schutz immer (meis­tens) von Anfang an mit in die Pla­nung genom­men. Bei Anla­gen, die zum Beispiel eine gewisse Höhe haben wird dann ein geeignetes Spezial­fahrzeug gle­ich mitbestellt. Der Preis des Feuer­wehrfahrzeuges wird in der Pla­nung und Berech­nung des Preis­es der Anlage von Anfang an inte­gri­ert. Dies senkt die Ver­sicherung­sprämie (und gegebe­nen­falls Wartungskosten für andere Maß­nah­men) nicht uner­he­blich. Dies sind oft aber keine Fahrzeuge nach DIN. Sie wer­den so gebaut und bestückt, wie es im Falle eines Fall­es notwendig ist. Es stellt sich hier die Frage, ob die Vor­gaben für die kom­mu­nalen Feuer­wehren noch zeit­gemäß sind. Es sollte sicher­lich kein Wild­wuchs gefördert wer­den, aber eine Anpas­sung scheint ratsam.
  • Nach ver­schiede­nen Quellen waren die Zim­mer des Klinikums nicht mit Brand-/Rauch­meldern oder gar ein­er Sprin­kler­an­lage abgesichert. Das war und ist rechtlich legit­im, und entsprach den Anforderun­gen der Bauord­nun­gen zum Zeit­punkt des Baus des Klinikums. Das „Beruf­sgenossen­schaftliche Uni­ver­sität­sklinikum Bergmannsheil„ gehört zur Unternehmensgruppe der BG-Kliniken. In ihr sind neun beruf­sgenossen­schaftliche Akutk­liniken, zwei Kliniken für Beruf­skrankheit­en und zwei Unfall­be­hand­lungsstellen ver­bun­den. Mit 12.000 Mitar­beit­ern und jährlich über 500.000 Patien­ten ist die Gruppe ein­er der größten Klinikver­bünde Deutsch­lands. Die Dachge­sellschaft „BG Kliniken – Klinikver­bund der geset­zlichen Unfal­lver­sicherung gGmbH„ mit Sitz in Berlin ver­ant­wortet die Gesamt­strate­gie des Unternehmens. Im ersten Moment mag man sich fra­gen, ob die Unfal­lver­sicherungsträger eigentlich nicht mit gutem präven­tivem Beispiel hät­ten vor­ange­hen und im Bewusst­sein dessen, dass die Feuer­wehr für die notwendi­ge Gebäude­höhe der Klinik nicht opti­mal aus­gerüstet ist, frei­willig mehr hätte tun müssen? Für Neu- und Umbaut­en beste­ht in Nor­drhein-West­falen seit dem 1. April 2013 eine Ein­baupflicht für Rauch­melder, für beste­hende Woh­nun­gen galt dies bis zum 31. Dezem­ber 2016. Hät­ten da die Räume des Klinikums nicht auch frei­willig, trotz Kosten bess­er aus­gerüstet sein müssen? So ein­fach ist es aber lei­der alles nicht. Das Gebäude hat­te schon ein paar Jahre auf dem Buck­el und ver­net­zte Rauch­melder mit aller Logis­tik, um einen Brand schnell und örtlich präzise zu lokalisieren, sind in einem Alt­bau dieser Größe prak­tisch nicht instal­lier­bar. Es ist halt nicht „nur eine Woh­nung“. Der Neubau wird sicher­lich nach neuestem Stand der Tech­nik aus­ges­tat­tet sein. Da wird sich der Unfal­lver­sicherungsträger schon sel­ber in die Pflicht nehmen.

Dank des Ein­satzes der Ret­tungskräfte und der Mitar­beit­er der Klinik, sowie ein­er gehöri­gen Por­tion Glück, kon­nte der Worst Case ver­hin­dert wer­den. Glück auch deswe­gen, da in der Klinik zur Zeit des Bran­des auf­grund von Umbau­maß­nah­men keine volle Bele­gung vor­lag. Trotz­dem müssen aus diesem Großschadensereig­nis kri­tis­che Schlüsse gezo­gen wer­den. Denn vielle­icht kom­men beim näch­sten größeren Brand in ein­er Klinik eben nicht einige glück­liche Umstände hinzu …


Autor

Dr. Sil­vester Siegmann

E‑Mail:

siegmann@uni-duesse ldorf.de

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