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Sicherheitskommunikation - souverän Gespräche führen

Praxistipps
Sicherheitskommunikation — Souverän Gespräche führen

Sicherheitskommunikation - souverän Gespräche führen
Die Erinnerung an den Schutzengel macht eigentlich alles klar ... Foto: © Rernate Mayer
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Das per­sön­liche Gespräch ist häu­fig das wirk­sam­ste Mit­tel, um gezielt zu informieren und Ver­hal­tensän­derun­gen zu bewirken. Das gilt im Arbeitss­chutz ger­ade für die Sicher­heits­beauf­tragten, die ohne Weisungs­befug­nis direkt im kol­le­gialen Umfeld etwas bewe­gen sollen. Einige Kom­mu­nika­tions-Tipps kön­nen ihnen dabei helfen, auf offene Ohren zu stoßen.

Dr. Renate Mayer

Kom­mu­nika­tion ist das, was ankommt. Der viel zitierte Spruch gilt auch in der Sicher­heit­skom­mu­nika­tion. Der Sender meint zum Beispiel: Ich möchte, dass hier alle einen Helm tra­gen. Also kom­mu­niziert er das als Regel in ein­er Rund­mail und hängt ein Schild auf. Wird diese Kom­mu­nika­tion so ankom­men, wie sie gedacht ist? Aus der betrieblichen Prax­is wis­sen wir, dass das per­sön­liche Gespräch oder generell per­sön­liche Kom­mu­nika­tion häu­fig das wirk­sam­ste Mit­tel ist, um gezielt zu informieren, zu erläutern und – das ist in vie­len Gesprächen das Ziel – Ver­hal­tensän­derun­gen zu bewirken.

Für keine anderen Arbeitss­chutza­k­teure ist das per­sön­liche Gespräch so wichtig wie für die Sicher­heits­beauf­tragten. Denn diese wirken ohne Weisungs­befug­nis direkt im kol­le­gialen Umfeld, unter­stützen ihre Führungskraft und helfen mit, in Sachen Sicher­heit und Gesund­heit Augen und Ohren offen zu hal­ten, als Sprachrohr zwis­chen Führung und den Mitarbeitenden.

Nicht als „Belehrer“ auftreten

Doch wie kön­nen Sicher­heits­ge­spräche „unfall­frei“ geführt wer­den? „Wie ich hier arbeite ist immer noch meine Sache!“ sind nicht sel­ten Sig­nale der Ablehnung. Sicher­heits­beauf­tragte kön­nen leicht missver­standen wer­den als Besser­wiss­er, Belehrer, gar rechte Hand vom Chef beziehungsweise der Chefin. Wobei auch die Führungskräfte von den Sicher­heits­beauf­tragten gern als her­aus­fordernde Gesprächspart­ner beschrieben wer­den, zum Beispiel, wenn sie diese wieder­holt auf Missstände hin­weisen und die Führungskraft nicht bere­it ist, die Prob­lem­lö­sung zu initiieren.

Welche Tipps gibt es also für Sicher­heits­beauf­tragte, damit die Kom­mu­nika­tion mit Kol­le­gen / Kol­legin­nen und der Führungskraft gelingt?

Treffende Vergleiche ziehen

Ziehen Sie inter­es­sante, gute Ver­gle­iche zum aktuellen Ver­hal­ten der Per­son, mit der Sie ger­ade sprechen. Zwei Beispiele: „Ich mach‘ das schon zwanzig Jahre so, und mir ist noch nie etwas auf den Kopf gefall­en. Ich brauche den Helm nicht!“ Auf solche Äußerun­gen hat sich als Antwort fol­gen­der Ver­gle­ich bewährt: „Fahren Sie Auto? Und falls ja, wie lange schon ohne Unfall?“ Meist geben die Per­so­n­en an, dass sie auch schon viele Jahre unfall­frei Auto fahren. Dann schlage ich gern diese Antwort vor: „Gut, dann kön­nen wir ja auch jet­zt raus­ge­hen auf den Park­platz, den Sicher­heits­gurt bei Ihrem Wagen durch­schnei­den und den Airbag aus­bauen. Wollen wir?“ Häu­fig lenkt das Gegenüber hier schon ein. Wer den Ver­gle­ich näher an der Arbeit haben möchte, kann das gle­iche Spiel auch mit den Feuer­lösch­ern machen. „Hier hat es also noch nie gebran­nt? Dann kön­nen wir die Feuer­lösch­er ja eins­paren. Den in Ihrem Fluchtweg nehme ich gle­ich mit.“ Die natür­liche, psy­chisch gesunde Reak­tion ist hier in der Regel ein Ein­se­hen und das Aufgeben des Widerstands.

Alles nur Kleinigkeiten?

Ein ander­er Ver­gle­ich, den ich gerne her­anziehe, verdeut­licht, dass die Anzahl der Ereignisse rel­e­van­ter ist als das Schaden­saus­maß. Diese Argu­men­ta­tion braucht man dann, wenn man Sätze wie den Fol­gen­den hört: „Wir doku­men­tieren jedes Ereig­nis, aber es sind ja immer nur Kleinigkeit­en, die bei uns passieren. Nichts schlimmes.“ Wenn Sie das mit einem Trep­pen­sturz ver­gle­ichen, wird Fol­gen­des deut­lich: Zwei Per­so­n­en stürzen eine Treppe hinab. Es kann sein, dass eine Per­son wieder auf­ste­ht und sich nichts getan hat, die andere Per­son kann schw­er ver­let­zt, lange krank oder sog­ar tot sein. Es kommt also mehr darauf an, die Anzahl der unsicheren Ereignisse zu bew­erten, als deren geringes Schaden­saus­maß als Begrün­dung zu benutzen, dass man nicht aktiv wer­den muss. Schadenss­chwere ist tat­säch­lich häu­fig reine Glückssache.

Wieso das Wort „Warum“ oft nicht funktioniert

Wie gehen Sie vor, wenn Sie die Ursache für einen Unfall, für einen unsicheren Zus­tand, her­aus­find­en wollen. Etwa so:

  • „Warum haben Sie bloß das Cut­ter­mess­er hier hin­gelegt ohne die Klinge zurückzuziehen?“
  • „Warum haben Sie keinen Helm getragen?“
  • „Warum haben Sie diese Kar­tons hier mit­ten im Flur abgestellt?“

Bilden Sie selb­st Antworten auf diese Fra­gen. Vielle­icht for­men sich ja solche Sätze in Ihrem Inneren: „Weil halt…“ „Ich dachte ich bin ja gle­ich wieder weg hier…“ „Weil da Platz war…“ Reak­tio­nen auf Warum-Fra­gen drän­gen die Antwor­tenden nicht sel­ten in eine unan­genehme Ecke. Sie empfind­en dann eine gewisse Sorgfalt­spflichtver­let­zung, ver­meintliche Dummheit und Unacht­samkeit und sind damit sehr schnell in ein­er Abwehrhal­tung, weil sie eben nicht als dumm oder nach­läs­sig daste­hen wollen. Zudem entste­hen viele Arbeit­srou­ti­nen unbe­wusst, zum Beispiel aus Beobacht­en und Nachah­men von den „hier üblichen“ Ver­hal­tensweisen und sel­ten ist es den han­del­nden Per­so­n­en wirk­lich bewusst, aus welchem genauen Grund sie sich nun ger­ade so ver­hal­ten. Was hier bess­er funk­tion­iert, sind Fra­gen wie diese hier:

  • „Wer hat Ihnen denn gezeigt, wie Sie diese Tätigkeit hier ausüben können?“
  • „Wenn ich die Tätigkeit hier ausüben würde, was wür­den Sie mir rat­en, damit mir möglichst wenig passiert?
  • Wie ist Ihre Erfahrung hier in Sachen Sicherheit?“
  • „Auf ein­er Skala von 1 bis 10, wie sich­er find­en Sie selb­st die Tätigkeit, die Sie hier ger­ade ausführen?“

Ger­ade die let­zte Frage ist oft span­nend, sel­ten ist die Antwort 10. Sofort hat man Ansatzpunk­te für Nach­fra­gen: Sie sagen 7? Was fehlt denn Ihrer Ansicht nach noch? Und schon entspin­nt sich ein inter­es­santes Gespräch in angenehmer Atmosphäre.

Perspektivwechsel vornehmen

Per­spek­tivwech­sel kön­nen in Sicher­heits­ge­sprächen für pos­i­tive Über­raschungsmo­mente sor­gen. Sie ermöglichen durch einen gedanklichen Umweg oft eine emo­tion­al pos­i­tive Reak­tion (mithin sog­ar ein Lachen!) und somit wiederum eine gute Gesprächs­grund­lage. Hier ein paar Beispiele:

  • Unacht­sames Ver­hal­ten an Maschi­nen: „Sag mal, wird das hier heute
    eine Chal­lenge für Deinen Schutzengel?“
  • Am ungenutzten Hand­lauf: „Hörst Du? Er ruft: Nimm mich hier und jet­zt! Ich bin sich­er: Du willst es doch auch!“

Einige der aufgezeigten Inter­ven­tio­nen sind Typ­sache. Pro­bieren Sie am besten diejeni­gen Anre­gun­gen ein­mal aus, die Ihnen schon beim Lesen Freude bere­it­et haben.

Das Schutzziel kommunizieren

Um nochmal auf den Anfang zurück­zukom­men. „Ich möchte, dass hier alle einen Helm tra­gen“ – was ist an dieser For­mulierung immer noch unglück­lich? Das Schutzziel wird nicht kom­mu­niziert! Bess­er sagt man: „Ich möchte, dass sich hier nie­mand den Kopf verletzt.“

Insofern: Kom­mu­nizieren Sie mehr die Schutzziele, weniger die Regeln und nutzen Sie dafür ein­prägsame Ver­gle­iche, gute Fra­gen und über­raschende Per­spek­tivwech­sel. Viel Erfolg mit guten Sicherheitsgesprächen!


Steckbrief

  • Renate May­er ist seit 2007 freiberu­flich als Trainer­in, Mod­er­a­torin und Autorin im Bere­ich Arbeitss­chutz inter­na­tion­al tätig. 
  • Ihre Schw­er­punk­te sind Arbeitssicher­heit­skom­mu­nika­tion und per­sön­liche Gesprächs­führung, auch mit ungewöhn­lichen Inter­ven­tio­nen (zum Beispiel Humor).
  • Ihre Haupt-Ziel­grup­pen sind Führungskräfte und vor allem Sicherheitsbeauftragte.
  • Im ESV-Ver­lag erschien von ihr im Jahr 2015 der Rat­ge­ber „Kom­mu­nika­tion für Sicher­heits­beauf­tragte“ und im Ecomed Ver­lag „Neu als Sicherheitsbeauftragter“.
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