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Unfälle mit Fahrzeugen

Wenn sich die Zugma­schine selbst­stän­dig macht

Bei abgestellten Lastwagen muss die Feststellbremse angezogen sein. Foto: © Africa Studio- stock.adobe.com
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Unfälle mit Fahr­zeu­gen zählen zu den häufig vorkom­men­den Arbeits­un­fäl­len. Eine beson­ders große Gefahr stel­len wegrol­lende Fahr­zeuge dar: Meist werden Perso­nen dabei schwer oder sogar tödlich verletzt.

Die Nutzung von Fahr­zeu­gen aller Art ist in der heuti­gen Arbeits­welt Stan­dard: Ohne Nutz­fahr­zeuge würde das Logis­tik­sys­tem der Wirt­schaft zusam­men­bre­chen. Fahr­zeug­füh­rer für Last­kraft­wa­gen und Trans­por­ter sind daher gesucht, aber die Arbeits­be­din­gun­gen sind meist hart: Insbe­son­dere Zeit­druck und in vielen Fällen Allein­ar­beit kenn­zeich­nen diese Tätig­kei­ten. Dadurch kommt es immer wieder zu Fehlern, die bei einer voraus­schau­en­den und über­leg­ten Hand­lungs­weise vermeid­bar gewe­sen wären.

Typi­scher Unfall­her­gang

Das folgende Beispiel soll dies verdeut­li­chen: Eine Sattel­zug­ma­schine setzt sich unbe­ab­sich­tigt in Bewe­gung. Der Fahrer versucht, das Fahr­zeug wieder zum Halten zu brin­gen und wird dabei verletzt.

Wie konnte es dazu kommen? Die abge­stellte Sattel­zug­ma­schine ließ sich nach der Entla­dung der Fracht uner­war­tet nicht mehr star­ten. Der Fahrer vermu­tete eine defekte Batte­rie als Ursa­che. Der Versuch, das Fahr­zeug auf der leicht abschüs­si­gen Straße anrol­len zu lassen, schei­terte jedoch, da sich die Maschine trotz gelös­ter Fest­stell­bremse nicht bewe­gen ließ. Der Grund: Die Betriebs­bremse blockierte, da keine Luft mehr auf dem System war.

Der Fahrer über­legte, wie das Problem zu lösen sei, und kam auf die Idee, dem Fahr­zeug mit dem Mitnah­me­s­tap­ler des Trai­lers Start­hilfe zu geben. Dies funk­tio­nierte auch, der Motor sprang an. Der Fahrer klet­terte aus dem Fahr­zeug, um die Start­hil­fe­ka­bel an den Batte­rien zu lösen. In dieser Zeit wurde die Betriebs­bremse durch den laufen­den Motor wieder mit Druck­luft versorgt und öffnete sich. Da die Fest­stell­bremse noch gelöst sowie die Maschine auf einer abschüs­sige Straße stand, rollte sie an. Der Fahrer versuchte noch, das Führer­haus zu bestei­gen, rutschte aber vom Tritt ab und brach sich dabei das linke Sprung­ge­lenk. Trotz dieser Verlet­zung probierte er es ein zwei­tes Mal. Dies­mal gelang es ihm, in das Führer­haus zu kommen und die Fest­stell­bremse anzu­zie­hen. Das Ergeb­nis des Manö­vers: ein gebro­che­nes Sprung­ge­lenk und daraus folgend ein mehr­wö­chi­ger Arbeits­aus­fall für den Beschäf­tig­ten und das Unter­neh­men.

Zu diesem Unfall, der letzt­end­lich noch glimpf­lich ausge­gan­gen ist, führte die Miss­ach­tung einfachs­ter Regeln zum Abstel­len und Anlas­sen eines Fahr­zeugs. Zudem wurde ein Start­hil­fe­ver­such im Allein­gang durch­ge­führt.

Welche Rege­lun­gen grei­fen?

Die UVV „Fahr­zeuge“ regelt in § 55 Anhal­ten und Abstel­len eindeu­tig: „Der Fahr­zeug­füh­rer darf ein mehr­spu­ri­ges Fahr­zeug erst verlas­sen, nach­dem es gegen unbe­ab­sich­tig­tes Bewe­gen gesi­chert ist“. Das bedeu­tet ganz einfach, dass die Fest­stell­bremse immer ange­zo­gen werden muss, bevor das Fahr­zeug verlas­sen wird. Leider gibt es insbe­son­dere in älte­ren Fahr­zeu­gen keine opti­schen und akus­ti­schen Warn­hin­weise, wenn eine Fest­stell­bremse gelöst ist und die Fahr­zeug­tü­ren geöff­net werden.

Die Durch­füh­rung von Start­hilfe ist bislang in keiner Rege­lung beschrie­ben. Im Rahmen einer Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung muss das Unter­neh­men dazu die mögli­chen Gefähr­dun­gen ermit­teln und notwen­dige Schutz­maß­nah­men fest­le­gen. Dies sollte in einer leicht verständ­li­chen Betriebs­an­wei­sung beschrie­ben und im Rahmen der regel­mä­ßi­gen Unter­wei­sung den Beschäf­tig­ten vermit­telt werden.


Stand­punkt mit Forde­run­gen der BG Verkehr

Unfälle durch wegrol­lende Fahr­zeuge enden zu 40 Prozent tödlich. Der Vorstand der BG Verkehr hat deshalb am 12. April 2018 einen Stand­punkt zu Maßnah­men gegen das Wegrol­len von Fahr­zeu­gen mit folgen­den Forde­run­gen beschlos­sen:

  • Fahr­zeug­her­stel­ler müssen die Entwick­lung und den seri­en­mä­ßi­gen Einbau von sich selbst­tä­tig einle­gen­den Fest­stell­brem­sen für alle Neufahr­zeuge forcie­ren.
  • Herstel­ler­über­grei­fend müssen verein­heit­lichte Funk­tio­na­li­tä­ten ange­strebt werden.
  • Es muss sicher­ge­stellt sein, dass die Fest­stell­bremse akti­viert ist oder auto­ma­tisch akti­viert wird, wenn der Fahrzeugführer/die Fahr­zeug­füh­re­rin keine Bedie­nung mehr ausübt und den Fahrer­sitz verlässt. Eine reine Warn­funk­tion reicht in diesem Falle nicht aus.
  • Die Fest­stell­bremse darf nur gelöst werden können, wenn der Fahrzeugführer/die Fahr­zeug­füh­re­rin sich in Bedien­be­reit­schaft befin­det oder mit entspre­chen­den Hand­lun­gen seinen/ihren Fahr­wunsch signa­li­siert.
  • Sonder­funk­tio­nen, wie zum Beispiel für das Abschlep­pen oder den Betrieb in Wasch­stra­ßen, müssen möglich sein.
  • Auf die beson­dere Gefah­ren­si­tua­tion durch wegrol­lende Fahr­zeuge muss bei der Schu­lung sowie Aus‐ und Fort­bil­dung von Fahr­zeug­füh­rern und Fahr­zeug­füh­re­rin­nen inten­siv hinge­wie­sen werden.

www.bg-verkehr.de (Webcode: 18555901)


Weiter­füh­rende Infor­ma­tio­nen

  • Unfall­ver­hü­tungs­vor­schrift „Fahr­zeuge“ (DGUV Vorschrift 70, alt: BGV D29), vom 1. Okto­ber 1990, in der Fassung vom 1. Januar 1997 mit Durch­füh­rungs­an­wei­sun­gen (DA) vom Januar 1993, aktua­li­sierte Fassung August 2007
  • Verord­nung über Sicher­heit und Gesund­heits­schutz bei der Verwen­dung von Arbeits­mit­teln (Betriebs­si­cher­heits­ver­ord­nung – Betr­SichV) vom 3. Februar 2015
  • Die BG Verkehr hat verschie­dene Präven­ti­ons­me­dien zum Thema „Wegrol­len von Fahr­zeu­gen“ erar­bei­tet, darun­ter die Unter­wei­sungs­karte „Fahr­zeug sicher abstel­len“ sowie den Film „Kuppeln – aber sicher!“ Sie stehen unter www.bg-verkehr.de zum Down­load zur Verfü­gung (Webcode 10682223 und 16807911).

Das können Sie als Sicher­heits­be­auf­trag­ter tun

  • Kontrol­lie­ren Sie regel­mä­ßig, ob die Verhal­tens­re­geln zum Anhal­ten und Abstel­len von sowie zum Ein‐ und Ausstei­gen aus Fahr­zeu­gen durch alle Fahr­zeug­füh­rer einge­hal­ten werden.
  • Weisen Sie immer wieder auf die Notwen­dig­keit hin, stets die Fest­stell­bremse zu betä­ti­gen und bei abschüs­si­gem Gelände Unter­leg­keile zu
    verwen­den.
  • Spre­chen Sie Mitar­bei­ter an, die hier leicht­fer­tig handeln. Weisen Sie darauf hin, wie gefähr­lich dieses Verhal­ten ist, indem Sie die Schwere mögli­cher Verlet­zun­gen beim Versuch, in das rollende Fahr­zeug zu gelan­gen, aufzei­gen.
  • Nutzen Sie die Möglich­kei­ten im Rahmen eines Fahr­si­cher­heits­trai­nings, die mögli­chen Gefah­ren erkenn‐ und erleb­bar zu machen.
  • Prüfen Sie, ob zu allen notwen­di­gen Hand­lungs­auf­ga­ben der Fahrer geeig­nete Betriebs­an­wei­sun­gen vorlie­gen und diese auch bekannt sind.
  • Thema­ti­sie­ren Sie die Proble­ma­tik im Rahmen von Unter­wei­sun­gen und Sicher­heits­kurz­ge­sprä­chen und tragen so dazu bei, dass sich rich­ti­ges Verhal­ten einprägt und durch­setzt.

    Autor: Dipl.-Ing. Ulf‐J. Schapp­mann

    Sicher­heits­in­ge­nieur VDSI

    SIMEBU Thürin­gen GmbH

    Foto: © Foto­stu­dio City Color Munschke, Weimar
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