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Gefährdungsbeurteilung psychische Belastungen - Einfach mal anfangen. Allgemeine und spezielle Hinweise und ein erfolgreiches Modul

Psychische Belastungen Teil 5
Einfach anfangen – Das BMPG Basismodul

Die Beurteilung und Abwehr psychischer Belastungen sollte nicht durch künstlich aufgeblähte Scheinkomplexität verzögert werden: Schon mit einfachen Mittel lassen sich wesentliche Gefährdungen erkennen, so dass ohne größeren Aufwand wichtige Punkte psychischer Belastungen zugänglich werden. Nachfolgend wird ein Basismodul vorgestellt, das diese Kriterien erfüllt.
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Die Beurteilung und Abwehr psy­chis­ch­er Belas­tun­gen sollte nicht durch kün­stlich aufge­blähte Scheinkom­plex­ität verzögert wer­den: Schon mit ein­fachen Mit­tel lassen sich wesentliche Gefährdun­gen erken­nen, so dass ohne größeren Aufwand wichtige Punk­te psy­chis­ch­er Belas­tun­gen zugänglich wer­den. Nach­fol­gend wird ein Basis­mod­ul vorgestellt, das diese Kri­te­rien erfüllt.

Der Titel „Ein­fach anfan­gen“ ist bewusst dop­peldeutig: er ist zunächst in dem Sinne „ein­fach mal anfan­gen“ zu ver­ste­hen, dann aber auch, sich dem Prob­lem auf ein­er zunächst ein­fachen Ebene zu näh­ern. Bei­des ist möglich.

Grundlagen

Das Basis­mod­ul für psy­chis­che Gefährdun­gen (BMPG) fußt auf der Fest­stel­lung, dass die arbeit­spsy­chol­o­gis­che Forschung der let­zten Jahre und Jahrzehnte einen klaren Cor­pus an Belas­tungsmo­menten her­aus­gear­beit­et hat, die typ­is­cher­weise zu psy­chis­chen Beanspruchun­gen führen können.
Dabei gibt es ver­gle­ich­sweise ein­deutige Zuord­nun­gen zwis­chen Belas­tungsmo­ment, psy­chis­ch­er Auswirkung und den notwendi­gen Gestal­tungs­maß­nah­men, um mögliche Gefährdun­gen zu reduzieren. Insofern geht es hier nicht etwa darum, etwa neue psy­chis­che Gefahren­la­gen zu erken­nen, son­dern „nur“ darum, bere­its bekan­nte Sit­u­a­tio­nen im Betrieb zu identifizieren.
Die Iden­ti­fika­tion solch­er bekan­nter und gut beschrieben­er Sit­u­a­tio­nen ist der Sinn des Basis­moduls BMPG. Prob­leme, die zum Beispiel mit neuen Arbeits­for­men ver­bun­den sind, kön­nen hier nicht berück­sichtigt wer­den, da bei ihnen ein­fache Antworten noch nicht möglich sind.
Insofern ist es sin­nvoll, die Gefährdungs­beurteilung psy­chis­ch­er Belas­tun­gen in zwei Stufen umzuset­zen: zunächst Iden­ti­fika­tion und Abwehr längst bekan­nter Prob­leme mit ver­gle­ich­sweise geringem Diskus­sions­be­darf, dann – darauf auf­sat­tel­nd – die Behand­lung noch nicht gut bekan­nter Gefährdun­gen mit eher hohem Erfas­sungs- und Gestal­tungs­be­darf. Das Basis­mod­ul ist der ersten Stufe zuzurech­nen und entspricht den ori­en­tieren­den Ver­fahren nach DIN EN ISO 10075 – 3.

Das Modul

Das Basis­mod­ul aus Tabelle 1 betra­chtet ins­ge­samt 12 mögliche Belas­tungs­felder, die jene Merk­male enthal­ten, die in Kap. 5.3 der „Leitlin­ie Beratung und Überwachung bei psy­chis­ch­er Belas­tung am Arbeit­splatz“ der Gemein­samen Deutschen Arbeitss­chutzs­trate­gie (GDA) genan­nt sind. Die Anlehnung an diese Leitlin­ie wurde bewusst gesucht, um eine Anbindung an die Empfehlun­gen für Auf­sichts­be­hör­den zu erreichen.
Nicht berück­sichtigt sind dage­gen neue Arbeits­for­men mit atyp­is­chen Arbeitsver­hält­nis­sen, reduziert­er Abgren­zung zwis­chen Arbeit und Pri­vatleben, räum­liche Mobil­ität usw. Dies sind Fak­toren, die nicht durch eine Basis-Erhe­bung erfasst wer­den kön­nen. Sie gehören der zweit­en Stufe an.
Für jedes der 12 Belas­tungs­felder wer­den jew­eils drei so genan­nte „Indika­tor­fra­gen“ gestellt. Diese beziehen sich so konkret wie möglich auf die jew­eilige Arbeitssi­t­u­a­tion und helfen daher, die eher all­ge­meinen Begrif­flichkeit­en der Belas­tungs­felder mit konkret am Arbeit­splatz abprüf­baren Kri­te­rien zu verbinden. Gle­ichzeit­ig kann über die Häu­figkeit­sangaben eine semi­quan­ti­ta­tive Abschätzung der Belas­tungsin­ten­sität erre­icht wer­den. Da in der ersten Spalte die möglichen Gefährdun­gen niedergelegt sind, kann so auch fest­gestellt wer­den, welche Gefährdun­gen mit dem jew­eili­gen Belas­tungs­feld ver­bun­den sein können.

Anwendung

Grund­lage ist die Tabelle 1 mit ihren Kri­te­rien. Für jede rel­e­vante Tätigkeit ist eine eigene Beurteilung erforder­lich, wie dies auch durch das Arbeitss­chutzge­setz gefordert ist. Das Aus­füllen des Erfas­sungs­bo­gens erfol­gt dann im Rah­men ein­er Betrieb­s­bege­hung durch die Fachkraft für Arbeitssicher­heit, den Sicher­heitsin­ge­nieur oder den Betrieb­sarzt. Auch eine gemein­same und daher bere­its unter den Pro­fes­sio­nen abges­timmte Bear­beitung ist sich­er denkbar und auch wün­schenswert. Nicht vorge­se­hen ist der Ein­satz als Instru­ment für Mitarbeiterbefragungen.
Grund­vo­raus­set­zung ist selb­stver­ständlich eine hin­re­ichende Ken­nt­nis des Arbeit­splatzes und sein­er all­ge­meinen Bedin­gun­gen. Deshalb ist es sin­nvoll, die Erhe­bung der psy­chis­chen Belas­tungs­fak­toren erst nach Durch­führung der Beurteilung eher tech­nisch-physikalis­ch­er Para­me­ter in Angriff zu nehmen.
Jede Frage kann in drei Inten­sitätsstufen bear­beit­et wer­den: „Typ­isch / Häu­fig“, „Hin und wieder“, „sel­ten / nie“. „Typ­isch“ heißt in diesem Falle, dass die Belas­tungssi­t­u­a­tion unmit­tel­bar und in sys­tem­a­tis­ch­er Weise mit der Tätigkeit ver­bun­den ist. Beispiel: Die Bedro­hung durch Feuer bei einem Feuerwehrmann.
Für die Wahl der Häu­figkeit­sangaben kön­nen fol­gende Empfehlun­gen gegeben wer­den: „Häu­fig“, wenn das Tätigkeitsmerk­mal täglich bis min­destens ein­mal pro Woche auftritt. „Hin und wieder“ sollte gewählt wer­den, wenn das Merk­mal im Abstand von ein­er Woche bis einem Monat auftritt. Tritt das Merk­mal nur alle paar Monate oder gar nicht in Erschei­n­ung: „sel­ten / nie“.
Soll­ten Fra­gen nicht zu klären oder ein­er direk­ten Beant­wor­tung durch die Bear­beit­er nicht zugänglich sein (z. B. im Feld 11 über soziale Beziehun­gen), dann bitte offen lassen und für eine spätere Klärung zurückstellen.

Auswertung

Mit Aus­füllen des Basis­moduls entste­ht ein psy­chis­ches Belas­tung­spro­fil für die jew­eilige Tätigkeit, das in die all­ge­meine Doku­men­ta­tion der Gefährdungs­beurteilung inte­gri­ert wer­den muss und Aus­sagen zu den möglichen psy­chis­chen Ein­flussgrößen auf die Mitar­beit­er ermöglicht. Durch die Zuord­nung der Gefährdungsvari­anten in der ersten. Spalte zu den jew­eili­gen Belas­tungs­feldern kön­nen die poten­ziellen Beanspruchungs­fol­gen direkt abge­le­sen werden.
Sowohl die Zuord­nung der Gefährdun­gen im Mod­ul als auch die Maß­nah­men­vorschläge der Tabelle 2 basieren nicht etwa auf Eigenein­schätzun­gen, son­dern sind fast auss­chließlich dem Infoteil A aus BAuA 2013 entnommen.
Tabelle 1 zeigt den fer­ti­gen Erhe­bungs­bo­gen für die Tätigkeit eines San­itäters (ohne Ret­tung­sein­satz), der seinen Dienst für eine große deutsche Hil­f­sor­gan­i­sa­tion ableis­tet. Der Ein­satz erfol­gt bei Massen­ver­anstal­tun­gen wie Volks­festen, in The­atern, bei öffentlichen Dar­bi­etun­gen, Fußball­spie­len usw.
Die Auswer­tung ergibt, dass als Belas­tun­gen ins­beson­dere die hohe Ver­ant­wor­tung, emo­tionale Inanspruch­nahme, emo­tionale Dis­so­nanz sowie die Arbeit­szeit­en disku­tiert wer­den müssen und bei län­ger­er Tätigkeit unter Umstän­den Angstzustände, affek­tive Störun­gen und depres­sive Episo­den auftreten kön­nen. Von gerin­ger­er Bedeu­tung sind ver­bale und kör­per­liche Attack­en oder die eingeschränk­ten Kommunikationsmöglichkeiten.
Nach Erfas­sung der Belas­tungssi­t­u­a­tion und der möglichen gesund­heitlichen Fol­gen, soll­ten diese im Arbeitss­chutz-Auss­chuss (ASA) disku­tiert und abges­timmt wer­den. Dabei sollen auch die Punk­te besprochen wer­den, die – aus welchen Grün­den auch immer – nicht beant­wortet wer­den konnten.
Anschließend erfol­gt die gemein­same Fes­tle­gung der entsprechen­den Schutz­maß­nah­men. Hier­für kann Tab. 2 Anre­gun­gen geben. Was aus dem ange­bote­nen Bün­del tat­säch­lich umge­set­zt wird, hängt dann von den jew­eili­gen Möglichkeit­en ab. Im genan­nten konkreten Falle des San­itäters kön­nten dies z. B. sein: Inten­si­vere Train­ings / Schu­lun­gen (inklu­sive eines Deeskala­tion­strain­ings – bei Fußball­spie­len nicht unwichtig), Über­ar­beitung der Dien­st­pläne, mit dem Ziel eine Anhäu­fung untyp­is­ch­er Arbeit­szeit­en zu reduzieren sowie die Möglichkeit von Seel­sorgege­sprächen / psy­chol­o­gis­che Betreu­ung nach Extremerfahrungen.
In Klein­be­trieben ohne ASA und ggf. ohne Betrieb­srat muss die Abstim­mung dann zwis­chen dem Arbeit­ge­ber und der betreuen­den Fachkraft für Arbeitssicher­heit sowie dem Betrieb­sarzt erfol­gen. Grund­sät­zlich ist aber auch hier eine Grup­pe­nentschei­dung anzus­treben, wobei selb­stver­ständlich schon aus rechts­for­malen Grün­den in bei­den Betrieb­stypen die Let­z­tentschei­dung dem Arbeit­ge­ber obliegt.
Sollte es sich her­ausstellen, dass mit dem BMPG keine aus­re­ichen­den Ergeb­nisse erzielt wer­den kon­nten, so sollte in der zweit­en Stufe ein zusät­zlich­es Ver­fahren angewen­det wer­den, etwa eine Mitar­beit­er­be­fra­gung oder eine mod­erierte Beurteilung unter Ein­beziehung der Beschäftigten.

Diskussion

Die Vorteile des BMPG liegen auf der Hand. Ein­fache Anwen­dung, konkrete Fra­gen zur Arbeitssi­t­u­a­tion, eine wis­senschaftlich gute doku­men­tierte Ver­schränkung zwis­chen Arbeitssi­t­u­a­tion, Gefährdung und Gestal­tungs­maß­nah­men als Basis des Ver­fahrens machen das BMPG zu einem ide­alen „Ein­steiger­tool“, das in den meis­ten Kle­inst- und Klein­be­trieben aus­re­ichend sein wird, um psy­chis­che Gefährdun­gen abzuwehren. Die Anwen­dung erfordert keine spez­i­fis­chen Fachken­nt­nisse und kann selb­st durch einen nicht arbeitswis­senschaftlich gebilde­ten Arbeit­ge­ber umge­set­zt werden.
Selb­stver­ständlich hat das Ver­fahren auch Nachteile: Es wird ins­beson­dere kom­plexe psy­chis­che Sit­u­a­tio­nen nicht hin­re­ichend erfassen kön­nen – ist dafür aber auch nicht gedacht. Auch die bere­its ange­sproch­enen neuen Arbeits­for­men sind bewusst nicht berück­sichtigt, da wir deren Auswirkun­gen noch nicht voll ver­standen haben. Prob­lema­tisch ist sich­er auch die Frage nach den sozialen Beziehun­gen bzw. nach der Führungskul­tur im Betrieb und den sich daraus ergeben­den Auswirkun­gen. Sie ist im BMPG nur gestreift und kann lediglich dazu dienen, das The­ma in die Diskus­sion zu bringen.
Prob­leme kön­nen auch entste­hen, da die Beurteilung durch den Arbeit­ge­ber oder den Arbeitss­chutz­fach­mann nicht der Sicht der Betrof­fe­nen, der Arbeit­nehmer, entspricht. Dies kön­nen nur Mitar­beit­er­be­fra­gun­gen leis­ten, die aber wieder andere Nachteile haben. Das „allum­fassende“ Tool gibt es halt nicht und jede Fes­tle­gung auf eine bes­timmte Meth­ode trägt bere­its im Keim eine poli­tis­che und keine natur­wis­senschaftlich-tech­nis­che Wer­tung bzw. Zielrichtung.
Ins­ge­samt ist das BMPG beson­ders für Handw­erks- und Pro­duk­tions­be­triebe und – all­ge­mein gesprochen – für alle Bere­iche mit eher prak­tis­ch­er Arbeit geeignet. Dazu gehören auch ein­fachere Dien­stleis­tungs- und Ver­wal­tungs­berufe sowie ähn­lich gelagerte Tätigkeit­en. Aber auch in Groß­be­trieben und bei kom­plex­eren Arbeitssi­t­u­a­tio­nen kann das BMPG eine erste Ori­en­tierung geben, welche Prob­leme anzus­prechen und mit spezielleren Mit­teln zu bear­beit­en sind. Das BMPG kann daher auch in der Grund­be­treu­ung nach der DGUV Vorschrift 2 als Weg­weis­er in die betrieb­sspez­i­fis­che Betreu­ung hil­fre­ich sein. Eine aus­füll­bares pdf-Arbeits­blatt kann kosten­frei über den Autor bezo­gen wer­den, eine kurze E‑Mail an unten­ste­hende Adresse genügt.
Quellen
  • BAuA (Hrsg.) (2013): Gefährdungs­beurteilung psy­chis­ch­er Belas­tung. Erfahrun­gen und Empfehlun­gen. – Erich Schmidt Ver­lag, Berlin, 286 pp
  • DIN EN ISO 10075 – Ergonomis­che Grund­la­gen bezüglich psy­chis­ch­er Arbeits­be­las­tung Teil 3: Grund­sätze und Anforderun­gen an Ver­fahren zur Mes­sung und Erfas­sung psy­chis­ch­er Arbeits­be­las­tung (ISO 10075–3:2004)
  • GDA-Leitlin­ie Beratung und Überwachung bei psy­chis­ch­er Belas­tung am Arbeit­splatz; Inter­net: http://www.gda-portal.de/de/pdf/Leitlinie-Psych-Belastung.pdf?__blob=publicationFile&v=9
Autor:
Dr. rer nat. Ger­ald Schnei­der BAD GmbH Gesund­heitsvor­sorge und Sicherheitstechnik
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