Wenn der Streit eskaliert. Urteile zu Handgreiflichkeiten unter Kollegen -
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Urteile zu Handgreiflichkeiten unter Kollegen

Wenn der Streit eska­liert

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Handfeste Auseinandersetzungen unter Kollegen beschäftigen nicht selten auch die Gerichte. Foto: © raluca teodorescu - stock.adobe.com
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Hitzige Diskus­sio­nen mit Kolle­gen über betrieb­li­che Vorgänge sind keine Selten­heit. Doch was, wenn die Situa­tion eska­liert und in eine Prüge­lei ausar­tet? Ist das dann ein Arbeits­un­fall? Zwei Urteile des Landes­so­zi­al­ge­richts (LSG) Baden‐Württemberg zeigen: Es kommt darauf an.

Im ersten Fall war der Kläger mit mehre­ren Kolle­gen auf dem Rück­weg von einer Baustelle zurück zum Unter­neh­men. Nach dem Arbeits­tag auf der Baustelle waren alle stark verschwitzt. Es kam zum Streit darüber, ob man die Wagen­fens­ter öffnen oder lieber Zugluft vermei­den solle. Als ein Kollege, der wieder­holt das Fens­ter öffnete und schloss, vom Kläger schließ­lich abge­setzt wurde, eska­lierte der Streit: Der Kollege öffnete die Beifah­rer­tü­ren und der Fahrer stieg aus, um diese wieder zu schlie­ßen. Darauf­hin schlug der Kollege ihm mit der Faust ins Gesicht und versetzte dem am Boden Liegen­den noch einen Fußtritt an den Kopf. Das Opfer erlitt eine Schä­del­prel­lung und Haut­ab­schür­fun­gen. Der Täter wurde später wegen vorsätz­li­cher Körper­ver­let­zung zu einer Geld­strafe verur­teilt.

(K)ein Arbeits­un­fall?

Die Berufs­ge­nos­sen­schaft (BG) lehnte die Aner­ken­nung eines Arbeits­un­falls ab. Sie stellte sich auf den Stand­punkt, der Streit sei nicht aus betrieb­li­chen Grün­den, sondern aus persön­li­chen bezie­hungs­weise kultu­rel­len Diffe­ren­zen eska­liert – der Täter stammt aus der Türkei, der Kläger aus dem Kosovo. Das Landes­so­zi­al­ge­richt (LSG) sah dies jedoch anders und gab dem Kläger Recht: Das versi­cherte Zurück­le­gen des Weges zur Arbeits­stätte sei die maßgeb­li­che Ursa­che für die Ausschrei­tun­gen. Der Täter wollte den Kläger daran hindern, die Fahr­zeug­tü­ren zu schlie­ßen, um die Weiter­fahrt zu verhin­dern. Die Ursa­chen des Streits lagen also nicht im priva­ten Bereich begrün­det, sondern in der versi­cher­ten Tätig­keit des Klägers als Fahrer. Der Streit über das Lüften hatte auch einen konkre­ten Bezug zur Arbeit und wirkte in der Straf­tat unmit­tel­bar nach. Dass der Kläger zum Unfall­zeit­punkt sein Fahr­zeug verlas­sen hatte, um die Türen zu schlie­ßen, ändere nichts daran: Dies sei notwen­dig gewe­sen, um den rest­li­chen Weg zurück­le­gen zu können.

(Urteil des Landes­so­zi­al­ge­richts Baden‐Württemberg vom 22.11.2017, Az. L 1 U 1277/17)

Körper­ver­let­zung, Fall 2

Anders beur­teilte das LSG den Streit in einem mittel­stän­di­schen Betrieb, bei dem es eben­falls zu einer Körper­ver­let­zung kam. Der Kläger hatte eine hitzige Diskus­sion mit einem Kolle­gen über die Arbeits­ab­läufe in der Firma. Eine halbe Stunde später eska­lierte die Situa­tion derart, dass er auf den Kolle­gen zurannte und ihm den Kopf in den Rumpf rammte. Dabei zog sich der Angrei­fer einen Hals­wir­bel­bruch zu, während der Atta­ckierte mit einer Rippen­prel­lung davon­kam. Ausge­rech­net der Angrei­fer wollte seine Verlet­zung als Arbeits­un­fall aner­kannt haben, was die BG jedoch ablehnte. In diesem Fall bestä­tigte das LSG die Entschei­dung der BG. Dem Kläger sei es nicht mehr wesent­lich um die Klärung des circa 30 Minu­ten zurück­lie­gen­den Konflikts gegan­gen, sondern darum, den Kolle­gen umzu­wer­fen. Ein solches Verhal­ten könne selbst dann, wenn im Waren­la­ger ein „rauer Ton“ herrschte und wech­sel­sei­tige Belei­di­gun­gen zwischen dem Kläger und Kolle­gen immer wieder vorka­men, nicht als betriebs­dien­lich ange­se­hen werden.

(Urteil des Landes­so­zi­al­ge­richts Baden‐Würt­tem­berg vom 22.11.2017, Az. L 1 U 1504/17)

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