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Angstfrei im Amt arbeiten

Das Sicherheitskonzept der Stadt München
Angstfrei im Amt arbeiten

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Ende 2016 ver­ab­schiedete der Münch­n­er Stad­trat unter dem Ein­druck des recht­sex­trem­istisch motivierten Atten­tats am und im Olympia-Einkauf­szen­trum ein Sicher­heit­skonzept für die städtis­chen Dien­st­ge­bäude. Michael Birk­horst, der den Fach­di­enst für Arbeitssicher­heit leit­et und Sicher­heitsin­ge­nieur Simon Kirn­berg­er, der die Beschäftigten­sicher­heit koor­diniert, ziehen nach gut zwei Jahren eine Zwis­chen­bi­lanz.

Das Gespräch führte Andrea Stick­el

Herr Birk­horst, Sie berat­en und unter­stützen mit Ihrem Team die Lan­deshaupt­stadt München als Arbeit­ge­berin in Belan­gen der Arbeitssicher­heit. Wie viele Men­schen bet­rifft dies?

Birk­horst: Gut 40.000 – wobei sich einige davon in Elternzeit, im Sab­bat­i­cal oder im Kranken­stand befind­en.

In diesem Früh­jahr wid­mete das Nachricht­en­magazin Der Spiegel seine Titelgeschichte der „Enthemmten Gesellschaft“. Was bericht­en die Beschäftigten der Stadt – ist das Kli­ma rauer gewor­den?

Birk­horst: Ich denke nicht, dass die Häu­figkeit der Über­griffe gestiegen ist – son­dern dass sich die sub­jek­tive Wahrnehmung durch die Ver­füg­barkeit der Nachricht­en etwas geän­dert hat. Laut aktueller Polizeis­ta­tis­tik ist die Zahl der Gesamt­straftat­en sog­ar gesunken.

Wie sieht es konkret in Ihren Behör­den aus – wie viele kri­tis­che Ereignisse verze­ich­nen Sie?

Kirn­berg­er: Es hängt stark davon ab, mit welchem Anliegen ein Bürg­er in eine Behörde kommt. Etwa ob es sich um eine Bußgeld­stelle han­delt oder die Stadt als Dien­stlei­t­erin den Bürg­ern ein Ange­bot macht.

Wo ste­hen Sie heute mit der Umset­zung Ihres Konzepts?

Birk­horst: Die baulichen Maß­nah­men kon­nten wir weit­ge­hend abschließen. Das bet­rifft – wo nötig – den Ein­bau von Flucht­türen oder die Gestal­tung von Ein­gangs­bere­ichen.

Wie kön­nen Sie fest­stellen, wie erfol­gre­ich Ihre Anstren­gun­gen sind?

Kirn­berg­er: Die Quan­tifizierung ist ein grund­sät­zlich­es Prob­lem im Arbeitss­chutz – und in diesem Fall ganz beson­ders. Uns geht es ja darum, den Beschäftigten klar zu ver­mit­teln, dass sie keine Angst vor den Bürg­ern haben müssen. Und selb­st wenn etwas passiert, haben wir ein Betreu­ungskonzept mit ein­er Rei­he von Beratungsstellen. Aber der Erfolg lässt sich kaum in Zahlen darstellen.

Durch welche Maß­nah­men ver­mit­teln Sie den Beschäftigten Sicher­heit?

Kirn­berg­er: Mit einem Stad­trats­beschluss zur Beschäftigten­sicher­heit wurde 2016 eine ganze Rei­he von Maß­nah­men als Min­dest­stan­dard für städtis­che Arbeit­splätze fest­gelegt. Diese Maß­nah­men sind baulich­er, tech­nis­ch­er und organ­isatorisch­er Natur. Dazu gehören die besagten Flucht­türen zwis­chen den Büros eben­so wie Alarmierungssys­teme oder Schu­lun­gen zur Gewalt­präven­tion. Der haupt­säch­liche Sinn und Zweck davon ist, dass es ein­er­seits gar nicht erst zu kri­tis­chen Sit­u­a­tio­nen kommt, und dass ander­er­seits nie­mand allein gelassen wird, wenn doch etwas passiert.

Birk­horst: Jed­er ist auf einen Fall, der nicht alltäglich ist, vor­bere­it­et. Wenn man sich sel­ber sicher­er fühlt, ist man fre­undlich­er und weniger gestresst. Langfristig lässt sich dies an ein­er gerin­geren Fluk­tu­a­tion fest­machen und gegebe­nen­falls an weniger Über­grif­f­en. Allerd­ings wer­den nicht alle erfasst.

Warum fehlt eine genaue Sta­tis­tik?

Kirn­berg­er: Wir wen­den in eini­gen Refer­at­en das Aach­en­er Mod­ell zur Gewalt­präven­tion an (Anm. d. Red.: siehe Kas­ten Seite 14). Allerd­ings ist es schw­er zu definieren, was eine Belei­di­gung ist. Wie schlimm ein Schimpf­wort wie „Blöde Kuh“ emp­fun­den wird, ist stark sub­jek­tiv. Das hängt sowohl vom Betrof­fe­nen ab als auch von der Klien­tel. Um eine erste Einord­nung vorzunehmen, ist das Aach­en­er Mod­ell gut. Viel wichtiger ist es aber zu wis­sen, dass ich auf ein Hil­fesys­tem zurück­greifen kann. Ein Beispiel ist unser Team der kol­le­gialen Soforthelfer, das wir in den Sozial­bürg­er­häusern instal­liert haben.

Wie unter­stützen diese die Betrof­fe­nen?

Kirn­berg­er: Wir haben es aus einem Sys­tem adap­tiert, das für Soforthelfer nach Banküber­fällen entwick­elt wurde. Dazu haben wir es vere­in­facht und abge­speckt. Jet­zt übernehmen ehre­namtliche Soforthelfer aus dem Kol­le­genkreis eine Lot­sen­funk­tion. Sie klären mit den Rat­suchen­den, was ihnen zuste­ht und welche Schritte anste­hen. Das Spek­trum reicht von Unfal­lanzeige bis Strafantrag.

Worauf müssen Soforthelfer beson­ders acht­en?

Kirn­berg­er: Ganz wichtig ist es, den Betrof­fe­nen klar zu machen ‚Es ist in Ord­nung, wenn Du in der näch­sten Zeit nicht gut schlafen kannst, dass du schlecht träumst oder vielle­icht immer wieder vor Augen hast, was passiert ist‘. Das ist eine nor­male Reak­tion, klingt aber in den aller­meis­ten Fällen nach eini­gen Tagen oder Wochen ab. Und nur falls nicht, muss man über weit­ere Maß­nah­men nach­denken.

Welche wären das?

Kirn­berg­er: Solche Ereignisse fall­en unter die Kat­e­gorie „Arbeit­sun­fall“ – da sie ja im Rah­men ein­er ver­sicherten Tätigkeit bei der Stadt München als Arbeit­ge­berin geschehen. Betrof­fene bekom­men bei Bedarf über den Unfal­lver­sicherungsträger soge­nan­nte pro­ba­torische Sitzun­gen in der Psy­chotrau­ma­tolo­gie ver­mit­telt. Ein­fach zu wis­sen, ich werde nicht im Stich gelassen – das gibt den Leuten Sicher­heit. Allein das ist schon im All­t­ag hin­sichtlich der Gewalt­präven­tion enorm wichtig.

Die bere­its erwäh­nte Aus­gabe des Spiegel berichtet, dass Beschäftigte in Job­cen­tern Scheren und Locher einsper­ren sollen. Wie sieht es in München aus?

Kirn­berg­er: Ja – wir haben für das Job­cen­ter ein Unter­weisungs­blatt, das Gegen­stände fes­thält, die als Waf­fen genutzt wer­den kön­nen, zum Beispiel Brieföffn­er, Tack­er, Scheren, Topf­pflanzen. Diese sollen nicht in Kun­den­nähe platziert wer­den. Aber das ist nichts Neues.

Birk­horst: Der Hin­ter­grund ist, dass nor­maler­weise nie­mand bewusst mit ein­er Waffe ein Dien­st­ge­bäude betritt. Die Beschäftigten sind ja auch entsprechend geschult, damit Gespräche nicht eskalieren. Falls es doch soweit kommt, soll­ten sich eben keine gefährlichen Gegen­stände in der Nähe befind­en. Wenn es aber jemand wirk­lich drauf anle­gen würde – da brin­gen diese Sicher­heit­skonzepte nichts. Vor dem Jahrtausend­hochwass­er kann ich mich nicht schützen – wohl aber vor dem Jahrhun­derthochwass­er.

Was gehört also noch unbe­d­ingt in ein solch­es Konzept?

Birk­horst: Es gibt ja auch immer die Möglichkeit, die Arbeit entsprechend zu pla­nen. Etwa schwierige Gespräche zu zweit oder in der Kernzeit zu führen und im Zweifel einen Vorge­set­zten übernehmen zu lassen. Diese Punk­te sind neben vie­len weit­eren in unserem Unter­weisungs­blatt zur Gewalt­präven­tion geregelt.

Mit welchen beson­deren Her­aus­forderun­gen sehen Sie sich kon­fron­tiert?

Birk­horst: Lärm lässt sich messen, Vibra­tion lässt sich messen. Aber ab wann wird es für wen zum Prob­lem, wenn er beispiel­sweise fünf­mal nicht nett ange­sprochen wird – oder erst beim zehn­ten Mal? Daher ist es auch so schwierig, eine Anti-Stress-Verord­nung zu erstellen – die wird es vielle­icht nie geben.

Damit wären wir wieder beim The­ma Hand­hab­barkeit schwieriger Sit­u­a­tio­nen …

Kirn­berg­er: Ich brauche adäquate Cop­ing-Strate­gien zur Bewäl­ti­gung kri­tis­ch­er Ereignisse. Das gilt sowohl auf der indi­vidu­ellen Ebene – das wären dann unsere Deeskala­tion­ss­chu­lun­gen – als auch auf der organ­i­sa­tionalen Ebene. Und da sind wir dann beim Team: Teamzusam­men­halt und organ­isatorische Maß­nah­men.

Welche weit­eren organ­isatorischen Maß­nah­men set­zen Sie um.

Kirn­berg­er: Etwa die jährliche Unter­weisung, oder die Nach­sorge bei beson­deren Ereignis­sen. Aber auch sportliche Betä­ti­gung ist eine Cop­ing-Strate­gie. Das ist auch ein Grund, warum wir den Beschäftigten die Möglichkeit bieten, in städtis­chen Sporträu­men zu trainieren. Außer­dem sind Sicher­heits- und Gesund­heit­stage in vie­len Bere­ichen etabliert.

Wo sehen Sie die Gren­zen der Sicher­heit?

Kirn­berg­er: Immer wenn ich starke Sicher­heits­maß­nah­men ein­set­ze, sende ich auch ein Zeichen an die Bürg­er­schaft. So kann das Ham­burg­er Rathaus nur nach Anmel­dung besucht wer­den. Wir haben in München ein schönes, offenes Rathaus, und das soll auch so bleiben. Das ist auch ein Sym­bol, das wir senden.

Inzwis­chen haben Sie einige Erfahrun­gen mit dem Sicher­heit­skonzept sam­meln kön­nen. Mussten Sie nach­s­teuern?

Kirn­berg­er: Wir haben erkan­nt, dass einige Beschäftigte auch am Tele­fon mit emo­tion­al anges­pan­nten oder aggres­siv­en Anrufern kon­fron­tiert sind. Hier gibt es keine Zeu­gen und die Gespräche wer­den natür­lich auch nicht aufgeze­ich­net. Die Beschäftigten ste­hen vor den Fra­gen: Was mache ich da – wie reagiere ich? Das hat dazu geführt, dass wir jet­zt entsprechende Schu­lun­gen zur Deeskala­tion bei Kon­flik­t­ge­sprächen am Tele­fon anbi­eten.

Was mussten Sie bei der Pla­nung ihrer Schu­lun­gen bedenken?

Birk­horst: Es ist wichtig zu über­legen, in welchen Inter­vallen man die Leute schult. Plant man eine Auf­frischung – wenn ja, für welche Ziel­gruppe. Schult man nur die Führungskräfte oder alle?

Welche Arbeits­bere­iche bet­rifft dies?

Kirn­berg­er: Der Hauptbe­darf wird von den Gesund­heits­bere­ichen angemeldet, die ja auch mit psy­chisch- oder suchtkranken Anrufern tele­fonieren. Bei Erfolg der Schu­lun­gen und weit­eren Anfra­gen aus anderen Bere­ichen wer­den wir 2020 eine weit­ere Fort­bil­dungsrei­he organ­isieren.

Wo sehen Sie Erfol­gs­fak­toren für ein Sicher­heit­skonzept?

Kirn­berg­er: Wenn ich eine Maß­nahme in der Gewalt­präven­tion umset­ze, ist es für die Nach­haltigkeit wichtig, ein Feed­back der Beschäftigten einzu­holen. Daher befra­gen wir die Mitar­bei­t­erin­nen und Mitar­beit­er nach der Umset­zung ein­er Maß­nahme. Wir haben etwa einen Pfört­ner-Arbeit­splatz ein­gerichtet und im Rah­men ein­er Online-Umfrage um Feed­back gebeten. Damit zeige ich ja als Arbeit­ge­ber, dass ich mich um das Woh­lerge­hen mein­er Beschäftigten küm­mere und frage, ob ich es noch bess­er machen kann.

Birk­horst: Für den Erfolg sind Fehlerkul­tur und Kom­mu­nika­tion­skul­tur ganz wichtig. Ein weit­er­er Punkt ist die Gestal­tung und Beleuch­tung der Warteräume.

Was muss ich denn bei solchen Räu­men berück­sichti­gen?

Kirn­berg­er: Es geht um die Qual­ität des Warter­aums. Wie sehen die Stüh­le aus? Habe ich einzelne Sitze oder eine durchgängige Bank? Hier entste­ht eher ein­mal Kör­perkon­takt, der als unan­genehm emp­fun­den wer­den kann. Auch gilt es zu fra­gen: Wie ist die Belüf­tungs- und Beleuch­tungssi­t­u­a­tion, das Far­bkonzept im Raum – ste­hen dort Pflanzen, wie gut ist das Kun­den­leit­sys­tem? Das sind alles wichtige Punk­te, die wir deshalb auch in den Stad­trats­beschluss einge­bracht haben.

Birk­horst: Daran zeigt sich auch, wie umfassend das The­ma Gewalt­präven­tion ist, und welche Fak­toren mit hinein­spie­len.

Wie bilden Sie diese kom­plex­en Zusam­men­hänge soft­ware­seit­ig ab?

Kirn­berg­er: Wir sind ger­ade an der Ein­führung eines stadtweit­en Arbeitss­chutz-Man­age­mentsys­tems. Die Soft­ware Quen­tic haben wir bere­its beschafft, die Pilotierung begin­nt am 15. Juli 2019.

Dann wün­sche ich dabei eben­falls viel Erfolg und bedanke mich für das Gespräch.


Sechs Bausteine der Gewaltprävention

Das Unter­weisungs­blatt der Lan­deshaupt­stadt München zur Gewalt­präven­tion umfasst fol­gende Aspek­te:

  1. Das sichere Büro
  2. Not­fall-Alarmierungssys­teme
  3. Organ­isatorische Vorkehrun­gen in der Präven­tion
  4. Vor­bere­itung auf kri­tis­che Sit­u­a­tio­nen
  5. Ver­hal­ten nach einem gewalt­samen Über­griff oder ein­er kri­tis­chen Sit­u­a­tion
  6. Fra­gen, beson­dere The­men

Mehr zum Thema

  • Broschüre der Unfal­lka­sse NRW „Gewalt­präven­tion – ein The­ma für öffentliche Ver­wal­tun­gen?!“
    https://bit.ly/2UohnyY
  • Sitzungsvor­lage „Beschäftigten­sicher­heit in Dien­st­ge­bäu­den der Lan­deshaupt­stadt München“
    https://bit.ly/2JAeLJO
  • „Gewalt- und Extremereignisse am Arbeit­splatz“ der BGN (ASi 9.02), www.bgn.de

 


Foto: pri­vat

Autorin: Dipl.-Ing. Andrea Stick­el
Jour­nal­istin für Tech­nik und Wis­senschaft (BJV)

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