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Das Durchgangsarztverfahren

Eine 100-jährige Erfolgsgeschichte
Das Durchgangsarztverfahren

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Eine Durchgangsärztin geht auch der Frage nach, ob ein Arbeitsunfall vorliegt. Foto: © Photographee.eu - stock.adobe.com
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In diesem Jahr feiert das Durch­gangsarztver­fahren sein 100-jähriges Jubiläum. Das Ver­fahren entwick­elte sich zu ein­er Erfol­gs­geschichte in der Ver­sorgung von Arbeits- und Wege­un­fällen. Denn die umge­hende Vorstel­lung eines Ver­let­zten bei einem Arzt mit hoher unfallmedi­zinis­ch­er Exper­tise ist für die Erfol­gsaus­sicht­en ein­er zügi­gen und möglichst voll­ständi­gen Gene­sung des Ver­let­zten von entschei­den­der Bedeutung.

Die Beze­ich­nung „Durch­gangsarzt“ wurde erst­mals im Jahr 1921 in den ver­traglichen Regelun­gen der Beziehun­gen zwis­chen Beruf­sgenossen­schaften und Krankenkassen ver­wen­det. Danach hat­ten die Krankenkassen die Unfal­lver­let­zten auf Wun­sch der Beruf­sgenossen­schaften anzuhal­ten, einen von den beteiligten Beruf­sgenossen­schaften beze­ich­neten Facharzt (Durch­gangsarzt) zu Rate zu ziehen. Zweck der Vorstel­lungspflicht beim Durch­gangsarzt war, auf­grund spez­i­fis­ch­er Ken­nt­nisse zu entschei­den, ob eine kassenärztliche Behand­lung aus­re­icht oder eine beruf­sgenossen­schaftliche Heil­be­hand­lung erforder­lich ist. Es mussten nicht alle Ver­let­zten in der Behand­lung beim Spezial­is­ten verbleiben. Sie soll­ten aber zur Ein­schätzung des Aus­maßes der Ver­let­zung und der sich daraus ergeben­den Behand­lung zumin­d­est bei diesem „durchge­hen“.

D‑Arzt frei wählbar

An dieser Devise hat sich bis heute nichts Grundle­gen­des geän­dert. Die Unfal­lver­sicherungsträger haben nach § 34 Sozialge­set­zbuch VII den Auf­trag, nach Ein­treten eines Ver­sicherungs­falls alle Maß­nah­men zu tre­f­fen, durch die eine möglichst frühzeit­ig ein­set­zende und sachgemäße Heil­be­hand­lung gewährleis­tet wird. Hierzu gehört auch, soweit erforder­lich, eine beson­dere unfallmedi­zinis­che Behand­lung. Zur Umset­zung dieser Grund­sätze dient nach wie vor in erster Lin­ie das Durch­gangsarztver­fahren. Im Inter­esse ein­er opti­malen Heil­be­hand­lung sollen grund­sät­zlich möglichst alle Unfal­lver­let­zten einem Durch­gangsarzt (D‑Arzt) vorgestellt werden.

Nach einem Arbeits- oder Wege­un­fall darf selb­stver­ständlich zunächst die am schnell­sten ver­füg­bare ärztliche Hil­fe in Anspruch genom­men wer­den. In bes­timmten Fällen muss der erst­be­han­del­nde Arzt den Unfal­lver­let­zten aber zu einem Durch­gangsarzt über­weisen, näm­lich wenn die Ver­let­zung über den Unfall­t­ag hin­aus zu ein­er Arbeit­sun­fähigkeit führt oder die Behand­lungs­bedürftigkeit voraus­sichtlich über eine Woche beträgt.

Eine Vorstel­lung beim D‑Arzt muss auch dann erfol­gen, wenn die Verord­nung von Heil- oder Hil­f­s­mit­teln erforder­lich ist oder es sich um eine Wieder­erkrankung auf­grund von Unfall­fol­gen han­delt. Der Unfal­lver­let­zte hat grund­sät­zlich die freie Wahl unter den Durchgangsärzten.

Qualifikation von D‑Ärzten

Die wichtig­ste Voraus­set­zung, die ein D‑Arzt erfüllen muss, ist seine Qual­i­fika­tion. Entsprechend den häu­fig­sten Unfal­lver­let­zun­gen muss er Facharzt für „Orthopädie und Unfallchirurgie“ und als solch­er niederge­lassen oder in ein­er Klinik tätig sein. Nach der Facharz­taus­bil­dung muss er außer­dem min­destens ein Jahr unfallchirur­gisch in einem Kranken­haus tätig gewe­sen sein, das zum soge­nan­nten Ver­let­zungsarten­ver­fahren zuge­lassen ist.

D‑Ärzte brauchen außer­dem eine beson­dere Prax­is- und Per­son­alausstat­tung. Zudem muss ein D‑Arzt zur Über­nahme beson­der­er Pflicht­en bere­it sein. So muss er beispiel­sweise bes­timmte Bere­itschaft­szeit­en gewährleis­ten und sich regelmäßig fort­bilden. Auch für D‑Ärzte gilt der Grund­satz „Übung macht den Meis­ter“. Deshalb müssen sie inner­halb eines Jahres min­destens 250 Arbeit­sun­fal­lver­let­zte erstversorgen.

Stellt sich ein Ver­sichert­er nach einem Arbeits- oder Wege­un­fall beim Durch­gangsarzt vor, so unter­sucht dieser ihn, erhebt einen Befund und stellt eine Diag­nose. Außer­dem nimmt er den Sachver­halt auf, indem er den Ver­let­zten zum Beispiel nach Unfall­her­gang, ‑ort und ‑zeit­punkt sowie seinem Ver­hal­ten nach dem Ereig­nis befragt. Auch nach früheren gesund­heitlichen Beein­träch­ti­gun­gen wird der Ver­let­zte gefragt, weil diese für den jet­zi­gen Unfall von Bedeu­tung sein kön­nten. Auf­grund des erhobe­nen Befun­des beurteilt und entschei­det der D‑Arzt dann, ob eine all­ge­meine Heil­be­hand­lung aus­re­icht oder eine beson­dere Heil­be­hand­lung erforder­lich ist.

Festlegung der Heilbehandlung

Bei leicht­en Ver­let­zun­gen genügt eine all­ge­meine Heil­be­hand­lung, die dann auch der Hausarzt durch­führen kann. Bei schw­er­eren Ver­let­zun­gen ist eine beson­dere Heil­be­hand­lung erforder­lich. Diese führt der D‑Arzt selb­st durch oder er über­weist den Ver­let­zten in eine Klinik. Über das Ergeb­nis sein­er Unter­suchung muss der Durch­gangsarzt einen soge­nan­nten D‑Arztbericht an die Beruf­sgenossen­schaft oder Unfal­lka­sse erstat­ten und auch über die weit­ere Behand­lung laufend informieren. Der behan­del­nde Arzt rech­net seine Kosten direkt mit dem Unfal­lver­sicherungsträger ab. Der Ver­let­zte braucht also keine Ver­sicherungskarte vorzulegen.

Weil der D‑Arzt entschei­det, ob die Heil­be­hand­lung zu Las­ten der Unfal­lver­sicherung durchge­führt wird, muss er sich bei der Ver­sorgung des Ver­let­zten auch mit der Frage befassen, ob über­haupt ein Arbeit­sun­fall vor­liegt. Zweifel kön­nen sich zum Beispiel bei Ver­dacht auf Alko­hol- oder Medika­mentene­in­fluss ergeben. Dies ist entsprechend im D‑Arztbericht zu doku­men­tieren. Liegt offen­sichtlich kein Arbeits‑, son­dern ein Freizeitun­fall vor, darf wed­er all­ge­meine noch beson­dere Heil­be­hand­lung ein­geleit­et wer­den. In diesem Fall erfol­gt die Behand­lung zu Las­ten der Krankenkasse.

Jetzt auch gültig für Beamte

Was für geset­zlich Unfal­lver­sicherte nun schon seit 100 Jahren selb­stver­ständlich ist, gilt seit kurzem auch für alle Bun­des­beamten, die einen Dienst- oder Wege­un­fall erlei­den: Nach dem Unfall muss zuerst ein Durch­gangsarzt aufge­sucht wer­den, wenn auf­grund der Ver­let­zung mit ein­er vorüberge­hen­den Dien­stun­fähigkeit über den Unfall­t­ag hin­aus oder mit ein­er Behand­lungs­bedürftigkeit zu rech­nen ist. Diese Änderung ist mit der neuen Heil­ver­fahrensverord­nung am 14. Novem­ber 2020 in Kraft getreten.


Hilfe bei der D‑Arzt-Suche

Bun­desweit gibt es rund 4.200 niederge­lassene oder in Kranken­häusern und Kliniken tätige Durch­gangsärzte, die jährlich cir­ca 3.200.000 Ver­sicherte der geset­zlichen Unfal­lver­sicherung ver­sor­gen. Wo sich der näch­st­gele­gene Durch­gangsarzt befind­et, erfahren Sie zum Beispiel auf den Not­fallplä­nen, die in den Betrieben aushän­gen. Die Deutsche Geset­zliche Unfal­lver­sicherung stellt zudem im Inter­net eine Suche über die Ort­seingabe zur Verfügung.

https://lviweb.dguv.de

 

Autorin: Tan­ja Sautter

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