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Heben und Tragen von Lasten

Nicht alles so schwer nehmen
Heben und Tragen von Lasten

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Foto: © WavebreakMediaMicro - stock.adobe.com
Bei vie­len Tätigkeit­en müssen Gegen­stände und Arbeitsmit­tel bewegt wer­den – oft durch eigene Muskelkraft und ohne mech­a­nis­che Hil­f­s­mit­tel. Sind solche Las­ten zu schw­er oder wer­den sie zu häu­fig beziehungsweise in ungün­sti­gen Kör­per­hal­tun­gen gehoben und getra­gen, kann dies zu gravieren­den Ver­schleißer­schei­n­un­gen an Skelett, Sehnen und Muskeln führen. Was soll­ten Arbeit­ge­ber und Sicher­heitsver­ant­wortliche tun, um die Beschäftigten zu schützen?

Dr. Joerg Hensiek

Gesund­heitsstörun­gen und ‑schä­den durch Las­ten­hand­habung mit Heben, Hal­ten, Tra­gen, Ziehen oder Schieben von Las­ten treten vor­wiegend im Bere­ich des unteren Rück­ens auf. Sie äußern sich bei akuten Über­las­tun­gen mit Rück­enbeschw­er­den wie dem „Hex­en­schuss“ oder einem „Ischias“. Treten solche Belas­tun­gen über einen län­geren Zeitraum auf, kön­nen sich ern­ste Erkrankun­gen wie Band­scheiben­vor­fälle oder Arthrose (abgenutzte Knor­pel) an den Knie- und Hüft­ge­lenken entwickeln.

Die Lastenhandhabungsverordnung

Das wichtig­ste Regel­w­erk für die manuelle Las­ten­hand­habung ist die „Verord­nung über Sicher­heit und Gesund­heitss­chutz bei der manuellen Hand­habung von Las­ten“, abgekürzt Las­ten­hand­habungsverord­nung. Diese Verord­nung schreibt vor, dass der Arbeit­ge­ber dafür sor­gen muss, dass manuelle Las­ten­hand­habun­gen, die die Gesund­heit der Beschäftigten gefährden, ver­mieden wer­den. Weil das nicht immer möglich ist, gilt ein „Min­imierungs­ge­bot“, das heißt, die Belas­tung soll so ger­ing wie möglich sein.

Zur Beurteilung der Gefährdung und zum Ergreifen geeigneter Schutz­maß­nah­men find­en sich im Anhang der Verord­nung ver­schiedene Maß­nah­men. Dem­nach sind zahlre­iche Kri­te­rien zu berück­sichti­gen – unter anderem die Last selb­st, die jew­eilige Arbeit­sauf­gabe und die Beschaf­fen­heit des Arbeit­splatzes. Für die betriebliche Prax­is wird ein vere­in­facht­es Ver­fahren zur Beurteilung der Arbeits­be­din­gun­gen, die soge­nan­nte Leit­merk­mal­meth­ode, vorgeschla­gen, weil die Verord­nung keine konkreten Gren­zw­erte für das Gewicht von Las­ten nennt.

Keine konkreten Grenzwerte

Das hat fol­gen­den Grund: Ein­er­seits kön­nen bei häu­figem Heben und Tra­gen, ungün­sti­gen Kör­per­hal­tun­gen und eingeschränk­ten Aus­führungs­be­din­gun­gen bere­its gerin­gere Last­gewichte zu großen Belas­tun­gen führen, ander­er­seits kön­nen bei sel­te­nen Las­ten­hand­habun­gen und in ergonomisch sin­nvoller Kör­per­hal­tung auch höhere Gewichte getra­gen wer­den, ohne dass dadurch größere Belas­tun­gen entstehen.

Die Verord­nung schreibt weit­er­hin vor, dass der Arbeit­ge­ber bei der Über­tra­gung von Auf­gaben der manuellen Las­ten­hand­habung berück­sichti­gen muss, ob der Beschäftigte über­haupt für diese Tätigkeit kör­per­lich geeignet ist. Dabei kann er sich beispiel­sweise von seinem Betrieb­sarzt, der die betrieblichen Bedin­gun­gen ken­nt, berat­en lassen. Für die Beschäftigten beste­ht keine Pflicht, die
kör­per­liche Eig­nung durch eine ärztliche Unter­suchung nachzuweisen.

Unterweisung und Vorsorge

Der Arbeit­ge­ber muss die Beschäftigten über die möglichen Gefährdun­gen ihrer Sicher­heit und Gesund­heit bei der Las­ten­hand­habung aufk­lären und darüber informieren, wie die Las­ten sachgerecht und kör­per­scho­nend bewegt wer­den kön­nen. Die arbeitsmedi­zinis­che Vor­sorge ergänzt dabei tech­nis­che und organ­isatorische Arbeitss­chutz­maß­nah­men. Beschäftigte haben grund­sät­zlich einen Anspruch auf Wun­schvor­sorge: Sie haben das Recht, ihre Gesund­heit in Hin­blick auf die Las­ten­hand­habung und die damit ver­bun­de­nen Gefährdun­gen über­prüfen zu lassen.

Inhalt der Vor­sorge kann sowohl die Frage sein, ob die Arbeits­be­din­gun­gen eine Gesund­heits­ge­fährdung darstellen, als auch die Frage, ob die Per­son selb­st auf­grund ihres Gesund­heit­szu­s­tandes oder ihrer per­sön­lichen Ver­an­la­gung durch die Las­ten­hand­habung gefährdet ist. Bei Tätigkeit­en mit wesentlich erhöht­en kör­per­lichen Belas­tun­gen durch Las­ten­hand­habung beim Heben, Hal­ten, Tra­gen, Ziehen oder Schieben von Las­ten, die mit Gesund­heits­ge­fährdun­gen für das Muskel-Skelett-Sys­tem ver­bun­den sind, muss der Arbeit­ge­ber den Beschäftigten eine arbeitsmedi­zinis­che Vor­sorge vor Auf­nahme der Tätigkeit und anschließend in regelmäßi­gen Abstän­den anbi­eten (Ange­botsvor­sorge).

Wie viel darf man heben und tragen?

Konkrete Gren­zw­erte sind in der Las­ten­hand­habungsverord­nung, wie bere­its erwäh­nt, nicht fest­gelegt. Sie ver­weist stattdessen auf die soge­nan­nte „Leit­merk­mal­meth­ode“ des Län­der­auss­chuss­es für Arbeitss­chutz und Sicher­heit­stech­nik, die bere­its 1996 entwick­elt wurde. Die Leit­merk­mal­meth­ode beste­ht aus drei Beurteilungsteilen:

  • Heben, Hal­ten und Tra­gen von Lasten
  • Ziehen und Schieben von Lasten
  • manuelle Arbeit­sprozesse

Jedem Bere­ich ist ein Punk­tesys­tem zur Bew­er­tung zuge­ord­net. Weit­er­hin wer­den auch andere Fak­toren wie Kör­per­hal­tung, Aus­führungs­be­din­gun­gen, Last­be­din­gun­gen und Zeit­dauer (Häu­figkeit, Dauer, Länge) mit­berück­sichtigt. Nur bei einem Punk­twert von unter 10 geht man von ein­er gerin­gen Belas­tung aus beziehungsweise ist eine Gesund­heits­ge­fährdung unwahrschein­lich. Je nach Punk­twert liegen

  • erhöhte,
  • wesentlich erhöhte oder
  • hohe Belas­tun­gen vor, die Gestal­tungs­maß­nah­men sin­nvoll, angezeigt oder erforder­lich machen.

In Bere­ichen mit 30 Punk­ten und mehr kön­nen nur robuste Beschäftigte langfristig arbeit­en. Bei allen drei Bew­er­tun­gen gibt es eine Ein­schränkung für „ver­min­dert belast­bare Per­so­n­en“. Dabei han­delt es sich um Beschäftigte, die älter als 40 und jünger als 21 Jahre alt sind, Neulinge oder durch Erkrankung leis­tungs­ge­minderte Personen.

So vermindert man die Belastung

Das Gewicht ein­er Last lässt sich nur bed­ingt bee­in­flussen. Aber man kann durch das richtige Hebe- und Tragev­er­hal­ten dafür sor­gen, dass die Last nicht zur über­großen Belas­tung wird:

  • Die wichtig­ste Regel lautet: den Rück­en grund­sät­zlich möglichst ger­ade und aufrecht hal­ten. Keineswegs soll­ten Las­ten mit einem krum­men, nach vorn gebeugtem Oberkör­p­er, mit einem Hohlkreuz oder mit­tels ruckar­tiger Bewe­gun­gen getra­gen werden.
  • Las­ten solten kör­per­nah gehal­ten und auf bei­de Arme verteilt werden.
  • Beson­ders beim Aufheben von Las­ten ist es zu empfehlen, die Rück­en- und Bauch­musku­latur anzuspannen.
  • Die Bewe­gungsrich­tung beim Tra­gen sollte durch koor­dinierte Fußschritte geän­dert, der Kör­p­er dabei so wenig wie möglich – am besten gar nicht – gedreht werden.

Aber alles hat seine Gren­zen. Bei ein­er zu schw­eren Last gilt: Hil­fe holen oder ein mech­a­nis­ches Hil­f­s­mit­tel wie einen Trep­pen­steiger oder eine Sack­karre benutzen!

Form­blät­ter mit Hand­lungsan­leitun­gen und Rechen­hil­fen zum The­ma „Gefährdungs­beurteilung mit Hil­fe der Leitmerkmalmethode“gibt es bei der Bun­de­sanstalt für Arbeitss­chutz und Arbeitsmedi­zin, www.baua.de


Timm Kasper, Chris­t­ian Trau­mann, Jose Luis Rios Pala­cio (alle Mul­ti­vac), Marc Manuel Fre­itag (BGHM) und André Wag­n­er (Mul­ti­vac) bei der Über­gabe der Urkunden.
Foto: MULTIVAC Sepp Haggen­müller SE & Co.KGG HM

„Schlauer Fuchs“ für den Kistengreifer

Innovative Hebehilfe entwickelt

Die Aus­bil­dungsabteilung Tech­nis­ches Pro­duk­t­de­sign bei der Fir­ma Mul­ti­vac entwick­elte einen Kisten­greifer, der den Mitar­beit­ern das Anheben und den Trans­port von Lagerk­isten abnimmt.

Für diese inno­v­a­tive tech­nis­che Lösung eines ergonomis­chen Prob­lems erhielt der Ver­pack­ungs­maschi­nen­her­steller Anfang August 2018 den „Schlauen Fuchs“ der Beruf­sgenossen­schaft Holz und Met­all (BGHM) – eine Ausze­ich­nung für her­aus­ra­gen­des Engage­ment im Arbeitsschutz.

„Nach­dem Lagerk­isten als neue Trans­port­mit­tel in unser­er inter­nen Logis­tik einge­führt wor­den waren, mussten die Mitar­beit­er die gefüll­ten Lagerk­isten stapeln und tra­gen. Voll beladen kön­nen diese gele­gentlich ein Gewicht von bis zu 50 Kilo­gramm erre­ichen“, erk­lärt André Wag­n­er, Fachkraft für Arbeitssicher­heit bei Mul­ti­vac, den Aus­gangspunkt. „Neben der ergonomis­chen Belas­tung für die Mitar­beit­er ergab sich ein weit­eres Prob­lem: Auf­grund der manuellen Hand­habung ließen sich manche Lagerk­isten nur zum Teil befüllen. Weniger Ware gelangte in die Kisten, die Lager­fläche wurde inef­fizient genutzt.“

Die neue Hebe­hil­fe, die Jose Luis Rios Pala­cio, Auszu­bilden­der im Bere­ich Tech­nis­ches Pro­duk­t­de­sign, gemein­sam mit seinem Aus­bilder entwick­elte, kon­nte dieses Prob­lem lösen und zugle­ich die Mitar­beit­er im Bere­ich Warenein­gang ent­las­ten. Der Kisten­greifer wird an einem Kran befes­tigt und kann zu den schw­eren Lagerk­isten her­abge­lassen wer­den. Erre­icht er eine Kiste, fasst er diese von innen und ver­riegelt danach selb­st­ständig – so wie es der neue Arbeitsvor­gang notwendig macht.


Foto: privat

Autor: Dr. Joerg Hensiek

Fachau­tor und freier Journalist


Checkliste: Darauf sollten Sie achten

  • Hal­ten die Beschäftigten beim Heben und Tra­gen den Rück­en gerade?
  • Hebt der Mitar­beit­er die Last aus der Hocke an?
  • Hält der Beschäftigte die Last möglichst nahe am Körper?
  • Hebt der Mitar­beit­er die Last nicht ruckar­tig auf?
  • Ver­mei­den die Beschäftigten Dauer­hal­tun­gen in ein­er Position?
  • Verteilen die Mitar­beit­er Las­ten gle­ich­mäßig auf bei­de Arme?
  • Tra­gen die Beschäftigten schwere Las­ten möglichst nicht alleine?
  • Stützen die Mitar­beit­er die Last beim Tra­gen möglichst am Kör­p­er ab?
  • Wird die Last möglichst so getra­gen, dass die Sicht nicht beein­trächtigt ist?
  • Wer­den beim Abset­zen der Last geeignete Unter­la­gen ver­wen­det, um Hand­quetschun­gen zu vermeiden?
  • Gibt es mech­a­nis­che Hil­f­s­mit­tel, um schwere Las­ten zu bewegen?

Frauen haben es schwerer

Die Kör­perkraft von Frauen beträgt durch­schnit­tlich nur zwei Drit­tel der des Mannes. Bed­ingt durch gerin­gere Skelettmaße ergeben sich bei gle­ich hohen Arbeits­be­las­tun­gen gegenüber Män­nern höhere Belas­tun­gen der Wirbel­säule und der Gelenke. Eben­so ist die Knochen­fes­tigkeit etwas geringer und nimmt mit dem Alter weit­er ab – Frauen lei­den wesentlich häu­figer an Osteo­porose als Män­ner. Der offene Beck­en­bo­den ist weniger gut geeignet, die beim schw­eren Heben und Tra­gen entste­hen­den Druck­kräfte aufzunehmen.

  • Wichtig: Schwan­gere Frauen dür­fen keine Arbeit­en durch­führen, bei
    denen regelmäßig Las­ten von mehr als fünf Kilo­gramm Gewicht ohne mech­a­nis­che Trans­port­mit­tel beziehungsweise Arbeitsmit­tel von Hand gehoben, bewegt oder befördert werden.

Anders als die Las­ten­hand­habungsverord­nung enthält die DGUV Infor­ma­tion 208–033 im ‧Anhang „Ori­en­tierende Gefährdung­beurteilung“ konkrete Richtwerte für das Bewe­gen von Las­ten. Ab dem angegebe­nen Wert ist von ein­er erhöht­en Belas­tung auszugehen. 


Mehr Informationen

  • Zum The­ma „Gefährdungs­beurteilung mit Hil­fe der Leit­merk­mal­meth­ode“ stellt Bun­de­sanstalt für Arbeitss­chutz und Arbeitsmedi­zin auf ihrer Web­seite Form­blät­ter mit Hand­lungsan­leitun­gen und teil­weise inte­gri­erten Rechen­hil­fen für die Belas­tungsarten Heben/Halten/Tragen, Ziehen/Schieben und Manuelle Arbeit­sprozesse zur Ver­fü­gung. Für die Belas­tungsarten Ganzkör­perkräfte, Kör­per­fort­be­we­gung und Kör­perzwang­shal­tung wer­den derzeit zusät­zliche Leit­merk­mal­meth­o­d­en entwick­elt: www.baua.de (Such­be­griff „Leit­merk­mal­meth­ode“)
  • Die DGUV Infor­ma­tion 208–033 „Belas­tun­gen für Rück­en und Gelenke – was geht mich das an?“ kann in der Pub­lika­tions­daten­bank herun­terge­laden wer­den unter www.dguv.de/publikationen.
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