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Wahrscheinlichkeiten bestimmen, nicht schätzen!

Risi­ko­ana­ly­sen im Rahmen der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung

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Risi­ko­ana­ly­sen im Sinne einer Kombi­na­tion aus mögli­chen Schä­den oder uner­wünsch­ten Ereig­nis­sen und den dazu gehö­ren­den Eintritts­wahr­schein­lich­kei­ten sind gesetz­lich nicht vorge­schrie­ben, werden aber dennoch häufig gemacht. Dabei stel­len sich die Wahr­schein­lich­keits­an­ga­ben in der Regel als unzu­rei­chend dar. Nach­fol­gend wird eine Methode vorge­stellt, diesem Mangel abzu­hel­fen.

Im Rahmen der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung nach § 5 Arbeits­schutz­ge­setz (ArbSchG) werden häufig noch Risi­ko­be­stim­mun­gen als Kombi­na­tion aus Schä­den oder Schä­den auslö­sen­den Ereig­nis­sen und den jewei­li­gen Eintritts­wahr­schein­lich­kei­ten durch­ge­führt.

Dies ist gesetz­lich nicht gefor­dert, darf aber im Rahmen der dem Arbeit­ge­ber oblie­gen­den Ausfül­lung der gesetz­li­chen Rahmen­grund­lage durch­aus erfol­gen. Häufig werden Risi­ko­be­trach­tun­gen auch im Zusam­men­hang mit Zerti­fi­zie­rungs­ver­fah­ren gefor­dert.

Das grund­sätz­li­che Problem dabei ist, dass oft Matrix­me­tho­den zur Anwen­dung kommen, die zwar im Schrift­tum empfoh­len werden, aber unbe­stimmte Begriffe enthal­ten.

Abb. 1 stellt exem­pla­risch die Wahr­schein­lich­keits­ka­te­go­rien aus verschie­de­nen Hand­lungs­hil­fen zusam­men. Wie leicht erkenn­bar ist, sind:

  1. Die Begriffe nicht defi­niert, sondern als allge­meine Beschrei­bun­gen gege­ben wie zum Beispiel „selten“, „gele­gent­lich“, „ausnahms­weise“, „wahr­schein­lich“ usw., ohne dass Krite­rien oder Inter­pre­ta­ti­ons­hil­fen gege­ben werden, wie diese Begriffe auf das reale Arbeits­sys­tem zu über­tra­gen sind.
  2. Unter­schei­den sich die Stel­lun­gen eines bestimm­ten Begrif­fes im Rahmen der jewei­li­gen Wahr­schein­lich­keits­hier­ar­chien. Dies wird deut­lich bei dem Begriff „unwahr­schein­lich“ in Abb. 1, der an drei verschie­de­nen Posi­tio­nen vorkommt. „Unwahr­schein­lich“ in der Hand­lungs­hilfe zur Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung zum Beispiel der BG ETEM meint etwas völlig ande­res als die DGUV Infor­ma­tion 215 – 315.
  3. Die Vorga­ben der Hand­lungs­hil­fen sind also unter­ein­an­der nicht kompa­ti­bel und die Begriff­lich­kei­ten nicht eindeu­tig bestimmt.

Die Konse­quenz dieser Mängel ist, dass die Gefahr besteht, die Begriff­lich­kei­ten verschie­den anzu­wen­den. Das gilt sowohl für einen Beur­tei­ler, also „intra­per­so­nal“, da unsere Beur­tei­lungs­fä­hig­kei­ten sich durch­aus von Tag zu Tag unter­schei­den können, sich mit der Berufs­er­fah­rung verän­dern und in unter­schied­li­chen Situa­tio­nen verschie­den ausge­prägt sind (siehe zum Beispiel Musahl 2005 und darin zitierte Lite­ra­tur). Dies gilt aber auch für die inter­per­so­nale Varia­tion, etwa wenn zwei Beur­tei­ler die glei­che Situa­tion prüfen. Was der eine als „gele­gent­lich“ einstuft ist für den ande­ren „selten“. Aber warum? Was sind die Krite­rien? Graf Hoyos hat dies klar zusam­men­ge­fasst: „Eine der am meis­ten miss­lin­gen­den geis­ti­gen Leis­tun­gen ist das Abschät­zen von Risi­ko­wahr­schein­lich­kei­ten im Arbeits­schutz­zu­sam­men­hang“ (zitiert nach Neudör­fer (2013).

Da die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung und die – wenn es denn gemacht werden soll – Ablei­tung von Eintritts­wahr­schein­lich­kei­ten gege­be­nen­falls über Gesund­heit, Leben oder Tod entschei­den und in nicht uner­heb­li­chen Maße mit betriebs­in­ter­nen Kosten verbun­den sein können, sind derar­tige Schwä­chen nach Meinung des Autors nicht zu akzep­tie­ren.

Schät­zung? Bestim­mung?

Wahr­schein­lich­kei­ten soll­ten so ermit­telt werden, dass sie nicht geschätzt, sondern bestimmt werden. Das bedeu­tet, es soll nicht so sein, dass ein Beur­tei­ler nach seinen „inter­nen“ Maßstä­ben die Wahr­schein­lich­kei­ten benennt, sondern dass sie nach fest­ge­leg­ten und allge­mein zugäng­li­chen Krite­rien bestimmt werden.

Die Bestim­mung der Eintritts­wahr­schein­lich­kei­ten muss folgen­den Anfor­de­run­gen genü­gen:

  1. Sie muss gesetz­lich und arbeits­wis­sen­schaft­lich fest­ge­legte Wahr­schein­lich­keits­aus­sa­gen beach­ten bzw. berück­sich­ti­gen.
  2. Sie muss dane­ben klar hinter­legte Krite­rien zur Grund­lage haben, die Rück­griff auf das Arbeits­sys­tem nehmen und dadurch prin­zi­pi­ell jeden Anwen­der zu glei­chen Ergeb­nis­sen führen.
  3. Entschei­dun­gen müssen auch noch nach Jahren und durch Dritte nach­voll­zieh­bar sein.

Es geht letzt­end­lich darum, vor der Risi­ko­ana­lyse fest­zu­le­gen, welche Krite­rien zur Bestim­mung der Eintritts­wahr­schein­lich­keit heran­ge­zo­gen werden. Dafür sind norma­tiv bestimmte Wahr­schein­lich­keits­kri­te­rien heran­zu­zie­hen sowie – beim Fehlen solcher Vorga­ben – freie Entschei­dungs­grund­la­gen fest­zu­le­gen.

Norma­tive Wahr­schein­lich­keits­kri­te­rien

Wo immer möglich, soll­ten bereits norma­tiv, das heißt in Geset­zen, Verord­nun­gen, Tech­ni­schen Regeln, Ausfüh­run­gen der Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger oder in allge­mein akzep­tier­ten Hand­lungs­hil­fen vorge­ge­bene Wahr­schein­lich­keits­kri­te­rien heran­ge­zo­gen werden.

Es wird im Arbeits­schutz selten beach­tet, dass viele Grenz‑, Auslöse- und Leit­werte bereits das Ergeb­nis einer einge­hen­den Risi­ko­ana­lyse durch die jewei­li­gen Fach­kreise und Fach­leute sind. Zur Ablei­tung dieser Werte oder Krite­rien werden durch­aus Fragen nach der Eintritts­wahr­schein­lich­keit gestellt und auch beant­wor­tet. Ein Beispiel mag dies schnel­ler verdeut­li­chen als abstrakte Erläu­te­run­gen:

  • Lärm in einer bestimm­ten Stärke und über einen bestimm­ten Zeit­raum führt zu irrever­si­blen Gehör­schä­den bis hin zum Hörver­lust. Hinter­grund ist die fort­schrei­tende Zerstö­rung der Sinnes­zel­len im Gehör. Im Rahmen der wissen­schaft­li­chen Unter­su­chung des Problems wurden dann aufgrund von Risi­ko­be­trach­tun­gen zwei Auslö­se­schwel­len fest­ge­legt: 80 dB(A) und 85 dB(A) als 8‑Stunden-Mittel.
    Beide Werte gren­zen drei Wahr­schein­lich­keits­be­rei­che ab: Unter 80 dB(A) ist die Eintritts­wahr­schein­lich­keit eines dauer­haf­ten Gehör­scha­dens gering, zwischen 80 und 85 dB(A) erhöht und über 85 dB(A) hoch.

Ähnlich sieht es bei vielen ande­ren Einwir­kun­gen aus (Tab. 1), wobei nicht immer eine Drei­stu­fung vorhan­den sein muss. Treten Schä­den nicht im Sinne einer konti­nu­ier­li­chen Entwick­lung, sondern bei Über­schrei­ten eines Belas­tungs­punk­tes plötz­lich, also mathe­ma­tisch gese­hen als Unste­tig­keit auf, so entfällt in der Regel der mitt­lere Bereich. Die Wahr­schein­lich­keits­kri­te­rien wären dann nur noch „nied­rig“ und „hoch“. Dies ist zum Beispiel beim Über­schrei­ten des Arbeits­platz­grenz­wer­tes bei Gefahr­stof­fen oder der Effek­tiv­werte bei hoch­fre­quen­ten elek­tro­ma­gne­ti­schen Feldern der Fall.

Dies gilt aber auch für Beschaf­fen­heits­an­for­de­run­gen, die zum Beispiel in Tech­ni­schen Regeln fest­ge­legt sind. Die Wahr­schein­lich­keit von Brand­op­fern ist hoch, wenn die Flucht­weg­breite (z. B. bis zu 5 Perso­nen) unter 0,875 m liegt. Ist die Forde­rung dage­gen erfüllt, darf von einer nied­ri­gen Wahr­schein­lich­keit ausge­gan­gen werden.

Die Aufgabe des Arbeits­schüt­zers besteht in allen diesen Fällen nun einfach darin, die jewei­li­gen Werte für die konkrete Tätig­keit entwe­der über Messun­gen oder anhand geführ­ter Ablei­tungs­hil­fen (zum Beispiel die Leit­merk­mal­me­thode für Heben und Tragen) zu ermit­teln. Die Eintritts­wahr­schein­lich­keit ergibt sich dann „auto­ma­tisch“ aus dem Kontext der Methode bzw. der „Anwen­dungs­vor­schrift“ (siehe Aufma­cher­bild, S. 24).

Auf keinen Fall ist hier die sepa­rate Ermitt­lung einer Eintritts­wahr­schein­lich­keit mittels einer Matrix­me­thode (angeb­lich nach Nohl, siehe Kasten) erfor­der­lich. Dies haben die Fach­kreise bereits geleis­tet – und zwar genauer. Die Anwen­dung von Matrix­me­tho­den bei diesen Einwir­kun­gen zeugt in erster Linie von mangeln­der Fach­kunde bei den Anwen­dern.

Nicht normierte Wahr­schein­lich­keits­kri­te­rien

In vielen Fällen liegen jedoch keine normier­ten Wahr­schein­lich­keits­aus­sa­gen vor. Was dann?

In diesen Fällen müssen die Krite­rien selbst fest­ge­legt werden. Dabei genügt in der Regel ein 3‑Stufen-System, da vier‑, fünf- oder gar sechs­stu­fige Systeme in der Abgren­zung der Krite­rien immer schwie­ri­ger und unüber­sicht­li­cher werden und die damit erzielte Genau­ig­keit nicht im glei­chen Maße steigt. Es bringt für die Ablei­tung von Maßnah­men wenig, ob eine Eintritts­wahr­schein­lich­keit „hoch“ oder „sehr hoch“ ist.

Außer­dem sind die meis­ten normier­ten Wahr­schein­lich­keits­an­ga­ben in der Regel eben­falls drei­stu­fig.

Viele der übli­chen Hand­lungs­hil­fen sind 5 x 5 oder gar 6 x 6 – Matri­ces, defi­nie­ren dann aber nur drei Berei­che (meis­tens grün – gelb – rot) und redu­zie­ren die Viel­falt wieder auf ein 3‑Stufen-System. Wozu also der Vorauf­wand? Das gelingt auch mit drei Krite­rien.

Wich­ti­ger ist, dass verschie­dene Krite­ri­en­ty­pen benannt sind, denn die Komple­xi­tät von Arbeits­si­tua­tio­nen kann meist nicht allein mit einem Krite­rium erfasst werden. Je nach Art der Einwir­kun­gen können die Länge der kriti­schen Tätig­kei­ten, die Häufig­keit oder auch die Nähe zu einem gefähr­den­den Objekt die leiten­den Größen sein.

Tab. 2 empfiehlt sich daher zur Anwen­dung bei der Ermitt­lung der Eintritts­wahr­schein­lich­kei­ten, wenn keine normier­ten Wahr­schein­lich­keits­aus­sa­gen ange­wen­det werden können. Dabei werden vier Beur­tei­lungs­kri­te­rien betrach­tet:

  • Die Länge der Arbeits­si­tua­tion. Insbe­son­dere Gefähr­dun­gen, die konti­nu­ier­lich wirk­sam sind, werden am besten durch die Zeit beschrie­ben, die der Mitar­bei­ter in der Situa­tion verbringt (Abb. 2). Dieses Krite­rium wird auch in den normier­ten Wahr­schein­lich­keits­aus­sa­gen berück­sich­tigt, da häufig die Werte auf eine bestimmte Zeit­spanne bezo­gen sind, also zum Beispiel 8‑h-Mittel oder ein Jahres­wert.
  • Die Häufig­keit einer gefähr­den­den Situa­tion. Insbe­son­dere Einwir­kun­gen, die plötz­lich auftre­ten und eine Verän­de­rung der Sicher­heits­lage sprung­haft herbei­füh­ren, können sinn­voll über die Häufig­keit der Expo­si­tion beschrie­ben werden. Dies sind die typi­schen Unfall­ereig­nisse wie zum Beispiel Stol­pern, Trep­pen­sturz, der Bruch eines Trag­mit­tels, Umstür­zen von Lager­gut (Abb. 3) usw.
  • Die Nähe zu einer Gefähr­dungs­quelle. In vielen Fällen tritt eine Gefähr­dung nur bei Kontakt oder großer Nähe zu zur Gefah­ren­quelle auf. Dies ist zum Beispiel beim Absturz, bei beweg­ten Maschi­nen­tei­len, heißen Ober­flä­chen, Strom­ag­gre­ga­ten (direk­ter Kontakt oder Licht­bo­gen) etc. der Fall. Das Einzie­hen der Haare an einer Dreh­bank hängt zum Beispiel von der Nähe, nicht der Dauer ab (siehe auch Abb. 4).
  • Abwei­chung von Hand­lungs­hil­fen. Dieses zusätz­li­che Krite­rium berück­sich­tigt, dass insbe­son­dere durch die Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger kodi­fi­zierte Hand­lungs­hil­fen bestehen, die auf Basis jahr­zehn­te­lan­ger Erfah­rung und verbun­den mit Unfall­ana­ly­sen usw. ein siche­res Arbei­ten beschrei­ben. Dies sind zum Beispiel die DGUV Infor­ma­tio­nen und DGUV Regeln, wenn sie hinrei­chend spezi­fi­sche Anga­ben machen. Werden diese Hand­lungs­hil­fen – ähnlich wie bei den Tech­ni­schen Regeln oben – einge­hal­ten, darf eine geringe Eintritts­wahr­schein­lich­keit der Gefähr­dung ange­nom­men werden. Wird von ihnen abge­wi­chen, ist von einer hohen Wahr­schein­lich­keit auszu­ge­hen (Abb. 5). Hier entfällt die Mittel­ka­te­go­rie „Erhöht“, da ein „biss­chen“ Abwei­chen nicht geht und auch nicht klar ist, wie dieses „biss­chen“ sinn­voll gegen „mehr“ abge­grenzt werden könnte. Eine Hand­lungs­hilfe wird einge­hal­ten oder nicht.

Die in der Tabelle 2 gege­be­nen Unter­schei­dungs­kri­te­rien sind natür­lich nicht fest­ge­schrie­ben und können unter Einbin­dung der Mitar­bei­ter­ver­tre­tun­gen durch Anwen­der selbst defi­niert werden. Wich­tig ist, dass sich die letzt­end­lich ermit­tel­ten Eintritts­wahr­schein­lich­kei­ten auf sinn­volle Krite­rien zurück­füh­ren lassen, die sich durch Zählen, Messen, Beob­ach­ten usw. unab­hän­gig vom Beur­tei­ler jeder­zeit repro­du­zie­ren lassen. Dass – wie in der Praxis üblich (siehe auch Tab. 3) – dabei jeweils unter­schied­li­che Krite­rien heran­ge­zo­gen werden müssen, ist der komple­xen Natur der Arbeits­vor­gänge geschul­det. Es wäre töricht, anzu­neh­men, dass alle gefähr­den­den Situa­tio­nen mit einem einzi­gen Krite­rium beur­teilt werden könn­ten.

Erwei­te­rung um Scha­dens­ka­te­go­rien

Selbst­ver­ständ­lich können diese Eintritts­wahr­schein­lich­kei­ten mit Scha­dens­ka­te­go­rien kombi­niert verwen­det werden. Dabei sollte aber auch der mögli­che Scha­den und / oder die Gefahr brin­gende Situa­tion möglichst genau beschrie­ben werden. Es kann nicht genü­gen, eine hohe Eintritts­wahr­schein­lich­keit für einen „hohen Scha­den“ fest­zu­stel­len, sondern es muss die Wahr­schein­lich­keit für zum Beispiel einen Absturz aus 30 m Höhe mit abzu­se­hen­dem tödli­chem Ausgang bestimmt werden. Auch ist es nicht sinn­voll, eine „gefähr­li­che Körper­durch­strö­mung“ anzu­neh­men, sondern es ist güns­ti­ger so zu präzi­sie­ren: „Möglich­keit des Kontak­tes mit strom­füh­ren­dem Leiter (220 V AC)“. Wenn Risi­ko­be­trach­tun­gen gemacht werden, dann mehr Präzi­sion bitte!

Vorge­hen und Doku­men­ta­tion

Soll im Rahmen der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung (GB) die Eintritts­wahr­schein­lich­keit für einen Scha­den oder ein nega­ti­ves Ereig­nis ermit­telt werden, so empfiehlt sich folgen­des Vorge­hen:

  1. In der Vorbe­rei­tung der GB werden aufgrund bereits vorlie­gen­der Erfah­run­gen oder einer Bege­hung die späte­ren Wahr­schein­lich­keits­ka­te­go­rien (also hier die Krite­rien der Tab. 2) fest­ge­legt.
  2. Die Tätig­keit wird ausrei­chend scharf defi­niert und als Betrach­tungs­ein­heit fest­ge­legt.
  3. Es wird geprüft, ob es grund­sätz­lich zu einer Gefähr­dung kommen kann. Diese ist ausrei­chend klar zu benen­nen (z. B. Absturz vom Dach, Lärm­ex­po­si­tion usw.).
  4. Dann ist zu prüfen, ob es für diese Gefähr­dung normierte Wahr­schein­lich­keits­werte gibt.
  5. Wenn ja (z. B. die Lärm­ex­po­si­tion), sind entspre­chende Messun­gen oder andere Ermitt­lun­gen vorzu­neh­men und die Zuwei­sung der Eintritts­wahr­schein­lich­keit entspre­chend dem jewei­li­gen Kontext vorzu­neh­men (z. B. nach Tab. 1).
  6. Wenn nein (z. B. Absturz vom Dach), sind die entspre­chende freien Krite­rien anzu­wen­den (z. B. nach Tab. 2)
  7. Die Ergeb­nisse soll­ten ausrei­chend doku­men­tiert sein, wobei mit nieder­ge­legt wird, auf welcher Entschei­dungs­grund­lage die Eintritts­wahr­schein­lich­kei­ten ermit­telt wurden.

Tab. 3 stellt eine Doku­men­ta­ti­ons­mög­lich­keit als Anre­gung dar, wobei auf die in den Abb. 2 – 6 darge­stell­ten Fälle einge­gan­gen wird.

Wertung und Zusam­men­fas­sung

Das darge­stellte Vorge­hen ist sicher komple­xer als die „elegante“ Methode der univer­sel­len Matrix­dar­stel­lun­gen und benö­tigt gege­be­nen­falls auch mehr Zeit in der Ausfüh­rung. Dafür sind aber Entschei­dun­gen nach­voll­zieh­bar und die Anwen­dung für alle Beur­tei­ler und zu unter­schied­li­chen Beur­tei­lungs­zeit­punk­ten gleich. Die Eintritts­wahr­schein­lich­kei­ten werden nicht geschätzt, sondern anhand nach­voll­zieh­ba­rer, bei Bedarf aber anpass­ba­rer Krite­rien bestimmt. Außer­dem können Korrek­tu­ren bei verän­der­ter wissen­schaft­li­cher Erkennt­nis­lage besser und siche­rer vorge­nom­men werden. Der zusätz­li­che Aufwand darf bei dem dahin­ter stehen­den Gut, nämlich Gesund­heit und Leben von Arbeit­neh­mern, als gerecht­fer­tigt gelten.

Noch besser wäre es aber, auf die Wahr­schein­lich­keits­be­trach­tun­gen zu verzich­ten, weil diese von den Fach­krei­sen für eine große Zahl an Fakto­ren bereits vorge­legt wurden (s. o.) oder weil die prognos­ti­zier­ten Scha­dens­mög­lich­kei­ten ausrei­chend sind, ein „Ranking“ der notwen­di­gen Maßnah­men aufzu­stel­len. Aus diesem Grunde werden Risi­ko­be­trach­tun­gen dem Arbeit­ge­ber auch nicht von gesetz­li­cher Seite abver­langt.

Lite­ra­tur

  • BG ETEM (Hrsg.), Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung. Gefähr­dun­gen und Belas­tun­gen am Arbeits­platz. Hand­lungs­hilfe für Klein- und Mittel­be­triebe. – http://etf.bgetem.de/htdocs/r30/ vc_shop/bilder/firma53/d_014_a09–2016.pdf ; Letz­ter Zugriff am 16.04.2018
  • DGUV Infor­ma­tion 205–021: Leit­fa­den zur Erstel­lung einer Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung im Feuer­wehr­dienst. – DGUV 2012.10, 32 pp
  • DGUV Infor­ma­tion 207–018: Beur­tei­lung von Gefähr­dun­gen und Belas­tun­gen am Arbeits­platz in Bäder­be­trie­ben. – DGUV 2011.03, 68 pp
  • DGUV Infor­ma­tion 215–315: Sicher­heit bei Veran­stal­tun­gen und Produk­tio­nen – Beson­dere szeni­sche Darstel­lun­gen. – DGUV 2015.02, 60 pp
  • DGUV Infor­ma­tion 215 – 410: Bildschirm- und Büro­ar­beits­plätze – Leit­fa­den für die Gestal­tung. – DGUV 2015.01, 96 pp
  • Gruber, H., M. Kittel­mann, C. Barth (2015): Leit­fa­den für die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung.- DC Verlag Bochum, 112 pp
  • Musahl, H.-P. (2005): Zur Psycho­lo­gie der Gefah­ren­per­zep­tion. – Öster­rei­chi­sches Forum Arbeits­me­di­zin 2 / 2005
  • Neudör­fer, A. (2013): Konstru­ie­ren sicher­heits­ge­rech­ter Produkte, Sprin­ger Vieweg, 5. Aufl. 2013, 595 pp.
  • Nohl (1989 ): Grund­la­gen zur Sicher­heits­ana­lyse. – Verlag Peter Lang, Frank­furt, 252 pp

Autor:
Dr. Gerald Schnei­der


Nohl oder nicht Nohl, das ist hier die Frage

Die bekann­ten Risikomatrix-Darstellungen werden in vielen Fällen auf Nohl zurück­ge­führt. Die Frage ist nur, ob das stimmt?

Gemein­hin arbei­ten die Matrix-Einstufungssysteme mit 3 – 6 Scha­dens­ka­te­go­rien und einer meist glei­chen Anzahl an Wahr­schein­lich­keits­be­wer­tun­gen, die aber (wie Abb. 1 zeigt!) nicht klar defi­niert sind. Die sich inner­halb der
Matrix erge­ben­den Beleg­fel­der werden häufig im Farb­co­dex grün – gelb – rot zu Risi­ko­grup­pen zusam­men­ge­fasst.

Der gemein­same Bezugs­punkt dieser Darstel­lun­gen ist die Arbeit von Jörg Nohl aus dem Jahr 1989. In der Tat wird auf Seite 172 eine Matrix gege­ben, diese unter­schei­det sich aber erheb­lich von den heute im Schrift­tum auffind­ba­ren Darstel­lun­gen:

  1. Nohl nennt seine Matrix nicht Risi­ko­ma­trix oder so etwas, sondern Gefähr­dungs­ma­trix. Das Wort „Risiko“ kommt im Kontext gar nicht vor.
  2. Er gibt fünf Einstu­fungs­kri­te­rien für Schä­den.
  3. Er gibt aber keine Einstu­fun­gen für Wahr­schein­lich­kei­ten, sondern er gibt Stufen für die Tätig­keits­dauer.
  4. Das Wort „Eintritts­wahr­schein­lich­keit“ tritt im gesam­ten Kontext eben­falls nicht auf.
  5. Die Beleg­fel­der enthal­ten keine Einstu­fun­gen in „niedrig-mittel-hoch“ oder in entspre­chen­den Farb­co­di­ces, sondern es werden aufstei­gende Zahlen­werte genannt, so dass eine Gefähr­dung (!) mit der Gefähr­dungs­zahl 4 und eine andere ggf. mit 10 einge­stuft werden kann. Dies erfolgt anhand der Kombi­na­tion aus Scha­dens­schwere und Tätig­keits­dauer.

Nohl hat also mit seinem Bezug zur Tätig­keits­dauer einen ähnli­chen Ansatz gewählt, wie der Autor dieser Schrift (der natür­lich durch Nohl ange­regt ist): Keine Wahr­schein­lich­keits­schät­zun­gen, sondern mess- und bestimm­bare Krite­rien.

Die nach­fol­gen­den Autoren von Risi­ko­matri­ces haben also den Ansatz Nohls so verän­dert, dass nur noch von einer ober­fläch­li­chen Ähnlich­keit die Rede sein kann. Der Hinweis „nach Nohl“ ist also eher irre­füh­rend.

Nohl oder nicht Nohl, … die Antwort

Im Übri­gen sieht Nohl die Verwen­dung von Eintritts­wahr­schein­lich­kei­ten als kritisch an: „Sollen Unfälle aber grund­sätz­lich vermie­den werden, dann hat die Höhe der Wahr­schein­lich­keit keine Bedeu­tung. Denn wird eine Gefähr­dung mit einer gerin­gen Wahr­schein­lich­keit verbun­den, so kann eben nicht ausge­schlos­sen werden, daß durch diese Gefähr­dung ein Unfall eintritt. Selbst eine geringe Wahr­schein­lich­keit sagt schließ­lich aus, daß das Ereig­nis eintre­ten kann und somit besteht in jedem Falle ein Hand­lungs­be­darf“(Nohl 1989, S. 171).

Genau diesen Ansatz verfolgt auch das Arbeits­schutz­ge­setz: Gefähr­dun­gen sind zu mini­mie­ren und an der Quelle zu bekämp­fen. Unab­hän­gig von der Frage nach Eintritts­wahr­schein­lich­keit. Die Dring­lich­keit von Maßnah­men ergibt sich weder aus der Wahr­schein­lich­keit eines Scha­dens, noch aus einem Risi­kowert, sondern aus der Höhe des prognos­ti­zier­ten Scha­dens. Nohl steht daher 1989 dem Grund­ge­dan­ken des Arbeits­schutz­ge­set­zes von 1996 näher als viele noch heute, also über 20 Jahre nach Einfüh­rung des Geset­zes, kursie­ren­den Leit­fä­den und Hand­lungs­hil­fen.

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