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Brandschutzschalter – … und kein Ende?

Überarbeitete DIN VDE 0100–420
Das Spiel mit dem Feuer: Brandschutzschalter – … und kein Ende?

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Im Feb­ru­ar 2016 trat die Norm DIN VDE 0100–420 „Erricht­en von Nieder­span­nungsan­la­gen, Teil 4–42: Schutz­maß­nah­men – Schutz gegen ther­mis­che Auswirkun­gen“ in Kraft. In ihr wurde erst­ma­lig die Forderung erhoben, dass in bes­timmten Anwen­dungs­fällen die Stromkreise elek­trisch­er Anla­gen mit „Brandschutzschaltern“de.kim.content.generate.input.Fnote@2ca5912a aus­ges­tat­tet sein müssten (siehe SI 03/2017). Die Folge war vielerorts ein Auf­schrei der Entrüs­tung. Die einen ver­muteten dahin­ter eine geschäfts­fördernde Maß­nahme des zu diesem Zeit­punkt einzi­gen Her­stellers, die anderen befürchteten einen drastis­chen Anstieg der Baukosten. Der Druck auf den Nor­me­nauss­chuss wurde nun anscheinend so groß, dass im Okto­ber 2019 eine über­ar­beit­ete Fas­sung dieser Norm erschienen ist.

Für das Ver­ständ­nis der Änderun­gen müssen zunächst ein­mal die wichtig­sten Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen dargestellt werden:

In Deutsch­land sind rund ein Drit­tel aller Brände auf Elek­triz­ität zurück­zuführen. Ein Teil dieser Brände hat ihre Ursache in Mikrolicht­bö­gen, die ins­beson­dere durch Iso­la­tions­fehler entste­hen (z.B. durch beschädigte Leitun­gen, gelock­erte oder abgeris­sene Kon­tak­te etc.). Treten solche Fehler par­al­lel auf (z.B. durch eine Verbindung eines strom­führen­den Leit­ers mit dem Schut­zleit­er), kön­nen –wenn der Fehler­strom groß genug ist – die vorgeschal­teten Sicherun­gen so schnell aus­lösen, dass kein Brand entsteht.

Bei einem begren­zten Fehler­strom oder einem seriellen Fehler (z.B. ganz oder teil­weise Unter­brechung des Leit­ers durch Abriss) ist es allerd­ings unwahrschein­lich, dass ein solch­er Fehler mit den herkömm­lichen Schutztech­niken fest­gestellt wird. Sofern der Abstand zwis­chen den abge­tren­nten Leit­eren­den klein genug ist, kann der Last­strom in Form eines Mikrolicht­bo­gens die Fehler­stelle über­brück­en. Der Licht­bo­gen erzeugt dabei Hitze, welche die Lei­t­er­iso­la­tion in Brand set­zen kann. Charak­ter­is­tisch für diesen Fehler ist, dass der Strom nicht mehr „glatt“ durch die Leitun­gen fließt, son­dern – ähn­lich wie bei ein­er Bohrmas­chine mit abgeschlif­f­e­nen Kohle­bürsten – charak­ter­is­tis­che Störim­pulse aufweist, welche detek­tiert wer­den kön­nen. Während Rauch­melder lediglich Rauch oder Hitze als Pro­dukt des bere­its ent­stande­nen Bran­des erken­nen kön­nen (… und das auch nur mit einem gewis­sen zeitlichen Verzug), beste­ht der wesentliche Vorteil des Brand­schutzschal­ters darin, dass mit ihm bere­its der sich anbah­nende Brand erkan­nt wer­den kann.

Es war in der Vorgänger­norm nie angedacht, den Brand­schutzschal­ter flächen­deck­end einzuset­zen oder sog­ar seine Nachrüs­tung in Bestand­san­la­gen einzu­fordern. Er sollte bei neu zu errich­t­en­den elek­trischen Anla­gen ins­beson­dere in Schlaf- und Aufen­thalt­sräu­men von beson­ders schutzbedürfti­gen Men­schen, wie Kinder oder ältere beziehungsweise behin­derte Men­schen, einge­set­zt wer­den sowie dort wo es gilt, beson­dere und uner­set­zliche Sachgüter zu schützen. Fern­er sollte der Brand­schutzschal­ter dort zur Anwen­dung kom­men, wo hohe Brand­las­ten beste­hen beziehungsweise es leicht zu Brän­den kom­men kann. Für nor­male Schlafräume enthielt die Norm sog­ar nur eine Installationsempfehlung.

Überzogene Forderungen oder Sicherheit mit Augenmaß?

Kann also im Kon­text dieser Anwen­dungs­fälle wirk­lich von über­zo­ge­nen Forderun­gen gesprochen wer­den? Zugegeben: Der Brand­schutzschal­ter ist nicht gün­stig. Er kann auch nicht wie ein Fehler­strom­schutzschal­ter dreiphasig betrieben wer­den, son­dern ist nur für die Wech­sel­strom-End­stromkreise (ins­beson­dere für Steck­dosen) vorge­se­hen. Nimmt man beispiel­sweise den Anwen­dungs­fall Senioren­heim, kom­men tat­säch­lich spür­bare Mehrkosten zusam­men. Aber eine ähn­liche Diskus­sion wurde sein­erzeit auch bei der Ein­führung des Fehler­strom­schutzschal­ters aus­gelöst, dessen ursprünglich eben­falls hoher Preis durch die allmäh­liche Ver­bre­itung deut­lich gesunken ist und der heute einen all­ge­mein akzep­tierten Stan­dard darstellt.

Trotz­dem genügten die neuen Anforderun­gen der Norm bere­its, dass sich der „Arbeit­skreis Maschi­nen- und Elek­trotech­nik staatlich­er und kom­mu­naler Ver­wal­tun­gen“ (AMEV) mit dem The­ma beschäftigte und die Empfehlung Nr. 133 her­aus­brachte (https://www.amev-online.de/AMEVInhalt/Planen/Elektrotechnik/EltAnlagen%202015/170623_Elt2015_1_ Erg_AFDD_EF.PDF). Der AMEV kommt hierin zu dem Ergeb­nis, dass die betr­e­f­fende DIN VDE 0100–420 nicht zu den tech­nis­chen Regeln gehört, die auf­grund der Lan­des­bauord­nun­gen als Tech­nis­che Baubes­tim­mung einge­führt wor­den sind. Zudem seien die in der Norm enthal­te­nen Vor­gaben pauschal und undif­feren­ziert und wür­den unzure­ichend die baulichen, tech­nis­chen und nutzungsspez­i­fis­chen Randbe­din­gun­gen und Beson­der­heit­en der öffentlichen Gebäude berück­sichti­gen. Es wurde seit­ens des AMEV sog­ar die Empfehlung aus­ge­sprochen, in Kindertage­sein­rich­tun­gen sowie in Heimen für behin­derte oder alte Men­schen keine Brand­schutzschal­ter vorzusehen!

Was soll ein solch­es Papi­er? Es wäre nachvol­lziehbar gewe­sen, wenn der AMEV zu dem Schluss gekom­men wäre, dass die bere­its einge­führten Schutz­maß­nah­men aus­re­ichend sind und keine darüber hin­aus­ge­hen­den benötigt wer­den. Aber warum sollte man eine in anderen Län­dern längst etablierte Schutzein­rich­tung ignori­eren und sog­ar aus­drück­lich von ihrem Ein­satz abrat­en? Woran soll man sich bei der Pla­nung und Errich­tung elek­trisch­er Anla­gen ori­en­tieren, wenn nicht an den VDE-Nor­men? Wer berück­sichtigt in dem Ganzen hin und her die ein­fache Anforderung des Arbeitss­chutzge­set­zes, dass Gefahren an ihrer Quelle zu bekämpfen sind? Und zu guter Letzt:
Welche haf­tungsrechtlichen Kon­se­quen­zen ergeben sich gegebe­nen­falls für Plan­er und Errichter „im Falle eines Fall­es“, wenn ein nach Norm gefordert­er Brand­schutzschal­ter auf­grund ein­er Empfehlung des AMEV nicht vorge­se­hen wurde?

Konsens dringend erforderlich!

Warum auch immer es zu dieser Aus­sage des AMEV kam: Fakt ist, dass sie in der Fach­welt eher zur Ver­wirrung als zur Klarstel­lung beige­tra­gen haben dürfte. Deut­lich wurde damit nur, dass es drin­gend eines fach­lichen Aus­gle­ichs zwis­chen den Parteien bedurfte.

Ein erster Ver­such der Schlich­tung war eine Ver­laut­barung des DKE (Deutsche Kom­mis­sion Elek­trotech­nik Elek­tron­ik Infor­ma­tion­stech­nik in DIN und VDE), jedoch war abse­hbar, dass die Norm über­ar­beit­et wer­den musste.

Der Kon­sens, zu dem man dann in der neuen Norn gekom­men ist, beste­ht darin, dass bezüglich des Sach­w­erteschutzes nur noch Empfehlun­gen anstelle von Forderun­gen aus­ge­sprochen wer­den. Noch schlim­mer sieht es mit dem Schutz von Senioren, Behin­derten und Kindern aus, denn die bish­eri­gen Forderun­gen wur­den zurück­ge­zo­gen und die betr­e­f­fend­en Anwen­dungs­fälle in der neuen Norm erst gar nicht mehr erwäh­nt!!! Stattdessen dür­fen in Zweifels­fällen sich nun Plan­er, Errichter und Betreiber im Rah­men ein­er Risiko- und Sicher­heits­be­w­er­tung darüber abstim­men, ob ein Brand­schutzschal­ter gegebe­nen­falls notwendig wird oder nicht. Aber ins­beson­dere in solchen Fällen, in denen Gebäude durch Inve­storen errichtet, jedoch von Betreiberge­sellschaften geführt wer­den, dürften Stre­it­fälle auf­grund der unter­schiedlichen Inter­essen­la­gen vor­pro­gram­miert sein.

Wie sieht´s unterm Strich aus?

Als Kon­traar­gu­ment zum Brand­schutzschal­ter wird ange­führt, dass durch die Baubes­tim­mungen der Län­der sowie durch die Arbeitss­chutzvorschriften bere­its ein hin­re­ichen­des Sicher­heit­sniveau geschaf­fen wurde. Unter Bezug­nahme auf das Energiewirtschafts­ge­setz (EnWG) wird zudem die Aus­sage getrof­fen, dass nach diesem Gesetz die tech­nis­che Sicher­heit für alle Anla­gen – ohne Dif­feren­zierung nach unter­schiedlichen Nutzun­gen beziehungsweise Gefahren – in gle­ich­er Weise vorgeschrieben wird und sich die Instal­la­tion zusät­zlich­er Schutzein­rich­tun­gen daraus nicht ableit­en lässt.

Soweit der Blick auf die elek­trischen Anlagen.

Nach Ansicht des Autors ist es aber ins­beson­dere in Heimen und Kindertage­sein­rich­tun­gen uner­lässlich zu berück­sichti­gen, welche Betrieb­smit­tel an diesen elek­trischen Anla­gen angeschlossen wer­den und wie diese betrieben wer­den. In Senioren­heimen ist es zum Beispiel dur­chaus üblich, dass die Bewohn­er ihre eige­nen Fernseh- und Rund­funkgeräte mit­brin­gen. Pri­vateigen­tum also, für das es keine Prüfverpflich­tung gibt. Eine große Anzahl solch­er Geräte in Verbindung mit ein­er großen Anzahl mobil­ität­seingeschränk­ter Per­so­n­en führt zu ein­er Poten­zierung der Gefährdun­gen. In Kindertage­sein­rich­tun­gen führen hinge­gen eher unbe­darfte Leitungsver­legun­gen und ‑befes­ti­gun­gen zu Brandge­fährdun­gen. Ein weit­er­er Fak­tor ist die Qual­ität der angeschlosse­nen Pro­duk­te: Wer belässt denn heute noch guten Gewis­sens Elek­trogeräte im Stand­by-Modus, wenn diese allzu oft gar nicht die Gewährleis­tungs­dauer unbeschadet überstehen?

Für elek­trische Anla­gen wurde – sofern sie kor­rekt geplant, errichtet und instandge­hal­ten wer­den – ins­beson­dere in Bezug auf den Brand­schutz mit­tler­weile eine deut­liche Verbesserung des Sicher­heit­sniveaus erre­icht. Diese Aus­sage kann aber nicht unbe­d­ingt auf die angeschlosse­nen Ver­brauch­er und die Art ihrer Ver­wen­dung über­tra­gen wer­den. Ins­beson­dere hier kann der Brand­schutzschal­ter eine Lücke schließen, die durch die etablierten Maß­nah­men nach wie vor nicht abgedeckt wird.

Abschließend betra­chtet hält der Autor den in der Norm umge­set­zten Ansatz des AMEV für zynisch, den Sach­w­erteschutz anzus­prechen, die Möglichkeit­en des Per­so­n­en­schutzes jedoch zu ver­schweigen und anson­sten dem Nor­men­gremi­um unter Ver­weis auf die Zuständigkeit einen fach­lichen Maulko­rb zu verpassen.

1kor­rek­te Beze­ich­nung: Fehler­licht­bo­gen-Schutzein­rich­tung beziehungsweise AFDD, englisch für Arc Fault Detec­tion Device


Foto: privat

Autor: Dipl.-Ing. Rain­er Rottmann

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