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Elektromobilität — aber sicher!

Fragen stellen sich heute
Elektromobilität — aber sicher!

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Knap­per wer­dende fos­sile Brennstoffe sowie der ein­set­zende Kli­mawan­del haben der Entwick­lung neuer Antrieb­stech­nolo­gien im Fahrzeug­bere­ich einen enor­men Schub ver­liehen. Hin­ter der hoch­poli­tis­chen The­matik, die unter dem Begriff „Elektromobilität“1 zusam­menge­fasst wird, ver­ber­gen sich aus Sicht der Unfal­lver­sicherung weit mehr, als neue Antrieb­stech­niken mit erhöht­en elek­trischen Gefährdun­gen. In welchem Umfang die The­matik „Elek­tro­mo­bil­ität“ für den Arbeitss­chutz tat­säch­lich von Rel­e­vanz ist und wo die Arbeitss­chützer der Unfal­lver­sicherung längst gefragte Ansprech­part­ner für die Indus­trie und öffentliche Hand sind, zeigt der fol­gende Beitrag.

Dr. Heinz Schmid

Am 03. Mai 2010 hat die deutsche Bun­desregierung in ein­er gemein­samen Erk­lärung mit der Indus­trie die Nationale Plat­tform Elek­tro­mo­bil­ität (NPE) etabliert. Nach dieser Erk­lärung ste­ht eine „zukun­fts­fähige Mobil­ität … auf vie­len Säulen und ist für den Wirtschafts- und Tech­nolo­gi­e­s­tandort Deutsch­land von her­aus­ra­gen­der Bedeu­tung. Bis zum Jahr 2020 sollen min­destens eine Mil­lion Elek­tro­fahrzeuge auf Deutsch­lands Straßen fahren“. In der Erk­lärung heißt es weit­er, dass die Elek­tro­mo­bil­ität als Schlüs­sel­tech­nolo­gie dazu einen wesentlichen Beitrag leis­ten wird. Ziel der Indus­trie und Poli­tik ist es, „Deutsch­land zum Leit­markt und Lei­tan­bi­eter für Elek­tro­mo­bil­ität zu entwick­eln.“
Mit dieser Erk­lärung wurde das The­ma „Elek­tro­mo­bil­ität“ ganz oben auf die Agen­da geset­zt. Um die ambi­tion­ierten Ziele zu erre­ichen, hat die Regierung „die beteiligten Indus­triezweige, alle poli­tis­chen Ebe­nen, die Wis­senschaft und Forschung sowie Ver­brauch­er- und Umweltver­bände aufge­fordert“, ihren Beitrag zu leis­ten.
Auch die geset­zliche Unfal­lver­sicherung sieht sich hier in der Pflicht, weil sie Entschei­den­des zur Sicher­heit bei der Entwick­lung, dem Bau sowie dem Betrieb von Elek­tro­fahrzeu­gen beitra­gen kann. Durch die Nähe der Präven­tions­di­en­ste zu den Betrieben, die sich für die Unfal­lver­sicherung im Rah­men ihres Überwachungs- und Beratungsauf­trags nach SGB VII ergibt, ver­fügt die Unfal­lver­sicherung in ihrer Gesamtheit über ein alle Branchen über­greifend­es Früh­warn­sys­tem.
Die Arbeitss­chutz­fach­leute der Unfal­lver­sicherungsträger beobacht­en und begleit­en seit jeher neue tech­nol­o­gis­che Entwick­lun­gen – auch die in diesem Beitrag the­ma­tisierten neuen Antrieb­stech­nolo­gien in der Fahrzeugtech­nik – von Beginn an und brin­gen zum Schutz der Ver­sicherten bere­its seit Jahren ihr Fach­wis­sen und ihre branchen­spez­i­fis­chen Erfahrun­gen mit ein.
Nach­dem die Zahl der Zulas­sun­gen für Elek­troau­tos steigt, nehmen auch die Anfra­gen aus den unter­schiedlich­sten Wirtschaft­szweigen und Ein­rich­tun­gen der öffentlichen Hand zu. Die Anfra­gen gehen inzwis­chen weit über den Auto­mo­bil­bau hin­aus und berühren auch ver­meintlich nicht betrof­fene Per­so­n­enkreise (z. B. Ers­thelfer am Unfal­lort) und Branchen (z. B. „Was müssen freie Werk­stät­ten bei der Wartung von Elek­tro­fahrzeu­gen beacht­en?“). Ein dauer­haftes Beobacht­en der weit­eren Entwick­lung im Sinne eines „Risiko­radars“ ist für die Unfal­lver­sicherung derzeit eben­so drin­gend geboten wie eine prax­is­na­he Unter­stützung der Betriebe und betrof­fe­nen Per­so­n­enkreise.
Kom­plexe Auswirkun­gen
Hin­ter der The­matik „Elek­tro­mo­bil­ität“ ver­ber­gen sich weit mehr als neue Antrieb­stech­nolo­gien in der Fahrzeugtech­nik, wie Elek­tro­mo­toren, Hybri­dantriebe, Wasser­stof­fzellen oder so genan­nte „Super­Caps“ für Elek­trobusse. Es ist inzwis­chen nicht mehr ver­messen, davon auszuge­hen, dass die klas­sis­chen Otto- und Diesel­mo­toren im Zuge der geplanten „Elek­tri­fizierung“ des Straßen­verkehrs in großen Teilen von Elek­tro­mo­toren abgelöst wer­den. Daraus resul­tieren gravierende Umwälzun­gen für die gesamte Pro­duk­tion der Auto­mo­bil- und Zulieferindus­trie. Daraus resul­tiert weit­er­hin eine völ­lig neue Infra­struk­tur in der Stromver­sorgung. Diese Verän­derun­gen gehen weit über die seit Beginn der Auto­mo­bil­her­stel­lung zu beobach­t­ende Her­stel­lung einzel­ner Elek­troau­tos hin­aus, da wir es kün­ftig mit ein­er flächen­deck­enden Ver­bre­itung von Elek­tro­mo­bilen zu tun haben wer­den.
Viel Neues …
Die neuen Antrieb­stech­nolo­gien wer­den weit­ere tech­nol­o­gis­che Neuerun­gen ini­ti­ieren. Nach Auskun­ft von Experten ist die Elek­tro­mo­bil­ität eng mit der Entwick­lung neuer Mate­ri­alen für den Karosseriebau ver­bun­den. Um die Reich­weite von Elek­tro­mo­bilen zu steigern, muss das Gewicht kün­ftiger Fahrzeuge drastisch sinken (Leicht­bauweise). Als Mate­ri­alien für den Fahrzeug­bau scheinen Kohle­fasern eine entschei­dende Rolle zu spie­len. Die Auto­mo­bil­her­steller sind mit Hochdruck dabei, ihre Meth­ode für die Leicht­bauweise möglichst schnell mark­t­fähig zu machen. Derzeit befind­en sich allerd­ings die Ver­bund­ver­fahren zum Verkleben der Kohle­fasern noch im Entwick­lungssta­di­um. Welche spez­i­fis­chen Risiken diese neuen Ver­bundtech­nolo­gien bergen, ist derzeit nicht abzuschätzen.
Mit Beginn der Serien­pro­duk­tion von Elek­troau­tos richtete sich der Blick der geset­zlichen Unfal­lver­sicherung auf die Mitar­beit­er ent­lang der Wertschöp­fungs­kette (vom Rohstoff über die Entwick­lung und Pro­duk­tion bis zum Ser­vice). Mit nun steigen­den Zulas­sungszahlen elek­trisch betrieben­er Autos sind zunehmend Per­so­n­enkreise und Branchen außer­halb dieser klas­sis­chen Wertschöp­fungs­kette in den Fokus der Unfal­lver­sicherung gerückt. Die geset­zliche Unfal­lver­sicherung hat Vor dem Hin­ter­grund dieser kom­plex­en Entwick­lun­gen hat die geset­zliche Unfal­lver­sicherung eine erste, alle Branchen ein­schließende Analyse durchge­führt und ist dabei mit Blick auf die The­matik „Elek­tro­mo­bil­ität“ unter anderem fol­gen­den Fra­gen nachge­gan­gen, die im fol­gen­den beant­wortet wer­den:
  • 1. Mit welchen „neuen“ Gefährdun­gen ist im Zuge der Ein­führung elek­trisch­er Antrieb­stech­nolo­gien im Fahrzeug­bere­ich zu rech­nen?
  • 2. Welche Per­so­n­enkreise und Branchen sind von der The­matik kün­ftig betrof­fen bzw. kön­nten betrof­fen sein?
  • 3. Was bietet die Unfal­lver­sicherung bere­its heute an Hil­fen für die Prax­is?
  • 4. Wo beste­ht aus Sicht der Unfal­lver­sicherung derzeit Hand­lungs­be­darf?
  • 1. Mit welchen „neuen“ Gefährdun­gen ist im Zuge der Ein­führung elek­trisch­er Antrieb­stech­nolo­gien im Fahrzeug­bere­ich zu rech­nen?
Bei der The­matik „Elek­tro­mo­bil­ität“ ist man leicht geneigt, die elek­trischen Gefährdun­gen, die von den in Fachkreisen so genan­nten „Hochvoltsystemen“2 aus­ge­hen, in den Blick zu nehmen. Die elek­trischen Span­nun­gen, die in Fahrzeu­gen mit Hoch­volt­tech­nik auftreten kön­nen, liegen in der Tat um einiges höher als in kon­ven­tionellen Kraft- und Nutz­fahrzeu­gen üblich und spie­len daher sicher­lich eine zen­trale Rolle. Darüber hin­aus sind auch Gefährdun­gen möglich, die erst bei näher­er Analyse des gesamten kün­fti­gen Umfelds der neuen Fahrzeuge zum Vorschein kom­men. Es han­delt sich unter anderem um chemis­che Gefährdun­gen, die von Lithi­um-Ionen-Bat­te­rien aus­ge­hen kön­nen oder um erhöhte Brand- und Explo­sion­s­ge­fahren, die beschädigte (z. B. nach einem Unfall), aber auch schein­bar intak­te Energiespe­ich­er bergen kön­nen. Mech­a­nis­che Gefährdun­gen (zum Beispiel für Fußgänger höhere Unfall­ge­fahren durch akustisch kaum wahrnehm­bare Fahrzeug­geräusche) kom­men als erhöht­es Risiko, das nicht sofort ins Blick­feld gerät, hinzu.
Im Rah­men der oben genan­nten Analyse wur­den von der Unfal­lver­sicherung im Zusam­men­hang mit der Elek­tro­mo­bil­ität sechs Gefährdun­gen im inner- wie außer­be­trieblichen Umfeld abgeleit­et. Dieses Gefährdung­spro­fil geht – wie beschrieben – weit über die im klas­sis­chen Ver­ständ­nis for­mulierte Wertschöp­fungs­kette hin­aus.
Die im Zusam­men­hang mit Elek­tro­mo­bil­ität auftre­tenden möglichen Gefährdun­gen sind in Tabelle 1 zusam­menge­fasst.
Die in Tabelle 1 gelis­teten Gefährdun­gen sind für die Unfal­lver­sicherung nicht neu. Allerd­ings wer­den diese Gefährdun­gen wegen des zu erwartenden flächen­deck­enden Vorkom­mens von Elek­tro­fahrzeu­gen quan­ti­ta­tiv eine andere Dimen­sion annehmen. Auch qual­i­ta­tiv wer­den es beispiel­sweise Kraft­fahrzeug­mechaniker bei der Wartung oder Reparatur von Elek­troau­tos mit wesentlich höheren Span­nun­gen zu tun haben. Während die klas­sis­che Auto­bat­terie mit 12 V arbeit­et, wer­den es bei Elek­troau­tos etwa 400 V sein. Das erfordert weit­erge­hende Schutz­maß­nah­men für die Beschäftigten.
2. Welche Per­so­n­enkreise und Branchen sind von der The­matik kün­ftig betrof­fen bzw. kön­nten betrof­fen sein?
Die geset­zliche Unfal­lver­sicherung ist naturgemäß daran inter­essiert, zu wis­sen, welche Branchen und Per­so­n­en von neuen tech­nol­o­gis­chen Entwick­lun­gen betrof­fen sind – sowohl aus Grün­den des Arbeitss­chutzes wie aus ver­sicherungsrechtlichen Grün­den.
Die Analyse zeigte, dass im Grunde alle Unfal­lver­sicherungsträger des gewerblichen wie des öffentlichen Bere­ichs unmit­tel­bar oder mit­tel­bar Berührungspunk­te zur Elek­tro­mo­bil­ität aufweisen. Diese bre­ite Betrof­fen­heit war auch für die geset­zliche Unfal­lver­sicherung als Gesamtes und im Überblick betra­chtet über­raschend und so nicht erwartet wor­den.
Von den Gefährdun­gen, die von alter­na­tiv­en Antrieb­stech­nolo­gien aus­ge­hen kön­nen, sind zum Beispiel neben Ret­tungs- und Bergungs­di­en­sten auch San­itäter, Abschlep­pun­ternehmen, Pan­nen­helfer, Per­so­n­en auf dem Weg zur Arbeit/zur Schule (kaum wahrnehm­bare akustis­che Antrieb­s­geräusche), Per­so­n­en mit Herz­schrittmach­ern (elek­tro­mag­netis­che Felder im und in unmit­tel­bar­er Nähe zum Elek­tro­fahrzeug) direkt oder indi­rekt tang­iert – also ent­lang des gesamten „Leben­szyk­lus“ eines Autos – von der Entwick­lung bis zur Entsorgung.
3. Was bietet die Unfal­lver­sicherung bere­its heute an Hil­fen für die Prax­is?
Auf Grund der betrieblichen Nähe der Präven­tions­di­en­ste ver­fügt die Unfal­lver­sicherung über ein branchenüber­greifend­es Früh­warn­sys­tem, das ihr ermöglicht, die neuen Antrieb­stech­nolo­gien mit Blick auf die Sicher­heit der Beschäftigten von Beginn an zu begleit­en. Viele Präven­tions­di­en­ste der Unfal­lver­sicherung unter­stützen ihre Betriebe zum sicheren Umgang mit Elek­tro­mo­bilen bere­its seit Jahren. Sie berat­en ihre Mit­glieds­be­triebe bei konkreten Prob­lem­stel­lun­gen oder bieten auf die jew­eilige Branche zugeschnit­tene prax­is­gerechte Hand­lung­shil­fen.
Hand­lung­shil­fen
Noch bevor die Bun­desregierung die Nationale Plat­tform Elek­tro­mo­bil­ität (NPE) etablierte (Mai 2010), entwick­el­ten zum Beispiel Arbeitss­chutz­fach­leute der Unfal­lver­sicherung gemein­sam mit der Auto­mo­bilin­dus­trie und Kraft­fahrzeugver­bän­den für unter­schiedlich betrof­fene Beschäftigte der Auto­mo­bil- und Zuliefer­be­triebe maßgeschnei­derte Qual­i­fizierungs­stan­dards für die Bere­iche „Entwick­lung“, „Serien­fer­ti­gung“ und „Ser­vicewerk­stät­ten“. Die Ini­tia­tive für ein­heitliche Stan­dards ging von der Auto­mo­bilin­dus­trie aus. Die Ergeb­nisse dieser Arbeit­en flossen in die DGUV-Infor­ma­tion „Qual­i­fizierung für Arbeit­en an Fahrzeu­gen mit Hoch­volt­sys­te­men“ (BGI/GUV‑I 8686) vom Juni 2010. Inzwis­chen liegt eine über­ar­beit­ete und um Nutz­fahrzeuge ergänzte, zweite Auflage vor (April 2012; Abb. 1).
Auf Grund der glob­alen Aus­rich­tung der Auto­mo­bil­branche wurde die Infor­ma­tion­ss­chrift unter dem Titel: „Train­ing for work on vehi­cles with high volt­age sys­tems“ (I 8686 E) ins Englis­che über­set­zt.
Diese sowie weit­ere branchen­spez­i­fis­che Hand­lung­shil­fen zum sicheren Umgang mit elek­trisch angetriebe­nen Fahrzeu­gen sind in Tabelle 2 zusam­mengestellt.
Beratung
Auf Grund steigen­der Zulas­sungszahlen von Elek­tro­mo­bilen nimmt unter anderem die Anzahl der Beratun­gen zum sicheren Umgang bei der Wartung, Bergung oder der Entsorgung von Elek­tro­mo­bilen bei den Unfal­lver­sicherungsträgern der öffentlichen Hand (Unfallkassen/Feuerwehrunfallkassen) sowie der gewerblichen Wirtschaft (Beruf­sgenossen­schaften) stetig zu. Beispiel­hafte Fra­gen aus der betrieblichen Prax­is an die Unfal­lver­sicherung sind in Tabelle 1 aufge­führt.
4. Wo beste­ht aus Sicht der Unfal­lver­sicherung derzeit Hand­lungs­be­darf?
Mit Blick auf die bre­it gefächerte, branchen­spez­i­fis­che Kom­pe­tenz der Unfal­lver­sicherung und die ras­ante tech­nol­o­gis­che Entwick­lung hat die Unfal­lver­sicherung einen Hand­lungsrah­men für ihre weit­eren Aktiv­itäten in Sachen „Arbeitss­chutz“ entwick­elt.
Es gilt in einem weit­eren Schritt, die in naher Zukun­ft ver­stärkt betrof­fe­nen Branchen, Betriebe und Per­so­n­en­grup­pen zu sen­si­bil­isieren, sie (branchen-)spezifisch zu berat­en und ihnen prax­is­na­he und maßgeschnei­derte Hil­fen an die Hand zu geben.
Es gilt weit­er­hin, in Poli­tik, Indus­trie, Handw­erk und auf Ver­band­sebene auf das bei den Arbeitss­chutzex­perten vorhan­dene Wis­sen und die branchen­spez­i­fis­chen Erfahrun­gen hinzuweisen und entsprechende Koop­er­a­tio­nen anzu­bi­eten, um eine ziel­ge­naue Ver­net­zung herzustellen.
Und nicht zulet­zt gilt es, die ras­ante Entwick­lung der Antrieb­stech­niken fort­laufend weit­er zu beobacht­en. Denn die Ker­nauf­gabe der Präven­tion der geset­zlichen Unfal­lver­sicherung ist es, neue Entwick­lun­gen und daraus resul­tierende mögliche Fol­gen für die Sicher­heit und die Gesund­heit der Ver­sicherten im Sinne eines so genan­nten „Risiko­radars“ im Fokus zu behal­ten, vorhan­dene Risiken zu ermit­teln, sie zu bew­erten und geeignete Maß­nah­men für die inner­be­triebliche Sicher­heit zu for­mulieren. Diese Vorge­hensweise ist im Übri­gen die gle­iche, wie sie im Rah­men ein­er inner­be­trieblichen Gefährdungs­beurteilung ablaufen sollte. Der Unfal­lver­sicherung dient dieses Vorge­hen nicht zulet­zt dazu, die Betriebe frühzeit­ig, prax­is­nah und lösung­sori­en­tiert unter­stützen zu kön­nen.
Auch ist die Mitar­beit in Nor­mungs­gremien für die Unfal­lver­sicherung ein bedeut­sames Feld für die Präven­tion. Leit­mo­tiv der Mitwirkung bei Nor­mungsvorhaben ist es, Präven­tion an der Quelle zu betreiben und die Sicher­heit bere­its bei der Kon­struk­tion neuer Pro­duk­te mit „einzubauen“. Diese früh anset­zende Präven­tion macht weit­ere tech­nis­che Maß­nah­men in den Betrieben über­flüs­sig oder reduziert sie zumin­d­est auf ein Min­i­mum. Fach­leute ver­schieden­er Unfal­lver­sicherungsträger arbeit­en mit Beginn der Nor­mungsak­tiv­itäten zu neuen Antrieb­stech­nolo­gien ver­stärkt in den Auschüssen der Deutschen Kom­mis­sion Elek­trotech­nik (DKE) mit.
Bew­er­tung
Die Sich­er­stel­lung der Mobil­ität von mor­gen ist – unter Berück­sich­ti­gung der Kli­maschutzziele der Bun­desregierung, der Sicherung der Energiev­er­sorgung und des Erhaltes des Auto­mo­bil­stan­dorts in Deutsch­land – eine zen­trale Auf­gabe, die Poli­tik, Indus­trie, Wis­senschaft und Ver­bände vor eine gewaltige Her­aus­forderung stellt. Der Zusam­me­nar­beit aller betrof­fe­nen Kreise ent­lang der gesamten Wertschöp­fungs­kette (vom Rohstoff für das Elek­tro­mo­bil bis zum Recy­cling) kommt dabei eine zen­trale Rolle zu. Hier liegt der Schlüs­sel für den Erfolg dieser neuen Antrieb­stech­nolo­gien.
Zu den oben genan­nten Kreisen zählt sich auch die geset­zliche Unfal­lver­sicherung. Die Unfal­lver­sicherung ist – wie dargelegt – erstens weit über den Auto­mo­bil­bau hin­aus von der The­matik betrof­fen und ver­fügt zweit­ens mit ihrem branchenüber­greifend­en sowie branchen­spez­i­fis­chen Wis­sen und Erfahrun­gen über die erforder­lichen Kom­pe­ten­zen in Sachen „Arbeitss­chutz“. Nicht zulet­zt auf Grund dieser Kom­pe­ten­zen wurde sie bei konkreten Prob­lem­stel­lun­gen von Anfang an von betrof­fe­nen Unternehmen und Indus­triezweigen einge­bun­den und um Rat gefragt, damit sicher­heit­stech­nis­che Belange von Beginn an mit berück­sichtigt wer­den kon­nten. Der Arbeitss­chutz ist also alles andere, als eine Inno­va­tions­bremse, wie ihm von vere­inzel­ter Seite immer wieder unter­stellt wird. Ger­ade in Sachen „Elek­tro­mo­bil­ität“ fungiert der Arbeitss­chutz bei Fra­gen zu Sicher­heit und Gesund­heitss­chutz der Beschäftigten vielmehr schon von Beginn an als „Katalysator“ und trägt mit dazu, gemein­sam mit Betrieben prak­tik­able Lösun­gen zu find­en. Als Beispiel sei an die in diesem Beitrag beschriebene Koop­er­a­tion der Unfal­lver­sicherung mit der Auto­mo­bilin­dus­trie und Kraft­fahrzeugver­bän­den erin­nert. Die Inter­essenslage aller beteiligten Part­ner war und ist an dieser Stelle deck­ungs­gle­ich. Alle waren bei der For­mulierung der Qual­i­fizierungs­stan­dards bemüht, für das sichere Arbeit­en an Fahrzeu­gen mit so genan­nten „Hoch­volt­sys­te­men“ opti­male Voraus­set­zun­gen zu schaf­fen. Diese enge und vom Staat in sein­er Erk­lärung zur nationalen Plat­tform Elek­tro­mo­bil­ität (NPE) aus­drück­lich gewün­schte Koop­er­a­tion, mün­dete in ein­er konkreten und in diesem Beitrag aufge­führten Infor­ma­tions­broschüre (BGI/GUV‑I 8686) für Auto­mo­bil­bauer und Zuliefer­be­triebe. Im Übri­gen sei daran erin­nert, dass diese Koop­er­a­tion lange vor der Ein­rich­tung der Nationalen Plat­tform begonnen wurde.
Für viele auf den Kraft­fahrzeug­bere­ich spezial­isierte Aus­bil­dungsstät­ten dient die genan­nte Broschüre heute unter anderem als Grund­lage bei der Entwick­lung von Fort­bil­dungssem­inaren für die unter­schiedlich­sten Ziel­grup­pen der Auto­mo­bil­branche.
Darüber hin­aus beste­ht auch auf inter­na­tionaler Ebene hohes Inter­esse an den Qual­i­fizierungs­stan­dards, die zur Sicher­heit der Beschäftigten in der Entwick­lung, der Pro­duk­tion und der Wartung von Fahrzeu­gen fest­gelegt wur­den. Ins­beson­dere aus diesem Grund hat die DGUV die Schrift in englis­ch­er Sprache her­aus­gegeben – mit durch­weg pos­i­tiv­er Res­o­nanz.
Auch Feuer­wehren und Abschlep­p­di­en­ste sind sehr frühzeit­ig an die Unfal­lver­sicherung herange­treten, um mit ihr gemein­same Sicher­heits­stan­dards beim Bergen oder Löschen beziehungsweise beim Abschlep­pen beschädigter Elek­tro­fahrzeuge zu for­mulieren.
Der Beratungs­be­darf ver­schieden­er Gewer­bezweige und Per­so­n­enkreise nimmt nun in dem Maße zu, wie sie von Elek­troau­tos betrof­fen sind. Mit den steigen­den Zulas­sungszahlen wer­den alle am öffentlichen Straßen­verkehr Beteiligten automa­tisch mit elek­trischen Fahrzeu­gen kon­fron­tiert – sei es direkt oder indi­rekt. Das heißt: Bei Indus­trie, Betrieben und Ein­rich­tun­gen der öffentlichen Hand wird das Fach­wis­sen der Arbeitss­chutzex­perten zum sicheren Umgang mit Elek­tro­fahrzeu­gen aller Art kün­ftig noch stärk­er gefragt sein. Ein stetes Ansteigen der Anfra­gen ist bere­its heute zu beobacht­en – auch wenn derzeit nicht auf alle Fra­gen eine abschließende Antwort gegeben wer­den kann. Let­zteres liegt unter anderem auch daran, dass die Antrieb­stech­nolo­gien nach wie vor tech­nis­chen Verän­derun­gen unter­wor­fen sind. Umso mehr gilt es an dieser Stelle für die Unfal­lver­sicherung, die Weit­er­en­twick­lung der Tech­nolo­gie und ihrer Fol­gen im Fokus zu behal­ten.
Aus Sicht des Arbeitss­chutzes wur­den im Zusam­men­hang mit der Elek­tro­mo­bil­ität sechs Gefährdun­gen im inner- wie außer­be­trieblichen Umfeld abgeleit­et. Fest ste­ht schon heute: Die zen­trale Rolle bei allen Gefährdun­gen hat der Energiespe­ich­er. Alle Gefährdun­gen ste­hen in direk­ter oder indi­rek­ter Beziehung zu den neuen Antrieb­stech­nolo­gien. Dieses Ergeb­nis deckt sich zu einem Großteil mit dem von der Bun­de­sanstalt für Arbeitss­chutz und Arbeitsmedi­zin (BAuA) an die TU Chem­nitz in Auf­trag gegebe­nen Gutacht­en „Elek­tro­mo­bil­ität – Abschätzung arbeitswis­senschaftlich rel­e­van­ter Änderun­gen“; Erschei­n­ungs­jahr 20123. Auch wenn der Schw­er­punkt des Gutacht­ens für die BAuA auf ein­er arbeitswis­senschaftlichen Sichtweise beruht, kommt es zu dem Schluss, dass „ins­beson­dere der Umgang mit leis­tungsstarken Energiespe­ich­ern auf Lithi­um-Basis, d. h. deren Fer­ti­gung, Ein­bau, Lagerung, Entsorgung sowie bes­timmte Betrieb­szustände, Auswirkun­gen auf den Arbeitss­chutz haben kön­nen“.
Die kün­fti­gen, neuen Energiespe­ich­er, ins­beson­dere die Bat­te­rien, sind nicht nur in ihren räum­lichen Abmes­sun­gen anders dimen­sion­iert als herkömm­liche Auto­bat­te­rien. Lithi­um-Ionen-Bat­te­rien arbeit­en auch mit wesentlich höheren Span­nun­gen und sind mit einem wesentlich größeren Energiepo­ten­tial aus­ges­tat­tet. Dadurch sind beson­dere Anforderun­gen an den Trans­port (inner- und außer­be­trieblich) sowie die Lagerung von Bat­te­rien zu stellen – möglicher­weise ver­bun­den mit beson­deren baulichen Ein­rich­tun­gen.
Zur Fol­gen­ab­schätzung der neuen Antrieb­stech­nolo­gien gehört naturgemäß nicht nur die Betra­ch­tung des Nor­mal­fall­es, son­dern auch das Ein­beziehen nicht vorge­se­hen­er Ereignisse, wie zum Beispiel eines defek­ten Bat­te­rien oder Bat­teri­eteilen innewohnen­des zusät­zlich­es „Restrisiko“. Eine Frage, die mit Bezug auf die oben erfol­gten Hin­weise zu Trans­port und Lagerung der Energiespe­ich­er nicht uner­he­blich ist. Unter­mauert wird das durch konkrete Fälle in der Prax­is. Danach kön­nen durch einen Zusam­men­stoß geschädigte Elek­troau­tos auch noch 14 Tage nach einem Auf­prall in Brand ger­at­en. Ursache für den Brand sind nach Auf­fas­sung der Experten im Bat­teriein­nern weit­er­laufende chemis­che Prozesse, die sich verselb­ständi­gen kön­nen. Ste­ht ein solch­es Fahrzeug in einem Gebäude, kann das neben einem hohen Sach­schaden auch für Per­so­n­en kri­tisch wer­den.
Die dem Arbeitss­chutz zuge­ord­nete Rolle eines Katalysators ist der Präven­tion der Unfal­lver­sicherung seit jeher zu eigen, da den Präven­tions­di­en­sten im Rah­men ihrer Überwachungs- und Beratungstätigkeit ein­er­seits eine Bindung zu Betrieben und Gewer­bezweigen mit unschätzbaren Branchenken­nt­nis­sen zuwächst und ihr ander­er­seits durch aktive Mitwirkung in nationalen und inter­na­tionalen Fach- und Experten­gremien die Möglichkeit gegeben ist, die Fol­gen tech­nol­o­gis­ch­er Entwick­lun­gen bere­its im Ansatz zu erken­nen und zu beobacht­en (Risiko­radar). Die Stärkung und Weit­er­en­twick­lung dieses „Früh­warn­sys­tems“ ist eine bedeut­same Ker­nauf­gabe der Unfal­lver­sicherung. Das Warn­sys­tem reagiert auch nicht nur bei tech­nol­o­gis­chen, son­dern eben­so bei gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verän­derun­gen wie zum Beispiel den Fol­gen des demografis­chen Wan­dels beziehungsweise den Auswirkun­gen der Glob­al­isierung. Eine „Früherken­nung“ ist sowohl aus Sicht des Arbeitss­chutzes wie auch aus ver­sicherungsrechtlich­er Betra­ch­tung ein ethisch und wirtschaftlich bedeut­samer Fak­tor – und im Übri­gen auch im Sinne der Betriebe.
Auch wenn die FAZ.net, die Inter­net­seite der Frank­furter All­ge­meine Zeitung, am 29. Sep­tem­ber im Wirtschaft­steil zur Elek­tro­mo­bil­ität titelte: „Der Hype ist vor­bei“, und auf die kaum zu erre­ichende eine Mil­lion Elek­tro­fahrzeuge bis 2020 auf deutschen Straßen anspielt, bleibt die The­matik für die Unfal­lver­sicherung unab­hängig davon ein Feld, auf dem sie weit­er­hin wichtige Impulse geben kann.
Zusam­men­fas­sung
Die Mobil­ität der Zukun­ft ist elek­trisch. Poli­tik und Indus­trie haben das The­ma „Elek­tro­mo­bil­ität“ ganz oben auf ihre Agen­da geset­zt. Mit der Entschei­dung der Bun­desregierung, den Straßen­verkehr in den näch­sten Jahren zu elek­tri­fizieren, wurde eine tech­nol­o­gis­che Entwick­lung in Gang geset­zt, die nicht nur die Auto­mo­bil­branche und Zulieferindus­trie bee­in­flusst, son­dern viele weit­ere Gewer­bezweige und Per­so­n­en­grup­pen betr­e­f­fen wird, die direkt oder indi­rekt am Straßen­verkehr beteiligt sind. Um die ambi­tion­ierten Ziele zu erre­ichen, hat die Regierung die beteiligten Branchen, alle poli­tis­chen Ebe­nen, Wis­senschaft und Forschung sowie Ver­brauch­er- und Umweltver­bände aufge­fordert, ihren Beitrag zu leis­ten.
Auch die geset­zliche Unfal­lver­sicherung sieht sich im Inter­esse ihrer Betriebe und Ver­sicherten beim The­ma „Elek­tro­mo­bil­ität“ in der Pflicht. Auf Grund der betrieblichen Nähe der Präven­tions­di­en­ste zu ihren Mit­glieds­be­trieben ver­fügt die Unfal­lver­sicherung in ihrer Gesamtheit über ein branchenüber­greifend­es Früh­warn­sys­tem. Dieses Früh­warn­sys­tem bietet die Grund­lage, neue Entwick­lun­gen – seien sie tech­nol­o­gis­ch­er Art (wie in diesem Beitrag für neue Antrieb­stech­niken beschrieben) oder seien sie gesellschaftlich­er oder wirtschaftlich­er Natur – mit Blick auf die Sicher­heit der Beschäftigten von Beginn zu beobacht­en und bei erkennbaren Risiken, Gegen­maß­nah­men zu ergreifen
Um einen Überblick über die Betrof­fen­heit und die konkreten Aktiv­itäten aller Unfal­lver­sicherungsträger in Sachen „Elek­tro­mo­bil­ität“ zu erhal­ten, haben Beruf­sgenossen­schaften und Unfal­lka­ssen eine über­greifende Analyse durchge­führt. Diese Analyse hat ergeben, dass im Grunde alle Unfal­lver­sicherungsträger von den Auswirkun­gen der Elek­tro­mo­bil­ität direkt oder indi­rekt berührt sind.
Da die Zulas­sun­gen für Elek­tro­fahrzeuge steigen, nehmen auch die Anfra­gen zum sicheren Umgang mit Elek­tro­mo­bilen aus Wirtschaft­szweigen und Ein­rich­tun­gen der öffentlichen Hand zu, die außer­halb der Auto­mo­bil­branche liegen.
Die Auto­mo­bil­branche sowie Kraft­fahrzeugver­bände melde­ten bei den Arbeitschutz­fach­leuten der Unfal­lver­sicherung schon in ein­er sehr frühen Phase konkreten Beratungs- und Unter­stützungs­be­darf an, um die Mitar­beit­er der Auto- und Zulieferindus­trie vor den erhöht­en elek­trischen Gefährdun­gen in der Entwick­lung, Pro­duk­tion und im Ser­vice zu schützen.
Inzwis­chen bieten immer mehr Unfal­lver­sicherungsträger ihren Mit­glieds­be­trieben konkrete Beratung sowie auf die unter­schiedlichen Branchen zugeschnit­tene Hand­lung­shil­fen zum sicheren Umgang mit Elek­tro­fahrzeu­gen an.
Die Aktiv­itäten der einzel­nen Unfal­lver­sicherungsträger wer­den in den weit­eren Schrit­ten davon geprägt sein, zunehmend stärk­er betrof­fene Gewer­bezweige und Per­so­n­enkreise außer­halb der Auto­mo­bilin­dus­trie für die The­matik „Elek­tro­mo­bil­ität“ zu sen­si­bil­isieren und bei Bedarf konkrete Hil­fen für die Prax­is zu entwick­eln, sich mit weit­eren Fachkreisen auszu­tauschen und die branchen­spez­i­fis­che Kom­pe­tenz der Unfal­lver­sicherung zur Ver­fü­gung zu stellen
Autor
Dr. Heinz Schmid Deutsche Geset­zliche Unfal­lver­sicherung (DGUV)
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