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Explosionskatastrophe im Beiruter Hafen

Interview zur Explosionskatastrophe im Beiruter Hafen
Sprengkraft von weit über 1000 Tonnen TNT

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Im August 2020 kam es im Hafen von Beirut zu ein­er der fol­gen­schw­er­sten von Men­schen­hand verur­sacht­en Explo­sio­nen der let­zten Jahre. Was genau ist dort passiert und beste­hen ver­gle­ich­bare Det­o­na­tion­srisiken auch hierzu­lande? Sicher­heitsin­ge­nieur sprach mit einem Gefahrstof­f­ex­perten, der im Auf­trag der libane­sis­chen Behör­den und des Port of Beirut die Explo­sions­fol­gen unter­sucht und weit­ere auf dem Hafen­gelände befind­liche Gefährdun­gen aufar­beit­et. Das Inter­view wurde in Sicher­heitsin­ge­nieur 2/2021 veröffentlicht.

Herr Dr. Melch­er, was genau ist im August 2020 in Beirut passiert?

Nach heutigem Ken­nt­nis­stand lagerten im Hafen von Beirut cir­ca 2.750 Ton­nen Ammo­ni­um­ni­trat. Diese Menge stammt von einem moldauis­chen Frachter, der wegen man­gel­nder Seetüchtigkeit von libane­sis­chen Behör­den fest­ge­set­zt wor­den war. Dessen Ladegut, das besagte Ammo­ni­um­ni­trat, wurde auf­grund erhöhter Explo­sion­s­ge­fahr zwis­chen Sep­tem­ber 2014 und Okto­ber 2015 im Lager­haus Num­mer 12 im Hafen zwis­chen­ge­lagert. In den Fol­ge­jahren kon­nten sich die ver­schiede­nen libane­sis­chen Behör­den nicht eini­gen, wie mit dem Gefahrstoff weit­er ver­fahren wer­den sollte. Als dann im August 2020 in ein­er Nach­barhalle, in der Feuer­w­erk­skör­p­er gelagert waren, Schweißar­beit­en ein Feuer aus­lösten, set­zte dies eine ver­heerende Ket­ten­reak­tion in Gang, die dann let­z­tendlich zum „Big Blast“ – so nen­nt man die Explo­sion hier im Libanon – führte.

Mehr als 200 Tote, mehr als 100 Ver­mis­ste und mehr als 6.000 Ver­let­zte – warum sind die Per­so­n­en- und Sach­schä­den so hoch?

Das liegt an den gewalti­gen Men­gen. Auch wenn Ammo­ni­um­ni­trat for­mal kein explo­sions­fähiger Stoff ist — da es bei ein­er nicht außergewöhn­lichen mech­a­nis­chen, ther­mis­chen oder anderen Beanspruchung nicht zur Explo­sion gebracht wer­den kann — so ist es in Rein­form doch ein det­o­na­tions­fähiger Stoff mit immer­hin der hal­ben Sprengkraft von TNT also einem 1.375 Ton­nen TNT Äquivalent.

Was ist im Libanon falsch gelaufen, wo liegen die tief­er­en Ursachen dieser Katas­tro­phe und was kön­nen Sie jet­zt im Nach­hinein noch bewirken?

Das Prob­lem hier­bei war wohl, dass in all den Jahren keine Lösung zur Behand­lung des Ammo­ni­um­ni­trates gefun­den wurde. Der Gefahrstoff war zwar nie vergessen, aber die ver­schiede­nen Behör­den fan­den keine gemein­sames Konzept, wie es damit weit­erge­hen sollte. Einige Hafen­mi­tar­beit­er sowie ver­ant­wortliche Per­so­n­en der Behör­den sowie des Hafens sitzen derzeit in Haft, wie unter anderem auch aus dem libane­sis­chen Medi­en zu ent­nehmen ist.


Foto: © Höpp­n­er Man­age­ment & Con­sul­tant GmbH

Dr. Johannes Melch­er ist pro­moviert­er Chemik­er und war zunächst als chemis­ch­er Sachver­ständi­ger für Brand- und Sach­schä­den aktiv, bevor er als Pro­jek­t­ber­ater zur Höpp­n­er Man­age­ment & Con­sul­tant GmbH nach Win­sen wech­selte. Seit Herb­st 2020 hat er mehrfach einige Wochen in Beirut ver­bracht und ken­nt die Sit­u­a­tion vor Ort wie kaum ein ander­er west­lich­er Experte.
www.hoeppner.de


 

Warum sucht der Libanon „im Nach­hinein“ Unter­stützung von Fach­leuten aus Deutschland?

Im Libanon ist durch die poli­tis­che Sit­u­a­tion und nicht zulet­zt durch den Blast eine mas­sive Unsicher­heit in allen Bere­ichen zu spüren. Und auf dem Hafen­gelände lagern noch mehr Gefahrstoffe. Vor Ort fehlen weit­er die Exper­tise sowie die Möglichkeit­en, die im schlecht­en Zus­tand befind­lichen Chemikalien­be­häl­ter im Libanon selb­st zu behan­deln und zu entsor­gen. Die ver­schiede­nen und teils lebens­ge­fährlichen Chemikalien lagern bere­its seit mehr als 10 Jahren und sind samt ihren Ver­pack­un­gen in einem des­o­lat­en Zus­tand. Zum Teil klaf­fen große Löch­er in den Böden, Deck­en und Wän­den der Con­tain­er. Ein Schutz der Umwelt sowie der Sicher­heit von Per­so­n­en ist zu keinem Zeit­punkt gegeben. Die Chemikalien verteil­ten sich unge­hin­dert frei in der Umge­bung und gelan­gen über die Regen­wasser­en­twässerung direkt ins Meer.

Um einen weit­eren Blast zu ver­hin­dern, wurde die Fir­ma Höpp­n­er Man­age­ment & Con­sul­tant GmbH aus Nieder­sach­sen samt Ihren Entsorgungs‑, Sicher­heits- und chemis­chen Experten beauf­tragt, vor Ort die Sit­u­a­tion der dort gelagerten Chemikalien zu bew­erten. Nach der Inspek­tion von ins­ge­samt 52 Seecon­tain­ern haben wir einen detail­lierten Behand­lungs­plan entwick­elt samt anschließen­den Gefahrgut-Trans­port sowie Entsorgungskonzept gemäß den umwelt- und sicher­heit­srel­e­van­ten Regularien.

Was konkret haben Sie in Beirut zu tun, wie arbeit­en Sie dort und wer unter­stützt Sie?

Zunächst ging es darum, sich erst mal einen Überblick über die gelagerten Gefahrstoffe zu ver­schaf­fen. Hier­für mussten alle Con­tain­er unter Berück­sich­ti­gung der TRGS 512 Bega­sun­gen geöffnet wer­den und anschließend ihr Inhalt inspiziert wer­den. Nach all den Jahren waren die auffind­baren Doku­men­ta­tio­nen sehr dürftig. Auch die Etiket­ten auf den Chemikalienge­binden waren oft nur schw­er erkennbar, so dass es teil­weise einem Puz­zle glich, die benöti­gen Infor­ma­tio­nen zusam­men­zu­tra­gen. Natür­lich wur­den diese ersten Annah­men durch von uns mit­ge­führte Basis­an­a­lytik noch mal ver­i­fiziert oder – wenn das mobil nicht möglich war – von einem Beiruter Labor detail­liert analysiert, um am Ende eine kom­plette Über­sicht über Stof­farten und ‑men­gen zu erhalten.

Der zweite Schritt sieht ein aufwendi­ges Noti­fizierungsver­fahren zwis­chen der deutschen und libane­sis­chen Umwelt­be­hörde vor mit dem Ziel, gren­züber­schre­i­t­ende Abfall­ströme zu kon­trol­lieren. Dies geschieht auf Grund­lage des Basler Übereinkom­mens und des OECD-Rats­beschluss C(2001)107. Diese Vor­gaben sollen ver­hin­dern, dass gefährliche Abfälle unkon­trol­liert von A nach B ver­bracht wer­den und am Ende nicht mehr zuzuord­nen sind. Als nach dem Seveso-Unfall von 1976 anschließend 41 Fäss­er mit hochtox­is­chen diox­in­halti­gen Rück­stän­den ver­schwun­den waren, hat­te es sich gezeigt, dass inter­na­tionale Abfall­ströme reg­uliert wer­den müssen.

Zeit­gle­ich zum Noti­fizierungsver­fahren müssen alle Gefahrstoffe in neue Gebinde umge­füllt wer­den, da ein Trans­port von Gebinden älter als fünf Jahren nicht zuläs­sig ist. Hier­für musste erst ein­mal eine Arbeits­grund­lage geschaf­fen wer­den, das heißt wir haben einen Stan­dort zur sicheren Umver­pack­ung errichtet, Arbeit­er für diese Umfül­lar­beit­en engagiert und eingewiesen usw. Außer­dem war es für diese Arbeit­en unumgänglich, geeignete Schutzaus­rüs­tung zu beschaf­fen, da manche Tätigkeit­en nur im Vollschutz zu bew­erk­stel­li­gen sind. Als let­ztes kön­nen die neuen Gebinde gesichert in neue Überseecon­tain­er ver­laden wer­den und auf ein Schiff für den Weit­er­trans­port ver­bracht wer­den. Nach Abschluss des Noti­fizierungsver­fahrens wer­den die 52 Con­tain­er nach Deutsch­land trans­portiert, wo sie dann von ein­er Fach­fir­ma entsorgt werden.

Unter­stützt wird das ganze Pro­jekt von mehreren Parteien. Vor Ort kooperieren wir mit der Assouad Group, welche die Kom­mu­nika­tion, den Einkauf von Arbeitsmit­teln und die Beschaf­fung von Arbeit­skräften im Libanon organ­isiert. Besitzer besagter Con­tain­er – und somit Abfall­erzeuger – ist inzwis­chen die Com­bi Lift Sal­vage GmbH & Co. KG aus Bre­men. Das Unternehmen ist ein rou­tiniert­er Part­ner in Logis­tik­fra­gen, Experte für Schw­ergut­trans­porte und fungiert als Gesam­tauf­trag­nehmer gegenüber den libane­sis­chen Behör­den. Unter­stützt wer­den wir in Beirut zudem von der libane­sis­chen Armee, was sich als sehr hil­fre­ich herausstellt.

Wie unter­schei­det sich Ihre Tätigkeit im Libanon von anderen Projekten?

Durch den Kol­laps des Banken­sys­tems, den „Big Blast“ und zusät­zlich pan­demiebe­d­ingt ist die ganze Infra­struk­tur im Libanon eher schw­er­fäl­lig. Alles in allem ist das hier schon ein sehr spezielles Land, aber mit sehr net­ten und hil­fs­bere­it­en Leuten. Der meist gehörte Satz gegenüber uns Deutschen im Rah­men dieses Pro­jek­tes lautet: „Wel­come to Libanon!“

Sind ähn­liche Explo­sio­nen auch bei uns denkbar? Gibt es ver­gle­ich­bare Fälle aus Deutsch­land, Öster­re­ich oder der Schweiz?

Unfälle mit Ammo­ni­um­ni­trat kom­men in der Geschichte lei­der nicht sel­ten vor. Da wäre als ein­er der größten die Explo­sion bei der BASF in Oppau 1921 zu nen­nen. Die Explo­sion war mit der in Beirut ver­gle­ich­bar, obwohl „nur“ 400 Ton­nen an Ammon­sul­fat­salpeter, also ein­er Mis­chung auf Ammo­ni­um­ni­trat und Ammo­ni­um­sul­fat, explodierten. Exakt 80 Jahre später kam es zu ein­er Explo­sion von 300 bis 400 Ton­nen in der Düngemit­telfab­rik AZF im franzö­sis­chen Toulouse, wom­it nur einige Unfälle benan­nt wären. Hier­bei han­delt es sich aber um Unglücke aus der Ver­gan­gen­heit, welche durch die heute gel­tenden stren­gen Vorschriften nicht mehr möglich sein sollten.

Was sind die maßge­blichen Vorschriften und Grund­sätze, damit ein Unglück wie in Beirut hierzu­lande nicht ein­treten sollte?

Um so etwas zu ver­hin­dern, gel­ten in Deutsch­land für Gefahrstoffe Zusam­men­lagerungsver­bote und Höch­st­lager­men­gen. Dies wird alles in der TRGS 510 geregelt. Für die Lagerung von Ammo­ni­um­ni­trat existiert mit der TRGS 511 sog­ar eine eigene Tech­nis­che Regel. Mit dieser sowie den weit­eren Vor­gaben, unter anderem zum bautech­nis­chen Brand­schutz und zur Chemikalien­lagerung sollte so ein Unglück hierzu­lande nicht mehr stattfinden.

Was rat­en Sie Unternehmen, die Ammo­ni­um­ni­trat oder andere explo­sion­s­ge­fährliche Stoffe lagern? Was sind die entschei­den­den Sicher­heit­saspek­te und mit welchen Maß­nah­men hat man die Explo­sion­srisiken zuver­läs­sig im Griff?

Grund­sät­zlich sollte im Umgang mit Gefahrstof­fen und Chemikalien entsprechen­des Fach­per­son­al mit ein­be­zo­gen wer­den. In einem Unternehmen ist dies im ersten Schritt die Sicher­heits­fachkraft oder der Sicher­heitsin­ge­nieur. Jedoch muss auch hier ganz klar gesagt wer­den, dass nicht jede dieser Per­so­n­en über eine entsprechende Exper­tise für jede konkrete Frage zur Gefahrstof­flagerung ver­fügt. Dies zeigt die langjährige Erfahrung in ver­schiede­nen Pro­jek­ten der Höpp­n­er Man­age­ment & Con­sul­tant GmbH auf diesem Gebi­et und das ist auch okay. Arbeitssicher­heit und Umweltschutz erstreck­en sich über so viele Arbeits­bere­iche, da kann nie­mand alles wis­sen und über­all Experte sein. Hier­für hat man ein Net­zw­erk und den ständi­gen fach­lichen Aus­tausch mit Kollegen.

Vie­len Dank, Herr Dr. Melch­er, für dieses inter­es­sante Gespräch.

Die Fra­gen stellte der Fachjour­nal­ist Dr. Fried­helm Kring.

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