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Kommt ein neuer Grenzwert?

Feinstaub
Kommt ein neuer Grenzwert?

Auch Stäube ohne Gefahrenmerkmal können, in hohen Konzentrationen, eingeatmet die Lunge schädigen. Foto:BGN
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Die MAK-Kom­mis­sion senk­te kür­zlich den All­ge­meinen Staub­gren­zw­ert. Daher wird es voraus­sichtlich einen neuen, niedrigeren Gren­zw­ert für Fein­staub (A‑Staub) am Arbeit­splatz geben. Für viele Betriebe in der Lebens­mit­telin­dus­trie bedeutet das: Auch sie müssen in Zukun­ft ein ver­stärk­tes Augen­merk auf die ganz feinen Stäube haben.

An vie­len Arbeit­splätzen in der Lebens­mit­telin­dus­trie treten Stäube auf, die wed­er als tox­isch noch als muta­gen, kreb­serzeu­gend oder aller­gisierend eingestuft sind. In hohen Konzen­tra­tio­nen eingeat­met, kön­nen diese bis­lang als inert (träge, ohne Wirkung) beze­ich­neten Stäube den­noch die Lunge schädi­gen: Sie verur­sachen chro­nisch-entzündliche Verän­derun­gen der Bronchialschleimhaut sowie mess­bare Atem­be­hin­derun­gen, wenn sie unlös­lich oder schw­er lös­lich sind. Beispiele sind Stärke, Kaf­fee, Zusatzstoffe wie Siliz­ium­diox­id, sel­tener Titan­diox­id oder auch Stäube von Ver­pack­ungsmit­teln.
Um gesund­heitliche Beein­träch­ti­gun­gen und Schädi­gun­gen zu ver­mei­den, gibt es für diese Stäube Gren­zw­erte. Für die alve­olengängige Frak­tion (A‑Staub, früher Fein­staub = Par­tikel­größen unter­halb von 4 μm) gilt seit 2001 der All­ge­meine Staub­gren­zw­ert in Höhe von 3 mg/m³. Für die gröberen Frak­tio­nen (E‑Staub = Par­tikel­größen bis 100 μm) beträgt der Gren­zw­ert 10 mg/m³.
Neue Erken­nt­nisse
Neuere Unter­suchun­gen an Tieren und Zel­lkul­turen leg­en nun nahe, dass es auch dann zu Lun­gen­schädi­gun­gen kom­men kann, wenn die genan­nten Gren­zw­erte einge­hal­ten sind, der Mitar­beit­er aber langfristi­gen Expo­si­tio­nen aus­ge­set­zt ist. Was passiert?
In den Lun­gen­bläschen (Alve­olen) tritt niedergeschla­gen­er fein­er Staub in Wech­sel­wirkung mit der Zel­lober­fläche und den Makropha­gen, die für die kör­pereigene Reini­gung zuständig sind. Zur Abwehr der einge­drun­genen Fremd­stoffe wer­den reak­tive oxida­tive Sub­stanzen (ROS) freige­set­zt, die den einge­drun­genen Fremd­kör­p­er unschädlich machen sollen. Stäube, die biol­o­gisch schw­er oder gar nicht abbaubar sind, verur­sachen damit einen lan­gan­hal­tenden Angriff der ROS. Das kann langfristig in der Lunge zu Entzün­dungsreak­tio­nen und schlussendlich möglicher­weise sog­ar zu Tumoren führen. Auf diese kom­plexe Weise sollen Stäube, die früher als inert beze­ich­net wur­den, doch zu Erkrankun­gen führen. Fol­glich passt der alte Name nicht mehr. Sie wer­den nun als „gran­uläre biobeständi­ge Stäube ohne bekan­nte sig­nifikante spez­i­fis­che Tox­iz­ität“, kurz GBS, beze­ich­net.
Neuer A‑S­taub-Gren­zw­ert
Aus mehreren Unter­suchun­gen ergab sich – auf den Men­schen umgerech­net – bei langfristiger Expo­si­tion eine Gren­ze von 0,3 mg/m³ (bei ein­er Dichte von 1 g/cm³). Unter­halb dieses Gren­zw­ertes muss nicht mit den oben geschilderten Erkrankun­gen gerech­net wer­den. Die Sen­atskom­mis­sion zur Prü­fung gesund­heitss­chädlich­er Arbeitsstoffe, kurz MAK-Kom­mis­sion, der Deutschen Forschungs­ge­mein­schaft hat diesen Wert als noch nicht rechtsverbindlichen neuen MAK-Wert (Max­i­male Arbeit­splatz-Konzen­tra­tion) für die alve­olengängige Frak­tion der GBS fest­gelegt. Seine Auf­nahme als verbindlich­er Arbeit­splatz­gren­zw­ert in der TRGS 900 („Arbeit­splatz­gren­zw­erte“, www.bgn.de, Short­link = 1291) wird aktuell disku­tiert. Es ist zu erwarten, dass der A‑S­taub-Gren­zw­ert von den bish­eri­gen 3 mg/m³ dem­nächst unter 1 mg/m³ abge­senkt wer­den wird.
Fol­gen für die Betriebe
Zunächst ein­mal ist im Betrieb festzustellen, wo es zu Gren­zw­ertüber­schre­itun­gen mit alve­olengängi­gen GBS kom­men kann. Die meis­ten Lebens­mit­tel­stäube sind deut­lich gröber als A‑Staub. Manche sind lös­lich und wer­den somit nicht unter den neuen Gren­zw­ert fall­en. Gegebe­nen­falls kann die BGN helfen. Der Messstelle Gefahrstoffe der BGN liegen knapp 600 Mess­werte des A‑Staubes vor, die in Betrieben ermit­telt wur­den. Die meis­ten A‑S­taub-Mes­sun­gen fan­den bei der Kiesel­gur- Dosage in Brauereien statt. Da hier bere­its der spez­i­fis­che Arbeit­splatz­gren­zw­ert für gebran­nte Kiesel­gur von 0,3 mg/m³ gilt, hat die geplante Gren­zw­ertab­senkung keine Auswirkung auf diese Arbeit­splätze.
Zahlre­iche, der BGN vor­liegende Mess­werte der alve­olengängi­gen Frak­tion stam­men aus den Ver­lade­bere­ichen der Getränkein­dus­trie. Die Fein­staubkonzen­tra­tion ist dort deut­lich erhöht, wo viele Lkw und diesel­be­triebene Sta­pler auf engem Raum und bei schlecht­en Lüf­tungs­be­din­gun­gen anzutr­e­f­fen sind. Wird das Min­imierungs­ge­bot gemäß TRGS 554 einge­hal­ten, wird auch hier der zukün­ftige Gren­zw­ert unter­schrit­ten sein. In Back­be­trieben tritt A‑Staub nur in sehr geringer Menge auf. Im Mit­tel fall­en hier nur 3 % des einatem­baren Staubes in diese Größen­klasse. Damit ergibt sich rech­ner­isch: Wird die Mehlstaubkonzen­tra­tion von 10 mg/m³ in der atem­baren Frak­tion unter­schrit­ten, dann ist automa­tisch auch der neue MAK-Wert unter­schrit­ten. Für Betriebe, die die Basis­maß­nah­men zur Ver­mei­dung von Mehlstaub umset­zen, ergibt sich kein weit­er­er Hand­lungs­be­darf.
Aus anderen Gewer­bezweigen liegen der BGN nur wenige Mess­werte der alve­olengängi­gen Frak­tion vor. Die Konzen­tra­tion des A‑Staubes war bis­lang nur sel­ten von Inter­esse. In aller Regel galt hier näm­lich auch: Ist der Gren­zw­ert der einatem­baren Frak­tion einge­hal­ten, dann ist auch der Gren­zw­ert der alve­olengängi­gen Frak­tion einge­hal­ten. Das kann sich mit der ein­seit­i­gen Absenkung des Gren­zw­ertes für den A‑Staub nun in eini­gen Gewer­bezweigen ändern.
Ausgenom­men: lös­liche Stäube
Der All­ge­meine Staub­gren­zw­ert gilt nur für unlös­liche und schw­er lös­liche Stoffe. Damit fall­en in der Lebens­mit­telin­dus­trie manche Stäube wie beispiel­sweise Zuck­er und Salz aus dem Gel­tungs­bere­ich her­aus. Gegebe­nen­falls kann auch der nichtlös­liche Anteil eines Staubgemis­ches auf dem Mess­fil­ter bes­timmt wer­den.
Autor
Dr. Peter Rietschel Beruf­sgenossen­schaft Nahrungsmit­tel und Gast­gewerbe Zen­tral­la­bor, Messstelle für Gefahrstoffe E‑Mail: peter.rietschel@bgn.de

Grenzwert festgelegt
Der Auss­chuss für Gefahrstoffe (AGS) hat in sein­er Sitzung am 18. und 19. Novem­ber 2013 den Arbeit­splatz­gren­zw­ert für Gran­uläre Biobestän-dige Stäube (A‑S­taub-Frak­tion) auf 1,25 mg/m³ (bezo­gen auf eine mit­tlere Dichte von 2,5 g/cm³) fest­gelegt. Für Stäube mit gerin­ger­er Dichte ist der Gren­zw­ert entsprechend niedriger anzuset­zen. Dieser neue Gren­zw­ert wird mit sein­er Veröf­fentlichung im Gemein­samen Min­is­te­ri­al­blatt Anfang 2014 gültig wer­den.
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