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Sicherer Umgang mit Gefahrstoffen

Bewährtes nutzen
Maßnahmenpläne: (K)ein neues Werkzeug!

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Handlungszyklus Sifa Quelle: Ausbildungsunterlagen zur Fachkraft für Arbeitssicherheit
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Maß­nah­men­pläne sind in aller Munde. Sie wer­den gefordert gegen mar­o­de Straßen, bei Gam­mel-Lebens­mit­teln und für eine Beschle­u­ni­gung der Energiewende oder des Kli­maschutzes. Dabei ist der Schritt von über­legten Aktio­nen hin zu Aktion­is­mus oft­mals klein.

Der Ruf nach Maß­nah­men­plä­nen wird immer dann laut, wenn ein beson­deres Ereig­nis dazu Anlass gibt. In eine solche Sit­u­a­tion scheinen wir beim Umgang mit Gefahrstof­fen zu laufen. Die Anforderun­gen wer­den immer höher, und Gren­zw­erte kom­men in Bere­iche, bei denen eine Ein­hal­tung mit wirtschaftlich vertret­barem Aufwand immer schwieriger wird. Die Umset­zung dauert länger als gewün­scht oder erwartet, sodass der Ruf nach Maß­nah­men­plä­nen größer wird. Dabei sollte vor lauter Rufen nach neuen Maßnahmen(plänen) zunächst vorhan­dene und erfol­gre­ich etablierte Maß­nah­men genutzt werden.

Was ist eigentlich eine Maßnahme und ein Maßnahmenplan?

Laut Duden (www.duden.de) ist eine Maß­nahme eine „Hand­lung, Regelung o. Ä., die etwas Bes­timmtes bewirken soll“. Eine andere Def­i­n­i­tion (www.wortbedeutung.info/Massnahme) nen­nt es kürz­er „zweckbes­timmte Hand­lung“. Eine Maß­nahme ist also nicht irgen­deine Aktion, die zu einem beliebi­gen, zufäl­li­gen Ergeb­nis führt.

Wenn eine Maß­nahme somit bere­its ein plan­mäßiges Vorge­hen bein­hal­tet, was ist dann ein Maßnahmenplan?

Der Duden hat hierzu inter­es­san­ter­weise keine eigen­ständi­ge Def­i­n­i­tion, son­dern nutzt zur Erläuterung entwed­er den Begriff der Maß­nahme selb­st, oder er ver­weist auf Begriffe wie „Maß­nah­men­bün­del“ oder „Maß­nah­menkat­a­log“. Es kommt also etwas wie „mehrere Maß­nah­men gemein­sam oder in zeitlich­er Abfolge“ ins Spiel.

Alleine eine Absicht­serk­lärung ist aber nicht aus­re­ichend, um wirk­lich eine Verän­derung zu erzie­len. Ein Plan, mit dem ein Ziel erre­icht wer­den soll, bein­hal­tet mehr.

Er fängt bei der Beschrei­bung der Aus­gangssi­t­u­a­tion an und definiert das zu erre­ichende Ziel. Er beschreibt, welche Maß­nah­men ergrif­f­en wer­den sollen, in welch­er Rei­hen­folge, bis wann und von wem. Er muss die Rah­menbe­din­gun­gen, die zu beacht­en sind, eben­so klären wie die Voraus­set­zun­gen, die Umset­zungsmöglichkeit­en und Risiken und die Kosten, die damit ver­bun­den sind. Der Weg von A nach B muss dabei gar nicht in einem Stück absolviert wer­den, son­dern kann in mehreren Etap­pen zurück­gelegt wer­den. Diese soll­ten mit Kon­trollschrit­ten ver­bun­den sein, um zu prüfen, ob man sich noch auf dem richti­gen Weg befind­et, ob Rich­tungsko­r­rek­turen erforder­lich sind oder welche weit­eren Schritte nun die opti­malen oder möglichen sind. Es ist auch wichtig, nicht „über das Ziel hin­aus zu schießen“. Erfolg ver­sprechend ist somit eine indi­vidu­ell angepasste und flex­i­ble Vorgehensweise.

Einen solchen Maß­nah­men­plan zu erstellen und umzuset­zen, stellt je nach Fragestel­lung, Umfang und Trag­weite eine enorme Her­aus­forderung dar.

Nicht umson­st beschäfti­gen sich viele (strate­gis­che) Prozess­man­age­mentsys­teme und Beratungstools mit diesem The­ma. Dort nen­nt man sie zum Beispiel PDCA- (Plan-Do-Check-Act) oder DMAIC-(Define-Messure-Act-Improve-Control) Zyk­lus. Auch ein Ziel-Prozess gehört hierzu. Ziele sollen SMART, das heißt spez­i­fisch, mess­bar, ambi­tion­iert, real­is­tisch und terminiert sein.

Was hat dies nun alles mit dem sicheren Umgang mit Gefahrstoffen zu tun?

In den ver­gan­genen Jahren sind die Anforderun­gen an einen sicheren Umgang mit Gefahrstof­fen stetig gestiegen.

Im Rah­men der Umset­zung der REACH- und CLP-Verord­nun­gen liegen zu erhe­blich mehr Sub­stanzen belast­bare Infor­ma­tio­nen über deren physikalisch-chemis­che, aber vor allem tox­is­che und öko­tox­is­che Eigen­schaften vor, als dies vor eini­gen Jahren noch der Fall war.

Schon alleine diese Erken­nt­nisse führen zu einem höheren Schutz der Umwelt, der Bevölkerung oder der Beschäftigten, da betrof­fene Stoffe nun unter Regelun­gen fall­en, die zuvor auf­grund fehlen­der Ken­nt­nis keine Anwen­dung fan­den. Darüber hin­aus wer­den neue Gefahren erkan­nt, die zu zusät­zlichen Anforderun­gen führen.

Eben­falls nicht zu unter­schätzen ist das steigende all­ge­meine Sicher­heits­bedürf­nis der Öffentlichkeit, ver­bun­den mit der Sit­u­a­tion, immer weniger Risiken zu akzeptieren.

Diese Verän­derun­gen haben zu vie­len Diskus­sio­nen geführt, wie der Umgang mit Gefahrstof­fen noch sicher­er gemacht wer­den kann. Genan­nt wer­den sollen die (wenn auch zur Zeit aus­ge­set­zte) Absenkung der Akzep­tanzkonzen­tra­tion für kreb­serzeu­gende Stoffe, neue, teil­weise sehr niedrige Beurteilungs­maßstäbe zum Beispiel für kreb­serzeu­gende Met­alle, Diesel­mo­tore­mis­sio­nen, Bitu­men oder Staub sowie die Ein­stu­fung von Titan­diox­id als kreb­serzeu­gend Kat. 2. Auch zu erwäh­nen sind die aktuellen Beschränkungs- oder Zulas­sungsver­fahren unter REACH.

Unter Bezug­nahme auf die TOP-Rang­folge der Schutz­maß­nah­men[1] entste­ht dadurch eine ger­adezu infla­tionäre Forderung nach tech­nisch geschlosse­nen Sys­te­men, ungeachtet dessen, inwieweit diese ver­füg­bar, ein­set­zbar oder finanzier­bar sind. Dabei sollte aber auch nicht aus den Augen ver­loren wer­den, dass in Deutsch­land bere­its ein sehr hoher Arbeitssicher­heits­stan­dard besteht.

In diesem Kon­text wer­den nun sehr pauschale Forderun­gen nach Maß­nah­men­plä­nen laut. Diese Pläne sollen konkret beschreiben, mit welchen Maß­nah­men und in welchem Zeitraum die zu erfül­len­den Anforderun­gen erre­icht wer­den. Die Diskus­sion geht teil­weise soweit, dafür sog­ar Muster-Vor­la­gen anbi­eten zu wollen.

Bestehende Regelungen nutzen und auf unnötige neue Anforderungen verzichten

In dieser Diskus­sion wächst die Sorge nach einem unver­hält­nis­mäßi­gen Ver­wal­tungsakt. Außer­dem entste­ht der Ein­druck, es solle ein neues Werkzeug erstellt wer­den, mit dem die Maß­nah­men sowie die Ziel­er­re­ichung gewis­ser­maßen in einem Pla­nungss­chritt vorherse­hbar garantiert wer­den könnten.

Um nicht falsch ver­standen zu wer­den: Verän­derun­gen und Verbesserun­gen sollen nicht ver­hin­dert wer­den, sie sind notwendig und wichtig, sie müssen nur beson­nen, ver­hält­nis­mäßig, real­is­tisch und konkur­ren­zfähig sein.

Das Arbeitss­chutzge­setz, die Gefahrstof­fverord­nung und das tech­nis­che Regel­w­erk bieten bere­its alle notwendi­gen Werkzeuge, die dazu erforder­lich sind: Der „Hand­lungszyk­lus SIFA“ zum Beispiel wird im Rah­men der Aus­bil­dung zur Fachkraft für Arbeitssicher­heit inten­siv ver­mit­telt, und die Gefährdungs­beurteilung ist als geset­zliche Grundpflicht zur Umset­zung das Mit­tel der Wahl. Mit der Gefährdungs­beurteilung bei Tätigkeit­en mit Gefahrstof­fen beschäftigt sich aus­führlich eine eigene tech­nis­che Regel, die TRGS 400.

In der „Analyse“ wer­den alle notwendi­gen Infor­ma­tio­nen zur Arbeit­sumge­bung, den Tätigkeit­en sowie den gehand­habten Stof­fen für eine Beschrei­bung der Ist-Sit­u­a­tion zusam­menge­tra­gen. In den fol­gen­den Phasen „Beurteilung“ und „Set­zen von Zie­len“ wird die Sit­u­a­tion anhand der zu erre­ichen­den Schutzziele beurteilt. Danach sind Lösungsalter­na­tiv­en nach der STOP-Rang­folge zu find­en, Entschei­dun­gen über die umzuset­zen­den Lösun­gen zu tre­f­fen und die beschlosse­nen Maß­nah­men zu real­isieren. Die getrof­fe­nen Maß­nah­men sind danach auf Wirk­samkeit zu prüfen.

Der Kreis­lauf schließt sich und begin­nt gegebe­nen­falls von neuem, wenn die Maß­nah­men nicht aus­re­ichend waren, um das Schutzziel zu erre­ichen, allerd­ings mit verän­derten Startbe­din­gun­gen und unter Umstän­den anderen entschei­dungsrel­e­van­ten Rah­menbe­din­gun­gen. Dieser Ablauf kann auch dazu führen, dass weit­ere tech­nis­che Schutz­maß­nah­men nach ver­ant­wor­tungsvoller Abwä­gung der Argu­mente als nicht mehr zielführend oder wirtschaftlich ver­hält­nis­mäßig anzuse­hen sind und organ­isatorische oder per­sön­liche Schutz­maß­nah­men erforder­lich bleiben.

Dieser etablierte Hand­lungszyk­lus und die Gefährdungs­beurteilung nach TRGS 400 stellen einen Prozess dar, der als Maß­nah­men­plan beze­ich­net wer­den kann. Dieser ist bei der betrieblichen Anwen­dung mit konkreten Inhal­ten zu füllen.

Auch wenn es im Einzelfall möglich sein kann, ein Schutzziel mit ein­er Maß­nahme zu erre­ichen, wird es in der Regel aus fach­lichen, aber auch aus wirtschaftlichen Grün­den notwendig sein, den Zyk­lus mehrfach iter­a­tiv zu durch­laufen. Somit führt am Ende häu­fig eine Kom­bi­na­tion von Maß­nah­men zum Ziel, wie beispiel­sweise in der TRGS 500, Num­mer 5.6 beschrieben (siehe unten).

Die Nutzung der Gefährdungs­beurteilung führt zudem dazu, die betrieb­sspez­i­fis­che Umset­zung mit etablierten Abläufen und Mit­teln durchzuführen und zu dokumentieren.

Fazit

In den let­zten Jahren haben die Anforderun­gen an einen sicheren Umgang mit Gefahrstof­fen stetig zugenom­men, und die gesteck­ten Ziele wer­den immer schw­er­er zu erre­ichen. Eine sys­tem­a­tis­che Herange­hensweise zu deren Umset­zung ist empfehlenswert, um unwirk­same Maß­nah­men und unnötige Kosten zu vermeiden.

Es ist jedoch wed­er prak­tik­a­bel noch ver­hält­nis­mäßig, einen Maß­nah­men­plan zu fordern, bei dem in einem Pla­nungss­chritt bere­its alle Maß­nah­men festzule­gen sind, um das Erre­ichen des Schutzziels gewis­ser­maßen zu garantieren. Eine iter­a­tive und von Zwis­ch­en­ergeb­nis­sen abhängige, flex­i­ble Vorge­hensweise ist unerlässlich.

Wed­er für einen all­ge­meinen Maß­nah­men­find­ung­sprozess noch für dessen konkrete betrieb­sspez­i­fis­che Umset­zung sind neue Regelun­gen erforder­lich. Im beste­hen­den Geset­zes- und Regel­w­erk sind alle erforder­lichen Werkzeuge bere­its aus­re­ichend vorhanden.

Neue Regelun­gen und starre Maß­nah­men­pläne führen nur zu zusät­zlichem Ver­wal­tungsaufwand, der Ressourcen für die eigentliche Sicher­heit­sar­beit bindet und uns dem Ziel, sichere Arbeit­splätze auch zukun­ftssich­er zu gestal­ten, nicht näher brin­gen wird.

[1] TOP-Rang­folge nach TRGS 500: Gebot zur Anwen­dungsrei­hen­folge tech­nis­ch­er und organ­isatorisch­er vor per­sön­lichen Schutz­maß­nah­men. Die Sub­sti­tu­tion als primäre Anforderung (STOP-Rang­folge) wurde zur besseren Klarheit bewusst nicht genannt,
da sie für die Argu­men­ta­tion nicht erforder­lich ist.


Foto: privat

Autor:
Dr. Andreas Königer

Experte für
Gefahrstoffschutz

E‑Mail: andreas.koeniger@t‑online.de


TRGS 500 „Schutzmaßnahmen“, Nummer 5.6 „Kombination von Schutzmaßnahmen“

  1. Der Arbeit­ge­ber hat sicherzustellen, dass bei Tätigkeit­en mit Gefahrstof­fen keine Gefährdung für Beschäftigte und Dritte beste­ht, bzw. dass diese auf ein Min­i­mum reduziert ist. […]
  2. Oft­mals ist dazu eine einzelne Maß­nahme nicht aus­re­ichend, son­dern erst durch eine Kom­bi­na­tion ver­schieden­er Maß­nah­men wird eine aus­re­ichende Sicher­heit erre­icht und gewährleis­tet. Beispiel­sweise bleibt eine instal­lierte tech­nis­che Schutz­maß­nahme nur dann nach­haltig wirk­sam, wenn sie im Rah­men eines Wartungs­plans als beglei­t­ende organ­isatorische Schutz­maß­nahme regelmäßig geprüft und gewartet wird.
  3. Eine Kom­bi­na­tion im Sinne dieser TRGS ist die all­ge­meine Zusam­men­stel­lung aller tech­nis­chen, organ­isatorischen und per­so­n­en­be­zo­ge­nen Schutz­maß­nah­men unter Berück­sich­ti­gung von Sub­sti­tu­tion­s­möglichkeit­en, um ein fest­gelegtes Schutzziel zu erreichen.
  4. Die Zusam­men­stel­lung der Schutz­maß­nah­men ist nachvol­lziehbar darzustellen und in der Gefährdungs­beurteilung zu dokumentieren.
  5. Eine Kom­bi­na­tion von Schutz­maß­nah­men kann somit auch bein­hal­ten, dass bei nicht vorhan­de­nen Sub­sti­tu­tion­s­möglichkeit­en und nicht aus­re­ichen­den tech­nis­chen und organ­isatorischen Schutz­maß­nah­men der Ein­satz per­sön­lich­er Schutz­maß­nah­men entsprechend des STOP-Prinzips notwendig wird. Hier­bei ist ins­beson­dere die Ver­wen­dung von Atem‑, Augen- und Hand­schutz von beson­der­er Bedeutung.
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