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FFP2-Masken

Ein Centprodukt erlangt ungeahnte Aufmerksamkeit
FFP2-Masken – Irgendwo zwischen Wunsch und Wirklichkeit

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Foto: © Mattis Kaminer – stock.adobe.com
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Kaum ein Pro­dukt hat in Deutsch­land jüngst so viel Aufmerk­samkeit erlangt wie die FFP2-Maske – und das, obwohl wir hier über einen Artikel sprechen, der beim Dis­counter derzeit für 99 Cent erhältlich ist. Wie kon­nte es dazu kom­men und warum steck­en in der Debat­te über Sinn und Unsinn von FFP2-Masken als Coro­na-Schutz­maß­nahme so viele Emo­tio­nen? Darüber lässt sich viel schreiben, das mit staatlichem Ver­sagen, ungezügel­ter Prof­it­gi­er und Lück­en im Sys­tem zu tun hat. Aktuelle Infos zum The­ma find­en Sie unter sifa-sibe.de/atemschutzmasken.

Als die Coro­na-Pan­demie im Früh­jahr 2020 aus­brach, wurde rasch klar, dass die Bevölkerung drin­gend und wirkungsvoll gegen das ansteck­ende Virus geschützt wer­den muss. Zu diesem Zeit­punkt begann die „unendliche Geschichte“ um die Atem­schutz­masken der Geräteklasse FFP2 gemäß der Indus­trienorm DIN EN 149.

Bis zu diesem Zeit­punkt fris­tete dieser Masken­typ ein im wahrsten Sinne des Wortes far­blos­es Dasein als ziem­lich unspek­takuläre, aber wirkungsvolle Stufe der Per­sön­lichen Schutzaus­rüs­tung (PSA) gegen par­tikelför­mige Schad­stoffe wie Staub, Rauch und Aerosole im betrieblichen All­t­ag. Es gab eine begren­zte Anzahl von arriv­ierten Her­stellern weltweit, und kein Unternehmen außer­halb dieses Kreis­es wäre je auf die Idee gekom­men, diesen Anbi­etern mit eige­nen Pro­duk­ten Konkur­renz zu machen.

Doch mit Coro­na explodierte plöt­zlich und vol­lkom­men über­raschend der Bedarf und damit die Nach­frage, auch in Deutsch­land. Die alteinge­sesse­nen Her­steller kamen mit den Pro­duk­tion­s­men­gen nicht hin­ter­her. Sog­ar der Bund selb­st schal­tete sich ein und bestellte in einem dilet­tan­tis­chen Open-House-Ver­fahren Mil­lio­nen an Masken. Als der Nach­schub knapp wurde, ermöglichte das Bun­desmin­is­teri­um für Gesund­heit tem­poräre Aus­nah­megenehmi­gun­gen für Masken, die nicht nach europäis­chen Stan­dards geprüft wer­den. Daraufhin taucht­en immer mehr neue Anbi­eter qua­si über Nacht aus dem Nichts auf, wie Mot­ten, die aufs Licht zufliegen. Ins­beson­dere in Chi­na, dem Herkun­ft­s­land des Coro­n­avirus, fand der Ruf nach frisch­er Ware Gehör.

Die ersten Zweifel …

Mit der Flut von Masken aus allen denkbaren Online- und Offline-Ver­trieb­skanälen kamen die ersten Zweifel auf, dass alles, was da so ange­boten wird, auch tat­säch­lich über eine hin­re­ichende Qual­ität ver­fügt. Die zeit­gemäße Vari­ante der FFP2-Maske erfreute sich plöt­zlich zweier Ohrschlaufen nach dem Muster der ganz gewöhn­lichen All­t­ags­masken und OP-Masken. Herkömm­liche, in der Arbeitswelt gebräuch­liche Mod­elle wur­den bis dahin jedoch stets mit zwei elastis­chen Kopf­bän­dern ausgestattet.

Das und die schiere Menge der Import­ware aus Fer­nost nährte die Skep­sis der Experten. Um ihre Zweifel inhaltlich zu unter­füt­tern, studierten die Fach­leute inten­siv die geset­zlichen und nor­ma­tiv­en Vor­gaben für FFP2-Masken. So stellte sich her­aus, dass sehr viele der ange­bote­nen Masken diesen Anforderun­gen gar nicht genügten. Ein­mal fehlte die vorschriftsmäßige Kennze­ich­nung oder war kom­plett falsch und irreführend, ein anderes Mal man­gelte es an den notwendi­gen Doku­men­ta­tio­nen. So wur­den in Winde­seile viele Dutzend Hin­weise erar­beit­et und veröf­fentlicht, was denn alles beim Kauf ein­er vernün­fti­gen Maske zu beacht­en sei.

Das war gut und richtig, doch geholfen hat es zunächst kaum. Nach­dem die Bun­desregierung die all­ge­meine Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr und in den Geschäften beschlossen hat­te und damit begann, kosten­lose Exem­plare über die Apotheken an Risiko­grup­pen zu verteilen, legte der Markt einen noch höheren Gang ein und trat richtig aufs Gaspedal. Die Preise purzel­ten in ras­an­tem Tem­po, was die Anbi­eter zusät­zlich unter Hand­lungs­druck set­zte, sich in aller Eile ihren Anteil am Umsatzkuchen zu sichern.

Selb­st öffentliche Bedarf­sträger wur­den in Mitlei­den­schaft gezo­gen. So musste zum Beispiel jüngst die Bay­erische Bere­itschaft­spolizei 30.000 für die Beamtin­nen und Beamten bes­timmte FFP2-Masken wegen des Ver­dachts auf Män­gel zurück­rufen. Damit war spätestens klar, dass sich noch immer sehr viel Auss­chuss­ware den Zugang zu den Anwen­dern bahnt.

Schuldige gesucht

Bei der Suche nach den Schuldigen geri­eten nun neben den Her­stellern, Impor­teuren und zwielichti­gen Schle­ich­händlern auch die zuge­lasse­nen Prüf­stellen in Ver­dacht, die dafür zuständig sind, dass nur ord­nungs­gemäß geprüfte und zer­ti­fizierte Masken den EU-Bin­nen­markt erre­ichen. Schnell wurde bekan­nt, dass einige Prüfin­sti­tute zur Beschle­u­ni­gung der Ver­fahren nicht mehr selb­st prüften, son­dern für die zeitrauben­den Tätigkeit­en soge­nan­nte Unter­auf­trag­nehmer in Chi­na ein­schal­teten, wo auch die meis­ten Her­steller ihren Sitz haben. Kurze Wege soll­ten zu beschle­u­nigten Zulas­sungsver­fahren führen.

Diese Rech­nung ging für die involvierten Zer­ti­fizierungs­di­en­ste auf. Die Menge der Masken, auf denen die Kennnum­mern eben dieser Stellen neben dem CE-Zeichen auf­taucht­en, stieg in kurz­er Zeit auf astronomis­che Zahlen an. Darauf ange­sprochen, bestrit­ten diese Insti­tute umge­hend, sich ein­er Pflichtver­let­zung schuldig gemacht zu haben, und ver­wiesen auf die europäis­che Geset­zge­bung, die das Ein­schal­ten von Sub­un­ternehmen legal­isiert hat. Doch wie wir alle längst durch eigene Erfahrun­gen wis­sen, ist nicht alles, was legal ist, zugle­ich auch legitim.

Wer näm­lich genauer in die zutr­e­f­fende Verord­nung der EU-Kom­mis­sion schaut, find­et dort einen Pas­sus, der besagt, dass die Ent­loh­nung der für die Erfül­lung der Kon­for­mitäts­be­w­er­tungsauf­gaben zuständi­gen Stelle sich nicht nach der Anzahl der durchge­führten Bew­er­tun­gen oder deren Ergeb­nis­sen richt­en darf. Und wer daraufhin eins und eins zusam­men­zählt, bei dem dürften sich tiefe Fal­ten auf der Stirn bilden.

Man muss beileibe kein Schelm sein, um Bös­es dabei zu denken, wenn die Kon­for­mitäts­be­w­er­tungsstellen sich diejeni­gen Sub­un­ternehmen aus­suchen, die am schnell­sten die gewün­scht­en Resul­tate liefern, damit die Kasse laut und vernehm­lich klin­gelt. Das sind keine bösar­ti­gen Unter­stel­lun­gen, son­dern das hat etwas mit gesun­dem Men­schen­ver­stand zu tun. Man muss näm­lich wis­sen, dass die Unter­auf­trag­nehmer, anders als die beauf­tra­gende Prüf­stelle, nicht von drit­ter Seite überwacht wer­den. Allein die Beweise für ein Fehlver­hal­ten seit­ens der involvierten Prüf­stellen sind nicht zu erbrin­gen, weil Nach­forschun­gen kom­plex und zeitaufwändig sind.

Genau­so schwierig ist es, einen Beweis darüber zu führen, dass eine schad­hafte Maske ursäch­lich für die Ansteck­ung mit dem Virus war. Offen­bar ist infolgedessen nie­mand dazu bere­it, genauer hinzuschauen und beispiel­sweise die Fer­tig­ware hierzu­lande sys­tem­a­tisch zu kon­trol­lieren. Nichts der­gle­ichen geschieht, ver­mut­lich auch deshalb, weil der finanzielle Anreiz bei einem der­ar­ti­gen Bil­li­gar­tikel fehlt, teure Prüfla­bore in Deutsch­land zu beauf­tra­gen und eine Rou­tine zu instal­lieren. Nach dem Mot­to „Ein biss­chen Schwund ist immer“ beste­ht kein gesteigertes Inter­esse daran, das große Fass anzustechen und dann wom­öglich nicht aus­trinken zu kön­nen. Und so geht die Tragödie lei­der auf unbes­timmte Zeit weiter.

Geiz ist wirklich geil?

Und wann dür­fen wir wohl den let­zten Akt des Dra­mas rund um die FFP2-Masken erwarten? „Nur der Him­mel weiß“ hieß es ein­mal in einem deutschen Schlager. Das gilt auch in dieser Angele­gen­heit. Bevor sich die EU-Kom­mis­sion – falls über­haupt – dazu entschließen wird, die eigene Verord­nung zu ändern und die Aufla­gen für die Ein­schal­tung von Unter­auf­trag­nehmern drastisch zu ver­schär­fen, wer­den wir wohl das Ende der Pan­demie längst gefeiert haben.

Und wenn Coro­na besiegt ist, geht automa­tisch der Bedarf an FFP2-Masken wieder auf ein Nor­mal­maß zurück und die Gold­gräber wer­den fluchtar­tig das Spielfeld ver­lassen, wie ein­st­mals nach dem Abflauen des Gol­drauschs am berühmten Klondike Riv­er. Zurück­bleiben wird min­destens ein übler Nachgeschmack, der vielle­icht und hof­fentlich auch dazu führt, dass die EU sämtliche Zulas­sun­gen für Kon­for­mitäts­be­w­er­tungsstellen außer­halb der EU-Mit­gliedsstaat­en zurückzieht und das ganze Prozedere um die Ver­gabe der CE-Zeichen für Per­sön­liche Schutzaus­rüs­tun­gen über­denkt und über­ar­beit­et. Bis dahin wird sich auf schmer­zliche Art herumge­sprochen haben, dass dieses Zeichen lei­der keineswegs ein Güte­siegel darstellt, son­dern viel Platz und Spiel­raum für Nep­per, Schlep­per und Bauern­fänger lässt. Daraus kön­nen wir die Lehre ziehen, dass wer in Zukun­ft wirk­lich Sicher­heit und Qual­ität einkaufen will, sich nicht ein­fach auf faden­scheinige Anpreisun­gen und den gün­stig­sten Preis ver­lassen darf.

Und nun?

Da diese Ein­sicht ger­adezu zwangsläu­fig fol­gen wird, kön­nen wir alle schon jet­zt bei jedem Kauf den Bil­lig­masken auf den Wühltischen den kon­se­quenten Kampf ansagen und sie ein­fach liegen lassen. So ent­ge­ht den Schiebern ihre sich­er geglaubte Beute und wir alle sind en pas­sant bess­er geschützt. Wir soll­ten jed­erzeit die vie­len Hin­weise beacht­en und befol­gen, mit denen man gefälschte Ware erken­nen kann.

Inzwis­chen gibt es zudem viele FFP2-Masken „Made in Ger­many“, die in großer Stück­zahl pro­duziert wer­den. Alle gewerblichen Kun­den haben außer­dem auch in diesen Zeit­en der Beschränkun­gen die Möglichkeit, im weit­er­hin geöffneten Fach­großhan­del einzukaufen, sich die Zer­ti­fikate zeigen zu lassen und Muster zu bestellen, damit die Beschäftigten wirk­lich gut geschützt sind. Das ist mein drin­gen­der Appell zum Abschluss. In diesem Sinne: Bitte bleiben Sie alle sich­er und gesund!


Foto: © Thomas Vierhaus

Autor: Thomas Vierhaus

Haupt­geschäfts­führer beim VTH Verband
Tech­nis­ch­er Han­del e.V.,

E‑Mail: TVierhaus@vth-verband.de

www.vth-verband.de


 

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